gleich zum inhalt springen

Eine Simulation wird real

Ab und zu wurde es bereits erwähnt: Die Betreiber von B.L.O.G. haben sich bei der Politiksimulation “democracy online today” (dol2day) kennengelernt. Dabei handelt es sich um eine “Politik-Community” mit Elementen, die zu beschreiben sich mal lohnt.

Jedes neue Mitglied landet zunächst im “Volk”. Es kann Mitglied verschiedener virtueller Parteien oder Initiativen werden. Eine allgemeine Diskussion findet auf verschiedenen Plattformen statt, z.B. in Foren der sog. “Internetregierung” oder anlässlich von Umfragen, die jedes Mitglied starten kann. Die Umfragen haben eine Abstimmungsfunktion und einen Diskussionsteil. Parteien und Initiativen verfügen über eigene, je nach Wunsch offene oder geschlossene Foren. 

Die Mitglieder von dol2day wählen regelmäßig einen sog. “Internet-Kanzler”. Dieser Kanzler stellt nach seiner Wahl eine “Regierung” seiner Wahl zusammen. Seine Befugnisse erstrecken sich im Grunde auf – nichts. Traditionell wird der Job des Kanzlers bei dol2day so verstanden, dass er Änderungen an der Plattform vorantreiben und die Öffentlichkeitsarbeit verbessern soll. Die Entscheidungen aber fallen anders: Hat der Kanzler (bzw. seine Regierung) einen Vorschlag formuliert, muss dieser erst über eine Art “Volksabstimmung”, das sog. “Doliszit”, angenommen werden. Vieles scheiterte aber daran, dass trotz der Annahme des Vorschlags die Betreiber der Plattform (und deren Helfer) als “Redaktion” oder auch “Redax” das letzte Wort hatten, denn schließlich lag es auch an ihnen, die Vorschläge programmtechnisch (PHP) umzusetzen. Und nach ein paar Monaten wurde dann wieder ein “Kanzler” gewählt. Wiederwahlen waren äußerst selten, meist schon aus dem Grund, dass die wenigsten sich das nochmal antun wollten, ansonsten daran, dass sich mal wieder die Mehrheitsverhältnisse geändert hatten.  Eine Kuriosität des “Wahlkampfes” und der “Koalitionen” bei dol2day besteht darin, dass die Parteien sich überwiegend nach Offline-Mustern definieren (z.B. Sozialisten, Grüne, Liberale, Konservative), auch einen dementsprechenden “Wahlkampf” für ihren Kandidaten führen, dieser aber danach mit der ganzen Offline-Politik nichts mehr am Hut hat und sich nur noch mit Details der Plattform selbst befassen darf.

Über dol2day gäbe es noch viel zu erzählen. Lustiges, aber auch wirklich Tragisches. Diese Plattform, die noch Anfang des Jahrtausends vor Aktivität strotzte, ist mittlerweile nur noch ein Schatten ihrer selbst. Einen Eindruck kann man aber immer noch gewinnen, wenn man sich dort anmeldet.

Nein, das soll keine Werbung sein. Weder Boche noch Rayson sind bei dol2day noch zu finden. Von einem kurzen Gaststpiel unter leicht veränderten Nutzernamen anlässlich der Selbstauflösung “unserer” Partei, der PLL, abgesehen, waren wir seit Gründung unserer Blogs nicht mehr dort. Die Nutzung war intensiv, aber endlich. Der Grund, warum der Schreiber dieser Zeilen sich hier so vermeintlich nostalgisch auslässt, ist ein anderer: die Ähnlichkeit zur Piratenpartei. Man schaue sich die Rolle der Amtsinhaber an, die Entscheidungsmechanismen, die Vielfalt der vertretenen Richtungen, die Diskussionskultur – der Parallelen sind gar viele. Natürlich gibt es auch Unterschiede: dol2day profitiert nicht von Protesthaltungen und tritt politisch nicht nach außen in Erscheinung. Auch ein der “Redax” vergleichbares Gremium gibt es nicht, hauptsächlich aufrgund fehlenden Bedarfs, denn der Charme der neuen Partei besteht ja gerade darin, die eigenen Forderungen nicht in die Realität umsetzen zu müssen. In der Zukunft wäre es dann vielleicht die Bodenständigkeit einer Volkspartei als größerem Koalitionspartner, die gegenüber den Piraten als mäßigende “Redax” fungiert. 

Bisher vermutete dieser Autor immer, seine geistige und emotionale Distanz zur Piratenpartei habe mit seinem Alter zu tun. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass er das Spiel schon durch hat.

bisher 1 Kommentar » Kommentare
  1. R.A. sagt am 30. 04. 2012 um 16:44 Uhr:

    Ich habe die beiden ehrenwerter Betreiber ja auch bei dol2day kennengelernt, treibe mich in Maßen auch noch dort herum – und kann hier nur zustimmen.

    Die dol-Erfinder waren genau derselbe Typus wie der harte Kern der Piraten: EDV-Nerds ohne Ahnung von Politik. Die Politik wie einen Cargo-Kult inszenieren in der Erwartung, ihre naiven Vorstellungen durchsetzen zu können.