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Wieso Niveau? Wir sind doch anonym!

Was Netizens der herkömmlichen Politik auf keinen Fall nachmachen sollten, ist das Verleugnen von Problemen. Irgendwo kräht immer ein Hahn zum dritten Mal.

Nehmen wir das Thema Anonymität: Natürlich ist es problematisch, wenn niemand als Person dafür einstehen muss, was er gerade von sich gegeben hat. "Put your money where your mouth is" verlangt als Minimum die persönliche Zuordnung von Meinung. Und wer mit seinem Namen und daher auch seiner Person für etwas einsteht, wird genug Grund haben, die Meinungsfreiheit hoch zu schätzen.

Aber – huch… Was ist denn mit dem Schreiber dieser Zeilen? Steht bei dem etwa "Rayson" im Personalausweis? Nein, natürlich nicht. Die Pseudo-Anonymität dieses Bloggers basiert darauf, dass politische Bekenntnisse auch von Leuten furchtbar ernst genommen werden, die der Dienste der Person hinter diesen Blogbeiträgen dringend bedürften. Und so sehr, dass er sie mit viel Geld aufzuwiegen bereit wäre, liebt dieser Autor seine Meinungsäußerungen dann doch nicht.

(Pseudo-*)Anonymität ist ein zweischneidiges Schwert. Sie offeriert ihrem Nutzer eine fast folgenlose Freiheit zum Herumpöbeln. Fast, weil natürlich die diversen Beiträge unter demselben Namen zusammengefasst werden. Und ob "XY" nun ein realer Name ist oder nicht: Wenn der Nutzer dahinter sich nachvollziehbar daneben benimmt (und nichts ist so gut nachvollziehbar wie im Netz), wird man ihm immer weniger lauschen. Aber es gibt eben auch leider zig Leute, denen das egal ist. Der Bundestagsabgeorndete Patrick Kurth hat mal dokumentiert, wie die hoch gelobte Meinungsfreiheit im Internet auch aussehen kann.

Selbstverständlich wird auf diesem Blog niemand das Ende der Anonymität fordern. Aber sich ein bisschen besser zu benehmen wäre gerade dann nicht schlecht, wenn man selbst sein eigener Richter ist. Das zum Beispiel ist auch gemeint, wenn jemand wie Gauck von "Freiheit zur Verantwortung" spricht.

*Pseudo, weil unter Ausschöpfung aller zulässigen Rechtsmittel die Identität z.B. dieses Bloggers für staatliche Kräfte zu ermitteln wäre.

Rayson in Grundsatzfragen,Politik am 26. 03. 2012 » 5 Kommentare
bisher 5 Kommentare » Kommentare
  1. stefanolix sagt am 27. 03. 2012 um 06:14 Uhr:

    Im Rahmen unserer Meinungsfreiheit kann man öffentlich jede Frage stellen und jede Vermutung in die Welt setzen. Allerdings gibt es Fragen, über die man als Politiker vor einer Veröffentlichung sehr gründlich nachdenken sollte. Aus einem liberal-bürgerlichen Umfeld erwarte ich zum Beispiel keine Fragen und Vermutungen, die einen Menschen in seiner Privatsphäre verletzen oder aufgrund seines Erscheinungsbildes herabwürdigen.

    Ich erinnere mich noch an die Kampagne gegen »das Merkel«, in der sich vor allem Linke und Linksradikale am Aussehen und an (unterstellten) persönlichen Merkmalen der damaligen CDU-Spitzenkandidatin abgearbeitet haben. Eine ähnlich widerliche Kampane gab es gegen Guido Westerwelles Aussehen und sexuelle Orientierung.

    In all diesen Blog-Artikeln und Kommentaren ging es nicht um Politik, sondern um das pure Verächtlichmachen der Personen. Mir sind die linken Figuren im Netz und in diversen »linksalternativen Medien« noch gut in Erinnerung, die sich dabei hervorgetan haben. Es waren auch linksalternative Medien dabei, die direkt oder indirekt von Steuergeld leben.

    Eine ähnliche Grenze sehe ich allerdings mit dem ursprünglichen Tweet des FDP-Abgeordneten Patrick Kurth auch überschritten. Beim Beobachten bestimmter Demonstranten und Ideologen darf man sich natürlich im Stillen die Frage stellen: Aus welchen Quellen beziehen diese Personen eigentlich ihren Lebensunterhalt? Aber die Frage ist obsolet.

    Es war wohl vor einigen Jahrzehnten noch möglich, aus dem Erscheinungsbild eines Menschen mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit auf die Art seines Lebensunterhalts und das Niveau seines Einkommens zu schließen. Heute ist das definitiv nicht mehr möglich — es gibt einfach zu viele Möglichkeiten für Fehleinschätzungen.

    Für eine Vermutung über den Lebensunterhalt steht also lediglich das Erscheinungsbild der Demonstranten auf dem Bahnhof zur Verfügung. Patrick Kurth hat seine Frage in Form einer »geladenen Frage« getwittert und schon im Ansatz unterstellt, dass da irgend etwas nicht in Ordnung sein könnte. Das ist kein guter Stil. Mit dieser Frage hat er aber auch einen liberal-demokratischen Grundsatz in Frage gestellt.

    In unserer Gesellschaft dürfen und sollen sich Menschen zu Vereinigungen zusammenschließen, um die politische Meinungsbildung zu beeinflussen. Es bilden sich dabei nicht nur seriöse und harmlose Vereinigungen. Es bilden sich auch radikale Vereinigungen und Vereinigungen an der Grenze zum Extremismus. Aber das ist in einer freien Gesellschaft in einem sehr weiten Rahmen legal und legitim. Solche Vereinigungen können auch »Berufsdemonstranten« und »Aktivisten« unterstützen.

    Wollte man eine Antwort auf Patrick Kurths Frage erzwingen und über den einzelnen radikalen Bahnhofsgegner Ermittlungen anstellen, wovon er eigentlich lebt, wären letztlich diese Grundlagen der Meinungsfreiheit in Frage gestellt. Ich will keinen Staat haben, der solche Ermittlungen ohne einen konkreten Tatverdacht anstellt.

    Einige der sogenannten Aktivisten setzen militante und penetrante Aktionsformen ein. Aber wenn ich gegen diese Aktionsformen Stellung nehme, dann darf ich nicht die Personen verächtlich machen. Dann muss es um konkrete Straftaten und Ordnungswidrigkeiten gehen und diese müssen den Tätern nachgewiesen werden. Bei den Ermittlungen muss dann der Frage nachgegangen werden, aus welchen Quellen die Finanzierung kam. Aber in dieser Reihenfolge und nicht als Generalverdacht …

    Auch wenn der Shitstorm gegen Patrick Kurth alle Merkmale einer widerlichen Kampagne aufweist, muss man die Frage nach Ursache und Wirkung stellen. Es ist nicht besonders fair und nicht besonders geschickt, auf denen herumzutrampeln, die den Volksentscheid verloren haben und nun den Bahnhofsneubau mit ansehen müssen. Ein bürgerlich-liberaler Politiker sollte sich (meiner Meinung nach) auf andere Weise profilieren.

  2. McMurphy sagt am 27. 03. 2012 um 06:42 Uhr:

    Aus einem liberal-bürgerlichen Umfeld erwarte ich zum Beispiel keine Fragen und Vermutungen, die einen Menschen in seiner Privatsphäre verletzen oder aufgrund seines Erscheinungsbildes herabwürdigen.

    Stimme ich zu… ob Patrick Kurth auch solche Argumente bekommen hat, habe ich nicht recherchiert (würde mich interessieren).

    Auch die Auswahl der getwitterten “Argumente” scheint mir doch sehr… “ausgewählt”. Allerdings stelle ich mir wirklich die Frage, ob ich meine Meinung äußern sollte oder nicht, wenn ich solche Reaktionen zu erwarten habe.

    Naja, Willkommen im Kindergarten…

    Aber der hat angefangen…

  3. grenzenlosnaiv sagt am 27. 03. 2012 um 19:33 Uhr:

    Man sollte bei so einer Sache auch nicht vergessen, dass spätestens seit dem Aufkommen der Piraten einige Leute bewusst einen Shitstorm produzieren; entweder um Bekanntheit zu erlangen (wer ist eigentlich Patrick Kurth?) oder um zu beweisen, wie unmoralisch sich im Netz, aufgrund des Schutzes durch die Anonymität, verhalten wird bzw. wie wenig Kritikfähig manche Personengruppen sind. Bei Herrn Kurth werden beide genannten Gründe wohl zutreffen, wenn man sich seine Einleitung (“Zahlreiche Reaktionen im Internet gehen aber zu weit, persönliche Anfeindungen und Beleidigungen eingeschlossen. Ein Test diese Woche bestätigte es.”) ansieht. Zumindest der letzte Satz lässt doch vermuten, dass er seinen Tweet extra so formuliert hat um die gewünschten Reaktionen zu bekommen. Genauso wie manche gelegentlich mit Dritte Reichs-Vergleichen einen Skandal provozieren, gibt es halt auch Journalisten (z.B. Julia Seeliger), Comedians (z.B. Dieter Nuhr) oder eben Hinterbänkler, die bewusst einen Shitstorm auslösen, um sich dann darüber aufregen zu können und so in ihren Aussagen bestätigt und eben bekannter zu werden. Ich weiß nicht, ob ich gerade so jemanden als ein Opfer hinstellen würde, das es zu verteidigen gilt.

  4. Rayson sagt am 27. 03. 2012 um 19:50 Uhr:

    Ich verstehe einige der Einwände nicht so recht.

    Soll etwa der Shitstorm als unabwendbares Naturereignis durchgehen, dass völlig zu Recht unnötigen Provokationen folgt?

    Wie wir gerade bei der “Diskussion” um angebliche oder reale Gauck-Zitate gesehen haben, trifft es eben nicht nur bewusst gesetzte Provokationen, sondern auch durchdachte und wohl begründete Aussagen, wenn sie den Betreffenden nicht in den Kram passen oder wenn mal nicht die politisch korrekte Sprachschablone verwendet wurde. Und selbst als Antwort auf Provokationen ist der Shitstorm immer noch etwas, auf das keiner stolz zu sein braucht und das zumindest im abgegrenzten Bereich des Netzes durchaus tyrannische Züge aufweisen kann.

    Übrigens hat niemand Patrick Kurth als “Opfer” dargestellt, er selbst auch nicht. Es ging darum, bestimmte Mechanismem zu dokumentieren, und dazu ist das Kurthsche Beispiel allemal gut.

  5. tigger sagt am 27. 03. 2012 um 22:49 Uhr:

    Eine ähnliche Grenze sehe ich allerdings mit dem ursprünglichen Tweet des FDP-Abgeordneten Patrick Kurth auch überschritten. Beim Beobachten bestimmter Demonstranten und Ideologen darf man sich natürlich im Stillen die Frage stellen

    Warum im Stillen ? Warum sollte man sich nicht genau so im Netz benehmen dürfen, wie die S21 Gegnerschaft ? Also: Provokant sein. Laut sein. Diffamieren. Unbegründete Behauptungen aufstellen, Menschen verbrecherische Machenschaften unterstellen, usw. usf.

    Dergleichen wird unter tag #21 täglich GEGEN Befürworter oder Betreiber des Projektes rausgehauen. Wie sich Herr Kurth hingegen ausdrückte, war dagegen ja fast Knigge (naja…zumindest noch auf vergleichbarem Niveau :-) )

    Es ist nicht besonders fair und nicht besonders geschickt, auf denen herumzutrampeln, die den Volksentscheid verloren haben und nun den Bahnhofsneubau mit ansehen müssen.

    Das müssen sie jetzt einfach mal aushalten. Wäre der Volksentscheid anders ausgegangen, hätte man von ihnen kaum mit mehr Rücksicht rechnen können. Dazu muss man einfach miterlebt haben, wie diese Gegnerschaft einen riesigen Gefallen daran finden, auf jedem herumzutrampeln, der sich in der geringsten Weise eine Blöse gibt. Entpuppt sich eine im Schlossgarten vermeintlich gefundene Bombe als Abwasserrohr, hagelt es “Versager”- und “Pleiten Pech und Pannen”-Rufe. Werden südländisch aussehende Bauarbeiter auf der Baustelle entdeckt, schreit die Meute nach dem Zoll, weil da doch ganz gewiss illegale Beschäftigungsverhältnisse vorliegen müssen, und das gefeixe kann nicht laut genug sein, wenn bei den Abrissarbeiten versehentlich irgendetwas beschädigt wird.

    Ich sehe überhaupt keinen notwendigen Grund, seine Meinung auf diesem Twitter-Kanal besonders zurückhaltend und politisch zu formulieren, zumal der “Shitstorm” dadurch mit kaum verringerter Windstärke geblasen hätte. Es reicht dort doch schon, wenn sich jemand als FDP-Mitglied “outet” und für das Projekt spricht.

    ALLERDINGS vermute ich, dass Herrn Kurth diese Tatsache bereits bekannt war, das ist ja schliesslich seit Jahren nichts neues. Von daher riecht das schon nach Aufmerksamkeitsheischerei, entweder bezüglich der eigenen Person, oder aber auch der oben beschriebenen Verhältnisse im Netz, um diese ins Licht zu ziehen (wegen der restlichen handvoll Leute, die sich nicht täglich im Netz bewegen)

    Von daher würde ich ich die Frage

    Soll etwa der Shitstorm als unabwendbares Naturereignis durchgehen

    einfach mal ganz klar mit ja beantworten. Was Herr Kurth betrieben hat, war so ein bisschen wie John McClane in Harlem nur halt ungezwungen. Hätte er dergleichen auf der “Für Stuttgart 21″-Facebookseite gefragt, wäre das vermutlich bei weitem nicht so heftig ausgefallen.