Zwei vorbildliche Liberale
Ja, die Überschrift ist unfair. Wir wissen nicht, ob es sich bei den Herren Ebbers und Podolski um Liberale handelt. Aber sie haben gemäß einem liberalen Ideal gehandelt.
Das Fußballspiel eignet sich manchmal besonders gut, Analogien zum täglichen Leben zu liefern, insbesondere aus der Sicht Liberaler, denen es meistens vor allem um Regeln und ihre Auswirkungen geht. Im Fußball, aber auch z.B. in der Politik, wird man eben des öfteren vor eine Frage gestellt, die sich wie folgt generalisieren lässt: "Folge ich dem, was ich als Regel gutheiße, oder folge ich meiner Horde?" Zwischen beiden Ansprüchen, die beide menschlichen Werten entsprechen, besteht manchmal ein Zielkonflikt. Zum Beispiel hätte Ebbers, der Stürmer von St. Pauli, einfach schweigen und darauf hoffen können, dass sein Handspiel nicht bemerkt würde. Und der Kölner Podolski hätte nach dem Münzwurf eines Mainzer Anhängers ertragreich den sterbenden Schwan markieren können wie weiland Boninsegna. Beide Beispiele wiegen um so schwerer, als es den jeweiligen Mannschaften noch um erhebliche Ziele ging: St. Pauli kämpft um den Aufstieg, und der 1. FC Köln gegen den Abstieg.
In beiden Fällen haben die Spieler nicht von einer Freiheit Gebrauch gemacht, die ihnen durch das System eingeräumt wurde. Regelverstöße nicht zuzugeben, gilt als ebenso "clever" wie Regelverstöße des Gegners exzessiv zu übertreiben, um eine entsprechende Reaktion des Schiedsrichters zu provozieren. Mehr noch: Der Verzicht auf diese "Cleverness" wird als "Verrat" an der eigenen Mannschaft eingestuft, denn schließlich beraubt man die Mitspieler damit tendenziell materieller und nicht-materieller Vorteile.
Der Liberale allerdings löst sich von der zweckbezogenen Engstirnigkeit seiner Horde und etabliert sich als Individuum besonders nobel dadurch, dass er der Gerechtigkeit der Regel einen höheren Rang einräumt als dem mittelbaren oder unmittelbaren eigenen Vorteil. Liberalismus hat mit Egoismus nichts, aber auch gar nichts zu tun. Liberalismus ist, bei der Freiheit zum Handeln nicht nur den eigenen Vorteil, sondern auch die Verantwortung für das Ganze zur Maxime zu machen. Die Abwägung zwischen den beiden Zielen muss immer wieder neu erfolgen, aber sie findet eben auf der Ebene des Einzelnen statt, der dazu ermächtigt ist.
Das und nicht mehr will der Liberalismus. Wir danken den Herren Ebbers und Podolski für ihr instruktives Vorbild, und wir wünschen ihnen viele Nachfolger. Möge mehr individuelle Freiheit mehr solcher Beispiele ermöglichen.
bisher 6 Kommentare » Kommentare
Ich muss hoffentlich nicht noch extra betonen, wie großartig dieser Liberalismus mit dem Christentum harmoniert.
Interessant aus oekonomischer Sicht (fuer Sozialplaner), aber nicht aus liberaler Sicht.
Beispiel:
Ein Stuermer hat ne 1:1 + Torwart-Situation… anstatt dass er versucht das Ding zu machen, ueberschlaegt er sich 14-mal im Strafraum, weil er vom Gegner leicht beruehrt wurde…. warum? Es gibt da einen Bias; bei Erfolg ein fast sicheres Tor, bei Misserfolg keine Strafe.
Das Resultat ist im “Nash-Gleichgewicht”, dass alle professionellen Fussballer sich verhalten wie Idioten , weil das Regelwerk es so vorgibt.
Mit Liberalismus hat das m.E. nichts zu tun, da koennte man auch Unternehmer, die alle Steuerschlupfloecher gekonnt zu nutzen wissen als Liberale bezeichnen.
Nochmal auf den Punkt:
Ob man von Freiheiten in einem System gebrauch macht oder nicht, hat nichts mit Liberalismus zu tun, sondern eher mit Taktik.
Und welche Taktik mag hinter der Selbstanzeige eines Handspiels stecken ?
Ist ja schon fast wie der “fairste Elfmeter aller Zeiten”, in der VW Werbung
Ich will da nicht zu viel hineininterpretieren, weil viele Dinge auf dem Platz vermutlich durch das Unterbewusstsein des Spielers angetrieben werden (was mit Liberalismus auch nix zu tun hat, das waere eher die Schublade “Moral”)
Aber: Fussballprofis sind Ware, die sich selbst moeglichst teuer verkaufen muss.
Wenn man das Talent eines Balotelli hat, kann man sich auffuehren wie eine Topfsau, wenn man das Talent eines Ebbers hat, muss man sich empfehlen…
Einfach formuliert, und ohne die Unterstellung, dass Ebbers ein Taktiker ist… grundsaetzlich laeuft es aber so.
Danke, werter Rayson, für diesen wunderbaren Beitrag, der den Kern des Liberalismus aufzeigt, wie kein anderer. Und auch die Bezüge zum Christentum, die enge Beziehung zum Liberalismus, wurden mir nie klarer dargestellt. Vielen Dank.
Ich möchte quasi die Hymne zu dieser wundervollen Erkenntnis beisteuern: Jesus ist mein Hirte