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Adlige Unpolitik

Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, im folgenden der Einfachheit halber (Karl-Theodor) Guttenberg genannt, weil der Autor dieser Zeilen nicht einsieht, warum die Verdienste alter Vorfahren heute zu Namensungetümen berechtigen, ist ein Phänomen. Er wurde nach bewährtem Muster hochgejazzt, weil man damit Merkel, Seehofer und auch Westerwelle zu schaden hoffte. Aber er bot sich dazu auch an: Ein politikverdrossenes Volk sehnt sich nach unabhängigen Köpfen, und Guttenberg hat eben den unbestreitbaren Vorteil, dass er glaubhaft nicht auf Einnahmen aus seinem Politikerdasein angewiesen ist. Auch gegen den Verdacht, Lobbyinteressen zu bedienen, erweist sich ein hohes eigenes Vermögen als wesentliche Hürde.

Dumm nur für die betreffenden Qualitätsmedien, dass sich der selbst heraufbeschworene Hype nicht ähnlich beliebig ausschalten lässt. Aus den aktuellen Stellungnahmen zu Guttenberg in Fernsehen, Radio und Print kann man die diesbezügliche Verzweiflung geradezu mit Händen greifen. Und wir können uns ohne große Mühe gut vorstellen, wie gerade Heerscharen von Enthüllungsjournalisten jede Minute der Vergangenheit des CSU-Politikers und all seiner Verwandten und Bekannten durchforsten, um endlich etwas Belastendes zu finden, das vor dem gemeinen Volk Bestand hat. Das ist bei Guttenberg nicht einfach, hat er doch einen groben Schnitzer wie den unnötigen Eiertanz um den Begriff "militärisch angemessen" gänzlich unbeschadet überstanden.

Kurz: Der Glanz strahlt noch, und es wird jeden Tag wahrscheinlicher, dass dem Leuchten auch die Funktion mehr und mehr folgt. Guttenberg ist eindeutig ein Kanzler in spe, wie die Union keinen zweiten mehr hat, seitdem Angela Merkel die schwächeren Rivalen erfolgreich abgeschoben hat. Aber der Karl-Theodor, der ist nicht nur deswegen eine andere Hausnummer, weil er von der CSU kommt, der ist auch im Lande draußen aus den oben genannten Gründen populär wie sonstwas und damit die Art Gegner, mit der Merkel nicht so einfach fertig wird.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, dem noch reichlich jungen Guttenberg die Kanzlerschaft zu prophezeihen. Die einzige Frage ist nur, wann. Würde sich dadurch aus liberaler Sicht etwas ändern? Natürlich nicht. Im Gegenteil: Personenkult, auch wenn er sich als Reflex auf Defizite des Systems manifestiert, taugt erstmal zu gar nichts. Aber es gäbe sicher schlimmere Alternativen.

bisher 14 Kommentare » Kommentare
  1. F.Alfonzo sagt am 30. 10. 2010 um 04:06 Uhr:

    Die Kanzlerschaft bekommt er dann, wenn die Merkel offiziell abgewählt wurde und in den (seit Jahrzehnten verdienten) Ruhestand tritt. Solange wird er aufgebaut.

    Aber, Rayson, sieh mal das positive:

    Wer wär dir als Kanlzler lieber: Gabriel, evtl. Nahles, oder Guttenberg?

  2. ricbor sagt am 30. 10. 2010 um 11:13 Uhr:

    Wer wär dir als Kanlzler lieber: Gabriel, evtl. Nahles, oder Guttenberg?

    Kühnast, Özdemir, Roth oder Trittin wären noch nettere Alternativen. Wenn das so weitergeht mit dem unheimlichen Aufstieg der Grünen, stehen interessante Zeiten an.

  3. Phu sagt am 30. 10. 2010 um 14:50 Uhr:

    Zu Guttenberg ist mehr als die meisten anderen Politikerköpfe ein Seiteneinsteiger. Natürlich nicht vollständig, aber auch kein Kind des Apparates. Erstens.

    Zweitens merkt man ihm an, daß er die Politik nicht nötig hat. Anders als die ganzen grünen Funktionäre die ohne Politik Taxi fahren müßten.

    Und zuletzt: Adelsprivilegien wurden 1918 endgültig abgeschafft. 100 Jahre später noch rumzupienzen weil der ein oder einen Namen mit ungewöhnlichen Wörtern drin hat ist bestenfalls proletarisch, schlimmstenfalls xenophob – auf jeden Fall aber irgendwie peinlich borniert.

  4. Askari sagt am 30. 10. 2010 um 17:31 Uhr:

    Eine schöne Geste wäre es Kanzleramt und Amtsinhaber zu verhüllen, spart Kosten für teure Mahnmäler und ist gleichzeitig als künstlerische Burka-Kritik verwendbar.
    Es wäre auch ein sichtbares Zeichen der Fortschrittes, statt ewig langen Prozessen, Kopf-trage-Verboten oder auch dramatischen Fluchten Richtung Süden könnte man diesmal einfach alle Repräsentanten (und Onkel) des alten Systems verhüllen.

    Zu diesem Konzept passt Gabriel natürlich sehr viel besser als Guttenberg. Es ist kaum jemand vorstellbar, der das Deutschland unserer Zeit besser repräsentieren würde ;)

  5. apex sagt am 30. 10. 2010 um 19:43 Uhr:

    Aus liberaler Sicht war Guttenbergs Positionierung zu Staatshilfen vollkommen korrekt, und die damalige Positionierung gegen Merkel und die Leitmeinung keine Selbstverständlichkeit.Auch das Thema “Berufsarmee” läßt sich erheblich besser mit liberalen Prinzipien vereinen als ein willkürlicher Zwangsdienst. Und zeugt von der Bereitschaft und dem Mut, große Reformen anzugehen, ich wüsste jetzt keine wichtigere Reform im Bereich Bundeswehr, vielleicht vom Beschaffungswesen abgesehen, aber auch da rumort es. Und die Aussage “militärisch angemessen” war vielleicht nicht im Sinne der Leitmeinung taktisch unklug, aber sachlich richtig

    Das als Unpolitik und Personenkult kleinzureden empfinde ich als an den Tatsachen vorbeigehend – es steckt eben schon Substanz dahinter (s.o.), und ein Kanzler Guttenberg ist aus meiner Sicht das nächste an der “deutschen Thatcher”, was derzeit auf dem Menu steht.

  6. Dagny sagt am 31. 10. 2010 um 18:23 Uhr:

    Das Namensungetüm waere kleiner, wenn der Autor nicht das falsche vonundzu benutzen wuerde.

  7. Rayson sagt am 31. 10. 2010 um 19:11 Uhr:

    Das Namensungetüm wäre noch größer, wenn der Autor den vollen Namen inklusive des “Freiherrn” verwendet hätte.

  8. Niemand sagt am 31. 10. 2010 um 21:51 Uhr:

    @3.

    Und zuletzt: Adelsprivilegien wurden 1918 endgültig abgeschafft. 100 Jahre später noch rumzupienzen weil der ein oder einen Namen mit ungewöhnlichen Wörtern drin hat ist bestenfalls proletarisch, schlimmstenfalls xenophob – auf jeden Fall aber irgendwie peinlich borniert.

    Xenophob ist das falsche Wort – aber anachronistisch wie die Xenophobie ist die Ablehnung doch. ;-)

  9. Niemand sagt am 31. 10. 2010 um 21:56 Uhr:

    Nachtrag: Nicht, dass Xenophobie je richtig gewesen wäre. Hier hat mein Sinn für eine möglichst knackige Formulierungen meinen Sinn für Logik ausgestochen.

    Was den Hype um Freiherr zu Guttenberg angeht wollte ich noch hinzufügen, dass er zumindest für die CSU äusserst positiv ist. Einen \”Personenkult\” wie in totalitären Systemen vermag ich darin nicht zu erkennen.
    Eher stärkt es wieder mehr konservative Positionen in der inzwischen orientierungslosen Union. Das muss den Liberalen theoretisch nicht kümmern, praktisch ist es aber für kommende Regierungen sehr interessant. Wenn die FDP nicht genug eigene Probleme hätte, wäre es zurecht das liberalen Thema.

  10. Christian S. sagt am 01. 11. 2010 um 12:59 Uhr:

    Woher wissen alle, dass Guttenberg konservative Positionen bezieht? Er hat sich bisher zu quasi jedem Thema derart nebulös geäußert, dass alles möglich ist.

    Einzige Ausnahme: Bundeswehr-Reform. Das ist aber eher eine Einsicht in die realen Gegebenheiten.

  11. lemmy caution sagt am 01. 11. 2010 um 20:35 Uhr:

    Ein Jahr nach dem großen Wahlsieg widerwillige Hoffnung in ein fesches Mannsbild zur Eroberung der Herzen der ungewaschenen Massen?
    The Queen is dead boys and its so lonely on a limb.
    Immerhin sind wir gerade jetzt eben auch ein verwöhntes Volk. Seien wir realistisch. Das ist ja das schöne hier. Charisma kann sich auch gegen den Kanzler wenden, sobald der erstmal im Amt ist.
    Hält die eben u.a. auch durch viele Jahre der mageren Lohnerhöhungen für die meisten erkämpfte gute Konjunktur an, werden viele Frau Merkel wählen. Wenn angesichts der Mehr-Einnahmen mal in die Rückführung der Staatsschuld gedacht würde, wäre das vielleicht für viele Deutsche ein erstaunlich überzeugendes Argument für eine Verlängerung der Mitte-Rechts Regierung.

  12. politbuerokrat sagt am 02. 11. 2010 um 00:08 Uhr:

    Lustig ist ja, daß Guttenberg mit einer Bw-Stärke von 190.000 Soldaten (warum hören wir nichts über die Anzahl der teuren Wehrverwaltungsstellen?) den Vorschlag der Grünen aus dem Jahre 2000 –also vor der ganzen Terrorthematik– unterbietet. Die wollten 200.000 Mann.
    Wird Trittin Außenminister im Kabinett Guttenberg?

  13. CF sagt am 02. 11. 2010 um 22:13 Uhr:

    Was soll Herrn zu Guttenberg denn zum Kanzler qualifizieren? Bislang hat er wohl erst zwei ernsthafte Jobs gehabt. Als Wirtschaftsminister und als Verteidigungsminister. Und sonst?

    Ach ja, er ist der Ehemann von Frau Stephanie von RTL2 und zu Bild-Zeitung Guttenberg.

  14. David sagt am 05. 11. 2010 um 22:40 Uhr:

    Und er ist beliebt statt beleibt. Der Adel soll regieren!