8. Januar 2010
Ein seltsamer Fall
Warum sollte sich ein nach Aussage von Freunden und Bekannten “lebensfroher” junger Mann selbst in Brand setzen? Welchen Grund könnte ein Polizeibeamter, der den jungen Mann gar nicht kennt, haben, diesen ermorden zu wollen? Wie kann es sein, dass ein Gefesselter eine feuerfeste Matratze in Brand setzen kann, obwohl seine Zelle regelmäßig in Augenschein genommen wurde? Wie kann ein Polizeibeamter bei der Durchsuchung einer Person, die in eine Einzelzelle gesperrt und dort fixiert werden soll, ein Feuerzeug übersehen? Wieso taucht das Feuerzeug, mit dem ja offenbar der Brand gelegt wurde, nicht sofort, sondern erst mit einem Tag Verzögerung auf der Inventarliste der Zelle auf? Warum wird nicht intensiv nachgeforscht, um wessen Feuerzeug es sich eigentlich handelte? Wie kann ein Polizeibeamter einen Feueralarm einfach wegdrücken, anstatt ihm nachzugehen – besonders, wenn er die Gegensprechanlage leise gestellt hat?
Wie kann es sein, dass Polizeibeamte in ihrer eigenen Wache nicht genau wissen, wo sich ein Feuerlöscher befindet? Warum steht der Feuerwehr kein Lageplan zur Verfügung, wenn sie den Unfallort erreicht? Warum veränderten sich die Aussagen einiger Beamter im Laufe des Prozesses so stark? Wie kann es sein, dass die ermittelnden Beamten ausgerechnet bei einem offenbar so wichtigen Fall, in den Kollegen verwickelt sind, mehrfach vergessen, die Aussagen gegenlesen oder unterzeichnen zu lassen? Warum wird zur Analyse eines Brandortes, wo offensichtlich eine Brandstiftung vorliegen muss, weder ein Brandsachverständiger noch ein Gaschromatograf hinzugezogen?
Und das ist nur ein Teil der Fragen, die im Prozess um den Feuertod von Oury Jalloh ungeklärt geblieben sind. Zwar neige ich persönlich dazu, im Zweifelsfall erst einmal den Aussagen und Positionen von Polizeibeamten zu glauben, doch in diesem Fall sind dieselben wirklich viel zu widersprüchlich, zu ungenau und zu sehr darauf gerichtet, die Wahrheitsfindung zu verhindern, als dass man sich so einfach auf Seiten der Angeklagten positionieren kann.
Und selbst, wenn man keinen Grund dafür erkennen kann, warum ein Beamter das Feuer gelegt haben sollte – denn das kann ich auch nicht – ist ein Freispruch, wie er vom Landgericht Dessau-Roßlau ergangen ist, einfach unglaublich. Denn zumindest hat ein Beamter, der für das Leben eines gefesselten Mannes verantwortlich war, durch verspätete Reaktion auf einen Feueralarm dieses Leben fahrlässig aufs Spiel gesetzt und ist für sein Ende verantwortlich. Zumindest.
Verfasst von Karsten um 11:47 Uhr in der Kategorie Allgemein (Trackback)
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