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Nadelstreifen-Robbens

Beim Betrachten der Bundesligaspiele dieses Wochenende kamen dem Schreiber dieser Zeilen folgende Gedanken in den Sinn:

Der Einfluss eines Trainers auf eine Mannschaft ist ungefähr ähnlich dem eines CEO auf sein Unternehmen. Beide wirken nicht direkt, sondern indirekt darüber, wie sie die Spieler (Mitarbeiter) einsetzen und fördern, wie sie die Spiele und Taktiken der Gegner (Absatzmärkte) beobachten, und wie sie auf dem Transfermarkt tätig werden (das Produktportfolio neu gestalten). Beide haben kurzfristige Verträge, und beide werden sie von einem Sportdirektor oder Vorstand (Aufsichtsratschef, Aufsichtsrat) eingestellt und entlassen. Auch in Details sind bei den beiden Jobs ähnliche Tendenzen zu erkennen: Trainer bringen gerne ihre Führungsmannschaft aus früheren Positionen mit. Sie werden auch immer jünger (im Durchschnitt natürlich…).

Und doch sind die Trainer nicht die Topverdiener, wenn man ihre Einkommen mit denen der besten Spieler vergleicht. Sie werden auch viel schneller entlassen, während die Spieler (Mitarbeiter) länger an Bord bleiben, obwohl sich gerade in der Hinsicht in jüngster Zeit bei den Topmanagern etwas verändert hat.

Einen wichtigen Unterschied gibt es: Die Mitarbeiter haben ein Preisschild auf der Stirn. In einer Profimannschaft sind sie nicht nur rhetorisch der größte Wert des Unternehmens, sondern auch praktisch. Sie haben einen Marktwert, der oft auch direkt in Ablösesummen zum Ausdruck kommt. Bei Trainern gibt es das nicht, und das führt zu einer latenten Umkehr des eigentlich anders vorgesehenen Machtgefälles: Ein wirtschaftlich denkender Verein kann Spieler nicht einfach entlassen. Er muss zusehen, dass er sie zu einem guten Preis "verkaufen" kann, und dazu braucht es einen anderen Verein, dem dieser Spieler das wert ist. Bei Trainern gilt das nicht: Die können von heute auf morgen gefeuert werden und bekommen dann, ähnlich wie normale Arbeitnehmer woanders auch, vielleicht noch eine Abfindung. Oder ihnen wird das Gehalt weitergezahlt in der Hoffnung, dass sie bald anderen Orts tätig sind (was in der Endphase der letzten Saison sicher der schlauere Weg gewesen wäre…).

Dafür gibt es wiederum einen guten Grund. Im Gegensatz zu einem normalen Unternehmen sind bei einer Profi-Fußballmannschaft die Erfolgsbeiträge der einzelnen Spieler sehr transparent. Man sieht, wer dicke Patzer begeht, und man sieht, wer durch außergewöhnliche Technik oder nimmermüden Einsatz begeistern kann. Der Trainer hingegen ist nur der Typ, der vielleicht mal wild an der Seitenlinie herumtobt und hinterher vor der Werbetafel den Reporter abkanzelt. Wenn es gut läuft, werden die Spieler gefeiert und bekommen den Ritterschlag, indem sie zu Spielen der Nationalelf eingeladen werden. Wenn es schlecht läuft, fliegt der Trainer. Vielleicht wird mittlerweile der Beitrag des Trainers zum Spiel einer Elf mehr gewürdigt als früher. Aber wenn z.B. Dortmund großartig kombiniert, liegt es dann daran, was für dolle Jungs dieses Götzes und Kagawas sind, oder daran, dass der Trainer gutes Personal zusammengestellt und ihm eine erfolgreiche Spielphilosophie vermittelt hat? Die zahlungskräftigen Vereine im Ausland, die für die Marktwerte mit maßgeblich sind, haben darauf eine eindeutige Antwort: Sie werben Spieler ab und nicht Trainer. Selbst der einzige Trainer, der sich einen ähnlichen Star-Status schaffen konnte wie ein Top-Spieler, José Mourinho, wird meist nicht direkt abgeworben, sondern lässt sich erst hinauswerfen, indem er seinen aktuellen Verein bis zur Weißglut provoziert.

Das aber ist in Unternehmen anders. Da sind es eben sehr, sehr viele Mitarbeiter, und die Leistung eines einzelnen von ihnen wird so gut wie nie direkt sichtbar. Mit einer wichtigen Ausnahme: die Finanzbranche. Wer da einen guten Deal abschließen kann, ist identifizierbar. Und so ist es kein Zufall, dass die Gepflogenheiten dort wieder mehr an die Bundesliga erinnern als an die normale Firmenwelt: Es gibt Mitarbeiter, die mehr verdienen als der CEO, und die Stars der Branche werden gerne von anderen Firmen abgeworben. Jetzt müsste nur noch die Bilanzierung von Ablösesummen eingeführt werden.

Das wäre wahrscheinlich noch nicht mal die übelste Regel, die unter IFRS je aufgestellt wurde.

bisher 3 Kommentare » Kommentare
  1. F.Alfonzo sagt am 21. 08. 2011 um 12:08 Uhr:

    Ich wuerde nicht unbedingt den Trainer mit dem CEO vergleichen; ein Trainer ist eher sowas wie ein Manager auf mittlerer Fuehrungsebene:

    Das (Vereins-; Unternehmensmanagement) gibt eine Strategie vor, und der Trainer hat begrenzte Moeglichkeiten, diese umzusetzen.

    Falls das Experiment in die Hose geht, ist der Trainer halt das Bauernopfer.

    In der Bundesliga kann man das gut beobachten, wenn man beispielsweise Dortmund auf der einen und Schalke oder den HSV auf der anderen Seite betrachtet.

  2. Linkliste Ausgabe #32 | Links und Liberal sagt am 23. 08. 2011 um 10:46 Uhr:

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  3. mario sagt am 23. 08. 2011 um 13:11 Uhr:

    “Selbst der einzige Trainer, der sich einen ähnlichen Star-Status schaffen konnte wie ein Top-Spieler, José Mourinho, wird meist nicht direkt abgeworben, sondern lässt sich erst hinauswerfen, indem er seinen aktuellen Verein bis zur Weißglut provoziert.”

    Mourinho ist nur auf einer seiner bisher 6 Stationen als Cheftrainer entlassen worden und das war in einem Irrenhaus, das in den 4 Jahren danach nach meiner Zählung inzwischen beim 5. Cheftrainer angekommen ist. Bei den meisten anderen Stationen hat Mourinho es geschafft, für zum Teil substantielle Ablösen zu besseren Vereinen wechseln zu dürfen (die einzige Ausnahme war seine erste Station, dort ist er selbst zurückgetreten, weil der Präsident ihm keinen langfristigen Vertrag geben wollte). Real Madrid hat meines Wissens Inter um die zehn Millionen für das “Privileg” bezahlt, ihn verpflichten zu dürfen. Zum Teil hatte er wohl auch entsprechende Klauseln in seinen regelmäßig mit für einen Trainer exorbitanten Gehältern ausgestatteten Verträgen.

    Weiter oben wird ja implizit behauptet, dass die Dortmunder Erfolge primär Interesse an deren Spielern geweckt hätten. Auch das ist meiner Meinung nach nicht ganz richtig. Ein Klopp war laut englischen Medien auf der short list des FC Liverpool, ebenso ein Rangnick (Ich würde auch substantielle Summen darauf wetten, dass Klopp in weniger als 5 Jahren die Bayern trainieren wird). Leverkusen hat für Robin Dutt Ablöse im siebenstelligen Bereich bezahlt (auch er hatte eine entsprechende Klausel). Über kurz oder lang wird auch ein Tuchel bei deutlich finanzkräftigeren, aktuell aber weniger erfolgreichen Vereinen arbeiten. Fast alle Bundesligatrainer haben inzwischen wie die Spieler Berater, zum Teil auch den gleichen (Klopp vom BVB und Oenning noch HSV etwa) Usw usf.

    Das ist jetzt alles eher anecdotal evidence, aber man könnte es schon als Indiz dafür sehen, dass die Rolle der Trainer als immer wichtiger angesehen wird.