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Der Fluch des Experten

Da ist man der Ansicht, man kenne sich bei einem Thema so richtig gut aus. Man verkauft Bücher in wahrnehmbarer Anzahl, es erfolgt sogar der Ritterschlag durch die öffentlich-rechtlichen Hofschranzen und man wird zu – ich bitte um andächtiges Innehalten! – Talkshows eingeladen!

Wer vermöge dieser Versuchung des eigenen Egos zu widerstehen, und nicht die nächste Revolution ausrufen? Um also die Welt zu bekehren zum wahrhaft richtigen, von einem selbst doch so wunderbar erkanntem Wege?
Denn ein echter Experte, den der Eifer des Weltverbesserns ergriffen hat, wird sich nicht begnügen mit Aufklärung der Mitbürger und dem langweiligen Vermitteln seines Wissens. Angesichts der Dummheit der Massen verspräche das leider keine, der Genialität der eigenen Gedanken angemessene Erfolgsgarantie. Nein! Das Erkannte möge per Revolution, per Machtergreifung der Besser-Wissenden durchgesetzt werden. (Ob die Herkunft aus dem “stark linksstehendem Milieu” [Wikipedia] hier noch als mögliche Erklärung der gezeigten Geisteshaltung angeführt werden muss, bewegt sich dann doch eher zwischen psychoanalytischer Ferndiagnose und purer Unterstellung.)

Wegen solcher Leute gab und gibt es Liberale und den – im Vergleich revolutionären – Gedanken, dass niemand die Wahrheit gepachtet hat. Dass stattdessen möglichst jeder die Gelegenheit haben sollte, für sich selbst und seine Kinder zu entscheiden.

bisher 16 Kommentare » Kommentare
  1. Rayson sagt am 24. 09. 2012 um 23:25 Uhr:

    Liberal wäre der Satz: “Lasst uns doch mal verschiedene Dinge ausprobieren.”

    Aber so tickt man auf dem anderen Ufer nicht. Da wird wissenschaftlich abgeleitet, demokratisch entschieden und dann mit Gewalt umgesetzt.

  2. Klaus sagt am 25. 09. 2012 um 00:06 Uhr:

    @1
    Ok, nur was machen dann die Verlierer dieses Ausprobierens? Diese Dinge lassen sich ja nicht so einfach korrigieren bei ca. 20 Jahren Vorschule/Schule/Berufsausbildung/Studium. So eine lange Zeit zwischen Saat und Ernte ist doch nicht nur ein Problem des hiesigen politischen Systems, sondern durchaus ein grundsätzliches.

    Ich habe keine Kinder und bin froh da keine Entscheidungen treffen zu müssen angesichts der Unsicherheiten.

    FWIW In BW haben dank Grün-Rot Eltern etwas mehr zu entscheiden. Mal sehen wie sich das auf Hauptschulen und Werkrealschulen auswirkt.

  3. Rayson sagt am 25. 09. 2012 um 00:13 Uhr:

    @2.

    Und was machen die Verlierer eines Zwangssystems? Das sind dann schon mal (c.p.) deutlich mehr… Und man kann das Überprüfen ja auch zwischendurch ansetzen.

    FWIW In BW haben dank Grün-Rot Eltern etwas mehr zu entscheiden. Mal sehen wie sich das auf Hauptschulen und Werkrealschulen auswirkt.

    Ich kann’s dir sagen: In einem Chaos, dessen Folgen niemand durchdacht hat. Weil das “mehr zu entscheiden” sich auf Dinge beschränkt, die im gegebenen System eine Berechtigung hatten und nun einfach mal populistisch aufgehoben werden. Zum Beispiel Schüler, die die Neunte nicht bestanden haben, jetzt aber in der Zehnten unterrichtet werden müssen. Mit Ziel Abschluss Neunte.

  4. Rayson sagt am 25. 09. 2012 um 00:18 Uhr:

    Anmerkung: Die Liebste dieses Bloggers ist eine erfahrene und von allen Seiten geschätzte baden-württembergische Hauptschul- bzw. Gemeinschaftsschullehrerin. Er bekommt daher alle schulpolitischen Probleme sozusagen hautnah mit.

  5. grenzenlosnaiv sagt am 25. 09. 2012 um 02:06 Uhr:

    Umso mehr Menschen für sich (und ihre Kinder) entscheiden können, desto mehr Fehler können sie machen. Deswegen ist es nur richtig, wenn man den Experten vertraut und sich fügt. Ich plädiere dafür, endlich einen Staat nach den Ideen Platos zu errichten, für unser Heil und das unserer Kinder! Liberale hatten nun lange genug ihre Chance und haben immer nur wieder versagt, Zeit für einen Wechsel hin zum wahrhaft Guten. Wir brauchen die Revolution nach Precht!

    Davon abgesehen; wie schlecht es um die Bildung der ‘Masse’ bestimmt ist, sieht man allzu gut daran, dass so einer wie Precht nicht nur gekauft und gelesen wird, sondern gar ernst genommen.
    Btw geht es mir ähnlich; ich habe auch einige Freunde, die in der Bildung tätig sind und ich kann sie alle nur ernsthaft bewundern.

  6. dirk sagt am 25. 09. 2012 um 08:51 Uhr:

    Interassnter Revolutionsgedanke: Motiviertere Lehrer und besserer UNterricht. Nur ein kluger Philosoph kann darauf kommen. Dass sich das Establishment dagegen wehrt – unglaublich.

  7. Am_Rande sagt am 25. 09. 2012 um 14:28 Uhr:

    Ich bin auch ein “Experte”, nämlich ein Precht-Experte…
    In dem Sinne, dass ich tatsächlich seine “Autobiographie” “Lenin kam nur bis Lüdenscheid – Meine kleine deutsche Revolution” gelesen habe.
    Und ja – der Titel ist das Beste am ganzen Buch; denn alles was der Autor aus seiner “linken” Erziehung gelernt hat, ist das der Sozialismus “irgendwie” eine gute Idee ist, die “irgendwie” schlecht umgesetzt wurde. Soweit – so originell.
    Daher war es für mich nur ein weiterer Schritt zur endgültigen(?) geistigen Verflachung des ÖR-Fernsehens, als die manchmal recht anregende Sendung “Das Philosophische Quartett” mit den Herren Sloterdijk und Safranski durch eine Sendung von und mit Herrn Precht ersetzt wurde…
    Aber wenn es Herr Precht ernst meinen sollte mit seiner “Bildungsrevolution” – hier ein Tip an ihn:
    Fordern Sie doch die “Zerschlagung” der “Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft” – das wäre doch mal ein Anfang…!

  8. Buenavista sagt am 25. 09. 2012 um 15:01 Uhr:

    Muss man den kennen?

  9. F.Alfonzo sagt am 25. 09. 2012 um 16:52 Uhr:

    Da wird wissenschaftlich abgeleitet, demokratisch entschieden und dann mit Gewalt umgesetzt.

    Danke, made my day.

  10. F.Alfonzo sagt am 25. 09. 2012 um 16:55 Uhr:

    Anmerkung: Die Liebste dieses Bloggers ist eine erfahrene und von allen Seiten geschätzte baden-württembergische Hauptschul- bzw. Gemeinschaftsschullehrerin. Er bekommt daher alle schulpolitischen Probleme sozusagen hautnah mit.

    Mein Beileid, an beide… Nicht zynisch sondern ernst gemeint. Die Liebste hat einen schwierigend Mist-Job, und der Liebste wird davon auch nicht unberuehrt bleiben.

  11. Rayson sagt am 25. 09. 2012 um 17:19 Uhr:

    @10.

    Danke, aber Beileid ist unnötig. Meine Liebste macht ihren Job äußerst gerne, trotz der Knüppel, die ihr eine Ministerialbürokratie ständig zwischen die Beine wirft.

  12. techniknörgler sagt am 30. 09. 2012 um 02:55 Uhr:

    Aber das ist ja nicht nur in der Bildung so. Das Arbeitsrecht und der Arbeitnehmerschutz waren ursprünglich mal dazu gedacht die Mündigkeit und Selbstbestimmung von Arbeitnehmern gegen übermächtige Großunternehmer zu bewahren, heute dient es als Ausrede für alle erdenklichen Bevormundungskonzepte.

  13. Erling Plaethe sagt am 30. 09. 2012 um 21:59 Uhr:

    Das Arbeitsrecht und der Arbeitnehmerschutz waren ursprünglich mal dazu gedacht die Mündigkeit und Selbstbestimmung von Arbeitnehmern gegen übermächtige Großunternehmer zu bewahren, heute dient es als Ausrede für alle erdenklichen Bevormundungskonzepte.

    Das Arbeitsrecht und der Arbeitnehmerschutz waren m.E. schon immer dazu gedacht die Arbeitnehmer zu binden um sie von einer Selbständigkeit abzuhalten. Gerade die Bindung an Großunternehmen sichert dem Staat durch die relativ hohen Löhne und Gehälter, ein Höchstmaß an kalkulierbaren Sozial- und Steuereinnahmen für den Erhalt und Ausbau des (Sozial-) Staates.

  14. Die Stimme aus dem Off sagt am 04. 10. 2012 um 20:17 Uhr:

    Ich habe die staatlichen Schulen mittlerweile aufgegeben. Ich denke es gibt in den meisten Städten nur noch wenige wirklich “gute” staatliche Schulen. Das sind meist solche mit einer langen Tradition und einem bekannten Namen, solche Schulen werden teils aus politischen, teils aus historischen Gründen “am Leben” gehalten. Der Rest wird kaputtreformiert. Es kennt wohl jeder derartige Vorzeigeschulen mit teils Jahrhunderte alten Wurzeln.

    Meiner Ansicht nach ist in Sachen Unterricht schon vor langer Zeit das Nonplusultra gefunden worden: Frontalunterricht. Der Rest ist Aktionismus.

  15. Klaus sagt am 04. 10. 2012 um 22:36 Uhr:

    Und Frontalunterricht ist auch am bequemsten für die faulen Säcke.

  16. Die Stimme aus dem Off sagt am 05. 10. 2012 um 08:56 Uhr:

    Ach komm’ schon. Lehrer sind dazu da Stoff zu vermitteln, nicht Erziehungsdefizite zu beheben. Zu nichts anderem dienen meiner Ansicht nach aber diese ganzen alternativen “Lehrmethoden”. Da werden irgendwelche neuen “Konzepte” entwickelt, die alle eines gemeinsam haben:
    Die begrenzte Aufmerksamkeitsphasen der Schüler zu überspielen – oder wenn man es etwas positiver ausdrücken will – “zu nutzen”.

    Diese Konzepte sind aber meines Erachtens nur erforderlich, weil es immer weniger Schüler hinbekommen dem vorne an der Tafel stehenden Lehrer mehrere Unterrichtsstunden lang zuzuhören. Stoff wird in diesen zum Frontalunterricht alternativen Unterrichtsmethoden stets weniger als im Frontalunterricht vermittelt.

    Es geht dabei eben mehr um Erziehung als um Stoffvermittlung.