Wie “Spiegel Online” lügt
“Spiegel Online” bezieht sich in einem Beitrag auf eine Studie des “Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung” und berichtet:
Seit Mitte der Neunziger Jahre ist laut Studie die Chance auf eine Vollzeitstelle vor allem für Menschen unter 30 deutlich gesunken: 1996 hatte noch mehr als jeder dritte unter 30-Jährige eine solche Stelle. 2009 war es nur jeder vierte.
Die Pressemitteilung des “Wissenschaftszentrums” hingegen:
Bei den unter 30-Jährigen sank der Anteil der Arbeitnehmer mit einem unbefristeten Vollzeitjob von 35 Prozent (1996) auf 24 Prozent (2009).
Unterschied erkannt? Eine befristete Vollzeitstelle ist keine Teilzeitstelle. Befristung und Arbeitszeit pro Woche sind zwei komplett unterschiedliche Phänomene, die auch meist unterschiedliche Personenkreise betreffen, obwohl sie in dem Oberbegriff “atypische Beschäftigung”, um den es in der Studie ging, miteinander verrührt werden.
Das Zitat von “Spiegel Online” ist also eine bemerkenswerte Verdrehung der Tatsachen. Man kann und muss den ganzen Artikel, inklusive Überschrift und “permanent URL” (“kaum-vollzeitstellen-fuer-arbeitnehmer-unter-30”) übrigens so beurteilen, weil sich diese Vermischung von Teilzeit und Befristung an mehreren Stellen findet.
Es gibt dafür wie üblich zwei Erklärungsansätze: Dummheit und absichtliche Irreführung. Mag sich bei SPON jeder das aus seiner Sicht Passende heraussuchen.
bisher 13 Kommentare » Kommentare
Muß man sich bei SPON etwas “aussuchen”? Also das wäre doch etwas ziemlich “Neues”
Man kann Fahrlässigkeit und (oder) Inkompetenz nie ganz ausschließen.
Immerhin führten mich der Artikel bei SPON und Deine Kritik daran zum Originalbericht. Und der zieht für Deutschland insgesamt keine schlechte Bilanz:
Es wäre nur wünschenswert, dass man die zugrundeliegenden Zahlen für eigene Diagramme und Auswertungen auch als Text- oder Excel-Datei herunterladen könnte. Natürlich stehen in dem Bericht überall Quellenangaben, aber damit fängt man ja wieder bei Null an.
Die SPON-Redakteure kennen den Unterschied natürlich nicht, weil sie alle auf 400 Euro Basis arbeiten
…oder kostenlos als ‘Praktikanten’
Der Anstieg der Befristungen legt einfach schonungslos die Exzesse auf dem Arbeitsmarkt bloß. Kündigungen sind zwar fast unmöglich und für manche Arbeitgeber unerschwinglich geworden, aber dieses Schlupfloch im Arbeitsrecht gilt es zu schließen.
Befristete Arbeitsverhältnisse sollten verboten werden.
Am allerbesten wäre es natürlich, wenn die Jobcenter und die Gewerkschaften entscheiden wie die Verteilung der Arbeitnehmer auf die Firmen auszusehen hat – unter wissenschaftlicher Begleitung des Deutschen Ethikrats. Dem Mißbrauch der Freizügigkeit in diesem deregulierten Markt der Beschäftigten-Distribution wurde viel zu lange schon zugeschaut. Wenn die Arbeitgeber ihrer sozialen Verantwortung nicht nachkommen, muss der Gesetzgeber diesen sozialen Misstand beseitigen.
Und der ist in diesem Fall Frau von der Leyen höchstpersönlich und nicht etwa das Parlament, wie einige ewig Gestrige immer noch annehmen.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69628966.htm
Ich halte das nur für normale Dummheit. Die haben “Vollzeitjob” gelesen, das “unbefristet” als nebensächlich überlesen, und das Gegenteil von Vollzeit ist für sie halt Teilzeit.
Genau, deshalb hat sie auch der Spiegel genommen.
Hätten die in der Schule besser aufgepasst, dürften sie beim Neuen Deutschland schreiben.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69628966.html
Da ist mir beim kopieren das letzte “l” der Adresse verloren gegangen. Tut mir leid …
@7: Mit nem 1er Abi darf man vermutlch auch bei der TAZ ran.
“Lügen” scheint mir jetzt etwas übertrieben zu sein. Der Redakteur hat wohl einige Male das “unbefristet” weggelassen. Hätte er nicht sollen, ist schlampig.
Schon im Anreißer wird aber korrekt gearbeitet:
“Drei von vier Deutschen unter 30 Jahren haben keine volle unbefristete Stelle mehr.”
@10.
Man soll ja nie mit böser Absicht erklären, was auch auf reine Dummheit zurückzuführen sein könnte. Insofern hast du da einen validen Punkt.
Aber andererseits glaube ich meist nicht an Zufälle. Und ein Zufall wäre es, wenn die im Vergleich zur Realität alarmierendere Nachricht nur auf einen dummen Fehler zurückzuführen wäre.
Nur eine weitere Meldung aus der Reihe “Alles ist schlecht und wird auch nicht besser”. Immerhin steigen wenigstens Angst, Mißtrauen und Unzufriedenheit bei dem Versuch, eine “revolutionäre Situation” (marxist. Jargon) herbeizuschreiben.
Never attribute to malice that which is adequately explained by stupidity.