Dem Uhl sine Nachtigall zwitschert wieder
Dieses Blog hier wird von zwei Leuten betrieben, die mit ihrer Meinung zu allem möglichen Zeugs nicht hinter dem Berg halten. Warum verwenden sie dabei Pseudonyme?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist, dass das Internet wie ein großes Archiv funktioniert. Was hier einmal eingestellt wurde, lebt sozusagen für immer. Zugleich entsteht gerade bei typischen Blogdiskussionen, die sich ja oft gleichzeitig in mehreren Blogs abspielen, ein für Außenstehende nicht immer leicht zu entwirrender Kontext. Entnimmt man diesem einzelne Sätze oder auch sogar Beiträge, ohne den ganzen Rest mitzuliefern, können sich die dadurch entstehenden Aussagen vom eigentlich Gemeinten schnell entfernen. Hinzu kommt, dass man im Netz nie weiß, an wen man seine Worte richtet. Bei Bloggern mit einem gewissen kommentierenden Stammpublikum entsteht zwar leicht die Illusion eines begrenzten Leserkreises, aber prinzipiell trötet man hier seine Meinung in die ganze Welt hinaus. Auch zu Leuten, denen gegenüber man, wenn man sie und ihre Vorlieben und Abneigungen denn kennte, vielleicht ab und zu etwas anders formuliert hätte.
Es gibt eine Sprache, die versucht, auf all solche Dinge Rücksicht zu nehmen. Unsere Politiker verwenden sie. Denn auch sie müssen damit rechnen, dass all ihre öffentlich gesprochenen Worte aufgezeichnet, aufbewahrt, aus dem Sinnzusammenhang gerissen und einem anderen als dem ursprünglich adressierten Publikum zur Kenntnis gebracht werden. Und ehrlich: Wollen wir diese Art Sprache etwa auch in Blogs lesen müssen?
Im Gegensatz zu Politikern sind Blogger aber meist Amateure, die sich ihre Brötchen woanders verdienen müssen. Und leider gibt es schon statistisch gesehen da draußen im Netz genug Fanatiker, die genau an diesem Punkt ansetzen wollen. Unsere Kollegen vom A’Team, wo der Klarname des Betreibers schon immer bekannt war, erleben das jetzt bereits zum wiederholten Mal, diesmal allerdings noch angereichert um die bei Fanatikern und Verschwörungstheoretikern besonders beliebte Variante "guilty by association".
Gerade weil Sie, lieber Herr Uhl, und Sie, lieber Herr Friedrich, diese Probleme gar nicht kennen, sollten Sie vielleicht besser einen ebenso bekannten wie guten Ratschlag von Dieter Nuhr beherzigen.
bisher 5 Kommentare » Kommentare
Danke
Grundsaetzlich Zustimmung, hatte diese Erfahrung selbst auch schon mal gemacht (nicht wg. Blog-Kommentaren, sondern einem Diskussionsforum, in dem ich mal unter meinem Namen geschrieben hatte).
Da gibt es dann eine Person, die einen zwar nicht kennt aber trotzdem nicht mag, und nichts anderes zu tun hat, als tagelang das www nach Leuten zu durchforsten, mit denen man in Verbindung steht, um diesen dann e-mails zu schicken.
Interessant ist dabei uebrigens (zumindest war es in meinem Fall so), dass die Denunziationen in keinem einzigen Fall die beabsichtigte Wirkung erzielt haben, sondern das exakte Gegenteil: Amusement oder Verachtung ggue. dem Verleumder.
Kleiner Widerspruch aber bzgl. deiner Vermutung zur politischen Forderung nach Klarnamen, wenn ich das recht verstanden habe:
Dass viele Politiker Klarnamen speziell von Bloggern einfordern, liegt m.E. nicht an deren Weltfremdheit, sondern daran, dass sie in politischen Bloggern eine Gefahr (oder weniger dramatisch formuliert: eine unberechenbare Variable in der Politikbetriebs-Funktion) erkannt haben, die man gerne unter Kontrolle bekommen moechte… und die von dir geschilderten Folgen der Klarnamenpflicht sind dabei durchaus erwuenscht.
Weltfremd an dieser Forderung ist eigentlich nur die Vorstellung, dass sich so ein Gesetz praktisch durchsetzen liesse… da schimmert dann die technische Ahnungslosigkeit durch.
Politiker geniessen unter Umständen Personenschutz, die haben leicht reden mit ihren Klarnamen.
Die Sprache des Berufspolitikers ist idT grausam und niemand braucht sie, aber der eigentliche Grund unter Pseudonym zu veröffentlichen ist die Angst vor Nachteilen, die entstehen, wenn man sich namentlich bekennt.
In den Siebzigern bspw. lohnte es sich nicht unbedingt die RAF-Szene als das zu bezeichnen, was sie war, und heutzutage lohnt es sich explizit nicht wegen den Moslems.
Aber von der konkreten Gefahr abgesehen, gibt es natürlich überall “Meinungsforscher”, bspw. bei Einkäufern oder Personalern, die sich mit Meinungen munitionieren wollen und können. Auch hier gilt es, sozusagen im Kleinen, vorzubeugen.
MFG
Wb
PS: KA, was sich Friedrich und der andere gedacht haben…
Eigentlich ist es wieder der alte Kampf zwischen Staat und neuem Medium, der sich jetzt abzeichned, aber diesmal sieht es so aus, als würde der Staat die erste Runde verlieren. Beim Buchdruck war das noch anders, beim Funk war das auch nicht anders und bei Post und bei Telefon/Telegraph war das wohl anfangs noch etwas anders. Aber insgesamt hat sich das heiße Eisen abgekühlt, teils ganz einfach, weil die Leute es sich nicht leisten konnten, eine eigene Druckerpresse, Funkanlage/Sendeanlage, Postservice oder Telefonnetz zu haben. Das ändert sich mit dem Internet radikal.
Und genauso wie auf den Buchdruck die Vorzensur von seiten der Regierung folgte, genauso folgt jetzt eben die Klarnamenspflicht, um den Schreiberling wenigstens nach vollzogener Tat vor Gericht stellen zu können. Und auch die Auswege sind ironischerweise die selben die damals: Es gibt Leute, die kümmert die Klarnamenspflicht/Vorzensur einfach nicht (“Journalisten”) und die haben auch keine Angst vor auseinandersetzungen, es gibt Leute, die lassen im Ausland drucken/hosten und es gibt Möglichkeiten, auch hier anonym zu drucken.
Nur – und das ist der Grund, warum ich das so weitschweifig ausführe – sind diese letzte Möglichkeit ist heute sehr viel bequemer geworden. Es reich schon, einen Beitrag in ein Forum zu schreiben um die Realnamenspflicht komplett zu umgehen, der Forenbereiber ist wegen dem Datenschutzgesetzt sogar verpflichtet, eine anonyme Nutzungsmöglichkeit zu eröffnen (das müsste sogar für Betreiber von Blogdiensten gelten), von solchen Sachen wie Instant Messging, IRC oder P2P-Netzen mal gar nicht gesprochen. Also wer einen Text anonym veröffentlichen will, der hat noch mehr als genug Mittel dazu, mit der Klarnamenspflicht greift man wieder nur einen kleinen Teil der Leute heraus und macht es ihnen schwerer.
Übrigens ist es ganz genauso bei der Impressiumspflicht. Nur wird da Argumentiert, dass der Leser ja das Recht habe, die Verantwortlichen zu kennen, damit er weiß, ob sie “objektiv” sind. Das heißt praktisch, man ignoriert die Argumente und schaut auf die Person.