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Schirrmachers Strohmann, politische Primaten und Christopher Lee

Er hat ja Recht, der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, wenn er beklagt, dass all die Maßnahmen, die in letzter Zeit wahlweise zur Rettung einzelner Länder oder des Euro auf den Weg gebracht wurden, mit demokratischen Prozessen nicht mehr viel zu tun haben. Deutschen Abgeordneten werden von Regierungschefs in Hinterzimmern ausgehandelte Beschlüsse auf den Tisch geknallt, die sie gefälligst brav abzunicken haben, wenn sie nicht Gefahr laufen sollen, dass man im Kanzleramt "ihre Fresse nicht mehr sehen" kann. Und sowieso ist all das natürlich "alternativlos".

Und selbstverständlich liegt es doch nahe, dass ein Regierungschef eines demokratisch verfassten Landes eine Frage, deren Beantwortung einschneidende Konsequenzen für die Menschen in diesem Land haben wird, seinem Volk zur Abstimmung vorlegt. Zwar hat dieses angesichts der realistischen Alternativen letztlich nur die Wahl zwischen Pest oder Cholera, aber schon das Verfahren einer solchen Abstimmung kann dafür sorgen, dass man der schließlich gewählten Option entschlossener und solidarischer begegnet.

Also so weit hat er wirklich Recht. Das Problem an seinem Beitrag ist nur, dass er, wohl der Dramaturgie wegen, ist ja schließlich Feuilleton, den Strohmann der Herrschaft der Märkte als gewaltigen Gegenspieler aufbaut, gegen den nur noch die Wiederkehr des Primats der Politik helfen könne. Nichts ist weiter entfernt von der Realität: Es ist gerade das Primat der Politik, das systematisch zu einem Anwachsen der Staatsverschuldung geführt hat. Es war das Primat der Politik, das disparaten Volkswirtschaften eine Einheitswährung übergestülpt hat und das trotz großer Zweifel ein Land wie Griechenland in diese Währungsunion aufnahm. Dass sich jetzt diejenigen, die gefälligst weiter Geld zur Verfügung stellen sollen, um den staatlich angeschobenen Konsum anderer zu finanzieren, weigern, dies ohne große Risikoaufschläge zu tun, eben weil sie auch politische Entscheidungen als Datum akzeptieren müssen, als "Primat des Ökonomischen" zu bezeichnen, ist ein ziemlich übler Taschenspielertrick, denn in Wirklichkeit ist das Gegenteil wahr: Wer so redet, bedauert, selbst keine Herrschaft ausüben zu können und auf einen Vertragspartner statt eines Untertanen angewiesen zu sein.

Auch das "Rettungs"- Kartell aus Politik und Banken, welches zur Zeit in Wirklichkeit die Entscheidungen trifft, hat mit "erzwungener Marktkonformität" oder "ökonomischer Vernunft" überhaupt nichts zu tun: Hier treffen, ganz im Stil von Politik, einige wenige Damen und Herren zusammen, die versuchen, den Interessen ihrer Organisationen gerecht zu werden und natürlich auch ihren eigenen. Wer das als "Herrschaft der Märkte" verballhornt, hat sich wahrscheinlich keine einzige Sekunde lang gefragt, warum denn ausgerechnet die übelsten der üblen Marktradikalen die anstehende Abstimmung in Griechenland befürworten, ja sogar die Hoffnung äußern, die Griechen könnten mehrheitlich mit "Nein" stimmen. Wer sich da so "entsetzt" zeigt, das sind nur die Vertreter des Karteills, das mit seinen Paketen nur zwei Dinge erreichen will: Erstens Zeit kaufen. Und zweitens in dieser Zeit versuchen, den schuldengetriebenen Konsum fortzusetzen, ohne die Bilanzen der Geldgeber großen Risiken auszusetzen, was ein wenig der Quadratur des Kreises gleicht. Lehnen die Griechen die eigene Rettung nun dankend ab, kann die Folge für Griechenland nur noch eine Lösung sein, wie sie von Liberalen schon jeher angestrebt wurde: Insolvenz und Währungsreform. Wir erinnern uns, welches Echo dem Vorsitzenden der FDP entgegenschlug, als er an eine viel weniger radikale Alternative auch nur laut zu denken wagte.

Wer steht denn hierzulande dem demokratischen Ideal näher als die "Rebellen" in den Regierungsfraktionen und als die Initiatoren des anstehenden FDP-Mitgliederentscheids? Der "Primat der Politik" ist leider zur Chiffre für "Primat grün-sozialdemokratischer Politik" geworden – wer politisch gegen diesen Strom schwimmt, wird nicht etwa als Verfechter dieses Primats anerkannt, sondern, wie es mittlerweile üblich ist, mit diffamierenden Etikettierungen ausgegrenzt. Und wenn Menschen es wagen, auf die Konsequenzen der Politik mit individuellem wirtschaftlichen Handeln zu reagieren, riecht das bereits nach Hochverrat. Da kann die FTD noch so romantisierend vom Ideal des Widerspruchs schwärmen: In diesem Land wird öffentlich längst nicht mehr um die beste Lösung gerungen. Die aktuelle Politik wimmelt nur so von alternativlosen Konzepten, denen zu widersprechen nicht etwa als demokratische Tugend gepriesen, sondern als charakterliches Defizit verstanden wird.

Allein schon, wie sehr sich die Politik mega-koalitionär an die z.T. altbekannten linken Parolen der "Occupy-Bewegung" anwanzt, sollte einem kritischen Geist zu denken geben. Aber vielleicht mag man dem Publikum auch keine neue Schurken zumuten. Die Finanzmärkte sind nun einmal der Christopher Lee der politischen Traumfabriken.

Rayson in EU,FDP,Grundsatzfragen,Politik am 02. 11. 2011 » 36 Kommentare
bisher 36 Kommentare » Kommentare
  1. ricbor sagt am 02. 11. 2011 um 15:57 Uhr:

    Vielleicht hat Schirrmacher ja auch nicht mitbekommen, was es bedeuten würde, wenn das gesamte Staatsanleihenwesen überhaupt nur dem Primat des Ökonomischen unterworfen wäre.
    Langsam muss man sich um den Mann sorgen, einerseits.

    Andererseits beschleicht mich das dumpfe Gefühl, dass Schirrmacher, im Geschwalle seiner Argumente gefangen, etwas anderes sagen will, als das, was du und ich aus dem Artikel herauslesen.

    Es grüßt alternativlos

    rb

  2. Erling Plaethe sagt am 02. 11. 2011 um 17:49 Uhr:

    Und ich war so naiv zu glauben, der Zeitgewinn sollte genutzt werden um eine geordnete Insolvenz Griechenlands vorzubereiten und mit geringstmöglichem Schaden für die Wirtschaft umzusetzen.

  3. Rayson sagt am 02. 11. 2011 um 17:54 Uhr:

    @2.

    Glaube lässt sich nicht widerlegen. Aber Indizien für ein solches Vorgehen sehe ich keine.

  4. Erling Plaethe sagt am 02. 11. 2011 um 18:56 Uhr:
  5. Rayson sagt am 02. 11. 2011 um 19:21 Uhr:

    @4.

    Es wäre ein Verstoß gegen den Amtseid, sich auf solche Szenarien nicht auch vorzubereiten. Das heißt aber wirklich nicht, dass man auch auf sie hinarbeitet. Auch der verlinkte Artikel legt dies nicht nahe.

  6. Erling Plaethe sagt am 02. 11. 2011 um 19:48 Uhr:

    @Rayson
    Also ich hab auch nur von “vorzubereiten” geredet. Und mit dem Spiegel-Artikel habe ich den ältesten ausgewählt. Mitte Oktober hatte die Süddeutsche Zeitung gemeldet, dass Westerwelle ein internes Papier in Auftrag gegeben habe, im Falle der Zahlungsunfähigkeit eines Euro-Landes seine geordnete Insolvenz zu organisieren.http://www.welt.de/politik/deutschland/article13672977/Angela-Merkel-deutet-hoeheren-Schuldenschnitt-an.html
    Und dieser Kommentar von David Gow im Guardian geht ebenfalls von einem baldigen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone aus.

    There are a lot of seriously angry politicians in, notably, Berlin, Helsinki and The Hague – the northern centres of fiscal rectitude. They would be happy to see the back of Greece and, theoretically, there is nothing to prevent Athens doing them a favour and leaving the euro. With even the agreed latest €8bn bailout tranche for Greece already in doubt, it could happen sooner than anybody could imagine.

  7. dirk sagt am 02. 11. 2011 um 23:32 Uhr:

    Ich bin sehr dafür, dass endlich wieder das Primat der Politik über die Konsequenzen ihrer Handlungen hergestellt wird!

  8. Rayson sagt am 03. 11. 2011 um 00:03 Uhr:

    @6.

    Dass es in Richtung Insolvenz gehen würde, ist eine Konsequenz, gegen die sich die Politik mit allen Mitteln gestellt hat. So sehr, dass Rösler für seine Äußerungen an den Pranger gestellt wurde, beflissen von den Staatsmedien ausgeführt. Als aber Griechenland “überraschend” die eine miese Zahl nach der anderen meldete, war der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr alle Menschen für immer zum Narren halten konnte.

  9. Karsten sagt am 03. 11. 2011 um 06:42 Uhr:

    Es ist gerade das Primat der Politik, das systematisch zu einem Anwachsen der Staatsverschuldung geführt hat.

    Und wie erklärst Du, dass der Staat in vielen Läbdern weitaus weniger verschuldet ist als Unternehmen und Haushalte? Mag sein, dass der amerikanische eine Politik förderte, die Menschen zu Hauseigentümern macht. Passt jedenfalls gut in eine republikanische Mittelschichtsideologie. Aber niemand hat die Leute gezwungen, sich gegen ihre Finanzierungsmöglichkeiten zu verschulden. Und niemand hat private Banken gezwungen, Schrottpapiere daraus zu kreieren und fleissig zu kaufen.

    Dass sich jetzt diejenigen, die gefälligst weiter Geld zur Verfügung stellen sollen, um den staatlich angeschobenen Konsum anderer zu finanzieren, weigern, dies ohne große Risikoaufschläge zu tun, eben weil sie auch politische Entscheidungen als Datum akzeptieren müssen, als “Primat des Ökonomischen” zu bezeichnen, ist ein ziemlich übler Taschenspielertrick,

    HaHa. Als ob die Risikoaufschläge irgendetwas mit Staatsverschuldung zu tun hätten. Warum sind die Preise für amerikanische Staatsanleihen dann in den letzten Monaten gesunken? Warum bezahlt der meistverschuldete Staat der Welt, nämlich Japan, dann so niedrige Zinsen? Warum bezahlt Spanien, das jahrelang mit Budgetdisziplin glänzte und weiterhin um ein Viertel weniger verschuldet ist als Deutschland dann deutlich mehr Zinsen als die Bundesrepublik?

    Das sind keine “Riskikoaufschläge”. Das ist Spekulation, an der die Spekulanten übrigens wunderbar verdienen.

    Es gibt eine sehr einfache Lösung dieses Problems. Das wird in England ebenso angewendet wie in Amerika. Die Zentralbank wird einfach ihrer Aufgabe gerecht und schreitet gegen die Spekulation ein. Wenn die Zinsen im vernünftigen Bereich bleiben, dann ist auch der Abbau der Staatsschulden kein Problem mehr. Und die Hilfs- und Rettungspakete und dieses ganze Trara könnten wir uns auch sparen. Überdies ist nicht einzusehen, warum die EZB Billigkredite an Privatbanken vergibt, damit diese dann Staatsanleihen zu überhöhten Zinsen kaufen. Ist der Steuerzahler der Financier der Privatbanken, oder was?

    “Primat grün-sozialdemokratischer Politik”

    LOL. In Deutschland regieren die Bürgerlichen. In ganz Europa regieren Konservative und Liberale. So billig kommen die nicht davon.

  10. F.Alfonzo sagt am 03. 11. 2011 um 08:01 Uhr:

    @ Karsten:

    Was ist denn deiner Meinung nach ein “vernuenftiger” Zinssatz? Keine Ahnung? Wer soll das dann entscheiden?

    P.S.: Ich faend’s uebrigens sehr gut, wenn die Zinsen fuer gov bonds eine Obergrenze haetten, weil sie dann nur noch wenige Leute kaufen wuerden; so kann man das Schuldenproblem auch loesen…
    Bloed nur, dass die Politik das aus irgendeinem Grund nicht will.

  11. tigger sagt am 03. 11. 2011 um 09:22 Uhr:

    Wenn die Zinsen im vernünftigen Bereich bleiben, dann ist auch der Abbau der Staatsschulden kein Problem mehr

    Der Aufbau aber leider auch nicht. Immerhin ist der steigende Zinssatz ein wichtiger show-stopper für “politische Gestaltung”.

  12. Griechenland ist kein Protektorat | rotstehtunsgut.de sagt am 03. 11. 2011 um 14:07 Uhr:

    [...] bissige-liberale.net: Schirrmachers Strohmann, politische Primaten und Christopher Lee Ähnliche Artikel:Wir haben ein „Euro-Problem“ und nicht ein Problem mit [...]

  13. teddy004@gmx.net sagt am 03. 11. 2011 um 14:15 Uhr:

    ein vernünftiger zinssatz ist der zinssatz, der sich ohne staatlichen eingriff bildet.
    das lustige daran ist, daß kaum einer sieht, daß die jetzigen zinsbewegungen unausweichliche folge des staatlichen eingriffes sind. anders formuliert, der staat kann den zins nicht dauerhaft senken. wenn wenn die ezb jetzt die geldmenge noch weiter steigen läßt, dann steigen die zinsen nur noch weiter (preiserwartungen)

  14. Erling Plaethe sagt am 03. 11. 2011 um 15:35 Uhr:

    Bis heute ging es den Griechen wie den meisten europäischen Völkern; sie wurden nicht gefragt wenn ihr Regierungen fundamentale Änderungen z. B. die Verfasstheit betreffend, beschlossen.
    Es gab die Wahl zwischen nicht verunsichert, nicht beunruhigt und nicht überfordert zu werden.
    Den Griechen ist heute auch diese Wahl abgenommen worden.

  15. Karsten sagt am 03. 11. 2011 um 22:23 Uhr:

    P.S.: Ich faend’s uebrigens sehr gut, wenn die Zinsen fuer gov bonds eine Obergrenze haetten, weil sie dann nur noch wenige Leute kaufen wuerden;

    LOL! Das ist Quatsch. Das Problem ist ja nicht, dass die Leute die Bonds nicht kaufen, weil sie zuviel Rendite versprechen. An griechischen Bonds verdiente man ganz gut, jedenfalls solange wie es keinen Schuldenschnitt gab. Beliebter sind allerdings die ‘billigen’ Bonds wie deutsche oder japanische. Die werden fleissig gekauft, obwohl die Zinssätze kaum über der Inflationsrate liegen.

  16. Karsten sagt am 03. 11. 2011 um 22:28 Uhr:

    Immerhin ist der steigende Zinssatz ein wichtiger show-stopper für “politische Gestaltung”.

    Ich erkenne das Argument in der Theorie an. Aber warum sind dann spanische Anleihen (Schuldenstand von 60%) drei- bis viermal höher verzinst als japanische (Schuldenstand von über 200%)? Die Märkte sind nicht rational, in dem Sinne, dass es einen Zusammenhang zwischen Verschuldung und Zins als Risikoaufschlag gäbe. Der Zins kommt durch reine Spekulation zustande. Von daher ist es auch blödsinnig, diese Spekulation durch spektakuläre Sparprogramme unterbinden zu wollen. Erstens, weil diese keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Spekulanten haben. Und zweitens, weil sie – siehe Griechenland – die Länder immer mehr in den Schuldensumpf treiben.

  17. Karsten sagt am 03. 11. 2011 um 22:34 Uhr:

    anders formuliert, der staat kann den zins nicht dauerhaft senken. wenn wenn die ezb jetzt die geldmenge noch weiter steigen läßt, dann steigen die zinsen nur noch weiter

    Da ist Unsinn. Der Staat kann den Zins sehr wohl dauerhaft senken, wenn er eine Zentralbank hat, die gegen die Spekulation vorgeht. Deshalb richtet sich die Spekulation ja auch gegen Länder der Eurozone, die nicht mehr über eigenen Zentralbanken verfügen, nicht aber gegen die USA, England und Japan, häufig weitaus krasser verschuldet und mit schlechteren ökonomischen Aussichten.

    Wenn die EZB in großen Maße Anleihen kauft, dann steigen die Zinsen auch nicht weiter. Die EZB kauft diese Anleihen ja zu dem von ihr festgelegten Zinssatz und nicht zu den 6% (Spanien) oder 18% (Griechenland), also den von Spekulanten getriebenen ‘Marktzinsen’.

    Letztlich steigt noch nicht mal die Geldmenge wesentlich. Auch Privatbanken müssen schliesslich Kredite bei der Zentralbank nehmen (zu Niedrigstzinsen), um dann Staatsanleihen (zu Höchstzinsen) zu kaufen. Ein feines Geschäft für die Banken, das letztlich der Steuerzahler finanziert. Viel einfacher wäre es, die Banken rauszulassen und den Staat direkt bei der Zentralbank zu verschulden. Dagegen läuft natürlich die Finanzmarktlobby Sturm. Schliesslich sind Staatsanleihen ein wunderbares Geschäft und ein noch besseres Spekulationsobjekt.

  18. Robert Michel sagt am 03. 11. 2011 um 23:19 Uhr:

    @Karsten: Märchenstunde, die du hier veranstaltest. Die Zinsen die Banken zahlen müssen, sind auf die gleiche Frist gerechnet höher als die, die Staaten zahlen. Geld verdienen sie nur, weil sie in bestimmten Umfang Fristtransformation betreiben. Aber nicht in dem Umfang, den du unterstellst.

    Dass deine Theorie mit der eigenen Zentralbank falsch ist, sieht man schon daran, dass die Zinsen der Peripherieländer vor der Euro-Einführung höher waren, als danach. Zum Teil sind sich noch heute niedriger.

  19. Karsten sagt am 04. 11. 2011 um 01:26 Uhr:

    @ Robert Michel

    Die Geschäftsbanken können bei der Zentralbank Kredite zum niedrigen Leitzins aufnehmen. Dieser ist natürlich niedriger als der Zins, den sie letztlich für Kredite an die öffentliche Hand verlangen.

    Natürlich verdienen die Geschäftsbanken erheblich, wenn die Zinsen für Staatsanleihen steigen.

    Zum Teil sind sich noch heute niedriger.

    Sicher. Mit Einführung des Euro sind die Zinsen gesunken. Bis zur Finanzkrise haben sich auch die Schuldenstände der PIIGS positiv entwickelt, d.h. sie sind gesunken oder haben stagniert.

    Nur besteht der Unterschied zu früher darin, dass sich Staaten bei hohen Zinssätzen eben weiterhin direkt über die eigene Zentralbank finanzieren konnten (völlig unabhängig von den Marktzinssätzen), bzw. durch das Anwerfen der Druckmaschine und die Entwertung ihrer Währungen aus der Schulden- und Zinsspirale entkommen konnten. Dies ist heute nicht mehr der Fall.

  20. tigger sagt am 04. 11. 2011 um 01:49 Uhr:

    Der Zins kommt durch reine Spekulation zustande

    Ja, das hört man zur Zeit oft. Aber irgendwie fehlt mir das Verständnis zu dieser Behauptung.
    Erstens: Wie macht der Spekulant das, dass er den Zins nach oben treibt ?
    Und zweitens: Was hat er davon ?

  21. F.Alfonzo sagt am 04. 11. 2011 um 05:16 Uhr:

    LOL! Das ist Quatsch. Das Problem ist ja nicht, dass die Leute die Bonds nicht kaufen, weil sie zuviel Rendite versprechen. An griechischen Bonds verdiente man ganz gut, jedenfalls solange wie es keinen Schuldenschnitt gab.

    Also doch kein Quatsch? Zinsen sind ein Spiegel des (Ausfall-)Risikos.

  22. ricbor sagt am 04. 11. 2011 um 09:36 Uhr:

    @tigger

    (Der Zins kommt durch reine Spekulation zustande) “Ja, das hört man zur Zeit oft. Aber irgendwie fehlt mir das Verständnis zu dieser Behauptung.”

    Kein Wunder. Ist ja auch Unsinn.

  23. Karsten sagt am 04. 11. 2011 um 10:17 Uhr:

    Sicherlich spiegeln Zinsen auch ein Ausfallrisiko wieder. Nur müssten sie dann rationalerweise das tatsächliche Risiko auch abbilden. Wenn Japan bei über 200% Staatsverschuldung nur ein Drittel der Zinsen zahlt wie Spanien bei 60% Staatsverschuldung, dann sieht man, dass der Zins eben kein direktes Abbild des Risikos ist. Es liegt letztlich daran, zu welchem Preis die Geldgeber die Anleihen kaufen wollen. Wenn sich hier eine Dynamik nach oben einstellt, dann steigt der Zins.

    Das verhält sich ganz ähnlich wie bei irgendwelchen Derivaten auf Häuselbauerkredite. Investoren haben sich lange nicht dafür interessiert, wie hoch das Ausfallrisiko tatsächlich ist, sondern die Dinger nach der Maxime gehandelt, ob sie glaubten, der Kurs steige oder falle. Wenn ich einen Kuhfladen zum Spekulationsobjekt mache, dann ist mir der tatsächliche Wert egal. Wenn alle kaufen, dann steigt der Preis.

  24. forentourist sagt am 04. 11. 2011 um 11:35 Uhr:

    Nur müssten sie dann rationalerweise das tatsächliche Risiko auch abbilden.

    Und wie errechnet man so ein “tatsächliches” Risiko? Aus Marktpreisen kann immer nur auf ein impliziertes Risiko geschlossen werden. Ein objektives Risiko ist schlicht nicht messbar, weil die Zusammensetzung des Risikos unbekannt.

    Wenn Japan bei über 200% Staatsverschuldung nur ein Drittel der Zinsen zahlt wie Spanien bei 60% Staatsverschuldung, dann sieht man, dass der Zins eben kein direktes Abbild des Risikos ist.

    Oder die simple Tatsache, dass sparsame Japaner auch für Niedrigstzinsen die eigene Regierung finanzieren mögen, nicht aber die spanische oder griechische.

  25. tigger sagt am 04. 11. 2011 um 11:40 Uhr:

    Wenn Japan bei über 200% Staatsverschuldung nur ein Drittel der Zinsen zahlt wie Spanien bei 60% Staatsverschuldung, dann sieht man, dass der Zins eben kein direktes Abbild des Risikos ist

    In Deiner Begründung unterstellst Du aber, das Ausfallrisiko wäre nur ein direktes Abbild der Staatsverschuldung/BIP, was meiner Meinung nach zu simpel ist. Das Ausfallrisiko wird sich wohl schon etwas komplexer zusammensetzen, z.B. werden Leistungsbilanzen oder Devisenreserven sicher auch eine Rolle spielen.

    Aber andersrum betrachtet, wird ein Staat, der über keine eigene Währung verfügt, kaum Einfluss auf diese anderen Faktoren nehmen können, sondern lediglich auf den Faktor “Staatsverschuldung”.

  26. F.Alfonzo sagt am 04. 11. 2011 um 15:57 Uhr:

    @ tigger: Richtig, bspw. Japan vs. Spanien:

    Soweit ich weiss, werden die Japanischen gov bonds haupsaechlich von Japanern gehalten, die spanischen aber von Auslaendern.

    Das macht natuerlich schon einen Unterschied: Japan muss letzlich nur an der Steuerschraube drehen, Spanien (oder noch extremer: Griechenland) braeuchte starkes Wirtschaftswachstum, und das kann man nicht eben mal “einschalten” (klappt in Japan ja schon seit fast 30 Jahren nicht).

  27. goyamonster sagt am 07. 11. 2011 um 10:27 Uhr:

    Also wenn tatsächlich nur die Spekulanten schuld sind an der ganzen Misere, bitte ich auch um Aufklärung, wie genau die das machen, dann will ich da unbedingt einsteigen. Richtig Geld scheffeln, und gleichzeitig Angie’s Mundwinkel immer tiefer sinken lassen, das klingt wie ein Traumjob.

    Interessant wäre an der Stelle aber auch die Lösungsvorschläge, um den Spekulantionen den Gar aus zu machen. Ob die Menschen mehr Staatsanleihen von zahlungsunfähigen Staaten kaufen, wenn man die Spekulanten alle ins Gefängnis steckt? Vertrauen sie der Politik lieber ihr Geld an, wenn wir das Zaubermittel Transaktionssteuer haben? Macht die Politik mehr oder weniger Schulden, wenn die Zinsen sinken?

    Wie gesagt, wenn ich durch Spekulation helfen kann, die Zinsen in die Höhe schießen zu lassen, um den Schuldenwahnsinn zu beenden, bitte her damit!

  28. Christian sagt am 07. 11. 2011 um 10:50 Uhr:

    @Karsten
    Ausfallrisiko der Anleihen bedeutet, dass der Ausgeber der Anleihen diese evtl. nicht vollständig zurückzahlen *kann*. Monetär souveräne Staaten können das *immer* machen, wenn sie wollen. Ergo: Ausfallrisiko nicht vorhanden. Den Zinssatz auf Anleihen setzt die Zentralbank.
    Eurostaaten mit monetär souveränen Staaten in diesen Aspekten zu vergleichen führt zu nichts, da diese eben nicht monetär souverän sind und ein wirkliches Ausfallrisiko besteht.

    Es ist egal, wer die Bonds hält, ob Ausländer oder Inländer, solange diese Anleihen in der Währung herausgegeben werden, die der Staat herausgibt.

    Inflation ist ein anderes Thema, aber in Japan würden sie sich darüber ja auch freuen ;)
    Bestes Beispiel um alle diejenigen zu widerlegen, die der Meinung sind Staatsschulden bzw die zu Staatsschulden führenden Haushaltsdefizite würden automatisch Inflation auslösen.

  29. der_gude_don sagt am 07. 11. 2011 um 14:54 Uhr:

    solange diese Anleihen in der Währung herausgegeben werden, die der Staat herausgibt

    was nichts anderes heißt, als daß diese Anleihen NATÜRLICH das Risko eines Wertverfalls oder sogar -ausfalls beinhalten. Die volkswirtschaftliche Arbeitskraft der Zukunft zu verpfänden, beinhaltet ja nicht eine “aktionärsfreundliche” Währungspolitik zu betreiben. In dem Fall hat aber ja eben durch die gemeinsame Währung eine Entwertung noch viel weitreichendere Folgen. Also kann ich dem Gedankengang zwischen den Gläubigern zu unterscheiden in mehrerlei Hinsicht folgen.

  30. Robert Michel sagt am 07. 11. 2011 um 21:26 Uhr:

    @Christian: Die Erträge die durch Seniorage erzielt werden können, sind begrenzt. Wird diese Grenze überschritten ist Hyperinflation die Folge. Das ist deutlich übler als ein Staatsbankrott.

  31. Robert Michel sagt am 07. 11. 2011 um 21:26 Uhr:

    *Seigniorage

  32. Christian sagt am 08. 11. 2011 um 10:47 Uhr:

    Hyperinflation?
    Begründung bitte! Hyperinflation entsteht normalerweise nur wenn wirklich extreme Dinge in der Realwirtschaft (!) passieren.

    Landreform in Zimbabwe, Bevölkerung kann nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt werden.

    Weimar: Massive Reparationszahlungen (Schulden in Fremdwährung), Verlust des Ruhrgebiets an Frankreich.

    Ergo: massive Schocks auf der Angebotsseite führen zu Hyperinflation.

    “Geld drucken” (Begriff ist nicht klug gewählt, siehe hier)
    ist also Symptom des Problems und nicht ursächlich für Hyperinflation.

    Richtig ist: Geld ausgeben kann zu Inflation führen, aber dieses Privileg ist nicht auf den Staat beschränkt, sondern auf alle Wirtschaftssubjekte. Oder was passiert, wenn die oberen 10% mal so richtig anfangen wollen, die Läden leerzukaufen? Das Geld ist ja vorhanden ;)
    Grobe Grafik dazu via Google gefunden: http://www.crp-infotec.de/01deu/finanzen/grafs/vermoegen_verteilung.gif

    Wenn ein monetär souveräner Staat Ausgaben tätigt, kann er dafür entweder Bonds ausgeben oder auch nicht.

    Wenn er das nicht tut, muss er allerdings Zinsen auf Bankreserven zahlen, damit die Zentralbank den kurzfristigen Zinssatz stabil halten kann. Dies liegt daran, da die Ausgaben ja normalerweise per Banküberweisung getätigt werden. Das zusätzliche Geld liegt also zu einem gewissen Teil auf irgendwelchen Bankkonten und hat damit das Level der Bankreserven insgesamt erhöht. Die Banken die zuviele Reserven halten, wollen diese verleihen, da Reserven per se keine Zinsen erbringen.
    Verleihen tun sie diese auf dem Interbankenmarkt. Wenn aber systemweit zuviele Reserven existieren, würde der Zinssatz aufgrund Angebot/Nachfrage auf 0 fallen. Hat die Zentralbank nun aber einen Zinssatz gesetzt der ungleich 0 ist, muss sie nun Zinsen auf Reserven zahlen, damit der kurzfristige Zinssatz gewahrt bleibt. Will sie keine Zinsen auf Reserven zahlen, dann verkauft sie Bonds, diese ziehen ebenfalls Reserven aus dem System. Ausgabe von Bonds ist in diesem Kontext eine monetäre Operation und keine fiskale Operation.

    Vielleicht hilft dieses Paper der Bank for International Settlements (BIS) weiter.
    “If bank reserves do not contribute to additional lending and are close substitutes for short-term government debt, it is hard to see what the origin of the additional inflationary effects could be. The impact on aggregate demand, and hence inflation, would be very similar regardless of how the central bank chooses to fund balance sheet policy. For example, it is not clear how inflationary pressures could be more pronounced in a banking system that keeps its liquid assets in the form of overnight deposits at the central bank compared to one that holds one-week central bank or treasury bills.”

    Falls das ganze zu unklar war, dann bitte ich um Entschuldigung. Meine Darstellung der technischen Details, die aber eben doch wichtig sind um unser Geldsystem zu verstehen, kann sicherlich verbessert werden.

    @der_gude_don
    Wertverfall != Insolvenz.
    Eurostaaten können aber tatsächlich insolvent werden, wenn die EZB sich nicht dazu bequemt deren Anleihen zu kaufen.

  33. tigger sagt am 08. 11. 2011 um 12:31 Uhr:

    Richtig ist: Geld ausgeben kann zu Inflation führen, aber dieses Privileg ist nicht auf den Staat beschränkt, sondern auf alle Wirtschaftssubjekte.

    Ja, aber mit dem Unterschied, dass sich die anderen Wirtschaftssubjekte das Geld nicht erzeugen können, der Staat hingegen schon. Darin liegt das Privileg des Staates: die Inflation mit dem notwendigen Brennstoff zu versorgen…

  34. Robert Michel sagt am 08. 11. 2011 um 21:42 Uhr:

    @Christian: Du schmeißt da einige Dinge durcheinander, das die Bevölkerung nicht mit Lebensmittel versorgt werden kann ist ein Folge der Hyperinflation. Die Landreform hat zwar die Entwicklung eingeleitet, die letztendlich zur Hyperinflation führte, war aber letztendlich nur der erste Schritt auf einem langen Weg. Hyperinflation entsteht, dann wenn der Staat versucht mehr Einnahmen durch Seigniorage zu erheben, als volkswirtschaftlich möglich ist. Da Hyperinflation immer zu enormen Realwirtschaftlichen Verwerfungen führt ist dein „Ergo: massive Schocks auf der Angebotsseite führen zu Hyperinflation.“ nichts anderes als cum proper hoc, ergo hoc.

    Wie viel von dem in deiner Statistik aufgeführten Vermögen ist auch liquide?

    „Dies liegt daran, da die Ausgaben ja normalerweise per Banküberweisung getätigt werden. Das zusätzliche Geld liegt also zu einem gewissen Teil auf irgendwelchen Bankkonten und hat damit das Level der Bankreserven insgesamt erhöht.“

    Da begehst du gleich mehrere Fehler auf einmal. Zum einen Schmeißt du die aktiv und passiv Seite der Bankbilanz durcheinander. Geld, das auf Bankkonten liegt ist das Guthaben von Nicht-Banken, also bestimmt deren Kalkül über die Verwendung der Mittel. Die Nicht-Banken versuchen in der Regel ihr Kassenguthaben auf einem bestimmten Niveau zu halten. Was du unterstellst ist, das die Nicht-Banken dem Staat Leistungen erbringen und mit der Bezahlung nicht anderes tun, als es auf dem Bankkonto verschimmeln zu lassen. Es ist nicht möglich die Geldnachfrage zu erhöhen, indem man einfach mehr ausgibt.

    Die expansive Geldpolitik der letzten Jahre hat bereits zu einem Anstieg der Inflationsrate geführt. Eine Monetarisierung der Staatsschulden wäre noch um Größenordnungen expansiver.

  35. Christian sagt am 09. 11. 2011 um 09:26 Uhr:

    @Robert Michel
    Ich habe mich evtl. nicht ganz korrekt ausgedrückt, das können andere besser als ich. Was ich meine ist das Folgende:
    http://neweconomicperspectives.blogspot.com/2011/10/mmp-blog-19-effects-of-sovereign.html

    Für dich ist der zweite Teil interessanter, weil da auf Fragen eingegangen wird.
    http://neweconomicperspectives.blogspot.com/2011/10/budget-deficits-and-saving-reserves-and.html

    Aber auf jeden Fall stimmt es, was du gesagt hast, dass der Nicht-Banken Sektor bestimmt, wie er sein Geld ausgibt. Deshalb ist die Geldmenge insgesamt ja auch endogen, sie ergibt sich unter anderem auch aus der Nachfrage nach Krediten. Und diese Kredite gewähren Banken unabhängig von der Höhe ihrer Reserven, normalerweise nach der Kreditwürdigkeit des Kreditnehmers und ihrer Eigenkapitalanforderungen.
    Die Zentralbank kann diesen Prozess dadurch beeinflussen, dass sie den Zinssatz erhöht, so dass potentielle Kreditnehmer abgeschreckt werden einen Kredit aufzunehmen. Ich glaube aber, dass dieser Punkt unstrittig ist.

    Zum Thema Hyperinflation:
    http://www.economonitor.com/lrwray/2011/08/31/not-worth-a-continental-how-modern-money-theory-replies-to-hyperinflation-hyperventilators-part-2/
    Da haben wir dann wohl einfach andere Ansichten über die Ursachen.
    Ich wäre aber interessant daran zu erfahren, was du z.B. in Weimar als Regierung gemacht hättest um eine Hyperinflation zu vermeiden und welche Kosten das gehabt hätte.

  36. Robert Michel sagt am 09. 11. 2011 um 21:16 Uhr:

    @Christian: Es ist ja nicht falsch, was auf den von dir verlinkten Seiten steht, aber die Interpretation ist sehr eigenwillig. Da wären die Rückwirkungen von Inflation auf den Haushalt. Es ist schon lange bekannt, das Staaten die sich verstärkt über Seigniorage finanzieren, die Effektivität anderer Einnahmequellen vermindert. Die Schlussfolgerung die man gewöhnlich daraus zieht, ist jedoch nicht zu sagen, Ach die Seigniorage ist gar nicht so schlimm, sondern das der Seigniorage die Gefahr innewohnt, Staaten die auf sie zurückgreifen in gesteigertem Maß von ihr abhängig werden. Wenn die anderen Einnahmequellen wegfallen, bleibt dem Staat nicht anderes übrig als die Seigniorage auszuweiten. Daher ist der Vergleich der Druckerpresse mit Drogen nicht so abwegig.

    Es ist ebenfalls richtig das Hyperinflation damit einhergeht das die Geldnachfrage zusammenbricht. Allerdings sollte man damit nicht den Schluss ziehen, dass die zusammenbrechende Geldnachfrage der treibende Faktor ist. Man kann das daran erkennen, dass es dem Staat jederzeit möglich ist die Geldnachfrage zu stabilisieren und damit die Hyperinflation zu beenden, indem er klar kommuniziert, dass er die Hyperinflationspolitik beendet. In der Weimarer Republik hatte die Einführung der Rentenmark diese Funktion.

    Was die Weimarer Republik hätte machen sollen, liegt meines Erachtens auf der Hand: Die Zahlungsunfähigkeit, die unvermeidlich war, möglichst schnell selbst herbeiführen und sich damit die Reparationszahlungen entledigen.

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