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Ein Rücktritt
Kaum dass Benedikt XVI., auch für den Schreiber dieser Zeilen eine hervorragende Person der Christenheit (wiewohl eben nicht unfehlbar, auch nicht ex cathedra), zurückgetreten war, erhoben sich in den nördlichen Resten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation die Stimmen, die ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen, der Nachfolger möge doch “endlich” die “wirklich benötigten” “Reformen” umsetzen.
Das ist verständlich. Schließlich ist die römisch-katholische Kirche der verkörperte Gegenentwurf zur herrschenden veröffentlichten Meinung, die erfolgreich alles Konservative verbannt hat und in der nur noch “progressive” Meinungen geduldet werden – wer deren Vorgaben missachtet, mit dem wird nicht etwa diskutiert, der wird verurteilt und ausgegrenzt, damit niemand die holde Eintracht stört und die Volkserziehung beeinträchtigt. Beim Oberhaupt einer Kirche mit über einer Milliarde Mitgliedern ist das mit dem Ausgrenzen etwas kompliziert, aber Verurteilen geht natürlich immer noch.
Wunschtraum
Das Internet wäre viel weniger Thema, wenn sich diejenigen, die sich dort zu politischen und gesellschaftlichen Themen äußern, nur diese beiden Regeln befolgten:
- Prinzip der wohlwollenden Interpretation
- Kritisiere nur Positionen, die du in nicht-karikierender Weise selbst einnehmen könntest.
Beide Regeln sind verwandt. Die erste Regel wird in Wikipedia recht gut beschrieben. Und in Netzdiskussionen regelmäßig verletzt, denn hier gilt auch unter nominell Gleichen die Vorschrift, die eigentlich den staatlicher Gewalt ausgesetzten Verhafteten schützen soll: “Alles, was Sie sagen, kann und wird gegen Sie verwendet werden.” Nur mit dem Unterschied, dass an Stelle des Rechts zu schweigen die Pflicht dazu impliziert wird.
Die zweite Regel ist eine Prüfung, die sich jeder Diskussionsteilnehmer selbst auferlegen sollte, bevor er zur Kritik ansetzt. Denn genügt er ihr nicht, ist die Gefahr groß, dass er anstelle der Meinung des Gegenüber nur den Strohmann im Visier hat, den er mit Genuss zu bekämpfen gelernt hat. Allerdings ist das Verstehen der anderen Position Voraussetzung dafür, dass sich eine Diskussion überhaupt lohnt.
Ob dieses Blog immer beiden Regeln folgt, ist nicht sicher. Im Beitragsteil wahrscheinlich aus Lust an der Polemik weniger als im Kommentarteil. Aber wir tun unser Bestes und nehmen diesbezügliche Ermahnungen ernst. Aber natürlich nur, wenn sie selbst den Regeln entsprechen
Grimms Märchen (SCNR)
Mit der Umstellung der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist etwas passiert, das die Verantwortlichen wahrscheinlich gerne vermieden hätten: Die Kritik, die jetzt vor allem von Unternehmen mit vielen Filialen am neuen Modell geübt wird, hat das ganze Konstrukt in die Diskussion gebracht.
Auf B.L.O.G. haben wir diese Übung schon des öfteren vollzogen, z.B. hier: “Credo quia absurdum” aus dem Jahr 2006.
Kürzlich las dieser Autor in der F.A.Z. ein Interview mit dem ehemaligen Verfassungsrichter Grimm, in dem dieser für das öffentlich-rechtliche System plädierte. Es lohnt sich vielleicht, ein paar Aussagen dieses Interviews genauer zu betrachten und einem dieser auch bei der ARD so beliebten “Checks” zu unterziehen, in diesem Fall aber keinen auf moralische Reinheit, sondern auf Kontakt mit dem Planeten Erde.
Böse Wörter, eine Ministerin und die Sache mit Gott
Der Versuch der Ministerin für alles außer mittelalte Männer (für diesen Blogger also nicht zuständig), ihrem konservativen Image durch Befolgung von PC- und Genderregeln einen modernen Anstrich zu verleihen, stand zunächst vor einem ungewissen Schicksal. Das empörte Echo äußerst verabscheuungswürdiger Feinde wie der CSU oder des Vatikans ließ ihn dann aber auf Seite der Adressaten doch zum Erfolg werden, selbst wenn es sich bei “dem Vatikan” nicht um ebendiesen handelte, was, ohne der jungen Frau zu nahe zu treten zu wollen, angesichts der zu Größe und Selbstverständnis des Heiligen Stuhls relativ nicht-existenten Bedeutung der Person und ihres Amtes, auch anders äußerst verwunderlich gewesen wäre, sondern nur um einen geistlichen Würdenträger, der unter anderem auch mit dem Vatikan beruflich zu tun hat.
Zur Methode, rückwirkend Geschriebenes im Sinne des gerade aktuell geforderten Korrekten zu verändern, fiel diesem Autor nicht viel ein, außer dass er von dieser Möglichkeit zum ersten Mal in Orwells “1984” erfuhr.
Die Tugendwächter kommen wieder
Die Tugendwächter kommen wieder. Sie haben lediglich ihre Garederobe gewechselt. Bei genauerem Hinsehen sieht sie wie ein Mao-Anzug aus, denn Gleichförmigkeit ist die neue Norm. Der Kampf gegen Diskriminierung entpuppt sich als Kampf für die Durchsetzung vorgegebener Idealvorstellungen. Es soll sie geben, die schöne, moderne Welt. Dass der Mensch noch nicht ganz so weit ist, ist allein darin begründet, dass er von reaktionären Kräften an seinem Gutsein gehindert wird. Dann müssen die Tugendwächter natürlich einschreiten, denn alles, was diesen notwendigen Prozess aufhält, den vorgegebenen Gang der Geschichte stört, ist als Teil des noch irdisch Bösen zu stellen und zur Strecke zu bringen.
Generell hat “Zettel” dazu Interessantes geschrieben.
Aber hier soll es um einen konkreten Fall gehen, und zwar um eine mehr oder weniger geschickte Werbeaktion der Lufthansa. Die hat nämlich versucht, ihren Kunden, die bereits mit einer “Miles & More Credit Card” gesegnet sind, auch noch eine dieser “Partnerkarten” aufzuschwatzenzu verkaufen. Als Aufmerksamkeit erzeugendes Stilmittel verwendete sie dazu einen erfundenen Brief einer Frau an ihren Lebensabschnittsgefährten, in dem sie ihren Wunsch nach einer derartigen Kreditkarte zum Ausdruck bringt, garniert mit einem Kusslippenabdruck (mehr dazu siehe hier). Wahrscheinlich hätte sich der Schreiber dieser Zeilen über diese Werbung auch geärgert. Zum einen, weil er sich über unverlangt zugesendete Werbung immer ärgert (leider wissen die entsprechenden Unternehmen nicht, wie sehr sie ihn damit vergraulen). Zum anderen aber auch, weil diesen Versuch des “sex sells” als absolut unglaubwürdig und lächerlich abgetan hätte. Dann doch lieber eine Vollbusige als Blickfänger – das geht wenigstens direkt ins Rückenmark und erspart den gefährlichen Weg über das Gehirn.
Aber – ups! (weiterlesen …)
Rock’n'Roll, Alter!
… und ich war dabei.
“Kulturabgaben” und “Ethiksteuern”: die Sicht eines liberalen Christen
Anlässlich des Kirchentags der römisch-katholischen Kirche in Deutschland haben Katholiken, die in der Partei der “Grünen” organisiert sind, ein “Papier” herausgegeben, in dem sie auflisten, wie das Motto des Kirchentags “Einen neuen Aufbruch wagen” mit Inhalt zu füllen wäre. Dieser Autor hält es für seltsam und wenig wünschenswert, parteipolitische Fronten innerhalb einer Kirche zu eröffnen, so als ob sich die Sicht auf Jesus Christus und seine Nachfolge vom Parteibuch abhängig machen ließe. Die Inhalte, die in dem “Papier” angeführt werden, sind z.T. widersprüchlich, vor allem dann, wenn schablonenhaft linke Ideologie abgearbeitet wird: Autonomie der Gemeinden ist prinzipiell gut, aber da Tridentische Messen böse sind, dann wieder doch nicht so. Ein Grund mehr, innerhalb der Kirche mehr als Individuum denn als politische Gruppe aufzutreten. Über den weiteren Inhalt des “Papiers” hätte dieser Autor aus christlicher Sicht noch sei einiges zu sagen, aber dafür ist dieses Blog nicht der richtige Ort.
Aber das wirklich aufsehenerregende Thema, zumindest in dem Umfeld, in dem der Schreiber dieser Zeilen sich im Internet bewegt, war die vermeintliche Forderung nach einer “Steuer für Konfessionslose”.
Gewalt wirkt – aber noch nicht vor Gericht
Die allzeit Beleidigten haben kürzlich einen wichtigen Sieg errungen: Der deutsche Staat in Form des SPD-Innenministers von NRW, Ralf Jäger, ist vor ihnen in die Knie gegangen. Jäger wollte das Vorhaben der rechtspopulistischen bis rechtsextremistischen Partei “Pro NRW” verbieten, öffentlich die Mohammed-Karikaturen zu zeigen, die nicht nur zu allzeit bereiter muslimischer Empörung geführt haben, sondern auch ganz konkret und unmittelbar zu Mordversuchen Anlass gaben.
Begründung des Verbots:
Für deutsche Einrichtungen und Bürger im Ausland würden durch das provozierende Zeigen der Karikaturen Gefahren befürchtet, begründete das Ministerium den Erlass. Innenminister Ralf Jäger (SPD) sagte zudem, die islamfeindliche Aktion heize Vorurteile und Intoleranz an. Die Rechtsextremisten wollten gezielt Muslime provozieren.
Die offizielle Begründung stellt also allein auf das Verhalten der angeblich provozierten religiösen Gemeinschaft ab. Ist diese nur gewaltbereit genug, dürfen keine ihr nicht genehme Karikaturen gezeigt werden. Die Christen machen also offensichtlich etwas falsch. Auch die Aussagen des Innenministers sind interessant: Seit Jahr und Tag müssen Religionen und Gläubige es sich in Deutschland gefallen lassen, gezielt provoziert zu werden. Zwar gibt es gegenläufige Strafrechtsparagrafen, aber diese werden aus guten Gründen eher selten in Anspruch genommen. Die entscheidende Änderung und der Grund, warum es jetzt zu einem Verbot kommen sollte, ist die gesteigerte Empfindlichkeit einer speziellen religiösen Ausrichtung, die sich gerne auch mal in Gewalttaten abzureagieren pflegt. Für einen Rechtsstaat ist diese Entwicklung fatal. Die Anreize, die er so setzt, würden nur noch schwer wieder einzufangen sein.
Zum Glück haben die Gerichte anders, und zwar im Sinn der Meinungsfreiheit entschieden. Und das ist richtig. Wenn eine Religion auf Karikaturen nur mit Gewalt antworten kann, so darf das nicht zum Problem derer werden, die diese Karikaturen gezeichnet oder veröffentlicht haben, egal, ob deren Intention moralisch einwandfrei oder verwerflich war. Schlimm genug, dass dieser Staat sich ausgerechnet von Rechtsextremisten den Spiegel vorhalten lassen muss.
[Quelle: Frankfurter Rundschau]
Was zum Urheberrecht
Wenn das Kaufhaus die Ladendiebe nicht dingfest kriegt, muss es bessere Detektive einstellen.
Der tanzende Nietzsche
Wenn man vorher mal groß angekündigt hat, nicht mehr viel Neues schreiben zu wollen, darf man sich hoffentlich ungeniert selbst zitieren. Der folgende Text wurde nicht zufällig vor ca. einem Jahr in einem "Wochenrückblick" für dieses Blog verfasst und zeugt somit von der ewigen Wiederkehr des Gleichen:
Die liberale Blogosphäre und Twitterei empört sich über Tanzverbote zu Karfreitag. Es sind Momente wie dieser, die den Autor dieses Beitrags vor zu intensiver Cliquenbildung, auch neudeutsch "Vernetzung" genannt, zurückschrecken lassen. Sein Verständnis für diesen "Widerstand" hält sich in engen Grenzen. Wenn man sich zwischen einer jahrhundertealten Tradition eines Feiertags zum Innehalten und Nachdenken über die Endlichkeit auf der einen und dem Wunsch junger Menschen, an jedem von ihnen gewünschten Tag Party zu machen, auf der anderen Seite zu entscheiden hätte, dann hätte der Spaß ausnahmsweise mal keine Chance. Aber "Feier"-Tag wird heute eben nur auf eine Weise verstanden. Obwohl auch jemand wie Hayek davor gewarnt hat, Institutionen, die sich über Jahrhunderte erhalten haben, nicht zu respektieren, kann man von einem radikal-liberalen, individualistischen Standpunkt aus die staatliche Durchsetzung der Feiertagsruhe christlicher Feste sicher diskutieren und kritisieren. Es fiele dem Verfasser dieser Zeilen jedoch leichter, wenn er nicht das Gefühl hätte, dass hier Hedonismus und Kirchenhass nur einen Anlass suchen. Und diese beiden Haltungen wären dann eben weniger liberal… Der Widerstand gegen das Verbot, zu diesen Feiertagen nicht arbeiten zu dürfen, hält sich im Vergleich zu dem der Tanzwütigen doch auffallend genug bedeckt, um nicht diesen Schluss nahezulegen.
Netzprobleme
Wenn ein Hinterbänkler-MdB einen extrem-provokativen Text gegen die "Netzgemeinde" im Online-Auftritt einer renommierten Zeitung veröffentlicht, ist ihm der Shitstorm sicher. Und das Hacken seiner Website wohl auch. Ich will an dieser Stelle gar nicht den Versuch unternehmen, zu den Thesen dieses Abgeordneten Stellung zu nehmen. Dazu enthalten sie zu viel Stroh, in Reinform und als Strohmänner.
Warum ich keine Demonstrationen mag
Ich mag Demonstrationen nicht.
Sicher, sie scheinen vielen Menschen so wichtig zu sein, dass sie in Artikel 8 des Grundgesetzes zum Grundrecht wurden, und ich habe auch nicht vor, irgendjemandem dieses Recht streitig zu machen. Obwohl das nun unter anständigen Deutschen so unstrittig auch wieder nicht ist. Aber die "Rechten" demonstrieren ja nicht, die marschieren auf. Insofern passt es. Und wer Rechter ist, entscheidet das gesunde Volksempfinden an meiner Statt.
O.k., auch sowas könnte mich stören. Aber das trifft nicht den Kern. (weiterlesen …)
Papst reflektiert
Man kann über die römisch-katholische Kirche und den Papst denken, wie man will. Man kann das in diesem Staat auch offen aussprechen, und das ist gut so.
Aber man bedenke, woran man sich misst, wenn man nicht erbärmlich fallen will. Die römische Kirche hat eine Jahrtausende umfassende Erfahrung mit allem, was menschlich ist. Und sie beruht auf den nobelsten ethischen und rechtlichen Voraussetzungen , die man sich als Mensch des Abendlands vorstellen kann. Römisches Recht und christliche Ethik sind allgegenwärtig – auch bei denen, die dieses Erbe am liebsten ausgeschlagen hätten.
Bevor man mit der Kritik anfangen kann, muss erstmal ein Verständnis für die zivilisatorischen Leistungen der römisch-katholischen Kirche aufgebracht werden. (weiterlesen …)
Can you dig it?
Ach – Original oder nicht, alles hat seine Zeit. SHAFT!
Geburt einer Wahrheit
Gerade können wir wieder live das Entstehen eines öffentlichen Mythos bewundern. Dass Peter Falk als Columbo einen Trenchcoat getragen habe, wird bald ähnlich zur selbstverständlichen Wahrheit wie die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, das Verschwinden der Mittelschicht, die rechtsradikale Gesinnung der Mitte oder die Schuld der Spekulanten an der Finanzkrise.
Der Trenchcoat ist ein mittellanger bis langer, doppelreihiger Regenmantel aus Gabardine oder Popeline Stoff.
(Wikipedia, Hervorhebung durch R.)
Wochenrückblick (16/2011)
Die GrünInnen in Baden-Württemberg entdecken jetzt plötzlich das Problem, dass bei Volksabstimmungen tatsächlich auch viel Volk anwesend sein muss und nicht nur Aktivisten im Dienst der richtigen Sache. Die Lektion unserer neuen Lehrherren in Sachen Demokratie: Die Höhe von Quoren hat sich danach zu bemessen, was die eigene Sache an Stimmen auf sich vereinigen kann. Immerhin von jetzt an klare Rollenverteilung: Ideologie bei den Grünen, Vernunft bei den Sozis. Allmählich ist zu verstehen, warum die Sozis sich so über ihr historisch mieses Ergebnis gefreut haben.
Der Militäreinsatz in Libyen zeigt, was zu erwarten war: Die kriegführenden Staaten haben kein Ziel und daher auch keine Strategie, aber dafür fehlt es ihnen auch an den nötigen Ressourcen. Und weil schon die Luftangriffe nicht so richtig funktionieren und wie üblich hier und da mal die Falschen treffen, von der Zivilbevölkerung ganz zu schweigen, ruft man jetzt nach Bodentruppen. Ist der Schreiber dieser Zeilen der Einzige, der sich wundert über diesen plötzlichen Zuwachs an Hobbygenerälen in Öffentlichkeit und Blogosphäre? Immerhin: Gebombt wird ein Stück weit weg, und niemand in Hamburg kauft Gasmasken wie damals im 1. Golfkrieg. Da kann man schon mal für die richtige Sache mitfiebern und die Vernichtung des Feindes fordern. "Gaddafi muss weg" heißt es jetzt, aber dieses Ziel ist vom Mandat des Sicherheitsrats nicht mehr gedeckt. Falls das im allgemeinen Kriegstaumel noch jemanden interessiert. Ganz abgesehen davon, dass sich die Dankbarkeit von Widerständlern, die dann zur Macht werden, gerne auch mal als extrem flüchtig erweist, wie die USA aus ihrer Erfahrung in Afghanistan berichten könnten. Was vorher schon hätte klar sein könnnen, braucht bei einigen, die vielleicht auch zu begierig die Chance zum Westerwelle-Bashing ergriffen haben, offenbar etwas länger, aber immerhin: Nicht schlecht, taz. A propos Westerwelle-Bashing: Wer nach Wegen sucht, sich auch als "renommierter" Wissenschaftler gründlich zu diskreditieren, wird hier fündig.
SPON liefert derweil einen neuen Höhepunkt in der Disziplin des MeinungsQualitätsjounalismus:
"Das ist viel zu viel", sagt Shaun Burnie, der als unabhängiger Experte für Greenpeace arbeitet.
Vor einigen Jahren hätte man das noch als Chuzpe empfunden. Heutzutage fällt es auf dankbaren Boden.
Sarrazin bleibt Sozi. Alles andere wäre auch aberwitzig gewesen bei den staatsgläubig gängelnden Politikvorschlägen, die der Mann in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" aufführt. Und dass man als Sozi Gegner der Vererbungslehre sein muss, wäre dann doch zu peinlich für die Partei.
Die liberale Blogosphäre und Twitterei empört sich über Tanzverbote zu Karfreitag. Es sind Momente wie dieser, die den Autor dieses Beitrags vor zu intensiver Cliquenbildung, auch neudeutsch "Vernetzung" genannt, zurückschrecken lassen. Sein Verständnis für diesen "Widerstand" hält sich in engen Grenzen. Wenn man sich zwischen einer jahrhundertealten Tradition eines Feiertags zum Innehalten und Nachdenken über die Endlichkeit auf der einen und dem Wunsch junger Menschen, an jedem von ihnen gewünschten Tag Party zu machen, auf der anderen Seite zu entscheiden hätte, dann hätte der Spaß ausnahmsweise mal keine Chance. Aber "Feier"-Tag wird heute eben nur auf eine Weise verstanden. Obwohl auch jemand wie Hayek davor gewarnt hat, Institutionen, die sich über Jahrhunderte erhalten haben, nicht zu respektieren, kann man von einem radikal-liberalen, individualistischen Standpunkt aus die staatliche Durchsetzung der Feiertagsruhe christlicher Feste sicher diskutieren und kritisieren. Es fiele dem Verfasser dieser Zeilen jedoch leichter, wenn er nicht das Gefühl hätte, dass hier Hedonismus und Kirchenhass nur einen Anlass suchen. Und diese beiden Haltungen wären dann eben weniger liberal… Der Widerstand gegen das Verbot, zu diesen Feiertagen nicht arbeiten zu dürfen, hält sich im Vergleich zu dem der Tanzwütigen doch auffallend genug bedeckt, um nicht diese Schluss nahezulegen.
R.I.P. Usenet
Das Usenet stirbt einen langsamen Tod. Früher galt es als *das* Diskussions- und Austauschmedium im Internet schlechthin. Linus Thorvalds veröffentlichte die Geburt von Linux ebenso im Usenet wie Matthias Ettrich die von KDE. Inzwischen haben sich die Kommunikationsformen verlagert. Es gibt Mailgroups, es gibt Bittorrent, es gibt Facebook, es gibt Youtube, es gibt das WWW, Die rein textbasierte Form des Austausches im Usenet mag noch von Puristen präferiert werden (die übrigens die volle Sympathie des Autors dieses Beitrags besitzen), aber die Bedürfnisse der Menschen haben sich inzwischen andere Kanäle geschaffen.
Der Trend geht zu mehr Multimedia, und damit auch zu mehr Chancen, Menschen zu manipulieren. Die Textform war nicht nur ein Zwischenschritt, sondern der Höhepunkt menschlicher Kommunikation. Jedenfalls, soweit es um komplexe Themen jenseits des Unterhaltungsbedürfnisses geht.
Ein Rückblick – auch in eigener Sache
Das bedeutendste Ereignis des vergangenen Jahres war natürlich das "Downsizing" von B.L.O.G.
Es kam wohl auch nicht von ungefähr. Das, was man mal als "liberale Blogospähe" bezeichnen konnte, ist arg geschrumpft und meldet sich weniger zu Wort. Wie die FDP, könnte man meinen
, aber leider war das im September letzten Jahres auch nicht anders. Die Gründe müssen also woanders liegen. Zum einen ist es wohl eine Folge der allgemeinen Blogmüdigkeit. Im glorreichen Jahr 2005 war noch alles hip und neu, aber im Jahr 2010 sind Facebook und Twitter ins Land gezogen und die Karawane der Modeaffinen mit ihnen. Was jetzt noch bloggend die Stellung hält, ist "Urgestein", über das die Zeit hinweggefegt ist. Aber so ein wenig hinter der Zeit ist es auch ganz nett, und es kann sogar zum Erkenntnisgewinn beitragen. Aber die Menschen, die da 2005 zu bloggen anfingen, sind inzwischen auch mal eben fünf Jahre älter gworden. Das mag bei einem damals 70jährigen jetzt nicht so ungeheuer viel Veränderung im persönlichen Umfeld bedeutet haben, aber wir dürfen wohl davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Blogger eher unter dreißig war. In dieser Zeit pflegen sich normalerweise so einige Dinge zu ereignen, die das Leben grundlegend auf den Kopf stellen können. Und es macht Hoffnung, dass sich die Betroffenen dann dafür entschieden haben, bei Zielkonflikten dem echten Leben Vorzug zu geben
Natürlich gibt es noch Blogs. Es gibt die bekannten, die einfach nur deswegen weitermachen, weil sich zu viele etwas anderes nicht vorstellen können. Es gibt die noch nicht bekannten, die aber unbedingt bekannt werden möchten. Und es gibt die unbekannten, die es nicht stört, unbekannt zu sein, weil sie eher eine Art Selbsttherapie der Blogger sind. So eins ist dieses Blog hier. Wenn der Autor dieser Zeilen nicht ab und zu einen Blogeintrag zu politischen Fragen verfassen würde, die ihn beschäftigen, müsste er stattdessen irgendwas kaputtmachen, um seinem Ärger und seiner Wut über die Dummheit derer, die das Sagen haben, freien Lauf zu lassen. Da ist Bloggen doch wesentlich konstruktiver und wohlstandsfördernder. Und die Beiträge muss noch nicht einmal jemand lesen, denn allein, dass es man es mal rausgerotzt hat, hilft dem eigenen Gemüt ungemein, und man vermag dem teils surrealen Treiben von Politik und veröffentlichter Meinung etwas gelassener zuzuschauen.
Deswegen wird es hier weitergehen. Ob ihr das wollt oder nicht
Gedanken zur Duisburger Katastrophe
Nach letzter vorläufiger Zählung sind es also 21 Tote. Keine Frage, die "Love Parade" in Duisburg wird als eine der großen Katastrophen in die bundesdeutsche Geschichte eingehen. Was soll man sich als Blogger dazu äußern? Der Kontrast zwischen dem, was diese Menschen sich von dem Ereignis erhofft hatten und was sie dann letztlich dort erwartete, könnte kaum größer sein. Was hemmungslose Lust und Freude werden sollte, wurde zu unendlicher Trauer und Gram. Wenn es um die Pietät gegenüber den Opfern geht, dann müsste man hier zunächst erstmal die Klappe halten. Lange.
Tut man aber nicht. (weiterlesen …)
Tyler Cowen über Berlin und Deutschland
Zur Zeit lohnt sich ein Besuch bei Marginal Revolution wieder ganz besonders. Tyler Cowen, der übrigens ein ziemlich eigensinniger Querkopf ist, was ich als Kompliment verstanden wissen möchte, bloggt seit Lenas ESC-Erfolg aus Berlin immer wieder Beobachtungen und Gedanken zum Land, in dem er sich gerade aufhält. Ich mag solche Außenansichten sehr, und von ihm ganz besonders.