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Umschlag
Die meisten unter uns haben Grundsätze und bilden sich Meinungen. Interessanterweise oft verschiedene. Wenn wir “wohlmeinend” diskutieren, versprechen wir uns daraus meist einen Erkenntnisgewinn, indem wir zum einen die Meinung des Anderen zu verstehen lernen und zum anderen unsere eigene Meinung am Widerspruch überprüfen können. Doch selbst mit dieser Intention begonnene Diskussionen scheitern sehr schnell an einem Phänomen, das wir hier mal “Umschlag” nennen wollen.
Twitter-Blues
Vor einigen Tagen veröffentlichte Christopher Lauer, Fraktionsvorsitzender der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, auf FAZ.net seine Gründe für den weitgehenden Ausstieg aus der Plattform Twitter. Er monierte vor allem das Missverhältnis zwischen Öffentlichkeitswirkung und durch massenhaftes anonymes Anpöbeln erzeugten Stress. Auf Twitter selbst schlug ihm deswegen wenig überraschend Hohn und Spott entgegen. Mit skurrilen Tweets und seinem auf allen Medien offen zur Schau getragenen Mitteilungsbedürfnis hatte er zu dieser Reaktion allerdings nicht unwesentlich beigetragen. Der bei solchen Themen unvermeidliche Sascha Lobo hielt ihm das, ebenfalls auf FAZ.net, dann auch vor. Zugleich skizzierte er als systembedingtes Merkmal von Twitter den Verlust von Grautönen und zog den Schluss, dass die “Piraten” falsch lagen, als sie dieses Medium zum primären innerparteilichen Kommunikationskanal machten. Allgemein kritisiert wurde an Lauers Ausstieg, dass er sich damit auf die Medien beschränken wolle, die ihn vor unmittelbarem Feedback verschonten.
Was für ein Verlust!
Da die Online-Welt kein leibhaftiges Gegenüber kennt, täuscht sie manchmal darüber hinweg, dass man es mit echten Menschen zu tun hat. Menschen, die fühlen, die essen, schlafen, einen schlechten oder auch einen guten Tag haben können – und die eines Tages auch sterben.
Vielleicht schockiert es mich deshalb immer wieder besonders, wenn ich erfahre, dass Menschen gestorben sind, mit denen ich nur eine Online-Bekanntschaft gepflegt habe.
Neben dieser Art Schock hinterlässt Zettels Tod bei mir ein außerordentliches Gefühl von Verlust auf intellektueller Ebene. Kaum einen Blog habe ich in den letzten Jahren mit vergleichbarem Genuss und Erkenntnisgewinn gelesen, wie Zettels Raum. Er fehlt und wird fehlen.
Unser herzliches Beileid gilt seinen Angehörigen.
Hahn, Roth und ein Prinzip
Die Älteren werden sich erinnern: Vor einiger Zeit gab es hier was zum Thema “Diskussionskultur”. Unter anderem auch das “Prinzip der wohlwollenden Interpretation”. Dankenswerterweise beeilte sich die Realität, uns gleich zwei instruktive Beispiele zu liefern, ob und wie dieses Prinzip zur Anwendung kommt.
Ein Fortschritt
Heute erfahren wir, dass Peer Steinbrück bloggt. Oder besser: Er lässt bloggen, wie sich das für jemanden gehört, der keinen Wein unter 5 Euro die Flasche trinken kann. Ein neues Zeitalter der politischen Kommunikation ist angebrochen. Oder besser: doch nicht. Was Politiker und ihre Schreibknechte unter moderner politischer Kommunikation verstehen, lässt sich an zwei Beispielen deutlich machen, einem peinlichen und einem noch peinlicheren.
Wunschtraum
Das Internet wäre viel weniger Thema, wenn sich diejenigen, die sich dort zu politischen und gesellschaftlichen Themen äußern, nur diese beiden Regeln befolgten:
- Prinzip der wohlwollenden Interpretation
- Kritisiere nur Positionen, die du in nicht-karikierender Weise selbst einnehmen könntest.
Beide Regeln sind verwandt. Die erste Regel wird in Wikipedia recht gut beschrieben. Und in Netzdiskussionen regelmäßig verletzt, denn hier gilt auch unter nominell Gleichen die Vorschrift, die eigentlich den staatlicher Gewalt ausgesetzten Verhafteten schützen soll: “Alles, was Sie sagen, kann und wird gegen Sie verwendet werden.” Nur mit dem Unterschied, dass an Stelle des Rechts zu schweigen die Pflicht dazu impliziert wird.
Die zweite Regel ist eine Prüfung, die sich jeder Diskussionsteilnehmer selbst auferlegen sollte, bevor er zur Kritik ansetzt. Denn genügt er ihr nicht, ist die Gefahr groß, dass er anstelle der Meinung des Gegenüber nur den Strohmann im Visier hat, den er mit Genuss zu bekämpfen gelernt hat. Allerdings ist das Verstehen der anderen Position Voraussetzung dafür, dass sich eine Diskussion überhaupt lohnt.
Ob dieses Blog immer beiden Regeln folgt, ist nicht sicher. Im Beitragsteil wahrscheinlich aus Lust an der Polemik weniger als im Kommentarteil. Aber wir tun unser Bestes und nehmen diesbezügliche Ermahnungen ernst. Aber natürlich nur, wenn sie selbst den Regeln entsprechen
Über Aufschreie, Ismen und das Internet
Es ist mal wieder das passiert, was immer passiert, wenn eine Sau durchs öffentliche Dorf getrieben wird: Ein Qualitätsmedium schreibt einen Skandal herbei, jemand diagnostiziert irgendeinen Ismus, der das ganze Land befallen haben soll (aber gemeint sind natürlich immer nur “die Anderen”) und im Netz wird bessergewusst, gejammert, verurteilt, gemotzt und vor allem jeder mit einer anderen Meinung verdammt und beleidigt, bis der Adolf kommt.
Anlass diesmal war ein Artikel in einem deutschen Qualitätsmedium, das vorher nur noch dafür bekannt war, diesem Land mal einen wertvollen Dienst zur Erforschung der jüngeren Geschichte geliefert zu haben. Nachdem es ein Politiker nach jahrelangem Streben endlich geschafft hatte, sich vom völlig unbedeutenden Posten eines Fraktionsvorsitzenden einer Regierungspartei zum einflussreichen und mächtigen obersten Wahlkämpfer seiner Partei hochzuarbeiten, fiel nicht nur einer Qualitätsjournalisten ein, wie dieser Politiker sie vor einem Jahr mit anzüglichen Bemerkungen bedacht hatte, das Qualitätsmedium diagnostizierte darüber hinaus einen überhaupt weitverbreiteten Sexismus in der Politik.
Wirklich Antisemit?
Eigentlich wollte ich dazu überhaupt nichts schreiben. Denn zum einen hat Zettel wie fast immer recht, wenn er nicht gerade eine Aussage über die Kanzlerin trifft, und zum anderen habe ich überhaupt keine Motivation, meinen Beitrag als Verteidigung einer Person verstanden zu wissen, deren SPON-Kolumnen ich nie lese, weil ich sie meistens schon an der Überschrift erkenne und mein Bedarf an Unfug meist schon von den Lektüren eines gewöhnlichen Tages gedeckt ist.
Aber nun, da der hier dann letztlich doch immer wieder hochgeschätzte Henryk M. Broder mal wieder einen Antisemiten als solchen entlarvt hat und die Meinungen dieser Person es dadurch in die Antisemitismus-Top-Ten des vor allem ob des Namensgebers hochgeachteten Simon-Wiesenthal-Zentrums geschafft haben, und da sowohl meine Blogroll als auch meine Twitter-Timeline von Leuten wimmeln, die sich ausgiebig mit dieser m.E. völlig nebensächlichen Angelegenheit auseinandersetzen, die wahrscheinlich ohne die berühmte Person, der der Angegriffene seinen Nachnamen verdankt, keine Sau interessieren würde, steche ich dann auch mal ins Wespennest.
Über die Qualität von Kommentaren und mehr
Nachdem auch dieses Blog, wie es aktuell aussieht, seinen Zenith überschritten hat, was allerdings keine Aussage über die Art und Dauer des Niedergangs erlaubt
, darf man als Autor vielleicht auch mal anfangen, über die eigenen Erlebnisse in der Blogosphäre zu sinnieren.
Der Schreiber dieser Zeilen möchte sich an dieser Stelle mal den Kommentaren widmen.
Linke gegen Vielfalt
Wer auch immer als Nichtlinker in Blogs oder auch sonst im Internet seine Meinung kundtut, wird ihn kennen, diesen unweigerlichen, so sicher wie das Amen in der Kirche folgenden Reflex seiner linken Opponenten, ihn aus diskussionsökonomischen Gründen in die rechte Ecke zu stellen. Das einfach gestrickte Hirn eines wackeren Linken braucht klare Verhältnisse: Er ist auf der Seite des Guten, Wahren und Schönen, und alle, die ihm widersprechen, müssen demzufolge auf Seiten des Bösen stehen. Und das politisch einzig allseits als das Böse Anerkannte ist nun einmal auf der äußersten Rechten zu finden, sprich: bei den Nazis. Industriell organisierter Völkermord stellt die Spitze des Amoralischen dar, daran kann – welch Freude für den wackeren Linken – auch die größere Zahl der durch die kommunistische Utopie ums Leben Gekommenen nichts ändern. Was letztere zwar nicht exkulpiert, aber wen interessiert denn schon der Zweitplatzierte?
Mal wieder ein Linktipp
Über Ungarn liest und hört man wenig. Das liegt z.T auch daran, dass Ungarisch einer Sprachfamilie angehört, zu der man weder als Deutschsprachiger noch als jemand, der eine slawische Sprache wie Russisch oder Polnisch beherrscht, leicht Zugang findet. Zum Glück gibt es das Blog “Pusztaranger“, das uns über die Entwicklungen in Ungarn auf dem Laufenden hält. Zwar ist dieses Blog politisch relativ eindeutig links positioniert, aber das mindert seine kritische Funition im deutschsprachigen Raum nicht. Auch für liberale Demokratiekritik lassen sich angesichts der äußerst eindeutigen Mehrheitsverhältnisse Ansatzpunkte finden.
Man lese und denke.
Die Tugendwächter kommen wieder
Die Tugendwächter kommen wieder. Sie haben lediglich ihre Garederobe gewechselt. Bei genauerem Hinsehen sieht sie wie ein Mao-Anzug aus, denn Gleichförmigkeit ist die neue Norm. Der Kampf gegen Diskriminierung entpuppt sich als Kampf für die Durchsetzung vorgegebener Idealvorstellungen. Es soll sie geben, die schöne, moderne Welt. Dass der Mensch noch nicht ganz so weit ist, ist allein darin begründet, dass er von reaktionären Kräften an seinem Gutsein gehindert wird. Dann müssen die Tugendwächter natürlich einschreiten, denn alles, was diesen notwendigen Prozess aufhält, den vorgegebenen Gang der Geschichte stört, ist als Teil des noch irdisch Bösen zu stellen und zur Strecke zu bringen.
Generell hat “Zettel” dazu Interessantes geschrieben.
Aber hier soll es um einen konkreten Fall gehen, und zwar um eine mehr oder weniger geschickte Werbeaktion der Lufthansa. Die hat nämlich versucht, ihren Kunden, die bereits mit einer “Miles & More Credit Card” gesegnet sind, auch noch eine dieser “Partnerkarten” aufzuschwatzenzu verkaufen. Als Aufmerksamkeit erzeugendes Stilmittel verwendete sie dazu einen erfundenen Brief einer Frau an ihren Lebensabschnittsgefährten, in dem sie ihren Wunsch nach einer derartigen Kreditkarte zum Ausdruck bringt, garniert mit einem Kusslippenabdruck (mehr dazu siehe hier). Wahrscheinlich hätte sich der Schreiber dieser Zeilen über diese Werbung auch geärgert. Zum einen, weil er sich über unverlangt zugesendete Werbung immer ärgert (leider wissen die entsprechenden Unternehmen nicht, wie sehr sie ihn damit vergraulen). Zum anderen aber auch, weil diesen Versuch des “sex sells” als absolut unglaubwürdig und lächerlich abgetan hätte. Dann doch lieber eine Vollbusige als Blickfänger – das geht wenigstens direkt ins Rückenmark und erspart den gefährlichen Weg über das Gehirn.
Aber – ups! (weiterlesen …)
Der tanzende Nietzsche
Wenn man vorher mal groß angekündigt hat, nicht mehr viel Neues schreiben zu wollen, darf man sich hoffentlich ungeniert selbst zitieren. Der folgende Text wurde nicht zufällig vor ca. einem Jahr in einem "Wochenrückblick" für dieses Blog verfasst und zeugt somit von der ewigen Wiederkehr des Gleichen:
Die liberale Blogosphäre und Twitterei empört sich über Tanzverbote zu Karfreitag. Es sind Momente wie dieser, die den Autor dieses Beitrags vor zu intensiver Cliquenbildung, auch neudeutsch "Vernetzung" genannt, zurückschrecken lassen. Sein Verständnis für diesen "Widerstand" hält sich in engen Grenzen. Wenn man sich zwischen einer jahrhundertealten Tradition eines Feiertags zum Innehalten und Nachdenken über die Endlichkeit auf der einen und dem Wunsch junger Menschen, an jedem von ihnen gewünschten Tag Party zu machen, auf der anderen Seite zu entscheiden hätte, dann hätte der Spaß ausnahmsweise mal keine Chance. Aber "Feier"-Tag wird heute eben nur auf eine Weise verstanden. Obwohl auch jemand wie Hayek davor gewarnt hat, Institutionen, die sich über Jahrhunderte erhalten haben, nicht zu respektieren, kann man von einem radikal-liberalen, individualistischen Standpunkt aus die staatliche Durchsetzung der Feiertagsruhe christlicher Feste sicher diskutieren und kritisieren. Es fiele dem Verfasser dieser Zeilen jedoch leichter, wenn er nicht das Gefühl hätte, dass hier Hedonismus und Kirchenhass nur einen Anlass suchen. Und diese beiden Haltungen wären dann eben weniger liberal… Der Widerstand gegen das Verbot, zu diesen Feiertagen nicht arbeiten zu dürfen, hält sich im Vergleich zu dem der Tanzwütigen doch auffallend genug bedeckt, um nicht diesen Schluss nahezulegen.
Zum xten: Was bin ich?
Ex-Mitbloggie Stefanolix macht in seinem Blog auf einen dieser beliebten politischen Einordnungstests aufmerksam. Viel Spaß dabei!
Hier übrigens die Werte des Schreibers dieser Zeilen:
Eine Erklärung
Es ist etwas ruhig geworden auf diesem Blog. Vermutlich wird sich das so bald auch nicht ändern.
Deses Blog ist auch ein wenig die Geschichte von Boche und Rayson, wie sie begannen, mit ihren unfertigen Ideen in eine damals (2005) reichhaltige und äußerst lebendige Szene politischer Blogs einzutauchen. Zur Erweiterung der Ideenbasis holten wir noch andere Autoren mit an Bord. In dieser Zeit entstanden viele schöne Texte. Es war insgesamt ein "sich Heranmeinen" an diverse politische und wirtschaftliche Fragestellungen, z.T. heftig diskutiert in den Kommentaren. Aber in so einem Prozess bleibt natürlich nicht aus, dass die wichtigsten Dinge irgendwann alle mal schon behandelt wurden, eben z.T. sehr intensiv und mit viel Gegenwind, und dass das Gefühl, denselben Dingen nach einiger Zeit so wiederzubegegnen, als habe es damals die Diskussion gar nicht gegeben, weil nämlich z.T. dieselben absurden, aber ideologisch gefestigten Positionen nicht nur fröhlich erneut vertreten werden, sondern zur öffentlichen "Wahrheit" werden, nur noch übrig lässt, diese Protagonisten für ihre ideologische Hartnäckigkeit zu bewundern. Für den Blogger, der am Erkenntnisgewinn interessiert ist, ist das Ergebnis jedoch, dass nicht das Argument, sondern der Betonkopf zählt. Auch eine Erfahrung.
Kleinen Kindern bringt man bei, demokratische Politik sei so etwas wie der Austausch von Argumenten. Das mag mal so gedacht gewesen sein, und es findet in Untiefen der Gesellschaft wohl auch hin und wieder statt, aber letztlich geht es nur um Macht. DIe Macht, mit viel Geld "Experten" zu kaufen. Die Macht, mit viel Zeit unliebsame Konkurrenz auszumanövrieren. Die Macht, mit Bild und Ton die Abbildung von Realität für die eigenen Zwecke hinzubiegen. Die Macht, mit Stimmgewalt andere niederzuschreien. Die Macht, mit körperlicher Gewalt andere zum Schweigen zu bringen. Und die Macht, Sprachregelungen treffen zu können. Argumente spielen hier nur eine dekorative Rolle.
Wir wollen das jetzt nicht verurteilen. Vielleicht geht es nicht anders. Es hat aber eine Auswirkung auf unsere Lust am Bloggen. Denn wenn Argumente im demokratischen Prozess letztlich nicht zählen, hat politisches Bloggen nur die Wahl, sich entweder am Ringen um die Macht zu beteiligen, oder nur noch einem Ritual zu frönen, das uns jeden Tag aufs Neue als irrelevant präsentiert wird. Ersteres ist für uns keine Option, jedenfalls nicht als Blogger, und letzteres nun einmal keine besonders wirkungsvolle Motivation.
Wie es hier weitergeht, bleibt daher offen. Womöglich werden die Beiträge seltener und kürzer. Womöglich werden hier des öfteren nur noch Aphorismen zu lesen sein, weil dieses Stilmittel am besten die Absurdität der Entwicklungen von Politik und Gesellschaft einzufangen in der Lage ist. Und womöglich raffen sich Boche oder ich doch noch mal zu einem längeren Beitrag auf. Wer inzwischen an gründlicheren Auseinandersetzungen mit diversen politischen Fragen interessiert ist, dem empfehlen wir einstweilen das Schmökern in unserem Archiv. Die Chance ist groß, dort fündig zu werden – versprochen!
Kommentare
Mehr und mehr Blogs entscheiden sich, Kommentare entweder nicht mehr zuzulassen oder strengen Regeln zu unterwerfen. Die Gründe dafür sind meistens nachvollziehbar. Als Blogbetreiber erwünscht man sich zwar Kritik, aber dabei denkt man weniger an das ellenlange Absondern von Glaubensbekenntnissen politisch Anderdenkender, verbunden mit Links auf ihre Säulenheiligen. Auch wenn es die "anderen" meist nicht erahnen, so ist doch meistens davon auszugehen, dass Blogger, die sich politisch eindeutig äußern, die generellen Gegenpositionen hinreichend kennen. Sie so zu behandeln, als würden sie unwissend durchs Leben stolpern oder auch derart, als seien sie Agenten im Dienst einer dem Wohl der Menschheit feindlich gesonnenen Macht, trägt in der Regel wenig bis nichts zum Erkenntnisfortschritt noch nicht festgelegter Leser bei, und für den Rest ist es eh wertlos.
Das gesagt, ergeben sich zwei Konsequenzen, eine allgemeiner Art und eine spezielle, auf dieses Blog bezogene. Die allgemeine Konsequenz ist die, allen Hoffnungen skeptisch zu begegnen, die sich vom Internet einen Demokratiefortschritt versprechen. Im Internet ist es so wie überall anders auch: Die lautesten Schreihälse erhalten am meisten Aufmerksamkeit. Nur dass die Voraussetzungen, im Internet als ständiger Schreihals aufzutreten, andere sind als im bisher normalen Leben, wo man z.B. mindestens über ein gewisses Stimmvolumen verfügen musste. Physische Differenzierungsmerkmale entfallen aber im virtuellen Raum und werden dort durch meist verbale, oft aber auch durch solche geschickt eingesetzter visueller Kommunikation ersetzt. Und, noch schlimmer: Für Fanatiker ist das Internet der ideale Raum, weil sie dort z.B. ihre Stimme multiplizieren können, ohne dass dies unmittelbar auffällt. Einfach ein anderes Pseudonym verwendet, und schon wird aus dem einsamen Kämpfer für den Nonsens eine Armada der Gerechten. Und leider ist das kein Argument gegen die Verwendung von Pseudonymen, denn zu überprüfen, ob ein verwendeter Name echt ist oder nicht, wäre ein Aufwand erforderlich, denn liberal gesinnte Menschen dem Staat lieber ersparen würden.
Kommen wir zur speziellen Konsequenz. Es gibt sie nicht, denn wir leben bereits danach. Zum Glück sind wir von der Popularität eines Blogs, das locker hunderte von Kommentaren provoziert, Lichtjahre entfernt. Das heißt, wir können es uns noch leisten, Kommentare individuell zu behandeln. Und genau damit können all diejenigen weiter rechnen, die hier dankenswerterweise ihren Senf hinterlassen. Ihr könnt euch darauf verlassen: Wir tolerieren nicht alles immer, aber (fast) alles mindestens einmal und vieles auch öfter. Und wenn wir etwas zu motzen haben, sagen wir es, so dass sich jeder Kommentator entscheiden kann, ob er vielleicht einen anderen Weg einschlagen will oder nicht. Dass aber tun wir durchaus offensiv. Die unbeschränkte Meinungsfreiheit, für die wir eintreten, hat auf diesem Blog ihre Grenze im Eigentumsrecht. WIll sagen: Gebt für eure antisemitische oder antiamerikanistische Propaganda euer eigenes Geld aus, aber nicht unseres. Wir treten für euer Recht ein, das zu tun, aber nicht für das, die von uns zur Verfügung gestellten Ressourcen dazu zu verwenden. Alle anderen Meinungen, die uns vielleicht nicht passen, aber auch nicht gerade als Beleidigung gegenüber uns oder anderen eingestuft werden können, bekommen hier höchstens mal Gegenfeuer, werden aber nicht gelöscht. Wobei die Einstufung, welcher Kommentar unter welche Regel fällt, hier leider dem subjektiven Urteil der Blogbetreiber überlassen ist. Wir bemühen uns aber um eine möglichst weite Auslegung, und demzufolge gab es hier noch nicht allzu viele Löschungen bzw. Sperrungen. Wir bitten außerdem um Nachsicht, dass Stammkommentatoren eine vielleicht etwas größere Narrenfreiheit besitzen, aber es ist schon nicht unwichtig, ob man jemandem vertrauen kann oder nicht.
Bekenntnis eines Friedrich-Verstehers
Nicht nur in den üblichen Netzkanälen von Blogs bis Twitter ist die Empörung über den Bundesinnenminister Friedrich groß, auch der FAZ-Mitherausgeber Schirrmacher frönt seinem nach Genforschung und demografischer Entwicklung neuen Hobby und findet harte Worte, die ihm allerdings von fachkundiger Seite auch mundgerecht serviert wurden.
Deswegen ist es an der Zeit, eine Lanze zu brechen für diesen Mann.
Es gehört doch quasi zur "job description" eines CSU-Innenministers, sich mit liberalen Kräften anzulegen. Das ist nicht dem armen Herrn Friedrich zur Last zu legen, das will die Partei, der er angehört, so und nicht anders. In Bayern redet man zwar gerne von "Laptop und Lederhose", aber soweit es die CSU betrifft, ist mit "Laptop" lediglich gemeint, dass man Siemens subventioniert, was nach den Restrukturierungen dort zwar immer schwerer begründbar wird, aber in einem traditionsreichen Land dennoch nicht so schnell aufgegeben werden kann. Mit diesen seltsamen Typen, die einfach so, ohne es vom CSU-Bürgermeister oder wenigstens dem Dorfpfarrer erteilt bekommen zu haben, das Wort ergreifen und sich im Netz an Diskussionen beteiligen, hat die CSU als solche nichts am gamsbartgeschmückten Hut. Und wenn schon, dann bitte mit Namen und Adresse, damit man diesen Unholden bei unbilligen Äußerungen wenigstens noch das Handwerk legen kann. Es muss doch alles seine Ordnung haben.
Wer aber darauf besteht, dass der Staat weder den privaten E-Mail-Verkehr mitliest noch auf der privaten Festplatte herumschnüffelt, der ist aus Sicht eines aufrechten CSUlers vor allem eins – verdächtig. "Wer nichts zu verbergen hat, der braucht auch nichts zu befürchten!", so heißt die Devise eines CSU-Innenpolitikers. Und das ist auch äußerst verständlich, denn in Bayern hat auch der nichts zu befürchten, der etwas zu verbergen hat. Wenn er denn der CSU angehört.
Es ist also der völlig falsche Ansatz der "net citizens", den Herrn Innenminister persönlich anzugreifen. Aus seiner Sicht macht er alles richtig.
Bloggertreffen in Gummersbach 21.-23.10.2011
Hier noch ein kleiner Veranstaltungshinweis: Vom 21.-23.10.2011 veranstaltet die Friedrich-Naumann-Stiftung "Für die Freiheit" das "4. Blogger-Woodstock". Kommen kann jeder, der sich für’s Bloggen interessiert. Mehr zum Inhalt und wie man sich anmelden kann, steht hier.
Öffentlich-rechtliche Blockwarte beim NDR
Drüben bei unseren Feunden vom A’Team, da schreiben auch ein paar Leute, die entweder in Diensten der Friedrich-Naumann-Stiftung stehen oder für einen bekannten Bundestagsabgeordneten arbeiten. In der Regel erscheint unter deren Beiträgen eine Art "Disclaimer", dass sie nur ihre eigenen Meinungen und nicht die ihres Arbeitgebers verbreiten.
Diese Disclaimer wurden von einigen Kommentatoren kritisiert, meistens auch deshalb, weil sie als überflüssig empfunden wurden. Wer kann denn ernsthaft der Meinung sein, nur weil man in einem Blog einen Artikel verfasse, müsse der automatisch die Meinung des Arbeitgebers widergeben? Von wegen Demokratie, freier Meinungsäußerung und so ‘nem Krams.
Nun begab es sich aber, dass ein linker Blogger, bei dem andere Meinungen unvorstellbar üble Beschwerden hervorrufen müssen, einen Brief an einen der Arbeitgeber der dort bloggenden Autoren verfasste, in dem er mit Hilfe des unter seinesgleichen sehr beliebten Stilmittels "guilty by association" einen bestimmten Autor und damit das ganze Blog in die Nähe rechtsextremer Positionen zu rücken versuchte, mit dem unverhohlenen Ziel, diesen Arbeitgeber wegen der Besorgnis, in diesen so frei erfundenen "Sumpf" mit hineingezogen zu werden, zu Sanktionen gegen seine Mitarbeiter zu veranlassen oder wenigstens den ungeliebten Autor mundtot machen zu lassen.
Dem Uhl sine Nachtigall zwitschert wieder
Dieses Blog hier wird von zwei Leuten betrieben, die mit ihrer Meinung zu allem möglichen Zeugs nicht hinter dem Berg halten. Warum verwenden sie dabei Pseudonyme?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist, dass das Internet wie ein großes Archiv funktioniert. Was hier einmal eingestellt wurde, lebt sozusagen für immer. Zugleich entsteht gerade bei typischen Blogdiskussionen, die sich ja oft gleichzeitig in mehreren Blogs abspielen, ein für Außenstehende nicht immer leicht zu entwirrender Kontext. Entnimmt man diesem einzelne Sätze oder auch sogar Beiträge, ohne den ganzen Rest mitzuliefern, können sich die dadurch entstehenden Aussagen vom eigentlich Gemeinten schnell entfernen. Hinzu kommt, dass man im Netz nie weiß, an wen man seine Worte richtet. Bei Bloggern mit einem gewissen kommentierenden Stammpublikum entsteht zwar leicht die Illusion eines begrenzten Leserkreises, aber prinzipiell trötet man hier seine Meinung in die ganze Welt hinaus. Auch zu Leuten, denen gegenüber man, wenn man sie und ihre Vorlieben und Abneigungen denn kennte, vielleicht ab und zu etwas anders formuliert hätte.
Es gibt eine Sprache, die versucht, auf all solche Dinge Rücksicht zu nehmen. Unsere Politiker verwenden sie. Denn auch sie müssen damit rechnen, dass all ihre öffentlich gesprochenen Worte aufgezeichnet, aufbewahrt, aus dem Sinnzusammenhang gerissen und einem anderen als dem ursprünglich adressierten Publikum zur Kenntnis gebracht werden. Und ehrlich: Wollen wir diese Art Sprache etwa auch in Blogs lesen müssen?
Im Gegensatz zu Politikern sind Blogger aber meist Amateure, die sich ihre Brötchen woanders verdienen müssen. Und leider gibt es schon statistisch gesehen da draußen im Netz genug Fanatiker, die genau an diesem Punkt ansetzen wollen. Unsere Kollegen vom A’Team, wo der Klarname des Betreibers schon immer bekannt war, erleben das jetzt bereits zum wiederholten Mal, diesmal allerdings noch angereichert um die bei Fanatikern und Verschwörungstheoretikern besonders beliebte Variante "guilty by association".
Gerade weil Sie, lieber Herr Uhl, und Sie, lieber Herr Friedrich, diese Probleme gar nicht kennen, sollten Sie vielleicht besser einen ebenso bekannten wie guten Ratschlag von Dieter Nuhr beherzigen.