Keine Frage, die Schaffnerin, die ein zwölfjähriges Mädchen wegen angeblichen Schwarzfahrens des Zuges verwiesen hat, handelte vollkommen falsch. Nicht nur, dass sie die Möglichkeit gehabt hätte, den Fall so aufzunehmen, dass die Kleine ihre Fahrkarte nachträglich hätte vorlegen können, sie verstieß auch gegen Bestimmungen, indem sie eine Minderjährige des Zuges verwiesen hat und nicht einmal versuchte, Kontakt zu den Eltern aufzunehmen. Möglicherweise trägt daran ihre Führung eine gewisse Mitschuld; von einem Bekannten, der im Kontrolldienst bei der Bahn gearbeitet hat, weiß ich, dass dem Kontrollpersonal durch Druck jedes Mitleid mit Schwarzfahrern und ihren abenteuerlichen Geschichten ausgetrieben wird.
Ein wenig seltsam erscheint mir übrigens auch, dass zwar mehrere Mitreisende ihr helfen wollten, indem sie ihr eine Karte kaufen wollten, aber weder das Mädchen selbst noch einer dieser hilfsbereiten Mitreisenden ein Mobiltelefon gehabt zu haben scheint, mit dem sie wenigstens ihre Eltern hätte anrufen können – eine arme Familie ohne Telefon vermute ich nicht, da sie mit einem Cello aus der Musikschule kam, sicher kein sehr preiswertes Hobby.
Aber das Rauschen, das nun durch die toten Bäume streift, scheint mir doch etwas übertrieben, gar hysterisch, von dem Kommentaren eifriger Leser ganz zu schweigen. Immerhin war das Mädchen schon zwölf Jahre alt, also kaum noch ein Kindergartenkind. Da sind fünf Kilometer durch die Dunkelheit sicher sehr unangenehm, aber doch keine Katastrophe. Ich erinnere mich, dass ich im gleichen Alter im Winter auch von Freunden nach Hause gelaufen bin, die ein paar Kilometer entfernt wohnten – und dunkel war es da auch. Eine deutlich ältere Bekannte meinte sogar, wenn ihr das damals passiert wäre, hätten ihre Eltern nicht nur den längeren Fußmarsch als “selbst eingebrockt” bezeichnet, sondern sogar noch mit ihr dafür geschimpft, dass sie besser auf ihr Portemonnaie hätte achten sollen. Ob das stimmt, weiß ich nicht (und es wäre auch sicher falsch gewesen), denkbar ist es aber auf jeden Fall.
Wenn ich dann Kommentare lese, in denen sich jemand erleichtert zeigt, dass die Kleine keinem Sexualtäter zum Opfer gefallen ist, frage ich mich doch, wo manche Leute leben. In dem Land, in dem ich lebe, lauert jedenfalls nicht hinter jedem Busch einer, der nur auf kleine Kinder wartet, die es zu vergewaltigen gilt.
Alles in allem kann ich den Zorn der Eltern verstehen, begreife auch sehr gut, dass diese nun gegen die Bahn und vor allem die Schaffnerin vorgehen. Warum aus dieser Sache aber alsgleich eine Staatsaffäre gemacht werden muss, die die ganze Republik beschäftigt, als sei das Mädchen mit knapper Not aus der Hand der Taliban befreit worden, dafür reicht mein Verständnis nicht aus.