Verpasste Chance
Die Blogger Frank Lübberding, Thomas Strobl und Jochen Venus diskutieren seit der Lehmann-Pleite, was falsch läuft in unserer Gesellschaft und der Europäischen Union. Wir dachten: Die Blogger müssen die Macht treffen. Auch Peer Steinbrück sah das so.
So vollmundig kann man bei der FAZ Gespräche ankündigen. Die Aktion schien sogar bedeutend genug, sie online für die Printausgabe des Samstags anzukündigen. Die Auswahl der Gesprächspartner ist wohl z.T. der Präferenz des "wir" geschuldet, das da vor sich hin gedacht hat – Strobl scheint ein Buddy von Schirrmacher zu sein, die beiden anderen blogg(t)en mit ihm auf "weissgarnix.de", und für solche Gespräche haben auf Seiten der Politik vor allem Leute Zeit, die sonst nix zu tun haben, sich aber wegen bekannter persönlicher Ambitionen gerne an den vielfältigsten öffentlichen Orten präsentieren. Trotz der für den Geschmack dieses Autors etwas einseitigen politischen Ausrichtung der Blogger – die übrigens, soviel sei für FAZ-Leser noch erwähnt, nicht die einzigen sind, die solche Themen wie die angesprochenen diskutieren – hätte es ein interessantes Gespräch werden können. Schließlich hat sich vor allem Thomas Strobl durch interessante Beiträge und angenehme Diskussionen auf seinem Blog einen gewissen Namen gemacht.
Wurde es aber nicht.
Der Schreiber dieser Zeilen ist stark enttäuscht, fast sogar entsetzt, über die Sprechblasen, die da von beiden Seiten abgesondert wurden. Wer der Meinung war, dass Blogger doch nur überwiegend heiße Luft verbreiten, und dass sie darin nur noch von Politikern übertroffen werden, der kann sich durch dieses Gespräch bestätigt sehen.
Beherrscht wurde es vor allem von einem: Nostalgie. Früher war alles besser. Da war "Europa" (wer oder was das genau ist oder sein soll: viel zu konkret für diese Runde) noch ein "Friedensprojekt" und wurde nicht durch "ressentimentbeladene" und kleinkrämerische Verweigerungen einer Transferunion in Frage gestellt. Und es gab einen Willy Brandt, einen Bruno Kreisky, einen Olof Palme. Nicht zu vergessen Herbert Wehner, wie er der CDU vorhielt, dass sie ihm seine kommunistische Vergangenheit nie verzeihen würde. Hach.
Aber dann kam die "neoliberale Logik mit ihren ganzen Lügen", die "ökonomische Logik", die zwar nicht mehr funktioniert, aber dennoch irgendwie vorherrscht, "das Paradigma der Marktorientierung, der Staatsferne, der Deregulierung ", "die selbstgewählte Impotenz der Politik", der "Primat des ökonomischen Diskurses", unter dem die Leute leiden, eine ganze Generation "unpolitischer, rein nach Nutzenkalkül argumentierenden und handelnden jungen Leute", und – für Steinbrück anscheinend der worst case – Angela Merkel. Man kann förmlich sehen, wie sich die zunächst noch von Rührung feuchten Augen zu messerscharfen Schlitzen verengen: Der Feind wurde identifiziert. So, wie das für gewöhnlich durch Talkshows und Internetforen geht, mit Schlagwort auf Schlagwort – derselbe Quark, den wir schon tausendmal vernommen haben. Erkenntnisgewinn: fast null.
Fast, weil hier eben auch ein sich warmlaufender Kanzlerkandidat beteiligt war. Einer, der über die SPD hinaus Ansehen genießt wegen seiner Nüchternheit, seinen abgewogenen Äußerungen, seiner Fachkompetenz – kurzum: einer Seriösität, die ihn von den vielen Marktschreiern rundherum abhebt. Das Gespräch mit den Bloggern war allerdings nicht geeignet, diesen Eindruck zu festigen. Wo nicht Namedropping betrieben oder Schlagworte ausgetauscht wurden, verlor der Politiker sich routiniert im Unkonkreten.
Aber wer weiß, vielleicht ist dieser Autor auch nur deshalb so enttäuscht, weil er im Fernsehen schon mal ein längeres Interview sah, in dem Steinbrück wirklich etwas zu sagen hatte und das als echtes Produkt von Qualitätsjournalismus gelten konnte, während ausgerechnet die Blogger-Kollegen im Vergleich dazu diesmal nur Ramschware erzeugten.
bisher 10 Kommentare » Kommentare
Diesen Artikel habe ich auch angelesen und gelangweilt aufgehört. So viel Aplomb und noch nicht einmal eine Maus wurde gezeugt – im Ernst, die Nostalgie hat mich nicht gestört, sondern die Zahnlosigkeit; da fehlte die gesamte Qualität und positive Energie der Blogosphäre (zumindest der Teils, den ich so lese). Eine komplett lahme Veranstaltung.
ich hatte ihn auch gelesen und dann mit dem Ergebnis abgebrochen, dass ich Steinrück überschätzt hatte. Ein Schwätzer, der nicht dadurch besser ist, dass er den anderen seiner Zunft einen Zug voraus ist. Im Gegenteil – manchmal macht es das ncoh schlimmer.
Hallo Rayson,
auch ich war enttäuscht über den Austausch verbaler Wattebäuschchen; unterscheiden sich Blogger nicht gerade dadurch von Lamestream-Journalisten, dass sie eben nicht der gleichen Klasse wie die von ihnen intervieweten Plotiker angehören? Nach kurzem Nachdenken sollten wir aber nicht erstaunt sein: Wie Sie bemerken, hatten die FAZ-Redakteure die Blogger, die Steinbrück interviewen durften, nach deren einseitiger politischen Ausrichtung handverlesen. Sie hatten Sie handverlesen nach größtmöglicher Übereinstimmung nach dem wahrscheinlichen SPD-Kanzlerkandidat. Warum sie gar nicht auf den Gedanken kamen, ihn einem Lichtschlag, einem Zettel oder einem Kewil gegenüber zu setzen — oder einem Rayson ;^) — sollte auf der Hand liegen.
…welches Interview mit Steinbrück zuegt den von der Kompetenz seiner Herrlichkeit??? Für mich ist Steinbrück einer größten Vollversager, der es dennoch schafft seine eigene Inkompetenz durch hanseatisch, näselndes Geplappere zu umschiffen,,, Wer ist für die Deregulierung des Bankensektors verantwortlich gewesen? Da hat Asmussen dem Steinbrück alles untergeschoben, was sich die Finanzwirtschaft gewünscht hat.
Steinbrück hat:
- Hypo-Realestate-Rettung schlimmstmöglich verbockt
- Dereguliert, dass es schlimmer nicht mehr geht
- Hedgefonds zugelassen
- PPP (Public-Private-Partnership) eingeführt und gefördert
- IKB-Rettung schlimmstmöglich verbockt
- Immobilienverbriefungen massiv gefördert und zugelassen
Was hat der Vogel den auf der Haben-seite stehen???
Wenn hohe Erwartungen enttäuscht werden, dann ist das immer schlimm, auch wenn das Produkt eigentlich hochwertiger als vergleichbare Produkte ist, über die man sich nicht erregt.
@Michael
Ich glaube “Deregulierung” und “Hedgefond” wird auf diesem Blog nicht als Schimpfwort geführt.
Steinbrück gehört für mich immer noch zum besten was die SPD derzeit zu bieten hat. Und gerade deswegen wird er nix mehr werden.
@googlehupf
Gut möglich, aber er ist der Einzige mit Charisma.
Erstmal könnte er für die SPD die Wahlen gewinnen, fertigmachen werden sie ihn dann später. Das lief mit Schröder so und scheint Mode in der SPD zu sein. Eine Troika haben sie ja auch schon wieder. Würde sich die Geschichte wiederholen, könnte Siggi Pop dann später eine grüne Fundi-Partei gründen. Leben Ohne Strom
Wer Klartext sucht, ist bei http://www.rottmeyer.de (Bankhaus Rott und n-tv Börsenexperte Frank Meyer) besser aufgehoben als beim staatstragenden Pflichtblatt an der Frankfurter Wertpapierbörse!
@jpj
Naja, aus Sicht dieser Blogger vertritt Steinbrück ja noch eine andere Richtung: Er ist denen ja zu “neoliberal”, und auf diesem Feld wollten sie ihn wohl auch stellen. Aber mit Schlagworten geht das eben nicht.
Dass Schirrmacher keine anonymen Blogger heranzog, kann ich übrigens nachvollziehen. Das ist nicht der Punkt.