500 – 10.000 – 620.000
März 2012:
In Deutschland melden sich 620.000 Menschen arbeitslos (PDF). Ihr erster Weg führt sie zur Arbeitsagentur. Von dort beziehen sie, wenn die Voraussetzungen dafür erfüllt sind, Arbeitslosengeld. Die Agentur unternimmt Vermittlungsversuche und finanziert Qualifizierungsmaßnahmen. Alltag im Wirtschaftsleben dieses Landes.
März 2012:
Eine schlecht gemanagte Drogeriekette, die weder ihren Mitarbeitern noch ihren Kunden Erfreuliches zu bieten verstand, ist insolvent. Inwieweit frühere Boykottaufrufe und Kampagnen von Gewerkschaften und linken Parteien dazu beigetragen haben, lässt sich schwer beziffern. Diese Kreise sind es aber u.a. auch, die jetzt fordern, die wegen der Schließung von 2.200 Filialen arbeitslos werdenden 10.000 Mitarbeiterinnen in eine mit einem staatlich verbürgten Kredit einer staatlichen Bank finanzierte sogenannte Transfergesellschaft auszugliedern, die Lohnersatzleistungen zahlen und Qualifizierungsmaßnahmen anbieten soll. Für die Betroffenen wäre somit ein zusätzliches Jahr dem ALG I vergleichbare Lohnersatzleistungen sichergestellt.
Aufgrund des Widerstands von Landesregierungen mit FDP-Beteiligung kommt diese Transfergesellschaft nicht zustande. Ein Sturm der Entrüstung fegt durch die Qualitätsmedien. Die FDP wird von "Zeit", "Süddeutscher", "Spiegel" und vor allem den Staatsmedien nahezu einhellig der sozialen Kälte und parteitaktischer Manöver auf dem Rücken der "Schlecker-Frauen" bezichtigt[1]. Der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD), der sich besonders für die Transfergesellschaft eingesetzt hatte, zeigt sich darüber "empört". Andere Politiker reden von "Skandal", "kalter Schulter", und "Armutszeugnis", oder betonen, dass sie deswegen "stinksauer" seien.
Dezember 2011:
In einer kleinen Gemeinde am Hochrhein (über 7.000 Einwohner, keine Schlecker-Filiale) schließt die 140 Jahre alte Papierfabrik. Über 500 Mitarbeiter werden arbeitslos, bei lokalen Geschäftspartnern der Fabrik muss mit einem Abbau in ähnlicher Größenordnung gerechnet werden. Der zuständige Wirtschaftsminister, ein gewisser Nils Schmid (SPD), erwähnt das Wort "Transfergesellschaft" nicht einmal. Andere sich gerade entrüstet gebende Politiker nehmen von dem Fall keine Notiz.
Wer erwartet da jetzt bitte noch einen gesonderten Kommentar vom Schreiber dieser Zeilen? Der kommt vielleicht noch, wenn die Wut genug verraucht ist, um sie in Polemik fassen zu können.
[1] Der Fairness halber sei gesagt, dass heute, nachdem die Sau bereits durchs Dorf gejagt und die FDP längst als Bösewicht enttarnt ist, bei "Zeit" und "Süddeutscher" auch Beiträge mit anderem Tenor erscheinen. Auch die Wirtschaftspresse hat sich recht eindeutig gegen die Transfergesellschaft positioniert.
bisher 28 Kommentare » Kommentare
Herr Kurt Beck hat sich gestern bei #Illner nicht entblödet, in einem Schlagabtausch mit einem Piraten-Vertreter zu behaupten, in Rheinland-Pfalz würde auch eine Firma mit 3 Mitarbeitern seine volle Aufmerksamkeit in einem solchen Fall erhalten. Insgesamt eine sehr sehenswerte Demaskierung eines MP, der Krokodilstränen für Schlecker-Damen (um sie nicht immer Frauen zu nennen!) vergoss und dabei völlig die 200+ Mio für den Nürburgring verdrängte.
Bei dem Beispiel mit der Papierfabrik könnte eine Transfergesellschaft ja vielleicht noch etwas Positives bewirken. Bei den Schlecker-Verkäuferinnen, die über das ganze Land verteilt sind, macht eine zentrale Transfergesellschaft nur dann Sinn, wenn man eine schnelle Vermittlung durch die örtlichen Arbeitsagenturen unterbinden will.
@1.
Dein Beispiel passt hervorragend zu meinem Beitrag und bedarf eigentlich auch keiner Kommentierung. Die Heuchler werden schon allein durch die Fakten entlarvt.
@2.
So sieht’s aus.
An der Entscheidung der FDP ist diesmal alles richtig. Man kann ihr noch nicht mal vorwerfen, diese Entscheidung nicht mit dem nötigen Zuckerguss vermittelt zu haben, da die entsprechenden Gegner daran phnehin kein Interesse haben. Leider machen Seehofer, Beck und Co in schönster großkoalitionärer Eintracht in billigstem Populismus.
Die FDP hat bei mir gerade einiges an Respekt zurückgewonnen.
Das ist keine großkoalitionäre Eintracht. Das ist großkoalitionäre Niedertracht: Den Verkäuferinnen Hoffnung machen und sie dann ein halbes Jahr später trotzdem zur Arbeitsagentur schicken.
Aber erst nach den Landtagswahlen
@4.
Ich habe den Eindruck, dass sehr viele das so sehen. Jedenfalls unter denen, für die eine FDP als Alternative überhaupt in Frage kommt. Entgegen der neuesten Hetzeinheit von “SPON” sind das auch keinesfalls nur die “Besserverdienenden”.
@5.
Untersuchungen zeigen ja, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Arbeitsplatz zu finden, mit zunehmender Abschottung vom Arbeitsmarkt nicht gerade steigt. Zumal gerade auch die Einzelhandelskonjunktur gut ist – wer weiß, was noch alles kommt.
SPON konnte hingegen bei mir nichts mehr an Respekt verlieren, aber viel mehr als “kaltherzig” ist denen ja auch nicht eingefallen.
Normal,wenn viele auf einmal prominent Arbeitslos werden.
Das gleiche ja auch schon massiv beim Kurzarbeiter Geld und X ähnlichen Anlässen.
Reiner Populismus, wenn sie in 2 Jahren zur Masse gehören, werden die gleichen Leute die jetzt ihren Fleiß rühmen sie als Teil der Masse auffordern sich gefälligst mehr anzustrengen.
Könnte man das “chilenische(?) Bergleute” Phänomen nennen.
Bei mir eher Anlass zum Kopfschütteln denn zur Wut, wegen Gewöhnung.
Auf der positiv Seite weis man bei sowas danach dann (noch) sicher (er) (als wenn das möglich wäre) (ist es nicht), welche Politiker man kein bisschen ernst nehmen sollte.
Wurde dieser Kommentar schon verlinkt? Zitat:
@stefanolix
Auch wenn ich als maßnahmengebeutelter Hartz4ler skeptisch bin was Transfergesellschaften bringen sollen, schießt der zitierte Kommentar doch ein bisschen über das Ziel hinaus. Davon, dass auf dem Arbeitsmarkt die Nachfrage größer sei als das Angebot kann wirklich keine Rede sein. Und sicher haben die “Schleckerfrauen” auch keine Ingenieursdiplome in der Tasche. Im Gegenteil: die Mehrzahl wird noch ein oder zwei Treppenstufen tiefer fallen und in schlechter bezahlten Jobs mit mehr Druck enden. Kein Wunder wollten die Gewerkschaften den Fall bestmöglich abfedern, denn die Bemühungen Tarifbezahlung bei Schlecker durchzusetzen sind letztendlich bös gescheitert.
@Klaus: In der lokalen Presse hier in Sachsen wurde allerdings mehrfach ausgesagt, dass die Verkäuferinnen nach Tarif bezahlt wurden (auch als Zitat von betroffenen Filialleiterinnen und Verkäuferinnen).
Lediglich vor relativ kurzer Zeit hat Schlecker wohl eine eigene Zeitarbeitsfirma gründen wollen, um die neuen Großfilialen mit Personal zu versorgen. Konkret gegen diese Lösung gab es Widerstand der Gewerkschaft.
März 2012:
Super kostet 1,70€. 62% davon kassiert der Staat. Schuld am hohen Preis sind die Ölmultis.
Zu Schlecker:
Das wirkliche Problem für Arbeitnehmer außerhalb des ÖD ist doch weniger die Sicherheit des aktuellen Arbeitsplatzes, sondern die Aussicht, einen ähnlich oder besser bezahlten finden zu können. Wer so einen Arbeitsplatz bekommen kann, braucht keine Transfergesellschaft. Wer schwer vermittelbar ist, wird das auch nach den Segnungen von Qualifizierungsmaßnahmen bleiben – egal, wer sie bezahlt.
Die ganzen “Maßnahmen” sind übrigens ein Bereich, wo man Milliarden sparen kann ohne viele Wähler zu ärgern. Nicht wenige Beglückte wären wahrscheinlich sogar dankbar. Aber konkrete Sparvorschläge von der FDP? Das passte nicht zum mitfühlenden Liberalismus.
Die FDP würde sicher für weitaus mehr Menschen als Alternative in Betracht kommen, wenn sie mal bei einem wichtigen Thema Rückgrat zeigen würde bzw. überhaupt erstmal eine andere Position als die sozialdemokratischen Parteien hätte. Gegen die Beträge, um die es beim ESM geht, wären die Bügschaften für die Transfergesellschaft nichtmal Peanuts gewesen. Das Thema Schlecker-Transfergesellschaft ist schon im Mai bei den Landtagswahlen wahrscheinlich vergessen.
In der Printausgabe der Mitteldeutschen Zeitung Halle von heute drei exemplarische Leserbriefe zum Thema “Schlecker”, alle drei mit gleichem Tenor: FDP – Position richtig, da Besserstellung von Schlecker – Mitarbeitern unfair gegenüber anderen Arbeitslosen.
Die gute Nachricht des Tages: Der Durchscnittsbürger scheint den Populismus der schwarzrotgrünen Nationalen Front in dieser Frage zu durchschauen.
@Michael:
In den Online- Kommentarbereichen der “Leitmedien” sieht es ähnlich aus:
Wo sonst die Leserschaft mehr oder weniger einhellig damit beschäftigt ist, das vom Artikelautor polemisch vorgetragene Liberalismus- und FDP-Bashing zu überbieten, finden man nun größtenteils verdutzte CDU/CSU/SPD/Grünen-Anhänger, die nicht so ganz wissen wie sie damit umgehen sollen, dass die FDP sich als einzige Partei auf die Seite der Vernunft gestellt hat.
[...] Schlecker-Auffanggesellschaft.[Spon] Ansonsten sind natürlich die Bissigen wie immer lesenswert [B.L.O.G.]. Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser post [...]
OT: Schade, kein Aprilscherz dieses Jahr…
@17.
Siehe Beitrag vom 5.3. … Und bevor ich so müde Versuche bringe wie die, die ich gestern lesen konnte, lasse ich es lieber ganz.
Lesen die Piraten diesen Blog oder ist das Zufall?
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/pirat-christopher-lauer-schlecker-und-illner-meine-tage-im-fernsehen-11704990.html
Ganz interessant, was der Pirat in der FAZ schreibt.
Zum Thema Schlecker selber ist das ganz vernünftig, aber schon witzig, wie er sich bemüht, seine Aussagen PC-korrekt abzusichern (“Mir ist klar, dass diese Rechnung zynisch ist.”). Schon wenige Monate Berufspolitiker sein haben ihre Spuren hinterlassen
Und seine Kritik an der Moderation ist auch berechtigt.
Ansonsten aber recht entlarvend. Unhöflichkeit scheint ihm ein Selbstzweck zu sein, wenn es nur gegen die verhaßten Politiker geht. Und sein Hauptproblem mit den Talkshows scheint zu sein, daß die Piraten nicht wissen, so sie politisch stehen und wie sie das erklären sollen.
Und wenn die Moderation dann mal eine berechtigte Frage stellt – nämlich nach der Finanzierung des Piraten-Schlaraffenlands – da weicht er blöde aus. Die fragwürdige GEZ-Finanzierung kann ja wohl keine Begründung sein, neue Fragwürdigkeiten einzuführen.
Insgesamt präsentiert sich hier jemand, der sich immer noch als üblicher deutscher Stammtisch-Meckerer fühlt, und plötzlich feststellt, daß er für seine Abgeordneten-Diäten auch etwas liefern soll. Und dieser Zumutung durch Arbeitsverweigerung entgehen will (“Die einzig sinnvolle Variante wäre für mich wahrscheinlich gewesen, direkt zu Anfang einen Kinski zu pullen und nach Becks erstem Schlagabtausch das Studio zu verlassen. Wieder was dazugelernt.”)
Wir haben es alle schon geahnt, nun aber ist endlich gewiß, wo die eigentliche Arbeit Abgeordneter stattfindet.
Sagen wir mal so: Wenn er nicht einmal im Fernsehen ein paar Antworten bringen kann, dann traue ich ihm erst recht nicht zu, in der Sacharbeit im Parlament etwas beizutragen.
@22: Wobei ich es bei aller berechtigten Kritik aber sympatisch finde, dass ein Politiker sagt “Ich hab von dem Thema keine Ahnung und kann mich deshalb auch nicht dazu aeussern”.
Im Gegensatz zu allen anderen, die zwar auch keine Ahnung, aber trotzdem ein Konzept haben.
In der Wissenschaft nennt man den einen “Student”, den anderen “Scharlatan”
@23, F. Alfonzo:
Ich habe gar nichts dagegen, wenn ein Politiker bei einem Thema eingesteht, darüber nichts zu wissen. Mache ich selber oft genug in der Kommunalpolitik.
Das sollte man aber dadurch kompensieren, daß man bei anderen Themen sehr wohl Ahnung hat. Und da haben die Piraten ziemliche Defizite. Und da der größte Teil der Politik eben nichts mit Internet zu tun hat, scheinen sie mir in den Parlamenten noch ziemlich deplaziert.
Und wenn ich das richtig verstanden habe, ging es in der fraglichen Talkshow konkret um das Thema Schlecker. Man kann dann hingehen – sollte sich dann aber über das Thema schlau machen. Oder man kann absagen, weil man das Thema nicht kennt und nicht kennen will.
Aber hinzugehen obwohl man keine Ahnung zum Thema der Sendung hat, seinen Stolz darin zu setzen unhöflich zu anderen Diskussionsteilnehmern zu sein – und anschließend Talkshows für generell doof zu erklären. Die Mischung gefällt mir nicht.
@24, R.A.
Das kommt m. E. daher, dass sie Parlamente und deren Arbeit für überflüssig halten. Die Bürger sollen direkt durch Mehrheitsentscheid über alle anstehenden Fragen entscheiden und so das Parlament ersetzen. Dafür brauch es auch kein Programm, wozu auch?
Schließlich wissen auch die Piraten nicht vorher wie sich die Volksmeinung entscheidet. Kein Programm zu haben, ist ja gerade das Programm. Sie wollen nur die Plattform für die Volksdemokratie bereitstellen.
Das ist die logische und vor allem politische Fortführung der sozialen Netzwerke.
Deswegen heißen sie Piraten. Das ist kein infantiler Witz, sondern Ernst.
Deswegen die enge Verbindung zu Anonymous mit ihren Guy Fawkes-Masken die an den Gunpowder Plot erinnern sollen.
„Remember, remember the fifth of November.“
Was ja nun eine legitime Position ist.
Nur ist es dann ziemlich widersinnig, für genau diese Parlamente zu kandidieren (um sich dann wie die Kesselflicker um die entsprechenden Privilegien zu streiten).
Es wäre ja noch zu verstehen, wenn die Piraten für den Bundestag kandidieren mit der einzigen Absicht, dort das GG usw. zu ändern, damit ihre direktdemokratischen Vorstellungen realisiert werden können.
Aber in Landtagen und Kommunalparlamenten hätten sie dann nichts zu suchen.
@Mir: Unter den Arbeitsmarktinstrumenten, die in den vergangenen 20 Jahren Anwendung fanden, gehört das Kurzarbeitergeld noch zu den marktkonformsten und erfolgreichsten. Ausgerechnet damit würde ich diesen Transfergesellschaft-Vorschlag nicht vergleichen.
Was die FDP angeht, ist das nichts als ein wenig Kuscheln mit dem Stammwähler, wenn’s nicht wehtut. Hätten sie sich auch durchgebissen, wenn Frau Merkel wirklich die Transfergesellschaft gewollt hätte? Natürlich nicht. Die FDP nochmal mit Respekt bedenken? Ich hab grad heut Abend mit Freunden diskutiert – einen Weg dahin kann man zwar skizzieren, das klingt dann aber wie Science-Fiction.
@Klaus und Stefanolix:
“Die besten Löhne für Kassierinnen zahlte nicht etwa der sanfte Anthroposoph und dm-Gründer Götz Werner oder ein Dirk Rossmann, sondern der Menschenfeind aus Ehingen. Schlecker ließ Vollzeit arbeiten, wo andere längst massenhaft Mini-Jobs schufen, und zahlte Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld. Zuletzt floss ein Drittel seines Umsatzes in Personalkosten.
„Auch wenn man das nicht immer öffentlich gesagt hat“, sagt Schlecker-Frau Gabi Wittig öffentlich im TV: „Unsere Kolleginnen haben nicht für 6 Euro gearbeitet.“ Klar, es gebe freie Jobs auf dem Markt. „Aber ob die alle in der Bezahlung so gut sind…“ Ihr Brutto-gehalt von 2200 Euro macht Schlecker-Frauen schwer vermittelbar.”
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/20-jahre-in-knechtschaft-unsere-schlecker-frauen-11703944.html