Noch eine Ecke weiter
Es gilt für manche ja als das deutlichste Zeichen für die Perfidie des Kapitalismus, dass es zu Kursgewinnen kommen kann, wenn Massenentlassungen verkündet werden.
Hinter dieser Meinung steckt viel Fragwürdiges. Zum Beispiel, dass es erstrebenswert für eine Gesellschaft sei, wenn ineffizient produziert wird. Zum Beispiel, dass es ein Fehler sei, zunächst mehr Leute einzustellen als hinterher vielleicht doch benötigt werden. Oder auch, dass Firmen sich nicht auf neue Bedingungen einstellen dürfen, die ihnen einen Schrumpfungsprozess auferlegen.
Aber darüber hinaus ist sie auch ein Zeichen fehlenden Wissens um die Zusammenhänge. Aktienkurse bilden sich, sofern keine Blasen existieren, nach den zukünftigen Erlösmöglichkeiten für den Aktionär. Sollte eine größere Zahl von Aktionären also zu der Einsicht kommen, ein bestimmtes Unternehmen könne seine Ertragsaussichten vor allem durch mehr Effizienz steigern, wird eine Maßnahme, die in diese Richtung läuft, geradezu selbstverständlich für höhere Kurse sorgen. Sollte aber andererseits eine große Zahl annehmen, dass es dem betreffenden Unternehmen vor allem an Wachstumspotenzial mangelt, erscheint eine Reduzierung der Kosten dann nur als defensive und ideenlose Reaktion, die für die Zukunft nichts Gutes erwarten lässt.
Wie jetzt bei Nokia.
bisher 9 Kommentare » Kommentare
Es ist schade, weil Nokia als Wettbewerber wegfällt. Aber als Palm vom Markt genommen wurde, hat uns auch niemand gefragt …
In meinem Umfeld denken viele Leute so, wie Du es beschrieben hast: Die bösen Aktionäre! Ich sage dann immer: Kein Unternehmen trennt sich leichtfertig von Fachkräften und Produktionsstätten. Wenn danach der Kurs steigt, sehen Investoren wieder Land am Horizont. Das ist besser, als wenn das Unternehmen untergeht.
In diesem Zusammenhang: Ist es nicht interessant, wie rücksichtsvoll die Linken, Grünen und Sozis mit den gescheiterten oder gesundschrumpfenden Solar-Unternehmen umgehen? Da hört man keine Proteste, so wie damals bei Nokia …
@1.
Ja, das ist schade, aber in einem Markt, der derartige Netzwerkeffekte aufweist, können wir schon froh sein, wenn zwei große Plattformen übrig bleiben, von denen die eine für Hardware aller Art offen ist.
Der Punkt, den ich zum Ausdruck bringen wollte, ist: Wie auf Entlassungen reagiert wird, hängt von der Einschätzung der Lage des jeweiligen Unternehmens ab. Was beim einen unfreiwillige Bestätigung des Untergangs ist, kann beim anderen notwendiger Schritt zur Restrukturierung sein (und sich jeweils doch letztlich ganz anders abspielen, aber das ist eine andere Story…). Es gibt da schlicht keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Relation.
Und klar: Am Niedergang hochgepäppelter Solarunternehmen ist natürlich die päppelunlustige Bundesregierung schuld und sonst niemand.
Vermutung zu den Solar-Unternehmen: Selbst wenn die Bundesregierung die Förderung nicht gekürzt hätte: Dann wäre es kurze Zeit später trotzdem zu Insolvenzen gekommen. Nur eine stetige Steigerung der Förderung hätte den Verfall aufgehalten.
@3.
Klar doch. Aber welchen Ideologen würde sowas in seiner “Beweisführung” stören?
Das Ende naht wohl auch für Blackberry
Unternehmen agieren in einem Marktumfeld. Märkte sind halt unterschiedlich. Bei Solar gabs v.a. massive Markteintritte von Mitbewerbern mit Kostenvorteilen und bei mobilen Endgeräten v.a. ein Cluster an z.T. disruptiven Innovationen. Die hohen Ertragsaussichten dank steigender Nachfrage gibts in beiden Bereichen nicht für lau. Sie äußern sich als höheres Risiko für den Bestand der Unternehmung. Soweit alles töff und Automobil-Unternehmen in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts sahen sich in vergleichbaren Realitäten.
In den Diskussionen um die Stärke der deutschen Industrie wird zu wenig berücksichtigt, dass sich das hier so viel stärker gehalten hat als in vergleichbaren europäischen Ländern, nicht weil wir an nicht-kompetitiven Fertigungsstätten festgehalten hätten, sondern weils hier offenbar günstige Bedingungen für Anpassungen an die sich ständig wandelnden Marktbedingungen gibt. Und die Linken, Sozis und Grünen haben sicher ihren Beitrag geleistet für Themen wie ein Zugang breiter Bevölkerung zu einer sehr differenzierten Ausbildung, erdnahe Finanzierungsmöglichkeiten gerade durch genossenschaftliche Banken, Kooperationen zwischen Universitäten und Unternehmen, etc.
Und das Infant Industry Argument… ach was … ein sonniger Tag
[...] das so? Dann weiß ich jetzt endlich, warum ich den Kapitalismus nicht leiden kann. Embedded Link Noch eine Ecke weiter Es gilt für manche ja als das deutlichste Zeichen für die Perfidie des Kapitalismus, dass es zu [...]
Typische Scheinkorrelation.
Ich hab 2-3 papers zu dem thema gelesen (die duerften alle hier vorraetig sein : http://papers.ssrn.com/sol3/DisplayAbstractSearch.cfm)
Der Witz ist::
1. Eine Firma die Probleme hat kuendigt Entlassungen an -> Aktienkurs steigt
2. Eine Firma, die Rekordgewinn macht kuendigt an, dass sie 10.000 Leute einstellen wollen -> Aktienkurs steigt
Die Variable hier ist “Management Aktion”, nicht die Zahl der Arbeitsplaetze.
Ein Management muss in einer bestimmten Situation etwas entscheiden. Wird die Entscheidung von den Aktionaeren gefressen, steigt die Aktie.
as simple as that.
In meiner Wahrnehmung fiel das mit den Kursen und den Kündigungen in der letzten großen Krise auf. Und fiel gefühlt mit Manager-Boni und Millirdengewinnen einzelner Unternehmen zusammen. Da jetzt zwischen den Firmen zu unterscheiden, war und ist schwierig. Aber warum auch? Die Firmen haben in ihren Absagen auf Bewerbungen ja auch alle über einen Kamm geschoren.
@8.
Der Vergleich mit der Formulierung von Bewerbungsabsagen ist originell.