Virtuelle Enteignung
Die Medienhysterie um Googles Streetview hat in Deutschland (und nur dort) zu merkwürdigen Effekten geführt.
Da echauffieren sich lauter Politiker, die den Anblick einer Hausfassade für schutzwürdiger halten als die persönlichsten Daten der Bürger – denn gleichzeitig beschließen sie Gesetze, die gravierend in die Privatsphäre eingreifen.
Da finden sich Bürger, die sich vor ihrem Haus photographieren lassen, um dagegen zu protestieren, daß ihr Haus abgebildet wird.
Da fordert ein bekannter Internet-Analphabet virtuelle Polizeistreifen.
Und in diesem Klima setzen “Datenschützer” ganz abstruse Widerspruchsmöglichkeiten durch.
Denn nicht nur die Besitzer von Häusern dürfen beantragen, daß diese in den Abbildungen geschwärzt werden. Sondern auch Leute, die zur Miete drin wohnen. Bei einem großen Wohnhaus reicht also ein einziger Bewohner, um das komplette Haus dauerhaft aus Streetview zu entfernen.
Ein Widerspruchsrecht der übrigen Bewohner und vor allem des Besitzers ist nicht vorgesehen. Diese werden nicht einmal informiert, daß ein Sperrantrag gestellt wurde. Eine Legitimitationsprüfung findet auch nicht statt.
Wenn ein Hausbesitzer meint, sein Gebäude dürfe ausgerechnet in Google Streetview nicht abgebildet sein – meinetwegen. Das finde ich zwar ziemlich kindisch, aber dann wird es halt geschwärzt. In allen übrigen Internetanwendungen kann es ja immer noch abgebildet werden.
Aber es ist schon krass, wie hier Hausbesitzer de facto enteignet werden sollen, d.h. nicht mehr selber über die Veröffentlichung entscheiden dürfen. Sondern erst beim eigenen virtuellen Besuch ihrer Straße feststellen, daß ihr Haus fehlt – weil Wochen vorher ein Mieter oder ein böser Nachbar sie angeschwärzt hat.

bisher 22 Kommentare » Kommentare
Der Beitrag sollte eigentlich “Virtuelle Enteignung” heißen. Und in der Vorschau war der Titel auch zu sehen – ist aber merkwürdigerweise bei der Veröffentlichung verschwunden.
Ich frag mich echt, was dieser Unsinn soll, schließlich kann ich mir ein Haus auch ansehen, wenn ich mit dem Auto daran vorbeifahre. Wenn’s um völlig unwichtige Dinge geht, werden die Leute auf einmal alle zu Bürgerrechtlern.
Hab den Titel mal ergänzt. Frag mich aber nicht, warum er weg war.
Ich denke, dass sich hier eher ein allgemeines Unbehagen Bahn bricht, in wie weit man als Bürger schon “gläsern” ist. Street View von Google ist da nun sozusagen der Tropfen auf dem heißen Stein.
BTW: Was für einen Nutzen hat eigentlich Street View für Google? Werden dann bei bestimmten Häusern Werbeanzeigen eingeblendet?
@Volker:
Es bricht sich nur an einem merkwürdigen Ort Bahn. In letzter Zeit waren doch wirklich deutlich stärker personenbezogene Datenschutzfragen in der Diskussion, die aber kaum jemand interessierten. Und jetzt ärgern sich die Leute über Photos von ihrem Haus, die nur dann jemand überhaupt mit ihnen in Verbindung bringen kann, wenn er vorher schon ihre Adresse kennt. Irgendwas läuft da schief; aber das ist ja leider nichts Neues.
@Boche:
Danke.
@Volker:
Ich würde eher sagen, da wird systematisch eine Ablenkungsdiskussion aufgebaut.
Die Politik ist in Internet- und Bürgerrechtsfragen unter Beschuß gekommen – und jetzt wird der Unmut umgelenkt auf den Buhmann Google.
Meine Vermutung ist, daß es nur darum geht, das eigene Angebot interessanter zu machen und mehr Nutzer für die anderen Services zu gewinnen. Bei Google Earth gibt es m. W. bisher keine echten Einnahmen.
Kleiner Nachtrag.
Das ist wirklich absurd.
Da wird dem Datenvandalismus Tür und Tor geöffnet.
Das Absurde an der Sache ist IMHO, daß die Fassade ja eigentlich auch den Zweck hat, das Innere (die Privatsphäre) für Passanten unsichtbar zu machen.
Sie ist also genau das, was jedermann sehen darf und was den Blick auf das “Wesentliche” verdecken soll.
Was daran schützenswert sein sollte, konnte mir noch keiner der Paranoiker erklären.
Da gibt es Theorien, von Einbrecherbanden, die angeblich ihre Opfer mittels Street View aussuchen – obwohl ein Spaziergang in der Gegend 1.000 mal aktuellere Daten liefern könnte – inklusive der Information, daß das ausgesuchte Opfer seit 7 Monaten Rottweiler züchtet…
Oder man vermutet dunkle Dinge, die Google selbst mit den Daten anstellen wolle – getreu der Devise, daß jedes private Unternehmen letztendlich nur durch Unredlichkeit gedeihen könne.
Schon merkwürdig, dass es Menschen gibt, die mehr Angst haben vor Google, als vor der Instanz, welche wirklich alles über einen weiß (Größe, Haarfarbe, Einkommen, Familienstand, Wohnort etc. pp.), und die darüber hinaus auch noch Gesetze erlässt und Gefängnisse betreibt.
@R.A.
>Ich würde eher sagen, da wird systematisch eine
>Ablenkungsdiskussion aufgebaut. Die Politik ist in
>Internet- und Bürgerrechtsfragen unter Beschuß gekommen –
>und jetzt wird der Unmut umgelenkt auf den Buhmann
>Google.
–> Na Ja, geschossen haben – wenn ich mich richtig erinnere – zuerst die jeweiligen Datenschutzbeauftragten und nicht irgendwelche Politiker (die haben sich aber recht schnell angehängt).
Bei den Datenschutzbeauftragten hätte ich mir ein seriöseres Vorgehen gewünscht, aber vermutlich haben die Probleme ihre Existenz zu rechtfertigen und machen dann lieber Panik.
@Volker:
Sicher haben die “Datenschutzbeauftragten” zuerst reagiert. Aber da gilt die These von der Ablenkungsdiskussion wohl noch mehr.
Die ansonsten halten die sich mit Kritik ja eher zurück – sie sind von der Politik eingesetzt und kritisieren Vorhaben der eigenen Regierung nur selten und verhalten.
Und entsprechend mäßig ist ihr Image. Da haben sie halt die Chance genutzt, sich mal ordentlich zu profilieren.
Offenbar war es der Hamburger Datenschutzbeauftragte, der die Bedingungen mit Google ausgehandelt hat. Incl. der Totallöschung und der absoluten Priorität für die Widersprecher.
Warum Hamburg? Weiß ich nicht. Vielleicht, weil da am OLG ohnehin der deutsche Zensurschwerpunkt ist.
Man sehe sich nur mal an, woher die meisten Zensurwünsche der Welt an Google kommen: China und Deutschland.
Man kann da echt jeden verstehen, der lieber auf Datenschutz verzichtet als das weiter zuzulassen. Aber auch diese Extremposition ist einfach nur das: Ein falsches Dilemma.
Eine offene Gesellschaft bedarf permanenter Diskussion. Immer müssen Rechtsgüter abgewegt werden.
ich oute mich jetzt mal als großer Street-View-Fan.
Der Service hat viele tolle Anwendungsmöglichkeiten.
Von effizienterer Wohnungssuche in einer unbekannten Stadt über touristische Möglichkeiten (Vorab-Besichtigung der Reiseziele oder auch der Möglichkeit, Reisen komplett virtuell zu machen).
Bis hin zu zusätzlichen Marketingmöglichkeiten, für alle, die ihre Fassade als Marketinginstrument betrachten (wie z.B. Einzelhändler).
Lauter tolle Möglichkeiten.
Hingegen kann ich überhaupt nicht sehen, welche schutzwürdigen Interessen hier betroffen sein können.
Die Fassade eines Hauses ist genau das, was der Eigentümer aller Welt zeigen WILL. Also das genaue Gegenteil von intimer Information.
Fragen zur Topologie des öffentlichen Raums:
Darf ein Wirt, der den öffentlichen Raum innerhalb seiner Kneipe vor Rauchern schützen muss, trotzdem die Fassade bei GSV schwärzen lassen, weil die möglicherweise zu seiner Privatsphäre zählt ?
@tigger
Erst dachte ich, dass stimmt nicht so ganz:
Aber man kann die Zieladrese für den Verifizierungsbrief extra angeben. Well played.
Der Grund für die Aufregung ist recht simpel: Die Medien brauchen was harmloses zum darüber aufregen, mehr als auf seriös getrimmte Formen von Tittytainment findet man in Medien kaum noch.
Privat kenne ich überhaupt Niemanden, der sich darüber aufregen würde. Ein paar Bekloppte gibts immer und die werden dann eben groß rausgebracht.
Meinung der Öffentlichkeit vs veröffentlichte Meinung.
@Jan:
Dieser Legitimationsversuch ist nett gemeint (und mehr ist einem Privatunternehmen auch kaum zuzumuten), aber in der Praxis wenig wirksam.
Wenn Hans Meier aus Nummer 16 bei Google die Nummer 12 schwärzen lassen will, und die schicken einen Brief an Meier mit Nummer 12 – dann wird der Brief in aller Regel korrekt (d.h. in die 16) zugestellt, weil der Name das wesentliche Zustellmerkmal ist und die Hausnummer im Zweifelsfall als Schreibfehler korrigiert wird.
Ich persönlich würde ja einem bösen, amerikanischen Konzern lieber meine Fassade zeigen als meine Adresse geben.
R.A.: nicht nötig, man kann wie gesagt die 12 schwärzen und sich den Bestätigungsbrief in die 16 schicken lassen, ganz ohne Briefträgerkreativität.
@Jan:
Wenn man tatsächlich eine andere Zieladresse angeben kann als das Gebäude selber, wird das natürlich völlig zur Farce.
Aber eigentlich ist die Legitimation ein Nebenaspekt. Mich regt vor allem auf, daß ein Eigentümer (oder die Mehrheit der Bewohner) von irgendeinem beliebigen Bewohner überstimmt werden kann.
Ja, das ist eine Farce.
Aber vielleicht auch ein ganz guter Indikator für die Relation veröffentlichte vs. öffentliche Meinung.
Nicht, dass ich der deutschen Bevölkerung bei diesem Thema nicht einen, naja, gewissen Fanatismus zutraue; aber ich bin doch gespannt wieviel dann am Ende wirklich geschwärzt ist. Und wie das Verhältnis von, sagen wir, Prenzlauer Berg zum Wedding aussieht.