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“Kulturabgaben” und “Ethiksteuern”: die Sicht eines liberalen Christen

Anlässlich des Kirchentags der römisch-katholischen Kirche in Deutschland haben Katholiken, die in der Partei der “Grünen” organisiert sind, ein “Papier” herausgegeben, in dem sie auflisten, wie das Motto des Kirchentags “Einen neuen Aufbruch wagen” mit Inhalt zu füllen wäre. Dieser Autor hält es für seltsam und wenig wünschenswert, parteipolitische Fronten innerhalb einer Kirche zu eröffnen, so als ob sich die Sicht auf Jesus Christus und seine Nachfolge vom Parteibuch abhängig machen ließe. Die Inhalte, die in dem “Papier” angeführt werden, sind z.T. widersprüchlich, vor allem dann, wenn schablonenhaft linke Ideologie abgearbeitet wird: Autonomie der Gemeinden ist prinzipiell gut, aber da Tridentische Messen böse sind, dann wieder doch nicht so. Ein Grund mehr, innerhalb der Kirche mehr als Individuum denn als politische Gruppe aufzutreten. Über den weiteren Inhalt des “Papiers” hätte dieser Autor aus christlicher Sicht noch sei einiges zu sagen, aber dafür ist dieses Blog nicht der richtige Ort. 

Aber das wirklich aufsehenerregende Thema, zumindest in dem Umfeld, in dem der Schreiber dieser Zeilen sich im Internet bewegt, war die vermeintliche Forderung nach einer “Steuer für Konfessionslose”. 

Wie man sich vorstellen kann, gebar das Internet, in dem die Übertreibungen bekanntlich mindestens so lange weitergehen, bis man bei Hitler angekommen ist,  noch viel absurdere Formulierungen. Schauen wir uns den Originaltext (PDF) an: 

Ist es sinnvoll zuzuschauen, dass viele Menschen wegen der Kirchensteuer aus unserer Kirche austreten? Wir meinen, es ist auch aus der Perspektive unserer Kirche richtig, einen Reformweg zubeschreiten, der sich am italienischen Vorbild einer „Kulturabgabe“ orientiert, welche alle Menschen an eine gemeinnützige Institution ihrer Wahl entrichten. Dies stärkt die Position der Kirche mehr als Debatten über die kircheninternen Konsequenzen der Verweigerung von Kirchensteuerzahlung.

Das ist alles zu dieser – OMG, dieser Autor nimmt Grüne in Schutz! – doch sehr maßvoll vorgetragenen Idee, die von einer richtigen politischen “Forderung”, wie wir sie von Grünen ja nun oft genug zu hören bekommen, reichlich weit entfernt ist. Sowas stört aber das Internet nicht, und Twitter, wo die Selbstreferenz zum heiligen(sic!) Prinzip erhoben ist,  schon gar nicht. Nun muss der Schreiber dieser Zeilen damit leben, dass sich unter seinen virtuellen liberalen Freunden anscheinend viele befinden, die eine schwere Kindheit hinter sich haben, für die zum großen Teil der unheilvolle Einfluss römisch-katholischer Würdenträger verantwortlich ist. Es gibt viele Wege zum Liberalismus, und einer davon ist offensichtlich der Kirchenhass, was diesen Autor in Verbindung mit anderen Symptomen schon zur Vermutung getrieben hat, viele FDP-Mitglieder seien nur deshalb nicht in der Union, weil sie Probleme mit dem “C” haben. Wie dem auch sei, jedenfalls konnte “raysonbl” auf seiner Twitter-Checkliste einen Account nach dem anderen in seiner Timeline abhaken, der das Thema je nach Temperament ablehnend “behandelte”. In zwei Blogs, die hier wiederholt zum Lesen empfohlen seien, nahmen zwei Stefans dazu Stellung: Der eine, Blankertz mit Nachnamen, bei der “Freiheitsfabrik” (dem auch der Hinweis auf die o.g. “grüne” Widersprüchlichkeit zu verdanken ist), und der andere “-olix” mit Namensende, in seinem WordPress-Blog.  Während Blankertz mit “Talibanisierung” geradezu “twittersch” das Kleingeld ausgegangen zu sein scheint, weist stefanolix den Begriff “Straftsteuer” als unpassend zurück.  

Es ist natürlich sehr verräterisch, wenn die Forderung nach einer “Kulturabgabe” ausgerechnet als Antwort auf die Frage auftaucht, ob man den vielen Kirchenaustritten wegen der Kirchensteuer etwas entgegensetzen sollte. Die Idee ist also: Nehmen wir den finanziellen Anreiz weg, bleiben mehr Menschen in der Kirche. Gut, schauen wir es uns von dieser Seite her an. Wenn jemand “wegen der Kirchensteuer” aus der Kirche austritt, hat er offensichtlich ein ökonomisches Kosten-Nutzen-Kalkül vorgenommen. Der Preis entspricht nicht der Gegenleistung. Das ist, bezogen auf den christlichen Glauben, ein interessanter Gedankengang. Wie sieht denn die “Gegenleistung” aus? “Vergebung der Sünden, ewiges Leben? Ok, für 300 Euro nehm’ ich’s, aber für 400 Euro? Nöö, danke, dann doch lieber den Flachbildschirm.” So in der Art? Jetzt ist der “Preis”, der “Clubbeitrag”, wie ein Dozent der Uni dieses Autors gerne zu betonen pflegte, dank des an die Einkommensteuer gekoppelten Einzugs schon mehr oder weniger objektiv einkommensabhängig, und sollte daher also niemanden allzu sehr überfordern. Wer sich also berufen fühlt, dem Vorbild, der Person Christi nachzufolgen, und das ist nun einmal letztlich die Definition von “Christ sein”, wird dies wohl kaum davon abhängig machen, dass seine Zugehörigkeit zu denen, die ähnlich denken und fühlen, finanzielle Konsequenzen hat, die seine sonstigen Konsummöglichkeiten etwas einschränken. Oder mit anderen Worten: Wer “wegen der Kirchensteuer” austritt, ist eigentlich schon draußen.

Die Idee der o.g. “Grünen” ist dabei gar nicht mal neu. Sie wurde schon vor ein paar Jahren in die Diskussion eingebracht, und zwar vom damaligen Leiter der Halleschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Ulrich Blum. Der argumentierte mit der Theorie der Öffentlichen Güter, wonach die Kirchen solche Güter bereitstellten, deren Nutzen aber nicht nur denen zuflösse, die ihren Beitrag in Form der Kirchensteuer entrichteten. Um diese “Free Rider” einzufangen, sei eine von ihm so genannte “Ethiksteuer” gerechtfertigt, die allerdings wegen einiger dann doch den Kirchenmitgliedern vorbehaltenen Leistungen dann doch für Nicht-Kirchenmitglieder geringer auszufallen habe. Dieser Autor weiß nicht, on Herr Blum Christ ist. Aber wenn er es wäre, müsste ihm dann nicht die Idee absurd vorkommen, Caritas mit Zwangsmitteln finanzieren zu lassen? Die christliche Logik ist doch gerade nicht die staatliche. Der Sozialstaat – lassen wir mal beiseite, ob und wie – muss einen Bedarf definieren und dann für dessen Deckung sorgen. Aber der Umfang der christlichen Dienste am Nächsten orientiert sich immer an dem, was die Menschen zu geben bereit sind, von sich aus. Christen wissen, dass sie kein einziges soziales Problem wirklich lösen können, aber sie wollen nach ihren Kräften etwas dazu beitragen. Zwischen diesen beiden Ansätzen ist kein Raum für eine weitere Steuer. Sicher erlaubt es christliches Engagement dem Staat, sein eigenes vielleicht nicht ganz so weit auszudehnen. Das ist für Linke stets ein Ärgernis, für Liberale allerdings sollte es das weniger sein. Aber andererseits greift der Staat auch christlichen Einrichtungen beträchtlich unter die Arme, so dass man hier de facto von einer Symbiose sprechen muss. Gerade die macht es auch so schwer, in dieser Republik sauber zwischen Staat und Kirche zu trennen, und deswegen dürfte es aus pragmatisch-liberaler Sicht sinnvoller sein, die gröbsten Ärgernisse dieser Verquickung anzugehen statt wieder mal zur “glasklaren” Lösung zu greifen. 

Im Übrigen gibt es diverse Kirchen, die gar keine Kirchensteuer erheben und sich von ihren Mitgliedern über Spenden finanzieren lassen. Und so muss man auch die Kirchensteuer sehen: Als eine mit Zwangsmitteln erhobene freiwillige Spende. Mit Zwangsmitteln, weil eben Steuer, und freiwillig, weil man der Steuer durch Austritt entgehen kann, was für Liberale eigentlich ein Grund sein sollte, die Kirchensteuer als vorbildlich zu loben und zu preisen, statt sie zu einem Grundübel zu erklären… Und wer was wem spendet, darin ist der Bürger dieses Landes jetzt schon frei. Er braucht dazu ganz sicher keine neue Steuer. Die steuerliche Abzugsfähigkeit freiwilliger Spenden ist aus liberaler Sicht eindeutig zu bevorzugen, so sehr unsere linken Freunde auch nach einer weiteren Ausdehnung der Staatstätigkeit lechzen. 

Liebe “grüne” Katholiken (und ja, damit sind auch die weiblichen Geschlechts gemeint, warum auch nicht): Versteckt euch nicht hinter der christlichen Kirchen, wenn ihr neue Steuern fordert. Macht das bitte gleich selbst, damit die Wähler euch zeigen können, was sie davon halten.

Rayson in FDP,Kultur,Politik,Religion am 18. 05. 2012 » 21 Kommentare
bisher 21 Kommentare » Kommentare
  1. Buenavista sagt am 19. 05. 2012 um 00:26 Uhr:

    Wer “wegen der Kirchensteuer” austritt, ist eigentlich schon draußen.

    Man kann natürlich auch umgekehrt fragen, wo eine Kirche steht, die Seelenheil nur gegen Entrichtung von (staatlich!) eingetrieben Steuern verheißt.

  2. Rayson sagt am 19. 05. 2012 um 00:32 Uhr:

    @1.

    Tut sie nicht. Der “Clubbeitrag” ist eine logische Folge individueller Präferenzen und keine religiös begründete Forderung. Wer sich zugehörig fühlt, wird zahlen, wer nicht, nicht.

  3. grenzenlosnaiv sagt am 19. 05. 2012 um 01:10 Uhr:

    Mal ohne hübsch verschwurbelte Verdrehung; bedeutet freiwillig nicht allgemein eher, dass man auch Mitglied sein kann ohne zu zahlen?
    Was ist eigentlich mit Ländern, in denen man katholischer Christ sein kann ohne Kirchensteuer zu zahlen; ist man da im liberalen Sinn dann gar kein echter Christ? Oder nur dann, wenn man wirklich freiwillig spendet und das allen anderen Kirchenmitgliedern am Monatsanfang nachweist, bevor die erste Messe losgeht? Ich kenne mich da nicht so aus, da ich glücklicherweise in Deutschland wohne, wo meine Kirchensteuer freiwillig zwangseingezogen wird.

  4. Rayson sagt am 19. 05. 2012 um 01:15 Uhr:

    @3.

    Mal ohne hübsch verschwurbelte Verdrehung; bedeutet freiwillig nicht allgemein eher, dass man auch Mitglied sein kann ohne zu zahlen?

    Nö. Wo?

    Was ist eigentlich mit Ländern, in denen man katholischer Christ sein kann ohne Kirchensteuer zu zahlen; ist man da im liberalen Sinn dann gar kein echter Christ?

    Ob jemand “echter Christ” ist oder nicht, wird hier nicht beurteilt. Die Frage kann nur sein, ob jemand Christ im Sinn der Gemeinschaft ist, der er sich zugehörig fühlt. Und das hängt dann doch davon ab, ob er die Regeln dieser Gemeinschaft befolgt, Wozu auch finanzielle Beiträge zählen.

    Noch Fragen?

  5. tigger sagt am 19. 05. 2012 um 11:25 Uhr:

    Ich bin auch ausgetreten. In meinem Fall von der evangelischen Kirche. Die stellte für mich nicht mehr die Gemeinschaft der Christen dar, sondern einem politischer Arm der Bündnisgrünen. Wenn ich die unterstützen wöllte, würde ich in deren Partei eintreten.

  6. Jan sagt am 19. 05. 2012 um 13:40 Uhr:

    Das Grundübel ist nicht nur, dass sich einige wenige Kirchen über Steuern finanzieren dürfen und die meisten Wettbewerber nicht, sondern auch, dass man eben nicht einfach austreten kann. Wer aus der Kirche austreten will, kann nicht einfach zu seinem Pastor gehen und ihm das mitteilen, sondern er muss zu einer Behörde, muss dort eine nicht gerade geringe Gebühr bezahlen und quasi bittstellen, austreten zu dürfen.

  7. Robert Z. sagt am 19. 05. 2012 um 14:16 Uhr:

    Was mich an diesem Vorschlag aufregt ist nicht, daß ich dann etwas spenden müsste. Hier übertreffe ich die acht oder neun Prozent der Einkommenssteuer schon heute problemlos und setze sie natürlich auch ab, so daß ich die Quittungen ohnehin schon sammle und einreiche. Was mich aufregt ist die implizite Behauptung, Kirchenmitglieder würden gütig spenden, während Konfessionslose egoistisch abzocken. Wo kommt wohl der “Kirchenhass” her? Ein netter Teil wird wohl durch selbstgerechte Typen wie diese grünen Christen erzeugt…

    Was mich weiterhin aufregt ist, daß mal wieder implizit Lügen verbreitet werden. Die Kirchen stellen keine “Öffentlichen Güter” zur Verfügung. Die Kirchensteuer finanziert nicht die Caritas und auch nicht die “kirchlich getragenen” Einrichtungen.

    Zuletzt regt mich auf, daß nur “Konfessionslose” die “Kultursteuer” bezahlen sollen statt alle “Nicht-Kirchenmitglieder”. Da wollte es sich wohl jemand nicht mit Personen verderben, die schon qua Existenz unsere “Kultur bereichern”, was?

  8. grenzenlosnaiv sagt am 19. 05. 2012 um 14:33 Uhr:

    Ja, ich hab noch Fragen.

    Wenn also Abgaben aus liberaler Sicht als freiwillig gelten, wenn man ihnen durch sowas wie Austritt aus der Gemeinschaft entgehen kann, sind dann nicht alle Steuern freiwillig und auch die Krankenkassenbeiträge als vorbildlich zu loben? Man kann ja aufhören zu arbeiten, in ein anderes Land gehen oder sich ein Boot kaufen und in internationale Gewässer fahren. Man ist ja freiwillig Deutscher. Wie soll man also Kritik daran verstehen, die es von liberaler Seite immer wieder gibt? Oder ist es vielleicht doch möglich, dass freiwillig anders definiert sinnvoller ist und man es jedem liberal denkenden Menschen zugestehen sollte, dass er die Strukturen innerhalb einer Gruppe ändern will, wenn sie ihm zwanghaft erscheinen, so auch Mitgliedern einer Kirche?

  9. Rayson sagt am 19. 05. 2012 um 16:33 Uhr:

    @6.

    Ich bin nicht ausgetreten, sondern konvertiert: Bei Behörde aufgechlagen, gesagt, was Sache ist, Lohnsteuerkarte geändert bekommen, fertig. Keine Gebühr, keine Urkunden, nichts. Scheint wohl kommunal unterschiedlich gehandhabt werden.

    @7.

    Wo kommt wohl der “Kirchenhass” her? Ein netter Teil wird wohl durch selbstgerechte Typen wie diese grünen Christen erzeugt…

    So schnell kannst du hassen? Und dann auch noch eine große Gemeinschaft für die Meinung eines kleinen Teils in Haftung nehmen? Alle Achtung.

    Die Kirchen stellen keine “Öffentlichen Güter” zur Verfügung.

    Oh doch, das tun sie.

    Die Kirchensteuer finanziert nicht die Caritas und auch nicht die “kirchlich getragenen” Einrichtungen.

    Zum Teil wohl schon. Mit “Caritas” ist übrigens nicht zwingend die gleichnamige Organisation gemeint.

    Zuletzt regt mich auf, daß nur “Konfessionslose” die “Kultursteuer” bezahlen sollen statt alle “Nicht-Kirchenmitglieder”

    Da sieht man mal wieder, was die aufgeregte Verbreitung von Nachrichten im Internet so alles anstellt. Da kann man im Blogbeitrag noch so oft auf den Originaltext verweisen. Also nochmal: Die Steuer, die sich die Autoren des “Papiers” vorstellen, soll von allen gezahlt werden, ohne Ausnahme. Und es dürfte sogar auch Nicht-Kirchenmitgliedern möglich sein, ihren Anteil dann einer Kirche zukommen zu lassen…

    @8.

    Wenn also Abgaben aus liberaler Sicht als freiwillig gelten, wenn man ihnen durch sowas wie Austritt aus der Gemeinschaft entgehen kann

    Nennt sich Sezessionsrecht. Sicher schon mal gehört.

    Man kann ja aufhören zu arbeiten, in ein anderes Land gehen oder sich ein Boot kaufen und in internationale Gewässer fahren. Man ist ja freiwillig Deutscher.

    Tja, das Leben ist eben nicht schwarz-weiß.

    Ich bezweifle allerdings, dass das mit dem Boot in den internationalen Gewässern reicht, um dem deutschen Fiskus zu entkommen… Da muss man schon einen Daueraufenthalt in einem anderen Staat nachweisen können. Und schon war’s das mit dem Sezessionsrecht. Konvertieren geht aber. “Aufhören zu arbeiten” befreit neuerdings übrigens ja auch nicht mehr von der Krankenkassenmitgliedschaft.

    Aber man kann sich ja immer noch erschießen.

    Im allgemeinen wird man jedoch, wenn ein “Austritt” zwingend eine mit erheblichen Nachteilen verbundene Umgestaltung des eigenen Lebens zur Voraussetzung (nicht zu verwechseln mit: “als Folge”) hat, nicht von einem freiwilligen Verbleib sprechen.

    Wenn aus deiner Sicht aber Vereinsbeiträge nicht freiwillig entrichtet werden, dürftest du es schwer haben, von anderen Leuten verstanden zu werden.

    und man es jedem liberal denkenden Menschen zugestehen sollte, dass er die Strukturen innerhalb einer Gruppe ändern will, wenn sie ihm zwanghaft erscheinen, so auch Mitgliedern einer Kirche?

    Was jetzt nochmal was mit dem Beitrag zu tun hat?

  10. Jaquento sagt am 19. 05. 2012 um 23:07 Uhr:

    Die Kirchen doch soziale Dienstleistungen und haben damit lange Erfahrung wie man sowas gut organisiert. Der Staat könnte doch diese einkaufen und gff. eine Ausschreibung für den Betrieb von Seelsorge und Suppenküchen machen, sodass auch private Dienstleister eine Chance haben mit einem entsprechendem Angebot.
    Es ist und bleibt natürlich ein Verlustgeschäft, aber mit marktwirtschaftlicher Optimierung kann man sicherlich mit weniger Einsatz mehr erreichen, davon profitieren dann alle, vom Steuerzahler über den Dienstleister bis zum Bedürftigen.

  11. Mir sagt am 19. 05. 2012 um 23:23 Uhr:

    Mwn. werden Caritas und co. hauptsächlich vom Staat bezahlt und lediglich von den Kirchen betrieben, kann mich aber auch irren.
    Habe es mal gegoogelt, nach dem hier wären es jedenfalls 2001 nur 9% direkt von den Kirchen gewesen.
    Wie viel aus den anderen Einnahmen auch noch über Umwege aus der Kirchensteuer stammt kann man da nicht ablesen, aber mehr als 20% insgesamt dürften es kaum werden.
    Dem Staat kann man wohl deutlich mehr als 50% zurechnen, da der Vermögensaufbau und die Struktur auch von diesem mitfinanziert wurde.

  12. Rayson sagt am 20. 05. 2012 um 02:35 Uhr:

    @11.

    Der Tendenz nach ist mir das ähnlich in Erinnerung, allerdings weniger bei der Caritas im Sinne der Unterstützung Notleidender, sondern bei den institutionellen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Kindergärten. Die Hilfsorganisationen jedoch werden meines Wissens nach durch Spenden finanziert (was der Staat durch die Abzugsfähigkeit allerdings fördert).

  13. Phu sagt am 20. 05. 2012 um 02:39 Uhr:

    1. Ich bin mir ehrlich nicht sicher, aber ich meine im Beitrag würde die Trennschärfe zwischen katholischer Kirche, also “Christ-sein an sich” und dien Kirchen als juristischen Organisationen in Deutschland etwas verwischt.

    Ich bin bspw. – wie ein Vorposter – aus der ev. Kirche ausgetreten, weil ich Frau Käßmann und Konsorten nicht auch noch finanzieren will. Trotzdem bin ich Christ und spende dann halt immer dann für die Kollekte, wenn das Geld auch “meiner” Gemeinde zugute kommt.

    2. Ich finde den Vorschlag der Grünen Katholiken hier auch dämlich, Deinem Artikel habe ich da argumentativ gar nicht mehr viel hinzuzufügen.

    Aber etwas weitergedacht fände ich folgendes Konzept ganz faszinierend: Der Staat zieht sich aus sozialen Belangen (jenseits der reinen Daseinsfürsorge) weitgehend zurück, senkt die Einkommenssteuer deutlich und verpflichtet im Gegenzug die Bürger einen entsprechenden Anteil ihres Einkommen an soziale Projekte ihrer Wahl und nach ihren Kriterien zu spenden. Ich würde denken, daß die Qualität sozialer Leistungen besser werden würde und die Mittelaufteilung dem Zahlerwillen sehr viel näher kommen würde…

  14. Florian sagt am 20. 05. 2012 um 16:45 Uhr:

    wegen “öffentliche Güter”:

    ein “öffentliches Gut” ist im Ökonomen-Sprech ein Gut, bei dem der Konsument nicht ausgeschlossen werden kann und bei dem es keine Rivalität im Konsum gibt.
    (Und so wird es der von Rayson zitierte Ökonom wohl auch verstanden haben).

    Typische Beispiele sind die Straßenbeleuchtung oder die Landesverteidigung.

    Der Betrieb eines Krankenhauses oder eines Kindergartens ist also KEIN öffentliches Gut.

    Die von den Kirchen prodzuzierten öffentlichen Güter dürften sich wohl eher im eigentlichen seelsorgerischen Bereich befinden.
    Wenn also z.B. nicht steuerzahlende Gläubige sich im Fernsehen das päpstiche Urbi et Orbi anhören.
    Oder noch allgemeiner: wenn die Kirche dazu beiträgt, ethische Mindeststandards in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, von denen auch Nicht-Gläubige profitieren.

    Es stellt sich nun aber folgendes Problem:
    Aus meiner Sicht (als brav Kirchensteuer zahlender Katholik) SIND dies echte öffentliche Güter.
    Es ist mir allerdings durchaus bewusst, dass ein Nicht-Gläubiger dies womöglich anders sehen wird. Aus seiner Sicht gibt es womöglich diese “seelsorgerischen öffentlichen Güter” gar nicht.
    D.h. ein Free-Riding-Problem existiert nicht bei den Nicht-Gläubigen. Sondern in erster Linie nur bei Gläubigen, die allerdings aus irgendwelchen Gründen aus der Kirche ausgetreten sind. Diese besuchen dann ggf. die Weihnachtsmesse, obwohl sie dafür nichts bezahlt haben.
    Ob dieses Free-Riding-Problem allerdings einen so massiven Eingriff wie eine allgemeine Kultur-Steuer rechtfertigt, würde ich bezweifeln.

    Caritas bzw. Diakonie sind übrigens zwei sehr große Verbände mit jeweils über 500.000 hauptamtlichen Mitarbeitern (plus vielen Freiwilligen).
    Dass diese sich nicht im wesentlichen über Kirchensteuer finanzieren können, ist angesichts deren Größe eigentlich logisch.
    Vielmehr erbringen sie typischerweise Leistungen, die der Staat ausschreibt (und für die sich auch nicht-kirchliche Träger bewerben können) und bezahlt.

  15. Rayson sagt am 20. 05. 2012 um 17:01 Uhr:

    @13.

    ad 1: Das jetzt auch noch aufzudröseln, erschien mir für den Inhalt des Beitrags unerheblich. Wer möchte, darf sich das “katholisch” oder “evangelisch” zur Kennzeichnung der Zugehörigkeit jeweils als Adjektiv dazu denken. Gemeindezugehörigkeit ist allerdings wesentlicher Bestandteil des Christseins.

    ad 2: Liberaler wäre das auf jeden Fall. Wiewohl natürlich das Ideal um Längen verfehlend und deswegen von den Lordsiegelbewahrern des Liberalismus sofort zu verdammen… Spalter!

    @14.

    Danke, sehe das ganz genau so.

  16. Buenavista sagt am 20. 05. 2012 um 22:31 Uhr:

    Fragen? Ein paar schon:

    1) Austritt aus der Kirche kostet, je nach Bundesland, zwischen 30 und 50 Euro. Die wenigsten Mitglieder sind “freiwillig” eingetreten.

    2) Die Kirche ist zu feige, bei Leuten, die Kirchensteuer nicht zahlen wollen, diese selbst rauszuwerfen. Nein, man lässt den Staat pfänden und zwingt die Menschen, selbst den Austritt bei einer staatlichen Einrichtung zu erklären.

    3) Ein Austritt, weil man keinen staatlichen Zwangsbeitrag bezahlen möchte, zieht in der Regel die Exkommunikation nach sich. Heute hüllt man sich eher in Schweigen, was Exkommunikation bedeutet, mein Schulpfarrer war da noch sehr konkret: kein Seelenheil, ewige Verdammnis. “Extra ecclesiam salus non est” (Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil), von Cyprian von Karthago formuliert, wurde im 15. Jh. zum Dogma erklärt. Eine Aufhebung ist mir nicht bekannt.

    4) Ein Katholik oder Protestant, der aus einem Land ohne Kirchensteuer stammt und in Deutschland leben will, muss Kirchensteuer bezahlen. Wenn nicht, muss er aus der Kirche austreten. Dieser Austritt gilt aber nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. Also kein Seelenheil für Chilenen oder Philippiner, die keine deutschen Kirchensteuern bezahlen wollen.

  17. Rayson sagt am 20. 05. 2012 um 22:51 Uhr:

    @16.

    ad 1.) Ja und? Man kann auf jeden Fall freiwillig raus.
    ad 2.) Auch wieder zum Thema: Ja, und?
    ad 3.) Verstehe ich dich richtig? Der Schrecken des Austritts aus der religiösen Gemeinschaft besteht darin, dass diese Gemeinschaft dem Einzelnen dafür üble Folgen im Jenseits androht? Wen ich der das glaube, warum will ich dann austreten? Davon abgesehen: Seit dem 2. Vaticanum schließt die römisch-katholische Kirche auch andere Wege zum Heil nicht mehr grundsätzlich aus.
    ad 4.) Es ist auch ziemlich schwierig für Menschen, die aus Ländern kommen, in denen keine Mehrwertsteuer erhoben wird, die Zahlung der Mehrwertsteuer zu verweigern. In Deutschland verhungern die dann.

    Und wo waren jetzt die Fragen?

  18. anonymer Liberaler sagt am 28. 05. 2012 um 12:18 Uhr:

    Auch wenn es etwas spät ist, muss ich zum Thema öffentliche Güter noch etwas sagen. Fakt ist, dass gerade einmal 10 % der Kirchensteuereinnahmen für karitative Zwecke ausgegeben werden.

    Der Mythos der umfangreichen karitativen Ausgaben gehört zu den großen Existenzberechtigungslügen der beiden Staatskirchen, da 90 % des Geldes für kirchlich-getragene Kindergärten, Schulen etc. tatsächlich von allen Steuerzahler stammt.

  19. R.A. sagt am 29. 05. 2012 um 10:55 Uhr:

    Fakt ist, dass gerade einmal 10 % der Kirchensteuereinnahmen für karitative Zwecke ausgegeben werden.

    Das kommt sehr auf die Abgrenzung von “karitativ” an.
    Bei den 10% geht es wohl nur um die Zuschüsse für organisierte offizielle Sozialarbeit. Wenn sich dagegen Pfarrer und Gemeinde um alte Leute kümmern oder Vorfeldorganisationen Jugendarbeit machen, dann wird das in der Regel nicht als “karitative Aufwendung” gebucht.

    Die Bedeutung einer funktionierenden Kirchengemeinde für das soziale Leben in einer Siedlung läßt sich sowieso nicht nach den Statistik-Maßstäben des Staates oder der Sozialindustrie messen.

  20. Herki sagt am 29. 05. 2012 um 16:46 Uhr:

    [quote]Der Mythos der umfangreichen karitativen Ausgaben gehört zu den großen Existenzberechtigungslügen der beiden Staatskirchen, da 90 % des Geldes für kirchlich-getragene Kindergärten, Schulen etc. tatsächlich von allen Steuerzahler stammt.[/quote]

    Der größte Schande ist meiner Meinung nach das sich diese Träger in “ihren” Einrichtungen dann noch Dinge erlauben für die jeder normale Arbeitgeber an die Wand geklagt würde. Einstellung nur bei genehmer Konfession, fristlose Kündigung bei Kirchenaustritt etc.

  21. Rayson sagt am 30. 05. 2012 um 12:07 Uhr:

    @20.

    Da sind die Kirchen (und ähnlich die Gewerkschaften übrigens) aber etwas näher am liberalen Ideal dran, denn warum sollte man jemandem vorschreiben, mit wem er Verträge abzuschließen hat?