Eine Frage der Moral
Es gehört längst zum Repertoire der allzeit zur Empörung bereiten Humanoiden der Gattung claudia rubina, mit Stentorstimme und ausgestrecktem Zeigefinger die Unmoral eines Kapitalismus zu geißeln, in dem die Ankündigung von Massenentlassungen den Börsenkurs des betreffenden Unternehmens stets steigen lässt.
Zu diesem vernichtenden Urteil wäre zunächst von der Sache her zweierlei zu sagen.
Erstens ist es kein Zufall, dass bei Großunternehmen Anpassungen der Betriebsgröße nicht etwa kontinuierlich, sondern durch Massenentlassungen erfolgen. Mehrere Effekte tragen dazu bei. Da wäre z.B. der Beharrungstrieb des Managements, das sich weigert, eingefahrene Gleise zu verlassen. Wenn dann der Aufsichtsrat nicht auf Zack ist, was leider nicht auszuschließen ist, kann sich der Anpassungsdruck so lange aufstauen, bis entweder der alte Obermacker gesichtswahrend in Rente geschickt werden kann oder tatsächlich in einer Hauruck-Aktion ein "Sanierer" geholt wird. Zum anderen ist es nicht nur umständlich und schwierig, sich sozusagen "organisch" von kleineren Gruppen von Mitarbeitern über einen langen Zeitraum hinweg zu trennen, es hat auch fatale Auswirkungen auf das Betriebsklima, während eine Einmalaktion größeren Ausmaßes zwar auf den Punkt viel Unruhe auslöst, danach aber Hoffnung auf einen längeren Zeitraum ohne Entlassungssorgen gibt. Außerdem ist die Botschaft "an die Märkte" auf diese Weise eine viel klarere. Für die letztlich entlassenen Arbeitnehmer bedeutet dieser Hang zur Masse aber eher, dass sie länger beschäftigt geblieben sind, als das bei einer nicht durch die Unzulänglichkeiten oder die Umsicht des Managements veursachten Verschleppung der Fall gewesen wäre.
Zweitens stimmt es nicht, dass "die Börse" Massenentlassungen immer belohnt. Mechanismen mögen bei den Kaffeesatzlesern, also den "Charttechnikern", hoch im Kurs stehen, aber die "Fundis" schauen schon noch genauer hin: Handelt es sich um eine längst überfällige Anpassung an neue Gegebenheiten oder ist es nur eine Verzweiflungsaktion zum Zweck des Kostendrückens? Ist ein Erneuerungskonzept damit verbunden oder soll nur Zeit gekauft werden? Denn niemand nimmt an, dass die zu Entlassenden im Unternehmen nur Däumchen gedreht haben. Mit jedem Mitarbeiter, von dem es sich trennt, verliert ein Unternehmen Wertschöpfungskapazität – die Rechnung geht nur auf, wenn diese Kapazität von dem jeweiligen Unternehmen nicht mehr sinnvoll zu nutzen war. Die Zögerlichkeit, der Krise mit Entlassungen der Kernmannschaft zu begegnen, die in Deutschland zu beobachten war, zeugt davon, dass auch die Unternehmen sich diese Frage sehr genau zu stellen in der Lage sind. Der Unterschied zu den USA besteht hier nicht nur im weniger flexiblen Arbeitsmarkt, sondern insbesondere auch im Ausmaß an investiertem Humankapital.
Aber die eigentliche Frage, die ich hier behandeln will, ist die moralische. Ist es unmoralisch, wenn ein Unternehmen überschüssigen Kapazitäten dadurch begegnet, dass es Arbeitsverträge kündigt, und wenn das von den Finanzmärkten honoriert wird?
Man könnte sich zunächst formal darauf zurückzuziehen, dass nur Sklavenverträge auf "lebenslang" lauten. Zwar gelten befristete Arbeitsverträge als veritables ausbeuterisches Teufelszeug, aber ihrem Buchstaben nach sind auch die "normalen" Arbeitsverträge immer potenziell befristet – es sind darin Kündigungsfristen für beide Vertragsparteien enthalten. Insofern darf niemand darauf vertrauen, bis zur Rente als Arbeitnehmer in einem bestimmten Unternehmen tätig zu sein. Aber die Moral muss dem Recht ja nicht folgen.
Stellen wir uns deswegen zwei Unternehmen vor, die miteinander konkurrieren. Unternehmen A setzt auf Expansion und stellt mehr Leute ein als Unternehmen B. Nach einer gewissen Zeit stellt sich heraus, dass die Mehrkosten, die A damit entstanden sind, nicht durch mehr Umsatz wettgemacht werden können. An der Börse fällt wegen der geringeren Gewinnerwartungen (wenn ich mein Argument effektvoller vorbringen wollte, hätte ich hier eine existenzbedrohende Verlustsituation heraufbeschworen, aber nein, ich will schon, dass hier nur die nackte Gier nach mehr Gewinn zum Tragen kommt…) der Kurs von A. B steht hingegen sehr gut da und freut sich schon, wegen seiner geringeren Kosten als zukünftiger Preisführer Marktanteile von A zu gewinnen. Jetzt endlich reagiert A und korrigiert den strategischen Fehler. Die damals eingestellten Mitarbeiter werden entlassen. Die Börse stellt fest, dass A jetzt wieder ähnlich zu bewerten ist wie B und passt den Kurs von A dementsprechend an – wieder nach oben.
Hat sich A hier unmoralischer verhalten als B? B hat während des ganzen Zeitraums keinen einzigen Mitarbeiter zusätzlich beschäftigt, während A immerhin über den Zeitraum seiner Fehleinschätzung hinweg einigen Leuten Arbeitseinkommen verschafft hat. Muss A bis ans Ende seiner Zeiten für den Fehler haften, mehr Mitarbeiter eingestellt zu haben als vernünftig gewesen wäre? Oder darf es Mitarbeiter erst dann entlassen, wenn es zu spät ist, wenn also auch die Finanzmärkte darauf nicht mehr positiv reagieren wollen, weil sich für sie das Ende dieses Unternehmens bereits abzeichnet? Wenn das die moralische Bewertung ist, welche Anreize liefert sie dann? Und wie sind diese Anreize moralisch zu bewerten?
Hinter der Empörung stecken natürlich die Befürchtung und der Vorwurf, die Entlassenen landeten in einer langandauernden Arbeitslosigkeit. Doch was wäre schuld daran? Man ist nicht arbeitslos, weil man entlassen wurde, denn die Mehrzahl der Entlassenen bleibt nicht arbeitslos, und viele Arbeitslose wurden nie entlassen. Man ist arbeitslos, weil man keine neue Stelle findet. Der Vorwurf wäre also im obigen Beispiel weniger A zu machen als vielmehr B, da dieses Neueinstellungen noch nicht einmal ausprobieren würde. Und er wäre einer Politik zu machen, die sich zu sehr auf das Bewahren alter Strukturen konzentriert, statt durch deren Aufbrechen zum einen mehr und mehr Unternehmen zum Risiko realwirtschaftlicher Investitionen zu veranlassen und zum anderen deren Einstellungsbereitschaft zu erhöhen, sowie auf der anderen Seite die Defizite anzugehen, die Menschen in die Langzeitarbeitslosigkeit abrutschen lassen: Fehlende Qualifikation, fehlende Kinderbetreuung sowie physische und psychische Krankheiten.

bisher 4 Kommentare » Kommentare
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(Keine Sorge, wird nicht zur Gewohnheit. War mir hier aber ausnahmsweise mal ein Anliegen.)
BTW, das ist sogar empirisch ganz ordentlich untersucht, siehe zB.:
aus http://www3.interscience.wiley.com/journal/121670999/abstract
@Daniel:
Kannst du den Link nochmal checken? Der scheint nicht zu funktionieren.
[...] Rayson hat es schon wieder getan. Er hat einen fantastischen Artikel geschrieben, diesmal über Massenentlassungen: „Es gehört längst zum Repertoire der allzeit zur Empörung bereiten Humanoiden der Gattung claudia …„ [...]