Auschwitz am Flughafen
Flughafenbeitreiber erwägen, Fluggäste nach Risikogruppen einzuteilen und die Sicherheitskontrollen entsprechend anzupassen. Es dauerte vermutlich nur wenige Sekunden, bevor sich in Pressemitteilungen der Schrei "Diskriminierung" artikulierte. Der notorische Wiefelspütz entblödet sich sogar nicht, folgendes zum Besten zu geben, was von SPON dankbar in den Titel aufgenommen wurde:
"Schreiben Sie bitte ruhig: Das ist Selektion am Flughafen – gerade in Deutschland wird es das nicht geben", sagt er mit Hinweis auf die jüngere deutsche Geschichte. Die Einteilung nach Ethnien – das löst in Deutschland schlechte Erinnerungen an die Nazi-Zeit aus.
Beweis: Die Israelis, die ja bekanntlich die Einzigen sind, die aus der deutschen Geschichte nichts gelernt haben, weswegen sie von deutschen Moralriesen immer mal wieder ermahnt werden müssen, praktizieren so etwas bereits. Allerdings baut der SPD-Politiker hier wieder einmal einen Strohmann auf. Dass sich nämlich das Profiling auf Ethnien oder Aussehen beschränken soll, ist aus der Mitteilung, um die es geht, gerade nicht zu entnehmen. Es sollen auch andere Kriterien zur Anwendung kommen. Alles andere wäre auch Humbug, denn würde man das Raster auf einige wenige bekannte Merkmale beschränken, machte man es wertlos.
Andere Einwände, die man sich beeilt einzubringen, nur um nicht quasi offiziell verlauten zu lassen, dass die bisher bekannten islamistischen Selbstmordattentäter bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen, beziehen sich auf die Wirksamkeit der diskutierten Maßnahme. Die Argumentation mutet hier etwas gezwungen an: Man muss erklären, warum die israelischen Flughäfen trotz praktizierten Profilings so sicher sind, und der einzige Unterschied, der in der Kürze der Zeit bis zur schnell herausgerotzten Pressemitteilung ins Auge sticht, nämlich das geringere Passagieraufkommen dort, wird deswegen prompt zum entscheidenden erklärt.
Der nicht minder notorische Bosbach überrascht uns mit der Erkenntnis, Terroristen verstünden, sich zu verstellen, oder würden gezielt Leute rekrutierten, die nicht ins Verdachtsraster fielen. Will sagen: Alles sinnlos. Andererseits:
Im Bereich der Luftfracht soll indes – um Anschläge nach Art der Ende Oktober mit Paktenbomben aus dem Jemen versuchten zu verhindern – auf EU-Ebene ein „Raster“ erstellt werden, um verdächtige Sendungen zu entdecken.
Also nochmal zum Mitschreiben: Terroristen sind so erfinderisch, wenn es darum geht, Selbstmordattentäter auszusenden, dass sie ein Profiling überlisten können, aber wenn es darum geht, Pakete zu versenden, fällt ihnen anscheinend partout nichts ein. Ja nee, is klar.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Selbstverständlich ist nichts ungeprüft zu übernehmen. Aber umgekehrt sollte auch nichts, was vielleicht geeignet ist, die Sicherheit des Flugverkehrs zu erhöhen, mit wackligen Moralargumenten ungeprüft verworfen werden. Ist die ausnahmslose Gleichbehandlung von Fluggästen wirklich moralisch erforderlich? Ist es angemessen, 60jährige Frauen aus Minnsota durch Nacktscanner zu schleusen oder von übel gelaunten Sicherheitsfuzzis befummeln zu lassen, wenn man doch weiß, dass bisher niemand anderes als junge männliche Muslime Flugzeuge zu Selbstmordattentaten missbraucht (oder den Versuch dazu unternommen) hat? Selbst, wenn wir die Wahrscheinlichkeit, dass Al-Qaida eine 60Jährige aus Minnesota als Selbstmordattentäterin rekrutieren kann, größer Null einschätzen, heißt "niedriges Risiko" ja auch nicht "kein Risiko". Und dass die bisherigen Gleichbehandlungskontrollen hundertprozentige Sicherheit garantieren, wird wohl auch keiner behaupten wollen.
Wenn es sachlich angemessen ist, wird übrigens selbstverständlich schon bisher auch bei der Tätersuche diskriminiert. Wenn z.B. bei Gewaltverbrechen die Täter auf "männlich, 20-45 Jahre" eingegrenzt werden, entrüstet sich niemand, dass nicht auch die 90jährige Rentnerin in den Fokus gerät. Weiß Herr Wiefelspütz denn nicht, dass an der Rampe von Auschwitz (drunter geht’s ja nicht mehr in der Politik) nicht mehr nach Ethnien selektiert wurde (wer da ankam, war schon einer zugeordnet), sondern z.B. nach Alter? Selektiv ist hier nur eins: die Empörung.

bisher 11 Kommentare » Kommentare
@ Beweis: Die Israelis … praktizieren so etwas bereits.
Das ist völlig unabhängig vom betrachteten Gegenstand und unbeschadet sonstiger Argumente kein Beweis für gar nichts. Die Israelis sollen zum Beispiel auch dies praktizieren. Was würde uns das beweisen?
Sag bloß.
hat nicht vor ein paar wochen eine polemik von (ich glaube) leon de winter nach dem motto schweden schweden nennen, in der es darum ging, das die usa keine selektion bei flughafenkontrollen vornehmen und 90zigjährige omis nacktscannen für aufregung gesorgt?
@Qualitätsredakteur
http://rungholt.wordpress.com/2010/09/07/wetten/
@Qualitätsredakteur :
Es wurde auch nie baheuptet, dass eine übertriebene Auslegung des Vergewaltigungsbegriffes positiven Nutzen hätte.
Aber Profiling hat seinen Nutzen. Das beweist des Beispiel Israel. Mit moralischer Beurteilung hat das nichts zu tun.
@Popeye:
Herje, was wurde denn nun schon wieder für eine Sau vorschnell durchs Dorf getrieben, bloß weil jemand Rassismus gerufen hat.
Mir macht die erhöhte Paketdurchsuchtung (oder um was gehts?) etwas mehr Sorgen. Allerdings bin ich da schon eher zu Einschränkungen bereits als bei Briefen.
@1.
Das hat das Niveau auch sehr erhöht, danke!
Wiefelspütz. Der blamiert sich und uns immer wieder aufs Neue. :/
@birne
Nun ja, solange es irgendwas mit Israel zu tun hat, werden den Säuen oft genug die Ringelschwänzchen angezündet, damit sie ja schnell rennen.
Zum Thema: Wie so oft lohnt sich auch diesmal ein Blick zu Zettel
http://zettelsraum.blogspot.com/2010/12/zettels-meckerecke-herr-wiefelsputz.html
[...] widerlichen Vergleich hat Zettel etwas ausführlicher kommentiert und auch Rayson hat bereits genügend richtige Worte dazu gefunden, so dass ich mir das an [...]
Tja nun, man müsste also Akademiker aus Saudi-Arabien aussortieren
Ernsthaft. Die Idee ist selten dämlich und ja, auch diskriminierend.
Alle die ins Muster passen sollen als letzte abgefertig werden, da intensiver durchsucht, um den anderen Reisenden Wartezeit zu ersparen.
Wozu sollte sonst sortiert werden ?
Also nicht nur in 99.999+ Prozent der Fälle zu unrecht wie potenzielle Terroristen behandelt werden, sondern dann auch noch länger und für alle anderen sichtbar in der Schlange ihrer Mitterrorverdächtigen warten.
Täte gerne einmal erfahren, was denn dann Diskriminierung sein sollte, wenn nicht das ?