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Zitat des Tages

Once again, Merkel’s fairy tale of profligate Southern Europeans needing a bailout by frugal Germans does not hold. Like Ireland, Spain is paying the price for a burst property bubble, which caused a banking crisis. And like Portugal, Spain lacks an economy productive enough to compete within the eurozone. To neither of these two problems austerity can provide a satisfactory policy answer.

Dr. Oliver Marc Hartwich

bisher 19 Kommentare » Kommentare
  1. Max sagt am 09. 06. 2012 um 13:25 Uhr:

    Naja, aber austerity kann auf einem Umweg die Wirtschaft befreien. Man schaue sich nur Latvia an. Das Defizit kommt ja nicht daher, das Spanien besonders marktliberal ist!

  2. Lemmy Caution sagt am 10. 06. 2012 um 11:17 Uhr:

    Find ich jetzt nicht sonderlich fair. Unsere gewählten Politiker stoßen schon Diskussionen an, wie die Ökonomien der Krisenländer in Richtung mehr Effizienz restrukturiert werden können. Die Einführung von Elementen unseres dualen Ausbildungssystem halte ich dabei für einen wichtigen Schritt. Die Probleme der Mediteranen liegen aus meiner Sicht ganzwoanders als die Stabilität des Euros. Schaut euch etwa mal das Interview an: http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/diskussionen/michael_krons_mit_victoria_alexandratou_/501451?datum=2012-06-09
    Wird heute, Sonntag, um 11:15 wiederholt.

    Und Austerität? Spanien hat vereinbart bis 2014 in mehreren Schritten die jährliche Neuverschuldung auf glorreiche 3% Neuverschuldung zu senken. Dieses Jahr sollte 4,5% erreicht werden und das klappt nicht. Ohne Unterstützung der EU Partner müßten die eine wesentlich schärfere Austerität fahren. In der Lateinamerikanischen Schuldenkrise 1982-87 drehten die Staatsdefizite spätestens 1984 ins positive. Nach richtig dramatischen Kürzungen.

    Und die deutsche Industrie ist weniger ein physisches Bestands-Ding sondern viel eher das Produkt einer Geistes-Haltung. Die wird immer neu erfunden. Die einzige im Ruhrgebiet verbleibenden traditionellen Industrien sind Opel in Bochum und ein Stahlwerk in Duisburg. Es gibt dort aber eine Menge neuer, in den letzten 20 Jahren aufgebauter neuer Industrien.

    Ich les ja schon über 2 Jahrzehnte ab und an die spanische Wirtschaftspresse. Dort war Mitte der 90er Jahre viel von der Enttäuschung die Rede, dass sich spanische Marken nach dem EU Beitritt Anfang der 80er eben ausserhalb der iberischen Halbinsel nicht durchgesetzt haben. Das war lange vor dem Euro, also in einer Phase von Währungs-Anpassungen. Dieser Diskurs wurde dann überdeckt durch den Bauboom ab etwa 1998, ebenfalls vor dem Euro.

    Es ist immer problematisch über Mentalitäten zu sprechen und es gibt immer Gegen-Beispiele, aber eine Struktur in der Harmonie halt höher eingeschätzt, Konflikte weniger offen ausgetragen werden, sich mehr über Status legitimiert wird und der “Maschinenraum” untereinander extrem viel rummosert, ohne auch im Konflikt mit den Entscheidungsträgern zu versuchen, reale Veränderungen herbeizuführen, ist halt nicht ohne Probleme in den Ergebnissen.

  3. Rayson sagt am 10. 06. 2012 um 17:23 Uhr:

    @2.

    Was ist nicht fair? Die Feststellung, dass Spaniens Probleme nicht durch Austerität alleine gelöst werden können?

    Es geht ja nicht nur um die “Stabilität des Euro” – wenn die wackelt, ist die stinkende Masse längst am Dampfen. Es geht z.B. auch darum, dass die gemeinsame Währung mit Deutschland nicht nur für die Entstehung des Problems gesorgt hat, sondern auch Elemente zu dessen (leider auch nicht schmerzfreier) Lösung blockiert.

    Es gibt ganz einfach nur zwei Richtungen, in die sich die Chose bewegen *kann* (auch wenn insbesondere die deutsche Regierung behauptet, einen dritten Weg zu kennen): Transferunion oder Auseinanderbrechen. Ich würde allerdings behaupten, dass auch die Transferunion über kurz oder lang an ihren inneren Spannungen scheitern würde, was dann wahrscheinlich auch nicht völlig gewaltlos abginge (das mit den Kriegsdrohungen kann ich auch ;-) ).

  4. Lemmy Caution sagt am 10. 06. 2012 um 17:43 Uhr:

    und wenn die kreative Umdefinition von Spielregeln zum egomanischen Nutzen tendentiell eher als pikaresk und tollkühn bewundert wird, dann hats die Erschaffung komplexer rationaler Fertigungsprozesse, die eine Menge Transparenz erfordert, halt schwerer.

  5. Lemmy Caution sagt am 10. 06. 2012 um 18:08 Uhr:

    @Rayson: Spanien wird dieses Jahr über 6% Neuverschuldung einfahren. Ich nenne die realen und vor allem die verletzlicheren Sektoren der Gesellschaften Einschnitte schüchterne Anpassungen an die realen Gegebenheiten. Austeritätspolitik sieht nun wirklich anders aus.

    Wir scheinen doch in Deutschland, strukturelle Reformen erfolgreich umgesetzt zu haben. Durch Austeritätspolitik? Oder vielleicht eher eine Änderung der Mentalitäten? Früher waren wir mal bei den Krankenzeiten ganz vorne in Europa. Heute sind wir ganz hinten. Die jungen Leute präferieren heute viel stärker Studiengänge, mit denen ein Einstieg in den Produktionsprozess leichter ist. Und vieles anderes mehr.
    Merkel denkt doch nicht, dass die über Austeritätspolitik wieder auf die Beine kommen, sondern viel mehr über eine Anpassung der Mentalitäten nicht unbedingt an uns aber halt an die Realitäten. .

  6. Rayson sagt am 10. 06. 2012 um 18:57 Uhr:

    @5.

    Auch 6% Neuverschuldung könnten als Austerität durchgehen, wenn das BIP schneller wegbricht als die Reduktion der Staatsausgaben. Entscheidend ist ja u.a., dass Erwartungen verändert werden, und bei vielen Spaniern dürften das eben Einkommenserwartungen sein, die, wenn sie auf breiter Front nach unten gehen, die Abwärtsentwicklung verstärken. Was sich vermutlich nicht vermeiden lässt.

    Bei Mentalitäten wäre ich vorsichtig. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien z.B. lässt sich wohl eher durch die Ausgestaltung dortiger Arbeitsverhältnisse erklären. Und die Betroffenen reagieren mit ihrer Bereitschaft, ins Ausland zu gehen, ja ökonomisch sehr rational auf die Situation. Auf jeden Fall gilt aber, dass strukturelle Reformen, über deren Notwendigkeit wir nicht zu diskutieren brauchen, einige Jahre bis zur Wirkung benötigen, wenn sie denn überhaupt politisch dauerhaft durchgehalten werden. Und letzteres ist um so zweifelhafter, so lange noch die Option “reicher Onkel” im Raum steht.

  7. Lemmy Caution sagt am 10. 06. 2012 um 22:20 Uhr:

    2011 gabs afaik ein Wachstum von 0%. Die Einkommen sinken nur deshalb, da halt die Arbeitslosigkeit steigt.
    Nochmal: Austerität außerhalb von Europa sieht wirklich anders aus.
    An den 2-Klassen Arbeitsverträgen wird gearbeitet. Zumindest in der Presse wurde der Diskurs über eine Veränderung gewisser Mentalitäten wieder aufgenommen, die in der unter Aznar eingesetzten Periode der extremen Immobilien-Euphorie eingeschlafen war.
    Der brain drain ist eine rationale Reaktion darauf, dass junge, gut-ausgebildete und ergebnis-orientierte Leute im Norden eine höhere Wertschätzung ihrer Aktivitäten erfahren. Ob dies für die zukünftige Herausforderungen der spanischen Gesellschaft eine glückliche Konstellation darstellt, steht auf einem anderen Blatt.

    Klar stellen strukturelle Reformen und mehr noch Änderungen gewisser Mentalitäten einen mittel- bis langfristigen Prozess dar. Nur gibts dazu keine Alternative. Ob die nun die Pesete wieder einführen oder im Euro verbleiben. Einen Teil wird Nord-Europa ohnehin bezahlen.

    Unsere Regierung war natürlich kurzfristig daran interessiert, dass die Ausgaben nicht völlig aus dem Ruder liefen. Gleichzeitig gibts aber auch eine Menge Vorschläge zu strukturellen Reformen. Die spanische Bevölkerung scheint diesbezüglich auch deutlich kooperations-interessierter zu sein als die Griechen.

  8. Rayson sagt am 10. 06. 2012 um 23:15 Uhr:

    @7.

    Klar stellen strukturelle Reformen und mehr noch Änderungen gewisser Mentalitäten einen mittel- bis langfristigen Prozess dar. Nur gibts dazu keine Alternative. Ob die nun die Pesete wieder einführen oder im Euro verbleiben.

    Mit dem Euro wird es schwieriger. Und vor allem stellt der Euro sicher, dass die Krise als innereuropäischer Verteilungskampf wahrgenommen wird, in dem die einen Europäer von den anderen immer etwas fordern und die Nichterfüllung der Forderung als nahezu feindseliges Verhalten auffassen.

  9. Lemmy Caution sagt am 10. 06. 2012 um 23:51 Uhr:

    Warum soll es mit einer Weich-Währung einfacher werden? Wir sehen ja auch in den letzten 20 Jahren in anderen Regionen den Trend zu mehr Geld-Wertstabilität.
    Und in dermaßen vernetzten Ökonomien wie den west-europäischen mit einem stark variierenden Außenwert der internen Preise gegenüber den nord-europäischen zu fahren, bringt eher Schwierigkeiten als Lösungen.

    In Spanien und Italien verbinden die Menschen den regulatorischen Eingriff Nord-Europas in die oft auch schon mal als fragwürdig perzipierten Aktivitäten der eigenen Eliten nach wie vor eine aus meiner Sicht berechtigten Hoffnung. Die sind politisch wesentlich realistischer als die Griechen.

  10. Rayson sagt am 11. 06. 2012 um 00:03 Uhr:

    @9.

    Warum soll es mit einer Weich-Währung einfacher werden? Wir sehen ja auch in den letzten 20 Jahren in anderen Regionen den Trend zu mehr Geld-Wertstabilität.

    Die Währung wird ja nicht allein dadurch weich, dass man sie Peseta nennt. Spanien wird aber abwerten müssen, und das geht mit eigener Währung nun mal besser als ohne.

    Was das Verständnis für das Hineinregieren von außen betrifft, würde ich anekdotischen Berichten zunächst mal weniger trauen. Wie du schon sagst: So richtig angefangen hat es noch gar nicht. Das Konfliktpotenzial liegt auf dem Silbertablett bereit, und es wäre ein Wunder, wenn dort nicht zugegriffen würde. Vielleicht noch nicht jetzt, vielleicht nicht von allen, aber ganz sicher von vielen irgendwann demnächst.

  11. Lemmy Caution sagt am 11. 06. 2012 um 06:44 Uhr:

    Abwertung wäre bestimmt einfacher. Der Ausbruch aus dem Euro hätte aber sicher auch eine Menge kosten.
    Da gibts sicher eine reichhaltige Debatte in Spanien, die ich nicht kenne, und sofern ich etwas wirklich interessantes finde, werde ichs heute abend posten. Ich persönlich habe nicht den Eindruck, dass wir uns in dieser Diskussion im Kreis bewegen deshalb:
    Tatsächlich entwickelt sich der Export in diesen Krisenzeiten nicht wirklich schlecht.
    Die Exporte haben mit einem Wachstum von 17,4% seit 2009 wieder den Stand vor der Krise erreicht. Laut einer OECD Studie war Spanien 2011 eins der Länder mit dem höchsten Exportwachstum der Mitgliedsländer. Mit 9,9% nur knapp hinter Deutschland mit 10,4%.
    Handelsbilanz: Gegenüber Welt 2011 ein nur leichtes Defizit von 3,6 Mrd. Euro. Bei sinkender Tendenz. Gegenüber dem EU Raum sogar ein Überschuss von 3 Mrd. Euro.
    Das alles deutet eben nicht auf eine extreme Überbewertung der internen Preise gegenüber den externen hin. (Quelle: http://es.wikipedia.org/wiki/Econom%C3%ADa_de_Espa%C3%B1a#Las_exportaciones_crecen_en_forma_sostenida)

    Kann z.Zt. keinen Global-Überblick über die Reformen der letzten Jahre finden. Im Gegensatz zu Griechenland ist das aber schon in Kraft getreten: Senkung und Einfrierung der Einkommen von Angestellten der Öffentlichen Hand. Senkung der Sozialhilfe, Erhöhung der Mehrwertssteuer, des Renten-Eintrittsalters.

    Anders als in Griechenland soll ja das Hineinregieren auf den Bad Banks Bereich wie Bankia beschränkt werden und nicht ohne Grund, weil die in den kurzfristigen Fiskal-Maßnahmen anders als Griechenland eben nicht versprechen, verschleppen, betrügen, verschleppen, versprechen, verschleppen. Wir werden dort keine brennenden deutschen Fahnen sehen oder die massive Wahl linksradikal inspirierter Schlangenöl-Verchecker. wie in Griechenland. .

  12. R.A. sagt am 11. 06. 2012 um 13:39 Uhr:

    Was ist nicht fair? Die Feststellung, dass Spaniens Probleme nicht durch Austerität alleine gelöst werden können?

    Nicht fair ist m. E. die Behauptung des geschätzten Kollegen Hartwich, niemand würde sich um die übrigen Probleme kümmern.

    Im Grunde fällt er (auch in anderen Artikeln) auf die Propaganda-Behauptung von der “Euro-Krise” rein. Eigentlich geht es bei der ganzen Krise nur ganz peripher um den Euro.
    Speziell der landestypische Griechenlandbankrott wäre auf jeden Fall gekommen, vielleicht etwas später. Aber mit ähnlichen Folgen für die Kreditgeber, zum Beispiel französische Banken.

    Umgekehrt sind zwar Wettbewerbsschwierigkeiten einer Volkswirtschaft (z. B. wegen höherer Lohnsteigerungen ohne Abwertung) ein Problem für ein Land – führen aber nicht notwendigerweise in eine Schuldenkrise.
    Auch mit einer völlig schwachbrüstigen Wirtschaft kann eine Regierung vernünftig haushalten – wenn sie will. Und umgekehrt soll doch keiner glauben, bei besseren Wirtschaftsdaten hätten z. B. die griechischen Politiker sparsamer gewirtschaftet.

    Es gibt ganz einfach nur zwei Richtungen, in die sich die Chose bewegen *kann*

    Wichtige Grundregel (gerade, aber nicht nur in der Europapolitik): Auch wenn es nur zwei logische konsistente Lösungen geben mag – dann sind immer noch beliebig viele Zwischenformen möglich, und eine davon wird gemacht.
    Die EU kann sich noch viele Jahre mit halbgelösten Problemen durchwurschteln, das wird in der Euro-Frage ähnlich sein wie bei vielen anderen Gebieten. Ein bißchen mehr Transfer, ein bißchen mehr Austerität in manchen Ländern, dauerndes Rumflicken bei Krisengipfeln – das wird noch lange so laufen.

  13. Rayson sagt am 12. 06. 2012 um 14:06 Uhr:

    @11.

    Ich stimme dir zu, dass Spanien einen deutlich größeren Reformwillen an den Tag legt als Griechenland (weniger ist auch kaum vorstellbar…). Die neuen Arbeitsmarktgesetze werden ja schon als “Revolution” bezeichnet. Vielleicht ist das auch so, weil das Deutschland-Bashing aufgrund der Geschichte dort nicht so gut funktionieren kann, man also keinen externen Schuldigen zu präsentieren vermag und sich deswegen an die eigene Nase fassen muss?

    Allerdings herrscht dort immer noch die Ruhe vor dem Sturm. Die Bankbilanzen wachsen, die Produktion und insbesondere die Bautätigkeit brechen ein, und das alles auf einem schon sehr hohen Arbeitslosensockel aufsetzend.

    Wie sagt Frank Schäffler doch immer: “Alles wird gut…”

  14. Rayson sagt am 12. 06. 2012 um 14:18 Uhr:

    @12.

    Im Grunde fällt er (auch in anderen Artikeln) auf die Propaganda-Behauptung von der “Euro-Krise” rein.

    Zunächst mal würde ich ohne konkreten Anlass niemandem unterstellen, dass er auf irgendeine Propaganda “hereinfiele”. Diese Art der Diskussion bin ich von dir gar nicht gewöhnt. Bei Oliver speziell sollten wir sogar auf jeden Fall davon ausgehen, dass er zur Kategorie der Selbstdenker gehört.

    Zum Thema:

    Da die EZB keine unterschiedlichen Zinssätze für verschiedene Länder festlegen kann, hat der Euro schon gewaltig mit den Ursachen dieser Krise zu tun.

    So sind eben nach der Zinskonvergenz Unmengen Kapital in die Peripherieländer geflossen, wo sie entweder verfrühstückt wurden (krassestes Beispiel: Griechenland) oder Immobilienblasen verursacht haben (Irland, Spanien).

    Und aus dem gleichen Grund (keine landesspezifische Geldpolitik möglich) verhindert der Euro ebenso eine mildere Form der Krisenbewältigung.

    Hinzu kommt die politische Bedeutung als Gemeinschaftsprojekt: Der Euro ist ein Symbol der europäischen Einheit und wurde auch so von allen verstanden. Daher ist ein Festhalten an ihm gleichbedeutend mit einem Weg in die Fiskal- und Transferunion, der ja jetzt auch offensichtlich ganz eilig eingeschlagen werden soll.

    Wichtige Grundregel (gerade, aber nicht nur in der Europapolitik): Auch wenn es nur zwei logische konsistente Lösungen geben mag – dann sind immer noch beliebig viele Zwischenformen möglich, und eine davon wird gemacht.

    Klar, aber immer nur als Zwischenetappe, als immer noch teureres Kaufen von Zeit. Am Ende steht dann dennoch eine der beiden oben skizzierten Lösungen (bzw. letztlich nur eine). Spätestens wenn Italien wackelt, und das dauert anscheinend nicht mehr lange, ist es aus mit den Schirmchen.

  15. Lemmy Caution sagt am 13. 06. 2012 um 10:19 Uhr:

    Ein historisiertes Deutschland Bashing könnte in Spanien ähnlich konstruiert werden wie in Griechenland. Die Falangisten hatten ja im Bürgerkrieg 36-39 zu keiner Zeit und nicht mal regional irgendwo ausser in Navarra eine Mehrheit, wobei sie in den zentrifugalen und besser entwickelten Rand-Kernen Baskenland und Katalonien noch deutlicher in der Minderheit waren. Das Eingreifen der Legion Condor war schon kriegsentscheidend.
    Ich halte derartige “Vorwürfe” an die heutige Bundesrepublik sowohl von Griechen als auch von Spaniern für hochgradig albern.

    Die grundsätzliche Haltung ist in Spanien sehr, sehr anders als in Griechenland. In den online-Diskussionen wird insbesondere auf die eigene Elite und die Banken geschimpft.
    Ansonsten wissen die schon sehr gut, was sie der EU zu verdanken haben und dass das aktuelle Chaos durch die eigene Immobilienblase verursacht wurde. Bis tief in die untere Mittelschicht wurds über Jahre als normal angesehen, dass man sich über Wertsteigerungen von auf Pump gekauften und ständig neu beliehenen Immobilien sein Einkommen erhöht.
    Die sind auch politisch wesentlich reifer als die Griechen, die wirklich auf einen Neuen zu hoffen scheinen, der mit einem Schlag alles heile macht.
    Die Arbeitslosenquote Spaniens war zwischen 1989 und 1994 so hoch wie heute, wobei sich damals deutlich weniger ausländische Arbeitskräfte im Land befanden. Die sind das in einem höheren Grad gewöhnt, als wir uns das vorstellen können.

    Ich sehe gewaltige Unterschiede zwischen den Mediteranen, die hier in Deutschland auch aus Unkenntnis nicht hinreichend gewürdigt werden.

  16. R.A. sagt am 13. 06. 2012 um 12:19 Uhr:

    @Rayson, 14:

    Bei Oliver speziell sollten wir sogar auf jeden Fall davon ausgehen, dass er zur Kategorie der Selbstdenker gehört.

    Aber selbstverständlich, ich halte auch sonst sehr viel von ihm. Ihm ist auch m. E. völlig bewußt, wie hier Etikettenschwindel betrieben wird. Und trotzdem “fällt er darauf hinein”, weil er die Diktion in seinen Artikeln übernimmt und von einer “Eurokrise” redet, wenn es um eine Schuldenkrise geht.
    Wobei ich Dir ja recht gebe, daß AUCH der Euro EIN Faktor war, daß die Schulden in diversen Ländern so gewachsen sind bzw. jetzt schwer umzusteuern ist.

    Aber es ist ein eher nebensächlicher Faktor. Denn keiner der unverantwortlichen Politiker hat doch mehr Schulden gemacht, weil die Kredite nur 2% statt vorher 6% gekostet haben. Wenn man eine Summe Geld raushaut, um irgendwelche Klientelinteressen zu befriedigen – dann sind einige % Zinsunterschied völlig egal.

    Und aus dem gleichen Grund (keine landesspezifische Geldpolitik möglich) verhindert der Euro ebenso eine mildere Form der Krisenbewältigung.

    Auch nicht wirklich.
    Man kann der Meinung sein, mit Währungsabwertung bekäme man seine Wirtschaft schneller wieder in Schwung als mit dem Euro. Das haben wir ja an anderer Stelle schon kontrovers diskutiert.

    Aber für den Umgang mit den aktuellen Staatsdefiziten und dem Schuldendienst hilft die Aussicht auf einige Prozent mehr Wachstum nur begrenzt. Die Ausgaben müssen trotzdem gekürzt werden, daß es quietscht.

    Der Euro ist ein Symbol der europäischen Einheit und wurde auch so von allen verstanden.

    Ja.

    Daher ist ein Festhalten an ihm gleichbedeutend mit einem Weg in die Fiskal- und Transferunion

    Nein.
    Es gibt starke Kräfte, die dieses Junktim herstellen wollen. Vielleicht werden die sich auch durchsetzen.
    Aber logisch zwingend ist das keineswegs. Der Euro wurde bewußt ohne Fiskal- und Transferunion konstruiert und das ist auch eine vernünftige Entscheidung gewesen.

    Die Entscheidung zum Einstieg in die Transfers fiel vor zwei Jahren angesichts des faktischen Griechenland-Bankrotts. Und diese Entscheidung fiel eben nicht, um “den Euro zu retten”, sondern es ging darum, Banken zu retten.

    Die Transferunion ist ein politisches Ziel, der Euro ist nur Vorwand, das zu begründen.

    Klar, aber immer nur als Zwischenetappe, als immer noch teureres Kaufen von Zeit.

    Das ist die Logik der Schirme. Eine völlige Fehlkonstruktion und ich gebe Dir recht, daß das Zeitkaufen spätetens bei Italien zu Ende sein wird.

    Aber selbst eine völlige Auflösung der Währungsunion würde die Schulden nicht aus der Welt schaffen.

  17. Rayson sagt am 14. 06. 2012 um 17:57 Uhr:

    @16.

    Denn keiner der unverantwortlichen Politiker hat doch mehr Schulden gemacht, weil die Kredite nur 2% statt vorher 6% gekostet haben. Wenn man eine Summe Geld raushaut, um irgendwelche Klientelinteressen zu befriedigen – dann sind einige % Zinsunterschied völlig egal.

    Offensichtlich nicht. 6% werden heutzutage als so prohibitiv empfunden, dass Finanzminister davon sprechen, sie seien damit vom Kapitalmarkt abgeschnitten, auch wenn sie vor nicht allzu langer Zeit mal 12% gezahlt haben.

    Auch nicht wirklich.
    Man kann der Meinung sein, mit Währungsabwertung bekäme man seine Wirtschaft schneller wieder in Schwung als mit dem Euro. Das haben wir ja an anderer Stelle schon kontrovers diskutiert.

    Ja, haben wir, und good old Hans-Werner springt mir da ja gerade wieder bei. Aber diesmal meinte ich noch etwas anderes: schnöde Geldpolitik.

    Aber für den Umgang mit den aktuellen Staatsdefiziten und dem Schuldendienst hilft die Aussicht auf einige Prozent mehr Wachstum nur begrenzt. Die Ausgaben müssen trotzdem gekürzt werden, daß es quietscht.

    Das muss man wirklich differenziert sehen. “Einige Prozent” mehr Wachstum wären nämlich tatsächlich das beste Mittel, Schuldenkrisen zu lösen. Wenn es also ein Mittel gäbe, wie wir das kurzfristig hinbekommen ohne Geldillusion, dann sollten wir es unbedingt ergreifen. Ich bin da ja immer offen für Vorschläge. In Ermangelung selbiger allerdings wird es ohne Strukturreformen nicht gehen, und die dauern lange, sehr lange. Einfach nur “sparen” ohne Sinn und Verstand aber bringt auch nichts, im Gegenteil. Man muss richtig sparen, und zugleich dafür sorgen, dass die private Wirtschaft in die Lücke springen kann, die der Staat hinterlässt. So ganz ohne ist das nicht. Und mit eigener Währung wäre es einfacher.

    Daher ist ein Festhalten an ihm gleichbedeutend mit einem Weg in die Fiskal- und Transferunion

    Nein.
    Es gibt starke Kräfte, die dieses Junktim herstellen wollen. Vielleicht werden die sich auch durchsetzen.
    Aber logisch zwingend ist das keineswegs. Der Euro wurde bewußt ohne Fiskal- und Transferunion konstruiert und das ist auch eine vernünftige Entscheidung gewesen.

    Doch: Es ist polit-logisch so gut wie zwingend. Jedenfalls dann, wenn man an den wohlwollenden Staat nicht glaubt. Man kann davon träumen, dass es Politiker gibt, die weniger Macht und Einfluss für sich anstreben. Man kann davon träumen, dass sich bei Wählern der nüchterne Blick auf die Verhältnisse gegenüber dem Eigeninteresse oder der eigenen Ideologie durchsetzt. Man kann auch davon träumen, dass eigenes Versagen irgendwann nicht mehr durch Verweis auf fremde Schuldige bemäntelt werden kann. Man kann es aber auch bleiben lassen. Was ich jedem empfehlen würde.

    Es gibt nur eine einzige Instanz, die dem Drang, übrigens nicht nur der Politik, nach Zentralisierung der Macht entgegenwirken kann, und das ist die konsequente Verteidigung lokaler, regionaler und nationaler Kompetenzen. Aber gerade die zu überwinden, ist ja die Grundüberzeugung der europabesoffenen amtlich-deutschen Politik, die nur von ungefährlichen Exoten bestritten werden darf.

    Frankreich hat damit kein Problem. Der französische Scheinriese braucht das Zentraleuropa, um weiter den Einfluss auszuüben, der ihm qua Geburt zusteht.

    Die Entscheidung zum Einstieg in die Transfers fiel vor zwei Jahren angesichts des faktischen Griechenland-Bankrotts. Und diese Entscheidung fiel eben nicht, um “den Euro zu retten”, sondern es ging darum, Banken zu retten.

    Na ja, das eine gibt es kaum ohne das andere. Man muss wohl inzwischen von einem finanz-fiskalischen Komplex reden, der die Politik der Euro-Staaten bestimmt. Das Schicksal einer Währung in einem Fiat-Money-System ist viel zu eng verknüpft mit Staatsschulden und Banken, als dass irgendein Element davon als von dem anderen unabhängig betrachtet werden könnte.

    Die Transferunion ist ein politisches Ziel, der Euro ist nur Vorwand, das zu begründen.

    Der Euro ist ein Mittel auf dem Weg dahin, weil er Fakten und Abhängigkeiten schafft, wo vorher keine waren.

    Aber selbst eine völlige Auflösung der Währungsunion würde die Schulden nicht aus der Welt schaffen.

    Es gibt keinen schmerzlosen Weg aus der Krise. Nur einen rechtzeitigen.

  18. FDominicus sagt am 17. 06. 2012 um 07:54 Uhr:

    @Rayson
    “Es gibt keinen schmerzlosen Weg aus der Krise. Nur einen rechtzeitigen.”

    Den haben wir verpasst, es gibt keinen rechtzeiteigen Weg mehr. Es knirscht überall und die Schulden gehen durch die Decke, den Weg den man einschlagen müsste (den Staat massivst abzubauen, den Leuten weniger wegzunehmen) wird nicht gegangen. Sondern es wird alles getan die Kreditlawine zu verbreitern. Nein rechtzeitig ist seit 4 Jahren passe.

    “Man muss richtig sparen, ”
    Woran mach man fest ob man “richtig” spart. Entweder man spart oder man lässt es und derzeit lassen es in erster Linie die Staaten und die Privaten tun es. Und das ist für jeden Privaten durchaus “richtig”. Wenn diese System vor die Hunde geht, ist es gut etwas “zu haben” und nicht auf die Transferzahlungen eines Staates zu bauen, denn die wird es nicht geben. Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen.

    Ob und wieweit man bei der derzeitigen Gelddruckerei “sparen” kann ist eine ziemlich offene Frage. Wie haben definitiv eine Rekordmengenausweitung der Geldmenge und Mikrozinsen in einigen Ländern. Die 6-7% von diversen Staaten sind gerade mal angemessen, denn offenbar pendelt sich der Preis für Kredite gerade dort ein. Ich wette die 7% knacken wir schon bald. Das ist so ungefähr der Untergang Europas, Schwamm drüber, daß in D die Zinsen zu Beginn der 80er Jahre jenseits der 10% lagen. Wer hat sich damals darum geschert wenn nicht nur wir?

  19. Erling Plaethe sagt am 17. 06. 2012 um 16:21 Uhr:

    Die Enquete-Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität” unter Vorsitz von Daniela Kolbe (SPD) soll den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft ermitteln, einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator entwickeln und die Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung von Wachstum, Ressourcenverbrauch und technischem Fortschritt ausloten.

    Wenn wir in Europa 6-7% Inflation haben, oder mehr, werden wir die weise Voraussicht der Bundesregierung erkennen, wieder einmal fassungslos ihren Interpretationsspielraum zur Kenntnis nehmen und mehr Demokratie wagen durch Volksabstimmungen zu den dann personalisierten Energiepässen. Ob wir Energie in welcher Form auch immer “verbrauchen”, außerhalb oder innerhalb unseres Körpers, es wird dokumentiert, weil wir sparen müssen.
    http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/gremien/enquete/wachstum/index.jsp