Betreuungskraken
Die Datenkraken kennen wir: Unternehmen, die im Internet irgendwelche Leistungen anbieten, meist "kostenlos", dafür lediglich eine unwesentliche Registrierung verlangen und dann mit der Verknüpfung aus der und unserem, durch diese Unternehmen ganz genau beobachteten Verhalten Profile erstellen, die sich, wie man so schön sagt, monetarisieren lassen.
Es gibt aber auch Betreuungskraken. Das sind Organisationen, die davon leben, dass der Bürger in staatlich geregelten Aspekten des Lebens als unmündig oder schutzbedürftig hingestellt wird, so dass er ihrer uneigennütziger Hilfe bedarf. Diese Organisationen sind stets auf der Suche nach neuen Feldern, auf denen sie in das Leben der Bürger bevormundend eingreifen können. Jüngstes Beispiel: die gesetzlichen Krankenkassen.
Das Leistungsspektrum der Gesetzlichen Krankenversicherung in der Zahnmedizin wurde im Lauf der Zeit mehr und mehr verringert. Das ist zum einen durchaus sinnvoll, weil gerade bei den Zähnen durch eigenverantwortliches Handeln, sprich: simples häufiges Zähneputzen, ein Großteil der üblichen zahnärztlichen Behandlungen vermieden werden könnte. Zum anderen diente es aber auch dem politischen Zweck, so lange wie möglich eine gleichbleibende Beitragsbelastung zu gewährleisten. Wie dem auch sei: Gesetzlich Versicherte müssen jetzt einen Teil der zahnärztlichen Leistungen bei Zahnersatz aus eigener Tasche bezahlen, wie darüber hinaus auch andere Leistungen, die nicht im Katalog der GKV enthalten sind. Im Grunde müsste man jetzt also annehmen, dass, soweit dieser nicht von ihnen zu finanzierende Teil betroffen ist, die GKV-Kassen sich nicht mehr in die Beziehung zwischen Leistungserbringer und Patient einzumischen haben. Für diese Bürokratien ist es aber eine unzumutbare Situation, nicht mehr ihre schützende Hand über das arme Hascherl Bürger halten zu können, und natürlich finden sich auch Politiker wie der hier unvermeidliche Kalle, die als weiße Ritter an Stelle des Burgfräuleins Patient gegen den Schwarzen Ritter Zahnarzt ins Feld ziehen.
Das passende "Problem" ist schnell identifiziert: Es könnte sein, dass die zusätzlichen Leistungen falsch (sprich: zu hoch) abgerechnet würden. So theoretisch jetzt. Belege gibt es dafür natürlich nicht, denn die Kassen wollen diese ja erst noch zu Gesicht bekommen. Nur Kalle, der weiß es natürlich: Es gebe "enorme Unterschiede", und "einige" kassierten ihre Patienten "systematisch ab", während "viele" korrekt abrechneten.
Da staunt der Ökonom, und der Verbraucher wundert sich, denn ungefähr so dürfte es sich bei fast allen Dienstleistungen verhalten, die von uns so tagtäglich in Anspruch genommen werden. Ob die gesetzlichen Krankenkassen künftig auch noch die Rechnungen von Autowerkstätten, Bauunternehmen, Gärtnern oder Handwerkern überprüfen wollen, haben sie uns noch nicht verraten, aber so ein erfolgreiches Geschäftsmodell verlangt natürlich nach Expansion. Es ist absurd: Während allerorten mehr direkte Demokratie gefordert wird, der Bürger also über Euro-Rettungspakete, Bahnhöfe, Fiskalpakte und ähnliches Zeugs abstimmen soll, von dem er a priori nicht den Hauch einer Ahnung hat, wird er in den Bereichen seines unmittelbaren Erlebens und täglichen Handelns für unmündig erklärt.
Schlaumeierische Vulgärökonomen werden jetzt triumphierend "Informationsasymmetrie" schreien, und sie hätten damit sogar Recht. Nur ist die Sache damit nicht beendet, denn dagegen steht der Grundsatz von "Masonomics": Markets fail, use markets! Mit anderen Worten: Nutzt Märkte gegen Marktversagen! Es gibt Fachberater, Verbraucherverbände, Interessenvereine und einschlägige Internetportale, die alle genutzt werden können, um die u.U. mangelnde Transparenz auszugleichen, wenn man sich denn schon scheut, direkt selbst mehrere Angebote einzuholen. Und wenn wir diese kleinen Anstrengungen nicht auf uns nehmen wollen, um uns vor Übervorteilungen zu schützen, dann ist der Preis, den wir unserem Zahnarzt oder einem anderen Dienstleister bezahlen, ein fairer Preis, denn unsere Erwartung, übervorteilt zu werden, lohnte die Mühe des Informationsgewinns offensichtlich nicht.
Übrigens: Die Ressourcen, die unsere selbstlosen gesetzlichen Krankenkassen zur Kontrolle der Abrechnungen einsetzen wollen, bezahlen wir Versicherte. Aber was wissen wir Dummerchen schon.