Der tanzende Nietzsche
Wenn man vorher mal groß angekündigt hat, nicht mehr viel Neues schreiben zu wollen, darf man sich hoffentlich ungeniert selbst zitieren. Der folgende Text wurde nicht zufällig vor ca. einem Jahr in einem "Wochenrückblick" für dieses Blog verfasst und zeugt somit von der ewigen Wiederkehr des Gleichen:
Die liberale Blogosphäre und Twitterei empört sich über Tanzverbote zu Karfreitag. Es sind Momente wie dieser, die den Autor dieses Beitrags vor zu intensiver Cliquenbildung, auch neudeutsch "Vernetzung" genannt, zurückschrecken lassen. Sein Verständnis für diesen "Widerstand" hält sich in engen Grenzen. Wenn man sich zwischen einer jahrhundertealten Tradition eines Feiertags zum Innehalten und Nachdenken über die Endlichkeit auf der einen und dem Wunsch junger Menschen, an jedem von ihnen gewünschten Tag Party zu machen, auf der anderen Seite zu entscheiden hätte, dann hätte der Spaß ausnahmsweise mal keine Chance. Aber "Feier"-Tag wird heute eben nur auf eine Weise verstanden. Obwohl auch jemand wie Hayek davor gewarnt hat, Institutionen, die sich über Jahrhunderte erhalten haben, nicht zu respektieren, kann man von einem radikal-liberalen, individualistischen Standpunkt aus die staatliche Durchsetzung der Feiertagsruhe christlicher Feste sicher diskutieren und kritisieren. Es fiele dem Verfasser dieser Zeilen jedoch leichter, wenn er nicht das Gefühl hätte, dass hier Hedonismus und Kirchenhass nur einen Anlass suchen. Und diese beiden Haltungen wären dann eben weniger liberal… Der Widerstand gegen das Verbot, zu diesen Feiertagen nicht arbeiten zu dürfen, hält sich im Vergleich zu dem der Tanzwütigen doch auffallend genug bedeckt, um nicht diesen Schluss nahezulegen.
bisher 32 Kommentare » Kommentare
Liebe alle.
Mit Entsetzen
habe ich Ihr Mahnschreiben überflogen
und sehe mich daher genötigt,
sofort ein Gedicht zu schreiben.
Ihre Haltung zu Tanzverboten
ist ebenso unerquicklich wie fehlgeleitet
und hinterlässt mich daher
bestürzt.
Ganz offensichtlich
wollen Sie nicht verstehen,
wie wir die Probleme
in Berlin lösen können.
Aus der Geschichte
sollte jeder wissen,
dass Ihre Position gefährlich ist.
Somit hoffe ich,
dass mein Gedicht
diese Diskussion endlich beendet.
(Ich will nix mehr hören!)
[von Wortfeld]
An einem Feiertag, an dem ich nicht feiern darf (soweit es den Karfreitag betrifft, dauert das Tanzverbot in Niedersachsen vom Donnerstag 5 Uhr bis heute um Mitternacht, es geht also nicht um nur einen einzigen Tag), würde ich lieber arbeiten gehen und den freien Tag dann auf ein Datum legen, wo ich den freien Tag auch wirklich frei nutzen könnte. Warum die besonders ruhige Feiertagsruhe insgesamt gefährdet würde, wenn man abends ins Industriegebiet fernab jeder Kirche, ja selbst jeder Wohnung einen drauf machen dürfte, habe ich noch nie kapiert und ich fürchte, mir wird das auch weiterhin ein Rätsel bleiben.
Sehr froh bin ich allerdings gerade an solchen Tagen, dass es in meinem Ort keine Kirche gibt. Deren Gebimmel würde mich an Tagen, an denen ich angeblich Kirchenleute durch Tanzen(!) stören würde, wahrscheinlich an den Rand der Gewalttätigkeit treiben.
Und warum noch mal meinst du Anrecht auf einen freien Tag zu haben, dessen Sinn du nicht begreifst?
Zum Glück wird hier in diesem Maße weiterhin geschrieben! Danke dafür!
Es ist erbaulich zu lesen, dass selbst vernünftigsten Menschen das Herz ab und zu rät, eingeschränkte Freiheit in nicht ganz so grellem Licht zu sehen.
Ich vergesse manchmal, wie menschlich das ist. Und wie wichtig es deshalb ist, ein Liberaler zu sein.
Ein milde gestimmtes Frohe Ostern an alle!
@ Rayson:
Hm, ist das nicht ein wenig extrem?
Hedonismus braucht keinen Anlass und keinerlei Rechtfertigung, das ist ja eben das schoene an der Sache… und Kirchenhass? Ich bitte den Verfasser dieser Zeilen nicht ueber’s Ziel hinauszuschiessen; der Kirchenhass in Deutschland beschraenkt sich auf die buerokratischen Huerden die zu nehmen sind, um die per Geburt erworbene Pflicht zur Zwangsabgabe loszuwerden.
Fakt ist doch, Tradition hin oder her, dass nur eine verschwindend geringe Minderheit in Deutschland die religioesen Feiertage in dem Sinne nutzt, aus dem sie ueberhaupt existieren.
Aus liberaler Sicht ist (zumindest m.E.) die Antwort: Saemtliche Regulierung bzgl. religioeser Feiertage sofort aufzuheben (auch das Verbot, an diesen Tagen zu arbeiten, inklusive Sonntage).
Religion ist Privatsache, period.
Weil das so im Arbeitsvertrag steht? Verkehrssitte und so…
So etwas kann “man” nur für sich selbst entscheiden, aber ganz bestimmt nicht für Dritte. Ich mache Party exakt dann, wenn es mir persönlich passt, und werde mir dabei von keinem Staat und keiner Kirche und auch sonst von niemandem reinreden lassen.
Solange gewisse Religionsgemeinschaften das aber nicht einsehen, sondern munter weiter ihre persönlichen Geschmäcker und Vorlieben zur allgemeingültigen Wahrheit erklären, und diese überdies mit der Aufdringlichkeit eines Telefonmarketers, wenn nicht gar mit Drohungen und Zwang, an den Mann zu bringen, brauchen sie sich über den erwähnten “Kirchenhass” auch nicht zu beschweren. Der ist eine nämlich eine durchaus verständliche Reaktion auf Anmaßung, Besserwisserei und Bevormundung.
“Und warum noch mal meinst du Anrecht auf einen freien Tag zu haben, dessen Sinn du nicht begreifst?”
Ich glaube, dass ich von einem “Anrecht” gar nichts gesagt habe. Ich werde den Tag erwirtschaften, wohl oder übel. Das Überleben meiner Firma hing schonmal davon ab, wieviele gesetzliche Feiertage denn stören kommen. Mein Gehalt wird im April gleich hoch sein wie im März – obwohl ich bedeutend weniger Arbeit leiste. Wie geht das ökonomisch wenn nicht dadurch, dass ichs halt nachholen muss?
Man muss also einen guten Grund vorweisen können, wenn man sein Leben (besonders seine Freizeit) frei gestalten können will? Reicht es denn nicht, wenn man andere nicht bei ihrer traditionellen Freizeitgestaltung behindert? Ich bin leicht verwirrt. Allerdings, wenn selbst Hayek so einen Standpunkt vertrat, dann muss man wohl nicht darüber diskutieren. So hat jeder eben seine Religion.
0 % Steuern. Tanzverbot kann kerne bleiben. Bin ich jetzt illiberal?
@5.
Geschichtlich und traditionell nicht.
@6.
Komischer Vertrag, der doch nur das bestätigen kann, was gesetzlich bereits geregelt ist…
Und die kann man à la carte bestellen?
Siehst du, gegen ein solch ehrliches, ichbezogenes Bekenntnis habe ich keinerlei Einwände.
Ansonsten: Du Armer. Du scheinst von Religionsgemeinschaften ja richtig gestalkt zu werden. Mein Beileid. Aber tröste dich und siehe es in mildem Licht, so wie auch ich es eher als Ausdruck ganz tiefer Unsicherheit und Sehnsucht empfinde, wenn Atheisten mal wieder über den Glauben und Gläubige herziehen.
@7.
Ja, das wirst du. Aber gut, dann drehe ich es eben um: Sollten nicht z.B. atheistische Arbeitnehmer ihren Wettbewerbsvorteil, an kirchlichen Feiertagen nicht irgendwas gedenken zu müssen, ausnutzen dürfen? Oder sich wenigstens aussuchen dürfen, wann sie ihren freien Tag nehmen? Ist die Unmöglichkeit, dies zu tun, nicht eine viel tiefer greifende Freiheitseinschränkung als die Tatsache, an einem Tag im Jahr mal nicht ein paar Stunden in die Disco gehen zu dürfen?
@8.
Lern elsen.
@9.
Treffer.
@Rayson:
“Sollten nicht z.B. atheistische Arbeitnehmer ihren Wettbewerbsvorteil, an kirchlichen Feiertagen nicht irgendwas gedenken zu müssen, ausnutzen dürfen? Oder sich wenigstens aussuchen dürfen, wann sie ihren freien Tag nehmen? Ist die Unmöglichkeit, dies zu tun, nicht eine viel tiefer greifende Freiheitseinschränkung als die Tatsache, an einem Tag im Jahr mal nicht ein paar Stunden in die Disco gehen zu dürfen?”
Ganz genau so siehts aus, das wäre denn auch meine Forderung. Aber damit steht man ja auf ziemlich verlorenem Posten, wenn nichtmal ein vergleichsweise kleines Zugeständnis in Form der Aufhebung von Tanzverboten möglich ist.
@11.
Andersrum wird ein Schuh draus: Wenn das Tanzverbot weg ist und endlich 365/365 Party angesagt ist, zerstäuben die angeblichen Freunde der Freiheit plötzlich in alle Winde.
Man sollte den Tag als “freiwilligen Feiertag” halten. So frei nach Müntefering: “Nur wer arbeitet, soll auch tanzen.”
Also ich kann hier nur eine Einschränkung der Gewerbefreiheit erkennen, genau wie beim Ladenschluss-Gesetz.
Party machen kann ich immer wann ich will. Der Dienstleister darf es nicht. Ihm wird verboten sein Gewerbe auszuüben.
Für Bordelle und Spielhallen gilt diese Regelung nicht, glaube ich.
Die Diskussion ist unbrauchbar.
In der Bahn kann ich einer älteren Person den Sitz anbieten, auch wenn es kein Gesetz dafür gibt. Würde es ein Gesetz dafür geben, sollte man dann als liberaler Widerständler stur auf dem Sitz verharren?
Nein, nur weil es mit einmal ein Verbot gibt (was gar nicht nötig gewesen wäre) muss man nicht gleich aus “Protest” das komplette Gegenteil machen, was sogar der eigenen Natur und Willen widerstrebt.
Wie viele gehen zu Ostern tanzen ( = Disco) ? Ich kenne niemanden.
Man muss sich nicht komplett zum Idioten machen.
Wenn Deutschland das Leugnen des Holocausts unter Strafe stellt, was für die Meinungsfreiheit nicht korrekt ist, dann renne ich auch nicht als “Liberaler” rum und rufe “Auschwitz ist eine Lüge” , so als reiner Stresstest.
Zu gesetzlichen Feiertagen im Allgemeinen und dem Tanzverbot im besonderen lässt sich viel sagen, aber im speziellen das Tanzverbot erscheint wie ein puritanisches Relikt. Und aus liberaler Sicht: Der Staat soll die Leute zwingen dürfen über Ihre eigene Endlichkeit nachzudenken dadurch, dass er ihnen das Tanzen verbietet, aber Kino- und Bordellbesuche erlaubt, und dass zufällig ausgerechnet am höchsten christlichen Feiertag und unter Berücksichtigung, dass es drei weitere Feiertage (Totensonntag, Allerseelen und Volkstrauertag) gibt, die eigentlich eher diesem Zweck dienen?
Wenn sich das Tanzverbot lediglich auf alle lauten Veranstaltungen unter freiem Himmel beziehen würde, dann könnte ich in das Ganze ja noch etwas Sinn hinein interpretieren, aber so nicht.
In einem perfekten liberalen Staat gäbe es selbstverständlich keine staatlich festgelegten Feiertage und auch keine Regeln, was man an gewissen Tagen machen darf und was nicht.
Auf dem Weg in den perfekten liberalen Staaten dürfte das Karfreitags-Tanzverbot wohl als Problem Nummer 94317 ganz weit hinten in der Priorisierung stehen. Mich befremdet es daher, wenn sich gerade bei diesem Thema ereifert wird – bei den vielen Zumutungen des Bevormundungsstaats finde ich es nachgerade kleinkariert sich ausgerechnet daran zu stören, daß man nur an 364 Tagen im Jahr tanzen kann.
@R.A.
Da ist wirklich was dran. Es ist halt hipp und modern, antireligiös zu sein. Da “stört” das Tanzverbot Manchen eben mehr, als das Verbot, eigenverantwortlich für Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit vorzusorgen und wirklich entscheiden zu können, was die beste Bildung für seine Kinder wäre.
@18
Bei manchen liegt gar der Verdacht nahe, dass sie sich weniger am Verbot stören als den Protest genießen.
Das Problem ist doch, dass für viele Menschen sowieso nicht “365/365 Party” angesagt ist, weil man an den meisten Tagen im Jahr am nächsten morgen früh raus muss ( zwecks malochen ). Man kann zwar durchmachen, ist halt blöd am nächsten morgen…
Deshalb nimmt man eben jeden Feiertag gerne dankbar an. Und da stört der Karfreitag halt, weil er zwar Feiertag ist, aber nicht so “genutzt” werden darf.
Die Aufregung um das Tanzverbot, hat mMn so ein bisschen Ähnlichkeit mit der Aufregung um die Rauchverbote in Kneipen: Man darf zwar praktisch fast überall rauchen, aber trotzdem stört das Verbot, weil gerade dort, wo man eben am liebsten rauchte, es nicht mehr darf.
@20.
Der Vergleich klingt verführerisch, allein: Bei genauerem Hinsehen passt das was nicht. Das “wo” des Rauchverbots in Kneipen und das “wann” des Tanzverbots unterscheiden sich in der Häufigkeit der Störung. Es ist ja nun nicht so, dass es Deutschland an Feiertagen mangelte, und Wochenende gibt’s ja auch noch. Es sei denn, Karfreitagstanzen gelte irgendwie ein besonderes Vergnügen, aber das wäre mir neu.
Aber du kannst einen Unwissenden aufklären: Ich habe die Proteste bisher immer so verstanden, dass es die Protestierer nervte, nicht am (Kar-)Freitag abend in die Disco gehen zu können. Das wäre dann wirklich nur ein Fall aus 52 Fällen. Etwas anderes wäre es, wenn das Tanzbedürfnis am (Grün-)Donnerstag abend ausgelebt werden soll und deswegen scheitert, weil ab Mitternacht Ruhe angesagt ist. Das wäre dann nämlich der einzige Fall, dass an einem Donnerstag abend bundesweit für alle der nächste Tag frei ist (es sei denn, der 3. Oktober oder der 1. Mai fielen mal auf einen Freitag). Und für diesen Fall hätte ich einen Kompromissvorschlag: Traditionell gilt 15 Uhr als die Stunde des Todes Christi….
Naja, es mangelt ja in Deutschland auch nicht an Plätzen, wo es erlaubt ist, zu rauchen. Aber am meisten machte das quartzen halt in der Kneipe Spass…mir zB.
Das ist zumindest hier das nervige dran: Unsere lokale Tanzbude macht echt ab Mitternacht die Rauswurflichter an. Aber ich habe auch gehört, dass es Discos geben soll, die am Karfreitag bis in die Morgenstunden laufen lassen. Ob das erlaubt ist, weiss ich nicht, technisch gesehen wohl nicht
Ob nun der freie Tag ein Donnerstag, Mittwoch oder Montag ist, ist ziemlich schnuppe. Wie gesagt, man nimmt halt so nen freien tag gerne an, um am Vortag abends draufmachen zu können, um am nächsten Tag ausschlafen zu dürfen. Klar gibts genügend andere Feiertage, und Wochenenden und so, und der eine Tag ist kein Beinbruch. Aber schade ist es schon, denn es ist auf jeden Fall für viele nicht so, dass sie 365 d/y diese Gelegenheit hätten.
Gründonnerstag meinte ich…
Drinnen? Wo noch außer in der eigenen Wohnung?
Im Prinzip ja, konkret eben nicht.
Hier in BW haben viele grössere Gaststätten abgetrennte Nebenräume. Es gibt sogar eine Webseite wo man solche Gaststätten abhängig von Postleitzahl suchen kann. Blöd halt, dass die kleinen (Stamm-)Kneipen meist keinen Platz dafür haben.
Ist aber wohl nicht im ganzen Bundesgebiet so. Hessen und NRW als Zentren des Tanzverbotprotests wären mal interessant
Eben.
Das Tanzverbot an Karfreitag ist ein im wesentlichen genauso symbolisches Thema wie die Homo-Ehe. Es geht um die Tennung von Kirche und Staat. Der einzige rationale Grund für das Tanzverbot an Karfreitag ist, dass die beiden großen Volkskirchen es so wollen. Und der einzige rationale Grund warum die beiden großen Volkskirchen es so wollen ist, weil sie dadruch demonstrieren können, dass sie noch Macht in diesem Staat haben. Und das ist genau der Grund warum Menschen dagegen demonstrieren.
@27.
Und was war noch mal der Grund für den Karfreitag als Feiertag?
@28 Weil Menschen keinen Bock haben zu arbeiten.
@29.
Und das haben sie nur an wenigen Tagen im Jahr?
@ 30
Die Menschen haben ausschließlich am Karfreitag keine Lust zu arbeiten, an den restlichen 364 Tagen schon.
Das klingt ja schon wie ein Kuhhandel. Der Staat setzt sich gegen die bösen Arbeitgeber durch und schenkt uns Malochern einen Feiertag, aber nur unter reglementierter Bedingungen (Tanzverbot)
Wenn die Protestler es ernst meinen, dann sollten sie zuerst für Vertragsfreiheit demonstrieren und dies bedeutet auch frei wählbare Arbeitstage. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird das auf weniger hinauslaufen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen, da Deutschland die meisten freien Tage überhaupt hat.