Schluss mit der subventionierten Hochschulbildung?
Während hierzulande die sehr kurze Geschichte der Studiengebühren unter allgemeinem Jubel zu Ende geht (nur die FDP wehrt sich noch dagegen), fragt Bryan Caplan auf Econlog ganz unverblümt, wie man denn überhaupt die staatliche Subventionierung von höherer Bildung rechtfertigen könne.
Aus seiner Sicht ist mindestens die Hälfte dessen, was an (auf deutsche Verhältnisse übertragen) Unis so gelehrt wird, für die spätere Berufspraxis weitestgehend unwichtig, bildet also im engeren Sinn des Wortes kein “Humankapital”.
If you actually measure learning, students usually learn little, quickly forget most of what they learn, and fail to apply what they still know even when their education is actually relevant.
Stattdessen sei der erfolgreiche Besuch einer Hochschule vor allem ein Signal für die Umwelt, insbesondere potenzielle Arbeitgeber, dass man schlau, strebsam und konformistisch ist. Wenn man das nicht glaube, solle man sich doch einfach als Gasthörer in eine Top-Uni setzen, Dort bekommt man schließlich alles mit, was auch die Absolventen mitbekommen. Seltsamerweise tut dies kaum jemand.
Die Subventionierung von Hochschulzugängen sorge aber für mehr Leistungsdruck: Wenn die Hürden niedriger werden, muss man den potenziellen Arbeitgebern durch noch bessere Noten, noch mehr Praktika, noch mehr Fremdsprachen oder soziales Engagement zeigen, dass man zu den Besten gehört.
Und wie sieht es mit der Selbsterfahrung aus? Manche Zeitgenossen behaupten ja, es sei Aufgabe der Steuerzahler, dafür zu sorgen, dass die Minderheit derer, die eine Hochschule besuchen, ungehindert von den Unbilden des Wirtschaftslebens und ungestört von den Anforderungen ihrer Mitmenschen ihren ureigensten Interessen und Neigungen nachgehen können, damit sie letztlich erleuchteter aus der Uni wieder herauskommen, als sie hineingegangen sind. Caplan verwirft diesen Ansatz nicht (was diesem Autor nicht passiert wäre), sondern er bezweifelt, dass er in der Realität tatsächlich so umgesetzt wird. Seiner Erfahrung nach interessiert den größten Teil der Studenten das alles gar nicht.
Und was ist mit den Studien, die zum Ergebnis kommen, dass Uni-Absolventen der Gesellschaft tatsächlich mehr “bringen” als ihre Ausbildung kostet? Da wäre doch die Frage angebracht, ob solche Statistiken nicht maßgeblich durch wenige, sehr gut bezahlte Abgänger von einer ebenso geringen Zahl Studiengängen verzerrt wird. Und zwar durch genau jene, die auch keine Schwierigkeiten hätten, mit einem System nachgelagerter Studiengebühren oder großzügiger Darlehen zurechtzukommen. Was dann folglich bedeutet: Die Subventionierung ist erforderlich für alle, die der Gesellschaft eben nicht soviel zurückgeben, wie diese vorher in sie investiert hat. Und auch wenn es letztlich zu einseitig ist, den Nutzen nur monetär zu messen, sollte die Gesellschaft doch aber darauf bestehen, dass sie irgendeine nachvollziehbare Art davon zu sehen bekommt. Darunter könnte auch ein Fortschritt in der Forschung eines Orchideenfachs fallen – diese muss dann aber subventioniert werden, und wenn die dazu erforderlichen Spitzenabsolventen dieser Fächer dann vom Staat nicht auch mit Spitzengehältern versehen werden, brauchen sie dann ebenso für ihre Ausbildung eine Unterstützung. Nur: Wo hat denn die Gesellschaft eine Chance, darüber tatsächlich zu entscheiden? In den Fächern, deren Absolventen sich im Zoo da draußen bewähren müssen, hat sie es durch Angebot und Nachfrage. Wenn Demokratie aber so ein großartiges Instrument ist, dass alles Mögliche damit zu entscheiden ist, warum dann nicht auch, wieviele Theaterwissenschaftler oder Philosophen sie sich leisten kann und will?
bisher 13 Kommentare » Kommentare
Das ist inzwischen auch nicht mehr wahr. Wenn ich mir Statistiken aus Spanien oder anderen westlichen Ländern so ansehe, dann haben oft über 50% der Bewohner eines Landes studiert. Es mag vielleicht immer noch ein Privileg sein, aber es gibt schon eine Schlagkräfte Lobbygruppe von “Studierten”, die in Hochschulen folglich auch eine bedeutende und daher fördernswerte gesellschaftliche Insitution sieht.
Ich kann mir schon vorstellen, dass z. B. Mathe-, Physik- oder auch BWL- oder Jurastudenten mehr “gesamtgesellschaftlichen Nutzen” erbringen als Theologen, Theaterwissenschaftler oder Historiker usw.
Ob erstere deshalb kein Problem mit Studiengebühren hätte oder nicht ist eine andere Frage. Einige Talente könnten die Gebühren schon erfolgreich vom studieren abhalten. Das kann man in Ländern mit Studiengebühren sehen. Natürlich kann man den Effekt kompensieren durch Begabtenstipendien oder es einfach hinnehmen, sicherlich kann eine Gesellschaft damit leben.
Das würde nur passieren, wenn die “Spitzenabsolventen” später keinen Platz als Professor irgendwo finden können.
Davon mal abgesehen: Muss der Bürger nicht selbst entscheiden, was er als Vorteil für sich ansieht? Ich meine, welche Instanz kann es einer Gesellschaft oder einem Einzelnen z. B. verbieten, wenn er möglichst viele Absolventen der Theologie als etwas positives ansieht oder möglichst viele Theater?
Natürlich gibt es verschiedene Vorstellungen von Bildung und welche davon für eine Gesellschaft Grundlage des Handelns wird, das entscheidet sie letztlich selbst.
Die Frage ist doch: Wie?
Wunderbar auf den Punkt gebracht.
Soll der Markt entscheiden, bloß nicht die Gesellschaft.
Interessanter Ansatz, nur nicht der des Beitrags.
Ich möchte nur auf einen Fakt hinweisen: Sowohl der Markt als auch demokratischen Abstimmungen sind letztlich kollektivistische Antworten, weil die Option, für die sich nur eine kleine Minderheit entscheidet, mit der Zeit verschwinden wird. Ob nun, weil sie unrentabel ist oder weil sie einfach abgewählt wird.
Ich bin mir bewusst, damit eine Menge Widerstand zu ernten, aber meines Erachtens handelt es sich hier sowieso nicht um eine rein marktwirtschaftliche Entscheidung.
So schwer zu verstehen finde ich ihn eigentlich nicht, aber ich kann mich natürlich getäuscht haben. Dann drücke ich mich in diesem zweiten Versuch mal anders aus, ohne etwas anderes zu meinen:
Die Demokratie ist ja gerade das Instrument welches dem Staat oder der Gesellschaft derlei Entscheidungen erspart, weil sie individuell getroffen werden können. Das setzt allerdings einen Markt voraus, eben auch bei der Bildung. Studieren darf kein Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhaltes sein, sondern die Vorbereitung auf ihn, als Investition für eine höhere langfristige Gewinnaussicht. Das impliziert ein gewisses Risiko wie bei jedem Geschäft; welches geringer gehalten werden kann, sieht man sich das Angebot und die Nachfrage an.
Man muss das nicht tun, wenn man überzeugt ist zu den Besten zu gehören oder gern hohe Risiken eingeht.
Aber das Risiko muss bei dem Studenten liegen und eben nicht bei der Gesellschaft, weshalb sie auch m.E, gar nichts entscheiden braucht, außer dass der Student seine Ausbildung bezahlen muss – wie auch immer. Und damit meine ich nicht die Steuern welche er auf sein künftiges Einkommen bezahlt.
Ein Lehrling zahlt seine Ausbildung in dem er arbeitet und ein Meister zahlt seine Ausbildung in Euro. Die meisten Ausbildungen in der freien Wirtschaft müssen bezahlt werden. Also warum nicht auch das Studium?
Ein anderer Ansatz des Beitrages, wie ich ihn verstanden habe, geht von einer Ausnahmeregelung für Studenten aus und stellt die Frage nach der Planung von Akademikern als eine Züchtung der Gesellschaft. Aus diesem Grundgedanken entwickelt sich die Überlegung des gesellschaftlichen Nutzens von Orchideenforschung.
Diesen Ansatz des Beitrages habe ich allerdings wirklich nicht aufgreifen wollen. Ich bitte um Entschuldigung.
Ich finde es eher erstaunlich, dass wenn David Precht die weitgehende Sinnlosigkeit des Schulsystems aufzeigt, er hier auf diesem Blog dafür kritisiert wird. Aber jemand, der auf diesem Gebiet genauso viel Fachkompetenz besitzt, genau das Gleiche tut, nur weil er dies in Englisch tut und gleichzeitig für die Abschaffung der Subventionen in diesem Bereich plädiert, dafür gelobt wird.
@5.
Das ist, auf den Markt bezogen, ganz offensichtlich falsch. Dort können sich Nischen sehr oft mit Erfolg halten. Erst wenn die Mehrheit für die Minderheit alternativlos mitentscheidet, verschwinden die Wahlmöglichkeiten.
@7.
Das Erstaunen würde sich bei genauerem Lesen sicher legen. Ich helfe mal mit zwei Hinweisen: Schule und Hochschule sind nicht dasselbe. Und Precht ist hier nicht für seine Diagnose getadelt worden, sondern für seine Therapie.
Wo wird Caplan eigentlich im obigen Text gelobt?
Glaub mir: Ohne Strohmänner macht’s Diskutieren viel mehr Spaß.
Das liegt daran das in diesen Ländern meist kein Duales Ausbildungssystem existiert und berufsqualifizierende Abschlüsse nur über eine Hochschule möglich sind.
Da durch den europäischen Referenzrahmen inzwischen allerdings staatlich-geprüfte Techniker und Handwerker mit Meisterbrief wie ein Bachelor eingestuft werden, dürfte auch die Quote in Deutschland steigen
Der Grund warum Studiengebühren nicht gerechtfertigt sind liegt übrigens darin das es unstandesgemäß ist, wenn die Kinder des Bildungsbürgertums ihre hochwertige Berufsausbildung aus eigener Tasche zahlen müssten.
Das ist zwar kein liberales Argument, aber sicher Hauptmotivation gegen Studiengebühren zu kämpfen.
Die deutsche Klassengesellschaft in der sogar zwischen dem dipl.ing FH und einem echten dipl.ing von der Universität unterschieden wird bezieht aus sowas ihre Legitimation.
Mit welchen Recht kann man sich noch als gesellschaftliche Elite ansehen, wenn das Studium in der öffentlichen Meinung zur schnöden, teuren Berufsausbildung verkommt ?
Ja aber was ist mit den zahlreichen armen aber hochbegabten Kindern, deren Väter allesamt im Kohlebergwerk schuften und deren Mütter putzen oder in der Näherei arbeiten müssen, damit die Familien halbwegs über die Runden kommen ? Mit Studiengebühren bleiben doch Scharen an potentiellen Nachwuchs-Astrophysikern unentdeckt.
@10.
Die Ironie war unübersehbar, aber zur Klarstellung nochmal ein Selbstzitat:
Also her mit den Astrophysikern!
Korrigiert mich wenn ich falsch liege:
Aber in Bayern liegen die Studiengebühren ungefähr bei 500€/Semster, passt das?
Wenn ich für meinen Teil in ein Wohnheim gekommen wäre, hätte ich gegenüber meiner jetztigen Situation ca. 600€/Semsester gespart.
Irgendwo fehlt da eine gewisse Verhältnismäßigkeit, mag das sein? (Und nächstes Jahr kommt der Doppeljahrgang in NRW, das wäre mal ein echtes Problem, um das sich die Hochschulpolitiker kümmern sollten.)
500 bis 1100 €uro pro Semster sind doch günstig.
Bei der Handwerkskammer Oberfranken kostet die Fortbildung zum Meister im Bereich Elektrotechnik schlappe 10388 €uro, ohne Kosten für Lebensunterhalt und Wohnen bei zwei Jahren Vollzeitunterricht.
Mach schlappe 2600 €uro pro Semester.
Aber der Meister ist eine Fortbildung die bei bestehen der Prüfungen dazu berechtigt in leitender Funktion tätig zu sein und ermöglicht dadurch den Zugang zu gut bezahlten Arbeitsplätzen.
Das ist ja bekanntlich etwas ganz anderes als ein Jura, Medizin oder BWL Studium, die ja nur der Bildung dienen.
http://www.hwk-lernen.de/xist4c/web/Kosten-und-Gebuehren-fuer-die-Meisterschule-Elektrotechnik_id_2561_.htm