Auf den Mond geschossen

Derzeit läuft eine hitzige Debatte um ein deutsches Mondprogramm, das der Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt und frühere CDU-Generalsekretär fordert. Auch der geschätzte Blogger-Kollege Zettel greift dieses Thema auf und findet die Sache von der Idee her recht gut:

Teuer ist ein solches Programm nicht. Im Augenblick werden Kosten von 1,5 Milliarden Euro erwartet, auf fünf Jahre verteilt. 300 Millionen Euro pro Jahr – das sind ungefähr sechs Prozent des Betrags, der in diesem Jahr allein für Abwrackprämien von uns Steuerzahlern aufgebracht wird.

Das kann ich nicht ganz unwidersprochen lassen. Ob etwas teuer ist oder nicht, kann man nicht mittels eines Vergleiches einer Geldsumme für irgendeinen anderen Unsinn ersehen, sondern indem man das entsprechende Projekt mit der Kosten-Nutzen-Relation von Maßnahmen vergleicht, deren Wirkung von den Menschen allgemein als nützlich anerkannt worden ist. Beispielsweise wäre zu Fragen, wieviele Menschenleben retten diese Ausgaben im Vergleich zu anderen Möglichkeiten des Mitteleinsatzes. Mir fallen da spontan wesentlich wirksamere Verwendungszwecke ein.

Das dürfte ausgezeichnet investiertes Geld sein. Erstens, weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden; und zwar ungleich billiger als mittels bemannter Mondflüge. Zweitens wegen der technologischen Kompetenz, die durch ein solches Projekt erworben wird. Und drittens natürlich auch, weil damit neue Arbeitsplätze in der deutschen Raumfahrtindustrie geschaffen und bestehende gesichert werden.

Ein deutsches Mondprogramm hat nun wahrlich kein Alleinstellungsanspruch auf die Gewinnung neuer Erkenntnisse. Erst kürzlich kam eine OECD-Studie zu dem Ergebnis, dass öffentlich geförderte Forschung und Entwicklung im Gegensatz zu privatwirtschaftlichen R&D-Ausgaben keine eindeutigen Wachstumseffekte zugerechnet werden können. Vielmehr liegt der Verdacht nahe, dass öffentliche Forschungsgelder den privaten Mitteleinsatz verdrängen. Ebenso ist es mit der technologischen Kompetenz, denn diese kann auch in anderen Bereichen erworben und dort eingesetzt werden. Das Arbeitsplatzargument schließlich ist so alt wie ausgedroschen und außerdem auch nicht richtig. Arbeitsplätze werden nicht geschaffen, sondern Menschen können produktiv tätig werden und die Ergebnisse dieser Arbeit gegenseitig tauschen, wodurch unser Wohlstand entsteht. Je produktiver wir sind, umso mehr Beschaftigung gibt es und umso höher ist unser Wohlstand. Dabei kommt es jedoch eher auf den Wohlstand als auf die Arbeit an, im Schweiße derer der Wohlstand geschaffen wurde. Insofern kann man das Beschäftigungspotential der Weltraumforschung nur an seinen Produktivitätseffekten messen. Solange nicht klar ist, ob das Geld für die Mondforschung tatsächlich die höchste Produktivität bringt, sind euphorische Aussagen über die Arbeitsplatzeffekte fehl am Platz. Schließlich kann es ja auch sein, dass die Bundesregierung hier Geld und Ressourcen verschwendet und damit Beschäftigungsmöglichkeiten vernichtet. Das relativiert dann auch das folgende Statement Zettels:

Und es handelt sich dabei ja nicht um beliebige Arbeitsplätze. Es sind überwiegend Jobs für Spitzenleute aus Wissenschaft und Technik, die ins Ausland abwandern werden, wenn ihnen Deutschland keine adäquate Beschäftigung bieten kann.

Spitzenleute zeichnen sich dadurch aus, dass sie hoch produktive Arbeit leisten, für die sie am Markt entsprechend hoch entlohnt werden. Wenn aber hochqualifizierte Akademiker mit staatlichem Geld in Deutschland beschaftigt werden, sagt das noch nichts über ihre Produktivität aus, sondern lediglich darüber, dass sie am Monatsende von irgendjemandem Geld in die Lohntüte gesteckt bekommen. Ob das aber in der Summe die produktiven Jobs im Land erhält, ist durchaus fraglich, vor allem dann, wenn nicht klar ist, ob das Mondprogramm die gesamte Produktivität der Volkswirtschaft erhöht. Bei all dem, was wir über die Wirkung öffentlicher Forschungsförderung wissen, bin ich da sehr skeptisch.

Lord Dahrendorf ist tot

Mit dem Tode Lord Ralf Dahrendorfs am gestrigen Tage in Köln verliert der deutsche Liberalismus einen seiner geistreichsten, klügsten und aufgeschlossensten Köpfe. Der Wissenschaftler und Politiker, der sich nicht nur in seinem Denken, sondern auch in seinem Wirken von Grenzen nicht einschränken lassen wollte, hat sowohl in Deutschland als auch in seiner zweiten Heimat Großbritannien den Respekt und die Aufmerksamkeit der Menschen gewonnen. Ob sie nun seiner eigenen politischen Überzeugung waren oder nicht, war dabei oft zweitrangig; einem Mann wie Dahrendorf hörte man zu und beschäftigte sich mit dem, was er sagte.

In seinem wissenschaftlichen Wirken hat sich Dahrendorf vor allem mit seinen Beiträgen zur Konflikttheorie hervorgetan. Dass gesellschaftliches Leben vor allem in konfliktgetragener Interaktion beruht (und die Existenz von Konflikten nicht unbedingt eine Störung desselben bedeutet), hatten zwar schon andere vor ihm erkannt. Die Entdeckung aber, dass fast alle Konflikte unterschiedliche Ausformungen des Kampfes um Macht und Herrschaft (und die Befreiung von diesen) darstellen, ist vor allem Lord Dahrendorf zuzuschreiben. Auch seine Beobachtungen und Theorien zur Rolle der Intellektuellen im aufkeimenden Totalitarismus waren von herausragender Klarheit und Schärfe.

Dahrendorfs Mitarbeit am Bild des modernen Liberalismus sollte man nicht unterschätzen. Als entschlossener Streiter für den Gedanken der Freiheit, der aber auch um die Gefahren völlig zerstörter gesellschaftlicher Bindungen wusste, skizzierte er für die folgenden liberalen Theoretiker Chancen und Risiken von Liberalisierung und Freiheitsdrang. Seine Analysen der aufkeimenden Konflikte im Gefolge der Globalisierung sollte man kennen, wenn man sich mit Fragen der globalen sozialen Entwicklung beschäftigt; seine Prognosen und Warnungen kann man heute an vielen Stellen in die Realität treten sehen.

Sein politisches Wirken war zwar aufsehenerregend, letztlich aber leider wirkungslos. Kaum eine seiner politischen Positionen hatte er mehr als einige Monate lang inne; sowohl sein Bundestags- als auch sein Landtagsmandat gab er nach weniger als einer halben Legislatur wieder zurück – jeweils, um sich anderen politischen Aufgaben zu widmen, ohne aber wirklich eingestiegen zu sein. Hier zeigte sich einmal mehr das Problem von wissenschaftlichen Quereinsteigern in die Politik: Wo der Fremde an die Überzeugungskraft seiner Worte und die Vernunft glaubt, wissen die erfahrenen Politiker doch, dass es um Durchsetzungsvermögen, geschickte Manipulation und Herrschaftsinstinkt geht. Manche dieser Erfahrungen mögen später auch den Eingang in sein Werk gefunden haben.

Lord Ralf Dahrendorf wird in London beigesetzt. Möge er in Frieden ruhen.

Ick bün al dor!

Was unterscheidet eigentlich den Staat von der supersympatischen RTL-Super Nanny? Das umschreibt Wolfgang Boger, der Herausgeber des Sammelbandes Der Staat als Super Super Nanny, sehr pointiert in dessen Vorwort:

Freilich unterscheidet sich der Staat in mindestens zwei Punkten erheblich von der Super Nanny. Während, erstens, die Super Nanny nur einige Tage bleibt, schickt uns der Staat von der Wiege bis zur Bahre nicht nur Formulare, sondern bleibt uns als Beraterin, Erzieherin, vor allem aber als (teuer entlohnte) Vormündin (wie man in der Schweiz sagt) erhalten. Seine prätendierten fachlichen Kompetenzen nehmen zu, seine juridischen ebenso. Die Super Nanny kann, zweitens, ihre segensreiche Wirkung nur dann entfalten, wenn die Familie in Not ihr Einlass gewährt, unser Staat dagegen sagt wie der Igel zum Hasen “Ick bün al dor!”, womit er völlig recht hat. Denn der Staat ist immer schon da und dies an mehreren Orten. Die staatliche Super Nanny ist also – richtig besehen – eine Super Super Nanny.

Viel mehr als dieser Vorgeschmack ist als Lektüreempfehlung für dieses Büchlein über die Abgründe der Political Correctness, Corporate Social Responsibility als gewinnwirtschaftliches Komplement einer Welt voller Gutmenschen, die Entdemokratisierung der Gesellschaft durch “moderne” Verbraucherschutzpolitik, die Gleichbehandlungspolitik als Entmündigungsstrategie, Sündensteuern, staatlich verordneten Gesundheitswahn und die schöne neue Welt des Gender-Mainstreamings nicht nötig. Hierfür gibt es – politisch total unkorrekt – einen Lesebefehl!

Winnenden, Theorien und die große Diskussion im Web

Eigentlich wollte ich relativ schnell etwas zu Winnenden schreiben. Nicht nur bin ich aus der Perspektive eines werdenden Sozialarbeiters heraus natürlich sehr an Jugendgewalt interessiert, als ehemaliger begeisterter Spieler von Egoshootern und aktives Mitglied eines Schützenvereins gehöre ich auch zu den Gruppen, die nach Ansicht mancher mitverantwortlich für solche Katastrophen sein könnten. Nur: Ich kam leider nicht dazu, etwas zu schreiben, und mittlerweile ist alles schon gesagt, nur noch nicht von jedem (also: von mir!).

Darum wähle ich hier einen etwas anderen Ansatz und beschäftige mich mit den Schnipseln anderer Blogeinträge und -kommentare, die mir besonders aufgefallen sind, stelle sie nebeneinander und gebe meine Meinung dazu ab. Vielleicht bildet sich daraus ja ein interessantes Bild.

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Und sie werden nicht mehr frei…

Den Begriff der “Ökoreligion” verwende ich immer häufiger, weil ich den Eindruck habe, dass diejenigen, die besonders ökologisch denken, reden und handeln, dabei mittlerweile eine geradezu religiöse Haltung und Sprachfärbung an den Tag legen. “Ökofaschismus” habe ich bisher selten gebraucht, und wenn, dann eher augenzwinkernd.

Wenn ich aber einen Artikel lese wie “Kleine grüne Teufel” bei “der Freitag”, dann frage ich mich, ob an der Sorge mancher vor dem Ökofaschismus nicht doch etwas dran ist. Kinder dazu aufzufordern, ihre Eltern einer Gesinnungs- und Handlungsüberprüfung zu unterziehen und sie dazu zu motivieren, die eigenen Eltern zu denunzieren, wenn sie sich ökologisch falsch verhalten, das geht mir doch etwas zu weit. Und es klingt nach totalitären Systemen.

Womit ich übrigens gleich mal “der Freitag”, jetzt unter Leitung von Jakob Augstein, empfehlen möchte. Demnächst gucke ich sicher auch mal am Kiosk nach dem Heft.

…denn sie lernen nicht, was sie tun

Gegen die sich hier andeutenden Folgen des deutschen Schulsystems erscheint mir die Finanzkrise ein kleiner Fisch zu sein: Berliner Schüler hauen auf die Pauke.

Viel Lärm um … nichts Verwunderliches

Weil eine neue Studie des Bildungsministeriums angeblich die abschreckende Wirkung von Studiengebühren für Abiturienten aus “prekären” Schichten ermittelte und deshalb hinter Schloss und Riegel gehalten wird, gibt es Ärger in der Koalition.

Was für ein Ergebnis? Wer hätte gedacht, dass ein steigender Preis für ein Investitionsgut (Bildung) eine Verringerung der Nachfrage insbesondere budgetschwacher Haushalte verursacht. Die Studie hätte man sich sparen können, ginge es nur um die Wirkung an sich und nicht um deren Ausmaß. Da aber niemand es bislang schwarz auf weiß lesen kann und auch Frau Schavan nur Zahlen von 1,4 Prozent potentieller Studienanfänger aller Schichten in den südlichen Bundesländern nennt, sind wie so oft Mutmaßungen einer Binsenweisheit völlig ausreichend für das Theater.

Damit ist jedoch die Debatte um die Studiengebühren schon wieder beendet. Eine seriöse Analyse hinsichtlich der Anreizwirkung für die zukünftigen Studenten, die Ausbildung zu wählen, die den besten Zukunftsertrag unter Berücksichtigung ihrer Kosten bringt und der optimalen Wahl von Studienfach und -zeit findet nicht statt. Auch nicht, ob ein Studium wirklich der beste Weg für jeden ist, sich eine annehmliche Zukunft aufzubauen. Dass Studiengebühren das Potential haben den Wettbewerb der Unis um die Studenten mit mehr Bildungsqualität anzukurbeln wird ebenso ausgeblendet, wie die traurige Bilanz der bisherigen Bildungsfinanzierung, die ja gerade den Ruf nach Studiengebühren ausgelöst hat.

In der Debatte reicht es offenbar völlig aus über dubiose Verteilungswirkungen der Finanzierung des knappen Gutes Bildung zu spekulieren. Die Effizienz der Bildungsfinanzierung dagegen, die vor allem die langfristigen Effekte der Bildung beeinflusst, wird in politischer Tradition ausgeblendet, schließlich können sich zukünftige Generationen oder diejenigen, die die Kosten der Bildung tragen und Ursache und Wirkungsbeziehungen nicht nach verfolgen können, mit den Problemen einer oberflächlichen Finanzierungspolitik der Bildung herumschlagen.

Es ist schon rätselhaft, warum von den Protagonisten eines vermeintlich kostenfreien Studiums, die Debatte um eine solide indirekte Studienfinanzierung über BaföG und geförderte Studienkredite immer wieder ignoriert oder gar abgewürgt wird. Immerhin kann diese Ansatz für sich beanspruchen, dass er die Lenkungswirkung bei den Studenten und an den Unis in Richtung effizienter Bildungsplanung weniger untergräbt, gleichzeitig aber Bedenken hinsichtlich der Verteilungswirkungen durchaus aufgreift und ihnen auch weitgehend gerecht wird. Offenbar geht es doch um die Wahrung der Illusion, Papa Staat könne Geschenke verteilen und damit in alter planwirtschaftlicher Manier die Probleme jedes Einzelnen lösen. Und da sind ja noch diejenigen, die lieber bei den Bildungsministerien als beim Studenten um ihren Anspruch am Bildungsbudget buhlen, wohl wissend das letztere sorgfältiger auf ihre Geldbörsen achten und auf das, was sie dafür erhalten.

Die Varianz machts

Unterscheiden sich Männer und Frauen oder nicht? Auch dieses Wochenende war diese Frage wieder einmal das Thema von Zeitungsmeldungen, in der eine vergleichende Studie zu den Mathematiktestergebnissen von Mädchen und Jungen bemüht wurde. So titelte etwa die Welt “Mathematik: Auch Mädchen können rechnen” und hob hervor, dass die Ergebnisse der Wissenschaftler das alte Stereotyp von Männern als den besseren Rechnern vollends zu Grabe trage. Belegt wurde diese Aussage mit dem Verweis auf eine nahezu gleich gutes durchschnittliches Abschneiden beider Geschlechter in standardisierten Mathetests. Soweit so gut, doch daraus die Erkenntnis abzuleiten, die Dominanz von Männern in mathematisch-technischen Berufen müsse etwas mit Vorurteilen zu tun haben oder – wie manch Zeitgenosse es auch gern sehen will – mit Diskriminierung, bedeutet die Angelegenheit nicht zu Ende zu denken. Denn womit die Welt-Mitteilung sich nicht weiter aufhält, hat zumindest das Wall Street Journal am Rande seiner Pressemeldung erwähnt: Die Varianz der Testergebnisse von Jungen ist größer als bei Mädchen, dass macht sie gleichzeitig zu den besseren und schlechteren Rechnern. Mit anderen Worten Jungs sind mit einer größeren Wahrscheinlichkeit richtig gut oder richtig schlecht, obwohl sie im Mittel fast genauso gut rechnen wie Mädchen. Da es aber in mathematisch-technischen Berufen nicht so sehr auf durchschnittliche, sondern auf überdurchschnittliche Fähigkeiten ankommt, steigt auch mit dem Anspruchsniveau eines Jobs an die Mathematikkenntnisse, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann für diese Aufgabe besser geeignet ist als eine Frau.

Blogger William M. Briggs erläutert diesen kleinen aber wichtigen Unterschied sehr anschaulich, womit ich auch meinen üblichen Seitenhieb auf die klassische Presse einleite. Wenn der Spiegel erst kürzlich über die Unprofessionalität der deutschen Blogosphäre klagt, dann fällt dieser Beitrag vielleicht auch einem ähnlichen Trugschluss zum Opfer. Es mag sein, dass der durchschnittliche Blogpost schlechter als die Standardpressemeldung ist und dass es am “linken Rand” der Verteilung sogar extrem schlechte Einträge gibt. Aber die Varianz macht eben den Unterschied. Und die ist, wenn man mich fragt, in der Blogosphäre wesentlich größer als in klassischen Massenmedien.

Update: Was die Studie betrifft, kann man weitere Einsichten beim Reference Frame finden. Luboš Motl, immer eine Spur deutlicher als alle anderen, meint u.a.:

Before those five spice girls [die Autoren der Studie] made their bombshell statements about girls matching boys, they should have made sure that they could match boys (such as Rushton and Nymborg) in mathematics themselves. ;-)

Glücklich wer Chancen auch nutzen kann

Chancengleichheit ist ein erstrebenswertes Ziel, jedoch bringt so mancher nicht die persönlichen und intellektuellen Gaben mit, diese Chancen auch nutzen zu können. Insbesondere im Bildungsbereich werden immer wieder gleiche Bildungschancen für alle gefordert, weil in Bildungsbenachteiligung ein wesentlicher Grund für Einkommensungleichheit und soziales Gefälle gesehen wird. Der Artikel “Opportunities, Aspirations and Life Satisfaction” von Francesco Ferrante hat das Potential Wasser in den Wein der unbedingten Gleichbehandlung aller im Bildungssystem zu schütten:

In this paper I suggest that expanding work and consumption opportunities are a good thing for decision utility but may not be so for experienced utility. To show this, I develop an empirical model where people’s experienced and expected life satisfaction depend on education and environmental opportunities. Building on Easterlin (2001), I argue that people may overrate their future socioeconomic prospects relative to real life chances and I discuss how systematic frustration over unfulfilled expectations is endogenously generated and can adversely affect life satisfaction.

I test the model’s predictions on Italian data and find support for the idea that education and access to stimulating environments may have a perverse impact on life satisfaction.

Wenn da etwas dran sein sollte, könnte man vermuten, dass Menschen, die die ihnen gebotenen Chancen aufgrund unzureichender Intelligenz oder schwacher körperlicher Konstitution nicht ergreifen können, ohne diese potentiellen Handlungsspielräume glücklicher sind bzw. werden. Das wäre dann ein Argument gegen ein egalitäres Bildungssystem, dass unter Inkaufnahme hoher Kosten versucht allen die gleichen Chancen zu bieten.

So kann beispielsweise die Ablehnung von Studiengebühren dazu beitragen, dass junge Menschen ihre individuellen Bildungschancen nur unzureichend mit den sich ihnen bietenden faktischen Optionen abgleichen, das subventionierte Gut Bildung wird übermäßig konsumiert. Ob man dabei den gestellten Anforderungen gerecht wird, ist für die individuelle Bildungsentscheidung angesichts der fehlenden monetären Konsequenzen zunächst irrelevant. Werden dann persönliche Ziele nicht erreicht ist der Katzenjammer groß. Könnte es daher nicht besser sein, dass die finanzielle Hürde Studiengebühr potentiellen Studenten nicht nur die ökonomischen Kosten ihrer Entscheidung präsentiert, sondern auch von Anfang an Grenzen signalisiert, die sie trotz größter Mühe ohnehin nicht überwinden würden? Spräche das nicht für eine Bildungsfinanzierung, die Studenten nicht mit kostenlosen Universitäten, sondern mit geförderten Bildungskrediten unter die Arme greift?

“Light and liberty go together.”

Es ist doch immer wieder schön zu sehen, dass es Leute gibt, die das mit diesem Web2.0-Ding ernst nehmen. Wer ist diesmal schuld? Natürlich wieder die Amis. Die Library of Congress, um genau zu sein. Diese hat 3115 Fotos bei flickr eingestellt – und zwar gemeinfrei:

Dieses Pilotprojekt hat zwei Hauptziele: Zum einen möchten wir Ihnen zeigen, welche verborgenen Schätze in der riesigen Sammlung der Library of Congress schlummern. Zum anderen möchten wir Sie Ihnen zeigen, wie Sie diese Sammlung mit ein oder zwei von Ihnen geschriebenen Tags bereichern können.

Im hauseigenen Blog erklären die Bibliothekare das Projekt noch ausführlicher. Der betreffende Eintrag beginnt so:

If you’re reading this, then chances are you already know about Web 2.0.

(Von dem Projekt gelesen habe ich bei der Kaltmamsell.)

Weitere Links:

Flickr brings tagging to vintage images. By Daniel Terdiman, CNET News

Library of Congress Taps Web 2.0 for User Photo Expertise. By Heather Havenstein, Computerworld / New York Times

ZVS

Die Zentrale Studienvergabestelle (ZVS) soll im Zuge der vom Bundeskabinet beschlossenen “Qualifizierungsinitiative” wie viele obsolet gewordene öffentliche Institutionen zu einer Zentralen Aufgabenveränderungsstelle, ähm “Serviceagentur für mehr Transparenz im Studienangebot” umgewandelt werden. Das verursacht bei Ludger Wößmann vom Münchener ifo-Institut aus gutem Grund Bauchschmerzen:

Eigentlich hätten viele eher erwartet, dass die ZVS abgeschafft wird, denn durch die Studiengebühren und gesonderte Auswahlverfahren liegt mittlerweile ein großer Teil der Bürokratie bei den Unis selbst. Aber die Abschaffung der ZVS wäre wohl utopisch: Im öffentlichen Bereich werden Institutionen eben nicht abgeschafft, sondern bekommen neue Aufgaben.

Junge Frauen sollen zudem mit einem “Freiwilligen Technischen Jahr” weg vom Germanistik-, hin zum Maschinenbaustudium motiviert werden. Statt Oma und Opa trockenzulegen, wird dann die Werkhalle geputzt und die Drehmaschine geschmiert. Das bringt bestimmt den politisch korrekten Run von Frauen in die Ingenieurwissenschaften. Ich würde sagen, man sollte das Ein-Bildungspolitik nennen.

Linksruck

Westerwelle hat ihn diagnostiziert, und ein Artikel in “Foreign Policy” meint zu wissen, warum es ihn gibt: Der Linksruck wurde anerzogen.

Da mir aufgrund der Konsequenzen persönlicher Entscheidungen mangelnder staatlicher Förderung keine empirischen Studien anhand des Lernmaterials eigener Kinder möglich sind, kann ich nur den Verdacht bzw. die Hoffnung äußern, dass die Lehrbuch-Auswahl des Autors eher einseitig als repräsentativ zu nennen ist.

Aber die generelle Einstellung der Bevölkerung, die gibt er wohl ganz zutreffend wieder.

(via Greg Mankiw)

Unterricht ist gelegentlich möglich

35 Jahre lang war Wolfgang Schenk Hauptschullehrer in Berlin: Ein Idealist packt aus. Protokolliert von Ulrich Schulte , die tageszeitung.

Alles nicht neu, aber solche Artikel können gar nicht oft genug erscheinen. Meinetwegen täglich.

Erschüttert hat mich nur, dass Politik und Verwaltung erst durch Pisa gemerkt haben, was an deutschen Schulen eigentlich los ist. Die Lösungen, mit denen die Bürokratie inzwischen reagiert hat, erinnern mich an die DDR-Planwirtschaft: Zentralabitur und Prüfungen wie der mittlere Schulabschluss sollen Schüler vergleichbar machen und zugleich das Niveau aller heben. Welch absurde Vorstellung!

Die Verwaltung bürdet den Kollegien damit Lasten auf, die wenig pädagogischen Nutzen haben. Für den mittleren Schulabschluss bereiten wir die Kinder vor, stellen Prüfungskommissionen zusammen und bewerten tagelang. Diese Zeit fehlt dann für pädagogische Arbeit. Oder: Wir legen detaillierte Förderpläne für die Eltern auffälliger Schüler an, obwohl wir genau wissen, dass der Alkoholikervater den Zettel ungelesen in die Tonne wirft. Alles nur, damit Politik und Verwaltung sagen können: Seht her, wir handeln! Ein trauriges und verantwortungsloses Spiel.

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Schmiergeld macht glücklich

Schmiergeld bei Pisa – Schüler bekamen 50 Dollar

(…) Die Wissenschaftler des Pisa-Konsortiums, das für den Ablauf der Tests in Deutschland verantwortlich ist, zeigten sich entsetzt. (…)

(…) “Denkbar ist, dass eine Verschiebung von der durchschnittlichen Leistung zur Bestleistung erfolgt”, heißt es in dem Papier mit dem Titel “Bewertende Stellungnahme zu den Maßnahmen zur Steigerung der Rücklaufquoten”. (…)

Im Duden ist Schmiergeld folgendermaßen definiert:

Schmier|geld, das (ugs. abwertend): Bestechungsgeld: -er [be]zahlen, nehmen.

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Nobelpreise

Unsere Universitäten sind entsetzlich schlecht. Das ganze System stimmt nicht. Wir müssen dringend etwas tun. Seht nur, die anderen sind es, die ständig die Nobelpreise abräumen…

Das wurde uns in den letzten Jahren ständig gepredigt. Und ich habe es wahrgenommen, manchmal sogar weitergetragen, auf jeden Fall geglaubt. Und an unserem System herumgemäkelt, mit wirklichen, zahlenmäßigen Belegen. Das war ein Fehler, wie ich heute verstehe. Denn natürlich sagen die Nobelpreise der letzten zehn Jahre nichts über unser Bildungs- und Universitätssystem der letzten 30 Jahre aus.

Auch die beiden Nobelpreise, die in den letzten Tagen zwei Deutsche erhalten haben, sagen natürlich nichts über unser jetziges System aus. Sondern nur über das, das vor 15-20 Jahren hier geherrscht hat. Aber ich bin jetzt skeptischer, wenn jemand Nobelpreise als Argument anführen will, wenn er über unser aktuelles universitäres System spricht. Versprochen.

Zentralabitur^2

Etwas Panik habe ich ja beim Lesen dieses Artikels von FAZ.NET doch bekommen.

MP Oettinger und andere Unionspolitiker wollen ein bundesweites Zentralabitur. Weiter heisst es (in der RSS-Zusammenfassung):

Der Lehrerverband ist aber skeptisch und bezweifelt, dass das Vorhaben schnell umgesetzt werden kann.

Ich will auch nicht, dass es langsam umgesetzt wird. Nicht noch mehr Schulzentralismus.

Die Autorin des Kommentars “Zweifel am Zentralabitur” hat Recht, wenn sie schreibt:

Denn es müsste zunächst vergleichbare Lehrpläne für die drei letzten Gymnasialklassen geben, dann einheitliche Bildungsstandards und erst im letzten Schritt zentrale Prüfungen mit einem festen Erwartungshorizont und entsprechender Notengebung. Landesspezifische Eigenheiten in Lehrplänen und Prüfungsordnungen wären dann ausgeschlossen.

Auch eine Schulautonomie, die mehr ist als Fasade sein soll, ist zusammen mit Zentrabitur (auf Landes- oder Bundesebene) eine Illusion. Schulspezifische Schwerpunktsetzungen und ähnliches wären ebenfalls ausgeschlossen, den für ein Zentralabitur sind äußerst detailierte und absolut verbindliche Lehrpläne notwendig.

Alles eure Schuld!

Es gibt doch diese Geschichte, wo ein Kind in klirrender Kälte, dem seine Mutter vergessen hat, Handschuhe anzuziehen, sich trotzig denkt: “Daran ist sie selbst schuld, wenn mir jetzt die Hände abfrieren.”

Daran musste ich denken, als ich heute dieses las:

Dass die Unternehmen über einen Mangel an Fachkräften klagen, bezeichnete Buntenbach als „unerträglich“. Wenn es tatsächlich einen Fachkräftemangel gäbe, hätten die Firmen ihn selbst verschuldet, weil sie zu wenig in Aus- und Weiterbildung investiert hätten. „Aus dieser Verpflichtung dürfen wir Wirtschaft und Politik angesichts von immer noch 3,7 Millionen Arbeitslosen und gut 200.000 unversorgter Altbewerber um eine Lehrstelle nicht entlassen“, sagte sie.

Ich bin geneigt, der guten Frau in der Analyse teilweise zuzustimmen. Zu viele Unternehmen haben in ihrem Drang, Kosten zu senken, Bildung und Ausbildung als besonders geeignete Sparmaßnahme entdeckt. Denn man kann nach guter Trittbrettfahrermanier gewinnen, wenn man selbst nicht ausbildet, sondern sich die von anderen Ausgebildeten gegen ein geringes Plus einkauft. Bildung, und das spräche zumindest tendenziell für staatliches Engagement, entpuppt sich hier als “öffentliches Gut”. Mein Lieblingsklub muss das gerade schmerzlich erfahren: Seine im eigenen Internat halb-groß gewordenen Jungprofis werden in Scharen von anderen Vereinen abgeworben. Fairerweise muss man da allerdings sagen: Nicht immer zum Schaden des Vereins… (mehr…)

Bildungsgrenzen

Kaum diskutiert man über Bildung, beschwört man die alten Geister herauf: Hier die Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems, dort deren Gegner.

Wobei die Gegner meist nicht auf etwa ein zweigliedriges System abzielen, sondern auf eins mit nur einer Schulform. Das dreigliedrige System hat tatsächlich den Mangel, sozusagen zwischen den Fronten zu stehen. Denn das beste aller Schulsysteme sähe so aus: Jeder Schüler bekommt einen Privatlehrer an die Seite gestellt, der die Begabungen dieses Schülers bestmöglich fördert und seine Schwächen bestmöglich kompensiert. Der Übergang auf weiterführende (Hoch-)Schulen wäre dann durch Tests geregelt, die diese Schulen selbst definieren. Das wäre die perfekte Chancengerechtigkeit. Noch perfekter, sie beim Kindergarten beginnen zu lassen, der dann natürlich Pflicht wäre (ach, wie sich die Forderungen von Experten der pöhsen, neo-neo-neoliberalen Bertelsmann-Stiftung und hundsgewöhnlichen Linken doch gleichen können…).

Dem gegenüber stehen zwei Extreme. (mehr…)

Gründe für einen Verzicht auf ein Studium

Auf die Sozialerhebung des Studentenwerkes hat stefanolix schon vergangende Woche hingewiesen.
Ein Schwerpunkt des Berichtes bildet die “Studierquote”. Diese gibt, nach dem sozialen Status des Vaters differenziert, an wieviel Prozent der Kinder einer sozialen Gruppe studieren gehen. Nach den Zahlen dort kann man annehmen, dass die Kinder, bei denen die Väter einen akademischen Abschluss haben, mit höherer Wahrscheinlichkeit studieren.

Bezüglich der Gründe für diesen Unterschied verweist die Sozialerhebung nur auf die Publikation “Studienberechtigte 2004 – Übergang in Studium, Ausbildung, Beruf” des HIS. Aber die von stefanolix zitierte Zusammenfassung suggeriert zum Beispiel durch die Verwendung des Begriffes “Bildungschancen” schon, dass das Hochschulsystem diskriminiert wäre. Die Stellungnahme des Präsidenten des Deutschen Studentenwerkes Dobischat ist da doch deutlicher:

Ob ein Kind ein Hochschulstudium aufnimmt, ist nicht alleine eine Frage der indiviudllen Begabung. Es ist zuallererst eine Frage des Bildungstatus der Eltern. Ganz entscheidend ist der Hochschulabschluss der Eltern.

(Hervorhebung von mir)

In den Kommentaren zu dem Artikel wurde schon sehr aktiv diskutiert, ob die Ursachen für die “soziale Auslese” nicht auch andere Gründe hat. Gründe, die nicht in dem Hochschulsystem und verminderten Bildungschancen begründet sind, z.B. andere Ziele und Werte, die im Elternhaus vermittelt werden.

Es ist also Zeit für ein paar Statistiken über die Gründe für einen Verzicht auf ein Studium. Die Daten sind dem HIS-Bericht entnommen. (mehr…)

Steuergeld, Gebühren, Spenden

Weil es gut zu der von stefanolix angestoßenen Diskussion zum Hochschulwesen passt, verweise ich auf einen aktuellen Artikel in einem meiner Lieblings-Blogs – “USA Erklärt”. Es geht um das amerikanische Hochschulwesen und dessen Finanzierung, die natürlich Auswirkungen auf die soziale Mischung der Studentenschaft haben dürfte.

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