Ausflug in die Unpolitik: Was zur Ampel
Kaum erweisen sich die erhofften Nachrichten vom Tod der FDP als möglicherweise etwas verfrüht, wird sie wieder zum Objekt spekulativer Spielereien. Wir präsentieren aus dem Gruselkabinett der Unpolitik: Die Ampel-Koalition. SPON, das inoffizielle Organ von Rot-Grün in Deutschland, zieht dazu wieder mal alle Register. Man kann das Ganze, das Politik zu nichts anderem als zu Machtgeschacher degradiert, auch etwas zynisch als Wahlkampfhilfe für die Piraten bezeichnen.
Woher kommt diese Ampel-Leidenschaft? Sie ist eine Folge der Arithmetik. Durch das Auftreten der Piraten fehlen Rot-Grün immer öfter die Stimmen zur eigenen Mehrheit. Wenn die SPD noch eine andere Regierungsoption haben will, als Juniorpartner einer “Großen Koalition” zu sein, muss sie sich nach anderen Kombinationen umschauen. Was also spricht für die “Ampel”?
SPON meint, die Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger und der Fraktionschef Brüderle seinen Koalitionen mit der SPD nicht abgeneigt. Das ist der Schreiber dieser Zeilen auch nicht, aber ein wenig inhaltliche Übereinstimmung sollte da schon sein, doch da die Lage so ist, wie sie ist, mangelt es an diesen Übereinstimmungen an allen Ecken und Kanten. Das wissen die gleich drei Qualitätsjournalisten, denen dieses Meisterwerk der Unpolitik zu verdanken ist, natürlich auch:
Zudem braucht die SPD die Liberalen als Feindbild. Die FDP ist die letzte Partei, an der sich die Sozialdemokraten noch richtig reiben können. In Wahlkämpfen ist die Abgrenzung zur gelben Konkurrenz eine wichtige Mobilisierungshilfe.
So kann man es auch formulieren, was hier und an anderer Stelle immer wieder betont wird: Ohne die FDP mit ihren zaghaft liberalen Ansätzen wäre die deutsche Parteienlandschaft ein einziger durch und durch sozialdemokratischer Mainstream, und man könnte seine Wahlentscheidung danach ausrichten, welches Schuhwerk die Politiker tragen oder wie eigenständig sie ihre Dissertation verfasst haben. Und jetzt wissen wir auch, warum der Tod der FDP zwar als unausweichlich behauptet wurde, man sich aber kaum erklären konnte, dass er dennoch immer wieder geradezu beschworen werden musste: Die Sozis (aller Parteien) brauchten das Feindbild noch.
Die Schwärmerei über die “guten, alten Zeiten” der “sozialliberalen” Koalition (heutzutage sollte man auf den Begriff “rot-gelb” bestehen – wenn schon, denn schon) führt auch nicht viel weiter. Damals war die FDP tatsächlich nur noch Klientelpartei. Erst Westerwelle hat die FDP thematisch aufgestellt und damit inhaltlich von der Sozialdemokratie abgegrenzt. Bestand das “Liberale” zu Genschers Zeiten noch darin, sowohl mit SPD als auch CDU koalieren zu können und zwischen den Giftspritzen Strauß und Schmidt beruhigend in die Kamera zu sprechen, wurde es erst mit Westerwelle inhaltlich aufgeladen. Dass die angebliche Verengung auf das Thema Steuersenkung dabei keine reale, sondern eine medial herbeigedichtete war, haben wir hier schon oft genug klar gestellt. So ein wenig steckt die alte Sehnsucht nach einer FDP, die das von den Protagonisten dieses Wunsches gern verbreitete Bild einer Klientelpartei tatsächlich ausschließlich lebt, in dieser Sehnsucht nach den 70er Jahren. Bei einigen ist sie sogar so groß, dass sie vor Enttäuschung über eine andere Wirklichkeit mit Verbalinjurien um sich werfen.
So gegen Ende des Artikels erfahren wir dann zum ersten Mal, dass in der Ampelkoalition noch eine andere Partei beteiligt werden müsste: die Grünen. Fast hatten wir die ehemaligen Shooting-Stars des deutschen Politikbetriebs schon vergessen. Was haben sie das Hoch dieser Partei nach Fukushima und den Stuttgart-21-Protesten zum soziologisch unausweichlichen Dauerzustand erklärt, unsere üblichen verdächtigen Experten. Die Grünen waren Volkspartei – aber nur kurze Zeit, bis die Piraten kamen. Will sagen: Traue keiner Parteiprognose, die über ein halbes Jahr hinaus geht. Aber genug gelästert, hier kommt nämlich selbst in der Logik der Unpolitik die Crux dieser Ampel-Spielchen: Es sind drei Parteien. Und die bisherigen Erfahrungen mit Drei-Parteien-Bündnissen in Deutschland, unter anderem eben auch Ampelkoalitionen, sind nun einmal alles andere als eine Erfolgsgeschichte, ob in Bremen oder im Saarland. Und dass SLS oder Brüderle mit den Genossen können, heißt noch lange nicht, dass es mit den grünen Maternalisten dazu auch klappen würde. Die SPD muss also schon ziemlich verzweifelt sein, um solche Überlegungen anzustellen.
Dabei bräuchte sie es gar nicht. Wie der Parteivorsitzende und intellektuelle Kopf der SPD, Sigmar Gabriel, richtig feststellte, stehen die Piraten doch sehr gerne bereit. Die wollen noch nicht einmal mitregieren, sondern würden einfach, wie z.B. in Schleswig-Holstein und im Saarland angekündigt bzw. bereits praktiziert, Regierungen mit SPD-Beteiligung wohlwollend begleiten. Dass Gabriel für diese Erkenntnis auf einen äußerst abstrusen Liberalismus-Begriff zurückgreift, zeugt wohl eher von seiner Verwunderung, dass ihm die Sache so leicht gemacht wird.
Unpolitik mag für viele Leute ein spannendes Thema sein. Sie ist so schön soapig, und der Verzicht auf Komplizierung durch Inhalte wirkt für viele attraktiv. Allerdings sind es zum Glück doch noch meist die Inhalte, die über die Tragfähigkeit von Bündnissen entscheiden. Vielleicht sollte man angesichts der Realität der aktuellen Koalition im Bund hinzufügen: nicht die Inhalte eines schwammigen Koalitionsvertrags, sondern die in der Regierungspraxis umgesetzten.
bisher 7 Kommentare » Kommentare
Was heißt da unverhofft, gab doch reichlich Kompensation in Form von Pro-FDP (oder eher Kubicki, Lindner) Agitation zeitig zu den Wahlen nach der Schlammschmeisserei seit der letzen Bundestagswahl.
Gefühlt mehr zu den beiden als zu sämtlichen anderen Spitzenkandidaten zusammengenommen.
Nicht dass ich was dagegen hätte, neben Wagenknecht die einzigen interessanten Politiker im Feld, aber mit medialem Gegenwind hatten die nun nicht gerade zu kämpfen.
Ja, Unpolitik ist attraktiv. Auch für mich. Ich hätte gern das m.E. besondere Interesse der SPD an der Spaltung des bürgerlichen Lagers im Allgemeinen und der Isolierung der CDU im Besonderen ausgeführt. Aber es geht um Inhalte. Gut, mal wieder daran erinnert zu werden.
Die Schnittmengen, wie es immer so schön heißt, zwischen FDP und Grünen haben sich in den letzten Jahren eher vergrößert wie ich meine. Obwohl es immer noch überwiegend trennendes gibt, steht die FDP für das Abschalten der KKW, für den protektionistischen Emissionshandel und die Energiewende. Somit fällt viel von dem Trennenden eben auch in diesen unpolitischen Bereich.
Zitate aus den Freiheitsthesen.
Eine Ampel in NRW wäre ziemlicher Unsinn.
Nur leider werde ich den Verdacht nicht los, daß ein Lindner solchen Unsinn gerne mitmachen würde.
Richtig, wenn auch nicht nur in NRW.
Der Verdacht ist sehr berechtigt. Lindner sagte beim Landesparteitag wörtlich zum Thema: “Wir sind keine Reserve für Rot-Grün, wir sind die Alternative zu Rot-Grün”
Eine klare Absage klingt anders.
Lindner & Co könnten den Sprung wagen. Es würde bewirken, daß in der FDP endlich einmal wieder eine Richtungsdebatte stattfände. So übel fände ich das nicht…
Ich hoffe, es sei mir an dieser Stelle gestattet auf meinen frischen Grundsatzartikel zur Zukunft der FDP zu verweisen, mit der Bitte um Kommentare, Debattenbeiträge, Shitstorms, was immer Euch beliebt!
http://dominikhennig.blogspot.de/2012/05/die-zukunft-der-fdp.html
@2.
Ich glaube nicht, dass das eine Rolle spielt. Die SPD ist hier ja eher Getriebene. Und für die Entfremdung von Union und FDP sorgt ja nichts besser als diese Regierungszeit,
Die “Energiewende” macht der FDP aber schwer zu schaffen, wie die Versuche Röslers zeigen, der etwas zurückruderte und jetzt gerne die Solarförderung kürzen möchte, gegen den Widerstand von Unionsländern.
Sehe das so wie Rayson. Die Kröten die die FDP unter Schwarz/Gelb schlucken mußte wären unter Rot-Grün/Gelb aber nicht größer. Man muß bedenken, daß es bei einer offenen Offerte oder gar einem Zustandekommen dieses Experiments wiederum aus Gründen innerparteilicher Balance notwendig wäre, den einen oder anderen “wirtschaftsliberalen” Grüß-August schön sichtbar an Bord zu halten bzw. zum rechten Bullauge rausgucken zu lassen. Leute wie Schäffler sind im Falle des Eintretens der Ampel (also der vermeintlichen Links-Wende) weniger entbehrlich als in der vermeintlich bürgerlichen Konstellation. Auch die sozialliberale Koalition funktionierte, weil es die FDP verstand, Repräsentanten nicht-sozialdemokratischer Ausrichtung (den Wirtschatfsliberalen Lambsdorff, den Nationalliberalen Ertl) “einzubinden”, und das an exponierter Stelle. Also jedes Ding hat zwei Seiten.