Warum “Nudge” Quatsch ist
Die Kritik an der Konstruktion "homo oeconomicus" ist ebenso alt wie meistens von Unkenntnis darüber geprägt, wie das Konstrukt eigentlich zu verstehen ist. Den Schreibern beim Handelsblatt wie den dort zitierten Vertretern der verhaltenbasierten Ökonomie wird man das nicht vorwerfen können, aber wie willkürlich eine Kritik an dieser Annahme zu bevormundenden Politikempfehlungen führen kann, ist dann doch erstaunlich.
Zunächst wird festgestellt:
In Tausenden von Laborexperimenten und Feldstudien haben empirisch arbeitende Ökonomen in den vergangenen Jahrzehnten aber festgestellt: Der reale Mensch ist kein „Homo oeconomicus“. Wir irren uns häufig, sind leicht zu beeinflussen und treffen oft objektiv falsche Entscheidungen. Wir entscheiden auf der Basis schwammiger Faustregeln, überschätzen unsere Fähigkeiten, werden aus Verlustangst träge und hängen am Status quo. Und es fehlt uns oft an Selbstkontrolle, etwa beim Einsatz von Kreditkarten. Zudem legen wir großen Wert auf Fairness und neigen dazu, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
So weit, so wenig überraschend. Zwar müsste, um die "homo oeconomicus"-Annahme zu widerlegen, noch gezeigt werden, dass sich diese und andere Abweichungen davon nicht gegenseitig neutralisieren, aber gehen wir der Einfachheit und im Vertrauen auf die Kompetenz der betreffenden Wissenschaftler mal davon aus, dass dies geleistet werden kann.
Jetzt aber folgt gleich der etwas seltsame Teil:
Verhaltensorientierte Wirtschaftsforscher postulieren daher eine grundlegend andere Wirtschaftspolitik. Zwar lehnen sie – ähnlich wie klassische liberale Ökonomen – eine direkte Bevormundung des Einzelnen durch den Staat ab. Sie sprechen sich aber für sanften Druck aus, mit dem der Staat die Menschen in die richtige Richtung leitet, ihnen gleichzeitig aber die Option lässt, sich anders zu entscheiden, wenn sie es wollen.
Diese Politik wird doch schon längst praktiziert. Wo der Staat seine Bürger zu in seinem Sinn wirtschaftlich richtigem Verhalten anleiten will, greift er in der Regel zu Zuckerbrot und Peitsche, lässt aber Entscheidungsfreiheit: Man darf, wenn man die entsprechende Abgabe zahlt und/oder die entsprechende Subvention ausschlägt, dann manchmal dennoch tun und lassen, was man will. Erst, wenn das nicht greift und der Bürger sich verstockt zeigt, muss eben nolens volens zu härteren Bandagen gegriffen werden.
„Nudge“ („Anstupsen“) hat Thaler dieses Politikkonzept zusammen mit seinem Co-Autoren Cass Sunstein im gleichnamigen Buch getauft. „Private Institutionen, Behörden und Regierungen versuchen dabei, die Entscheidungen der Menschen so zu lenken, dass sie hinterher besser dastehen.“ Ein anderer Begriff, der den neuen Politikansatz charakterisiert, ist „sanfter Paternalismus“.
Hier aber versteckt sich die eigentliche Absurdität. Wie man den "homo oeconomicus" kritisieren kann, aber gleichzeitig so tun, als hätte es weder das Konzept der "Anmaßung von Wissen" noch "Public Choice" je gegeben, erschließt sich mir nicht. Der ach so neue und moderne "Nudge"-Ansatz greift wieder auf den Staat als "deus ex machina" zurück, der in der guten, alten Zeit der Ökonomie als sichere Gebrauchsanweisung für etatistisch denkende Politiker so populär war. Dabei müssen genau die zwei wichtigen Voraussetzungen dafür, dass sowas funktioniert, spätestens seit Hayek und Buchanan als höchst unwahrscheinlich gelten: Weder wissen die staatlichen Entscheidungsträger, wie "die(!) Menschen hinterher besser dastehen", noch lassen sie sich in ihrem Handeln allein von diesem Wissen leiten.
Zwar ist den Autoren des Handelsblatt-Artikels zuzugestehen, dass sie das freiheitsfeindliche Potenzial des "Nudge", das selbst dann existieren würde, wenn die obige Kritik keine Grundlage hätte, immerhin erkennen, aber dessen naives Staatsbild scheinen sie ungeprüft zu übernehmen.
bisher 53 Kommentare » Kommentare
Hmm… Hast du das Buch gelesen? Ich habe nämlich nach dem Artikel den Verdacht, dass dich die durchaus irreführenden Kritik des Handelsblattes… naja, in die Irre geführt hat.
Das Buch ist sicher keine Offenbarung, und insbesondere die permanente Wiederholung, dass – Tadaa! – man an irgendeinem Beispiel mal wieder sieht, dass echte Menschen sich nicht wie ein Homo Oeconomicus verhalten (“Well, duh!” sagt man auf englisch so schön und treffend.) nervt irgendwann, aber die Grundidee halte ich für richtig, und auch ein paar der konkreten Vorschläge in dem Buch sind meines Erachtens sehr wertvoll, zum Beispiel der Gedanke, Ehe zu privatisieren.
Konsequenterweise hat man beim Handelsblatt anscheinend beschlossen, aus “liberal paternalism” sanften Paternalismus zu machen, was ich schon beinahe perfide finde.
Ich habe die beiden Autoren vor allem so verstanden, dass sie vorschlagen, sich bewusst zu machen, dass man jede Entscheidung, die man einfordert, immer durch die Frage schon beeinflusst, und sich deshalb zu überlegen, in welche Richtung man den Befragten beeinflussen will, statt das dem Zufall zu überlassen, und außerdem, rigide Regeln (insbesondere auch im Wirtschafts-, Sozialversicherungs- und Umweltrecht) durch weniger autoritäre Mechanismen zu ersetzen.
Wie gesagt, da ist kein großer Wurf dabei und nichts, das man gelesen haben müsste, aber im Prinzip kann man aus meiner Sicht nicht viel dagegen sagen.
@Muriel
Nein, das Buch habe ich nicht gelesen. Was ist denn die (jetzt muss man wohl sagen:) eigentliche Grundidee? Das hier?:
Jede Kritik an autoritären Mechanismen und alles, was diese ersetzen kann, findet natürlich zunächst meinen Beifall – jedenfalls, bis sich nicht ein noch weniger bevormundender Ansatz findet. Die aus tausend Meinungsumfragen geläufige Erkenntnis, dass eine verbale Zustimmung oder Ablehnung davon abhängt, wie eine Frage formuliert ist, wäre an und pfirsich auch keine Kritik wert, aber wenn es darum geht, Menschen vor Handlungsalternativen zu stellen, wäre mir ehrlich gesagt ein Staat lieber, der die Ergebnisse dem “Zufall” (Übersetzung: dem nicht a priori feststellbaren Willen jedes Einzelnen) überlässt.
Ah ja. Und wo ist da der Unterschied zum “realen Staat”?
@Rayson: Es geht in dem Buch auch nicht nur um den Staat, sondern um Entscheidungen jeder Art, einschließlich Unternehmensorganisation und Architektur, wo wir uns wohl sowieso einig sind, dass bewusste Beeinflussung zu erwünschten Ergebnissen nicht nur legitim, sondern sehr wünschenswert ist.
Und die Grundidee, die wirklich nicht so besonders aufgregend ist, aber halt auch nicht völlig verkehrt, ist tatsächlich das, was ich oben darzustellen versucht habe. Ein anderes ganz gutes Beispiel ist meiner Meinung nach das Thema Organspende.
Wie viele Menschen als Organspender zur Verfügung stehen, hängt in erheblichem Umfang davon ab, wie die Entscheidung fällt, also z.B. ob man sich aktiv dafür bereit erklären muss oder ob man als Spender gilt, solange man nicht ausdrücklich widerspricht. Die Autoren stellen (zu Recht, wie ich finde) fest, dass es unmöglich ist, eine Regelung zu wählen, die die Entscheidung gar nicht beeinflusst, und dass es legitim ist, die Entscheidung so zu beeinflussen, wie man es für richtig hält.
Ich zum Beispiel halte das deutsche Recht in dieser Hinsicht für unsinnig bis hin zur Verwerflichkeit, weil es dazu führt, dass zahlreiche potentielle Organspender nur deshalb nicht zur Verfügung stehen, weil sie zu faul sind, sich einen Ausweis zu besorgen. Ich weiß nicht, wie du dazu stehst, halte es aber für möglich, dass du das eher anders siehst, deshalb nochmal der Hinweis: Unabhängig davon, welche Variante man für richtig hält, kann man wohl kaum der Idee widersprechen, dass jede denkbare Regelung das Ergebnis zwangsläufig beeinflusst, und dass ein Gesetzgeber, der das nicht erkennt, seine Arbeit nicht vernünftig macht.
(Ergänzung: Die Autoren sagen mehrfach und sehr deutlich, dass der Nudge nicht in Quasi-Zwang ausarten darf. Den ausdrücklichen Widerspruch gegen die Organspende mit – auch geringem – unnötigem Aufwand und Kosten zu verbinden, widerspräche z.N. bereits ihrer Philosophie.)
z.N. ist übrigens nicht etwa irgendeine clevere Abkürzung, die ihr nicht kennt, es ist einfach nur ein Tippfehler. Z.B. sollte es heißen. Verzeihung.
Ich habe das Buch bis etwa zur Hälfte gelesen. Ich bin der Überzeugung, dass es so etwas wie einen »sanften Paternalismus« nicht geben kann.
Die »nudges« sind im Prinzip kleine Manipulationen, vergleichbar mit den manipulierenden Fragen bei Meinungsumfragen. Und wer manipulieren darf oder kann, der wird niemals bei »sanfter« Manipulation bleiben. Denn Manipulation macht süchtig. Es stellt sich also die Frage, wer die Manipulierenden kontrollieren soll.
Hmpf. Ich weiß, dass ich nerve, aber soeben fällt mir ein, dass ich es auch kürzer und weniger missverständlich hätte ausdrücken können: Die Grundidee von Nudge ist nicht, die Menschen mehr zu beeinflussen, sondern es dort, wo man es sowieso schon tut, auf vernünftigere (und wenn möglich liberalere) Weise zu tun.
Wenn das so ist, muss man aber nicht das Recht (in Richtung Einspruch statt aktive Zustimmung) ändern.
Was hindert den Staat daran, jedem (beispielweise mit der Lohnsteuerkarte oder den Steuerformularen) einen entsprechenden Ausweis zuzuschicken? Unterschreibt man ihn, gilt er, wenn nicht, dann gilt er nicht.
Das mag dann immer noch ein Nudge sein, aber einer, der mich nicht stört.
Zum Thema Organspende: Ich halte den status quo in Deutschland für richtig. Denn es gibt bereits Beispiele dafür, dass Toten illegal verwertbares [und teuer verkäufliches] Gewebe entnommen wurde (ich meine damit keine lebenden Organe).
Ich sehe ein großes Missbrauchspotential bei einer Regelung, nach der plötzlich jedes Unfallopfer ohne »Widerspruchsdokument« quasi als Organ- und Gewebequelle genutzt werden kann. Wie schnell fällt so ein kleines Kärtchen hinten runter …
@stefanolix: Du unterstellst natürlich, dass man einfach darauf verzichten kann, Menschen zu beeinflussen. Kann man nicht.
Die Manipulation ist nichts Neues, es geht um eine spezielle Art von Manipulation. Ein wesentlicher Unterschied ist zum Beispiel, dass die Nudge-Autoren explizit befürworten, die beabsichtigte Einflussnahme transparent zu machen.
»Auf vernünftigere Weise« klingt in meinen misstrauisch mithörenden Ohren stark nach »Anmaßung von Wissen« ;-)
Aber wenn man die Beeinflussung transparent macht, dann ist es doch kein »nudge« mehr. Wenn jeder Kantinenbenutzer weiß, dass die Menüs nach bestimmten Regeln (z.B. nach Energiegehalt) angeordnet sind, dann verpufft doch der Effekt völlig.
Mensch, ich bin heute eifnach zu langsam.
@buenavista: Okay, kann man drüber reden, und die Autoren von Nudge fänden das auch gut. Ich sehe das ein bisschen extremer, aber darum geht es hier ja nicht.
@stefanolix: Klar wäre jede andere Regelung auch nicht unproblematisch. Aber siehst du denn überhaupt kein Problem darin, dass unter der derzeitigen Regelung Menschen sterben, einfach nur weil jemand es zu anstrengend fand, sich als Spender zu registrieren? Natürlich kann das jeder für sich abwägen, aber für mich ist das Risiko, das Toten eventuell widerrechtlich Organe entnommen werden, vernachlässigbar gegenüber dem Risiko, das jemand kein Organ bekommt, obwohl eins verfügbar wäre und der Träger auch nichts dagegen gehabt hätte. Aber wie gesagt, vielleicht fangen wir hier nicht auch noch eine Organspendediskussion an…
@stefanolix: Wer sich nicht ein bisschen Wissen anmaßt, darf gar keine Regeln erstellen, oder?
Genau da liegt, glaube ich, das Hauptmissverständnis: Doch, es ist eigentlich sogar nur dann ein Nudge im Sinne der Autoren.
Beispiel: Ich weiß, dass Zeitschriftenverlage ihre Probeabos deshalb so gestalten, dass man sie aktiv kündigen muss, damit sie sich nicht in kostenpflichte Dauerabonnements umwandeln. Sie sagen das nicht ausdrücklich, klar, aber wenn sie es täten, würde das nichts ändern. Jeder weiß das. Trotzdem funktioniert diese Technik.
Anderes Beispiel: Glaubst du nicht, dass die Zahl der Organspender plötzlich erheblich steigen würde, wenn die Regelung von “aktiver Zustimmung” auf “aktiven Widerspruch” umgestellt würde, auch dann, wenn die Regierung den Zweck dieser Maßnahme ganz offen publizieren würde?
Im Satz mit den Probeabos habe ich mich ein bisschen verstolpert. Ich hoffe, es ist trotzdem noch erkennbar, was ich meine…
Wie fändest du es, wenn mit deinem nächsten Steuerbescheid folgende Nachricht käme.
“Wir werden den Betrag von xxxx am 15.5. von Ihrem Konto abbuchen plus 3% des geschuldeten Betrags, den wir Unicef (o.ä.) spenden werden. Wenn Sie dies nicht wünschen, können Sie bis zum 1.5 dagegen Einspruch erheben.”
@Buenavista: Ja, siehst du, da ist wieder unser Missverständnis. Es geht nicht darum, neue Regeln zu schaffen.
Es geht nur darum, bestehende Regeln vernünftiger zu gestalten, wenn sie erforderlich sind.
Und falls es dir gar nicht um Nudge geht, sondern um meine Meinnug zur Organspende, können wir das gerne irgendwo ausführlich diskutieren, wo es nicht völlig OT ist.
Muriel, dann ist dein Organspenderbeispiel aber völlig missglückt. Denn hier geht es nicht und “vernünftigere Gestaltung bestehender Regeln”, sondern um die Verletzung eines ziemlich universalen Prinzips: Wer etwas von mir will – und sei es das Vernünftigste und Segensbringendste der Welt – der hat mich um Erlaubnis zu fragen.
Rayson hat mit seiner Einschätzung hier mal auch nach meiner Meinung völlig Recht.
Die Sozialtechnik Nudge würde ja nicht nur von Liberalen eingesetzt werden, sondern auch von SPD-Leuten und Ärgeren. Letzten Ende ist Nudge nur ein Weg zu mehr Staat und gut gemeinter Beeinflussung des Individuums.
Im Zeitalter der allgemeinen Sozialdemokratisierung des Daseins ist der umfassende Einsatz der Sozialtechnologie Nudge nach meinem Dafürhalten keine gute Idee, nicht für Europa, und auch nicht für Amerika.
Da wäre mir simples Law & Order schon lieber. Klare Linien, dort, wo es Not tut, niedrige Steuern und ein Maximum an persönlicher Freiheit. Das ist freiheitlicher als eine Gesellschaft, die vom Einsatz von Sozialtechnologien wie Nugde durchwirkt ist.
Unser Steuersystem ist bereits die Nudge-Hölle.
[...] dazu auch: Christian Hoffmann – Organspende vs. Organhandel und: Rayson – Warum “Nudge” Quatsch ist « Das Kommunistische Manifest und moderne Politik Geschrieben von Benjamin B. | May 24, 2010 [...]
Ähm, hat mich jemand als Spammer entlarvt oder ist das ein technischer Fehler, dass meine Kommentare geschluckt werden?
Letzter Versuch für heute (Ich hoffe, dass die nachher nicht alle gleichzeitig freigeschaltet werden. Wäre mir sehr peinlich.)
@Buenavista: Ich räume ein, dass es mir offenbar mit meinem Beispiel nicht geglückt ist, zu sagen, was ich sagen wollte. Zur Klarstellung: Das “Nudge”-Prinzip besagt nicht, welche der möglichen Varianten die bessere ist, sondern nur, dass man sich bewusst entscheiden sollte, welche man wählt.
Und weil es jetzt gar nicht mehr so OT ist: Bestehst du auch darauf, dass der Notarzt auf deine Zustimmung wartet, bevor er dich intubiert?
Wenn du tot bist, gibt es dich nicht mehr, und man kann dich nichts mehr fragen. Deshalb ist das nicht das Gleiche. So oder so muss man eine Willenserklärung von dir fingieren. Wenn du findest, dass die Fiktion der Ablehnung die bessere ist, darfst du das gerne, obwohl ich dir da vehement widerspreche. Du solltest nur nicht glauben, dass eine der beiden Fiktionen kein Nudge wäre.
@Bruno: (weinerlich) Aber man kann doch gar nicht- Ach, was soll’s warum rege ich mich eigentlich so auf? Ich mochte das blöde Buch nicht mal. Wer’s wissen will, der kann es ja selber lesen.
@Muriel
Sorry, Akismet ist besonders schlecht gelaunt heute…
Nein. Zur Freiheit gehört auch, sich nicht immer für etwas entscheiden zu müssen. Ich muss auch nicht zur Bundestagswahl gehen, wenn mir keine Variante zusagt. Und schon gar nicht möchte ich ständig über meinen Kopf hinweg getroffene Verfügungen über mich aktiv anfechten zu müssen.
Wenn es so wenige Organspender gibt und man will mehr haben, dann muss man sich eben fragen, woran das liegt.
Bei reiner Trägheit kann man z.B. den Weg gehen, den ich vorgeschlagen habe.
Es gibt aber auch andere Gründe, warum sich Menschen nicht (und oft genug auch noch nicht) als Organspender eintragen lassen. Verdrängung, aber auch die Tatsache, dass die Grenzen zwischen “Tod” und “Leben in der modernen Krankenhausmedizin so gänzlich klar nicht mehr sind.
PS: Ich habe schon einen Ausweis, seit ich 18 bin, und plädiere dafür, allen Bürgern regelmäßig einen Ausweis zuzusenden. Das kostet nicht viel und jeder kann sich jederzeit frei entscheiden, ob er das nun will oder nicht (und diese Entscheidung ständig revidieren).
@Rayson: Kein Problem. Es hatte ja eigentlich auch Recht.
@buenavista:
Irgendwie kann ich heute mal wieder so gar nicht rüberbringen, was ich meine…
Der Gesetzgeber hat keine Wahl. Er muss irgendeine Regelung wählen, und wenn er gar keine wählt, ist das auch eine Entscheidung. Und jede dieser Entscheidung nudgt die Menschen in eine bestimmte Richtung. Es geht nicht darum, ob man nudgt oder nicht, sondern nur darum, wie man es macht, und ob man sich des Einflusses bewusst ist, den man ausübt.
Das meinte ich, und nicht mehr.
Muriel
Jetzt verwässerst du die Argumentation zu sehr. Es ging Rayson darum, dass die Nudge-Theorie unkritisch die These übernimmt, dass “Vater Staat” (den Begriff gibt’s auch nur in Deutschland) es eben im Prinzip doch besser weiß als seine Schäfchen.
Staatlicher Paternalismus “light” eben.
Kann man denn einen sich häufig irrenden, leicht zu beeinflussenden und oft objektiv falsche Entscheidungen treffenden Menschen überhaupt in die gewünschte Richtung “nudgen” ? Oder setzt das Funktionieren des Anreizesystems nicht doch ein klein bisschen den “homo oeconomicus” voraus ?
Ich sagte es ja eigentlich schon: Ich stelle dann mal meine Bemühungen ein. Anscheinend habe ich das Buch einfach falsch verstanden. Danke, dass ihr mir die Augen geöffnet habt.
Erstmal eine Interessensfrage: Ist es wirklich so, dass alle Ökonomen dieser Richtung Anhänger von “Nudge” sind? Kann ich mir kaum vorstellen.
Ansonsten: Die Erkenntnis, dass der homo oeconomicus nur eine modellhafte Annäherung ist, ist ja nicht besonders spektakulär. Das Modell ist offenbar auch keine notwendige Voraussetzung für “klassische liberale Ökonomen” – die Österreicher bemühen diese Modellvorstellung schließlich nicht. Ich glaube auch kaum, dass irgendein ernstzunehmender Ökonom glaubt, dass das Modell die Verhaltensbandbreite von Menschen vollständig erfasst. Das was in den Medien vom Modell übrig bleibt dürfte auch um einiges “einfacher” sein als das womit tatsächlich in der Forschung “gerechnet” wird (kann mir z.B. nicht vorstellen, dass das Modell nicht erweiterbar ist). Wobei wir übe die Zuverlässigkeit dieses Rechnens ja schon vor einer Woche die Debatte hier hatten.
Richtig und Danke Rayson, für diesen Beitrag.
Wichtig ist es zu sehen, dass die Kritik am Homo Oeconomicus moderne makroökonomische Modelle trifft, die von einem repräsentativen Agenten ausgehenen, der alle Einschränkungen voraussehen kann, alles richtig einschätzt und dann die optimale Entscheidung trifft. Natürlich ist das Fiktion. Wäre es das nicht, wäre der Sozialismus nicht gescheitert
Gerade weil das so ist, brauchen wir aber Märkte, die über Preissysteme, die richtigen Anreize setzten. Durch Märkte können komplexe Informationen effizient verarbeitet werden.
Entgegen der volksläufigen Meinung ist die Kritik am Homo Oeconimicus eben keine, die das “neoliberale” Bild des rationalen und eigenverantwortlichen Menschen auf den Kopf stellt. Die Ableitung “Ökonomen sind oft neoliberal, einige Ökonomen verwenden den Homo Oeconomicus. Den Homo Oeconomicus gibt es nicht also ist der Neoliberalismus falsch” ist ein Fehlschluss.
Ich dachte am Anfang auch das ‘Nudge’ quatsch sei. Aber das Thema Organspende lässt mich die Sache differenzierter sehen.
Eine Widerspruchslösung wäre meiner Ansicht beim Thema Organspende sicher besser. Wenn das ‘nudgen’ sein soll, her damit.
Die Widerspruchslösung gibt es in 9 europäischen Staaten. Darunter auch unser Nachbar Österreich. Selbst die katholische Staaten Spanien und Polen sind darunter. Die Zahlen in Spender pro Millionen sind erschütternd:
Spanien – 27
Österreich – 24
Deutschland – 13
Weitaus am häufigsten transplantiert wird die Niere. Und da brauchen wir – gerade auch aus ökonomischer Sicht – jeden Spender. Mein Prof meinte erst heute ein Jahr Dialyse wäre 10x teurer als eine Transplantation!!! Das ist schon pervers. Aber auch irgendwie typisch für Deutschland.
Interessant wäre auch die Legalisierung des Organhandels. Ich hab’ grad ‘Economics’ von Mankiw und Taylor vor mir liegen. Die befürworten das auch.
Aber machen wir uns nichts vor. Keine der beiden Regelungen wird in Deutschland je umgesetzt werden. Erinnert euch daran, wenn ihr oder eine naher Verwandter je auf ein Organ warten solltet. Dann wird der eine oder andere hier seine ‘liberale Einstellung’ bezüglich der Organspende ganz schnell über Bord werfen.
@Hayek
die Sache mit der Organspende ist kein “nudge”. Man kann sie so sehen:
Da ist jemand, für den das Organ lebensnotwendig ist. Wenn er sich das stehlen würde, auch wenn er dazu einen anderen Menschen umbringen müsste, könnte ich ihm daraus keinen Vorwurf machen. Er ist zwar juristisch, aber nicht im Sinne der Naturrechtslehre im unrecht.
Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, ich würde Mord verteidigen: Auf der anderen Seite will auch jeder andere sein Leben erhalten. Und wenn er es verteidigt, auch mit Mitteln des Staates, ist er genauso im Recht.
Im Falle des Bedürftigen gegen den potenziellen Organspender, geht es also um Recht gegen Recht. Und der Staat entscheidet sich hier – vernünftigerweise – dem Eigentümer recht zu geben.
Das heisst aber nicht, dass die Abwägung nicht anders aussehen könnte, wenn der Eigentümer tot ist.
Meiner Meinung nach ist das kein “nudge”, sondern eine Abwägung “Recht” gegen “Recht”, die jeweils unterschiedlich getroffen wird. Deswegen greift Buenavistas Spendenbeispiel auch nicht.
Der homo economicus versucht in der Regel rationell zu entscheiden, da er aber nicht Gott ist, vertut er sich, dazu kommt, dass was für den einen rationell ist, muss nicht unbedingt für den anderen rationell sein. Dies aber widerlegt nicht die Theorie. Man sollte Rationalität nicht mit absolute Wahrheit und Perfektion verwechseln, daher sehe ich keinen Widerspruch zwischen der Theorie des homo oeconomicus und die Tatsache, daß Menschen Entscheidung treffen, die für andere als objektiv falsche Entscheidungen gelten, schwammiger Faustregeln verwenden, sich überschätzen, usw, usw. Es ist doch selbsverständlich und bedarf keine empirischen Experimente, um dies festzustellen, es reicht mit der täglichen Beobachtung der Menschen. Ich verstehe daher die ganze Aufregung der Verhaltensforscher nicht, wie schon gesagt, das Problen liegt darin, dass die Kritik an die Theorie des homo oeconomicus auf einen idealistischen, absoluten und menschen übergreiffenden Begriff von Rationalität basiert ist. Aber die Rationalität der Theorie des homo economicus ist eine andere Rationalitat: bescheiden, individuell und keineswegs absolut.
Ich finde die Idee, dass sich verschiedene Formen von irrationalen Verhalten gegenseitig aufheben sehr gut.
Als Umweltwissenschaftlerin, weiß ich das Ökosysteme ihre Stabilität aus ihrer Komplexität beziehen.
Irrationalität ist sogar bis zu einem gewissen Grade gewünscht um genau diese Komplexität zu erhalten. „Nudge“ ist nichts anderes als social engineering. Es versucht die Komplexität aus dem Wirtschaftssystem zu nehmen und führt allerhöchstens zu katastrophalen Lemming-Effekten. Denn die Politiker kämpfen ja ebenfalls mit der menschlichen Fehlbarkeit.
Die enorme Komplexität und Anpassungsfähigkeit ist übrigens der Grund, weshalb die jetzige Weltwirtschaftskrise, trotz schneller Kursstürze nicht so verehrend ausviel, wie die Krise in den 30 Jahren. Dazu muss man wissen, dass ein komplexes System indem viel Energie zirkuliert (und in unserer Wirtschaft zirkuliert sehr viel mehr Energie als in den 30iger Jahren) stabiler wird.
Leider glauben jetzt die Staaten, dass ihre Konjunkturprogramme die Wirtschaft gerettet hätten. Es ist leider genau umgekehrt, die Wirtschaft rettet die Staaten.
Zugegegeben, die Menschen sind nicht perfekt und treffen falsche Entscheidungen. Aber der Staat besteht auch aus Menschen. Warum sollen andere Menschen für mich entscheiden? Wenn sie auch Menschen sind wieso wissen sie besser als ich wie ich später dastehen werde? Gilt das auch umgekehrt, d.h. weiß ich auch besser als sie, was für sie besser ist?. Diese komische Nudge-Theorie von Sundstein würde nur Sinn ergeben, wenn die Entscheider oder Lenker keine Menschen wären und daher keine menschliche Fehler machen könnten. Dies ist aber, so viel ich weiß, nicht der Fall.
Der ‘nudge’ liegt insofern vor, als die Standardannahme geändert werden.
Wenn keine Willenserklärung eines spendegeeigneten Toten vorliegt, die es explizit gestattet, dann wird nach geltendem Recht in Deutschland kein Organ entnommen.
In Österreich, beispielsweise, ist das umgekehrt.
Läßt man den berechtigten Einwand, daß unrechtmäßige Organentnahme durch die österreichische Variante möglicherweise erleichtert werde, kurz beiseite, so unterscheiden sich beide Varianten nur noch durch den default den sie setzen. Es bleibt aber jedem möglich, sich frei für oder gegen die Spendereigenschaft zu entscheiden.
Daß dort, wo die Spendereigenschaft der default ist, die Spenderzahlen so enorm viel höher sind als anderswo, läßt sich plausibel so deuten, daß die Frage, ob Spender oder nicht, vielen Leuten einfach scheißegal ist. Und all diejenigen, denen es egal ist, bekommen im österreichischen Modell den ‘nudge’ in Richtung Spender, im deutschen in Richtung Nichtspender.
Was Deine Ausführungen damit zu tun haben, dirk, erschliet sich mir noch nicht ganz. Von Abwägungen in Betreff lebender Organspender war nirgends die Rede. Was natürlich nicht heißt, daß das Thema völlig unbeachtet bleiben muß.
Oh, letzter Kommentar @Dirk.
Möglicherweise ist das Beispiel “Organspende” nicht unbedingt ideal, um in dieser Diskussion als Beispiel zu dienen. Da spielen viel zu viele ethisch/moralisch/religiöse Überzeugungen hinein. Darf der Staat per default über meinen – toten – Körper verfügen, auch wenn der Zweck noch so honorig ist?
Ich mag solche “Einfallstore” nicht. Man hat bei den Netzsperren auch immer nur über Kinderpornographie diskutiert und weitergehende Konsequenzen heruntergespielt.
Das gilt ja im Prinzip immer. Aber setzt eine ständige Beschäftigung mit dem voraus, was anderen gerade einfällt, über mich verfügen zu können, ob nun wohlmeinend oder nicht.
Leider ist es so, dass Menschen – und der Staat sowieso – gerne glauben, es “besser zu wissen”, und andere zu ihrem Glück zwingen – pardon nudgen – zu müssen.
Wenn es nun wirklich so vielen Menschen egal ist, ob ihnen nach ihrem Tod ein Organ entnommen wird oder nicht, dann sollte es doch eigentlich nicht so schwer sein, die entsprechenden Anreize dafür zu schaffen, ohne per default über sie zu verfügen.
Das hat vor einiger Zeit auch mein Mobilfunkunternehmen auf die harte Tour lernen müssen, als es der Ansicht war, es könne meinen Tarif schnell mal ändern, weil der neue doch “günstiger” sei, und falls ich das nicht wolle, könne ich ja Einspruch erheben.
@Buenavista: Im wesentlichen Zustimmung in allen Punkten.
@dirk
Auf welche “Naturrechtslehre” beziehst du dich da?
@David
und dem damit verbundenen Signal, über das Eigentum der Personen verfügen zu können. Auch Buenavistas Beispiel mit der Unicef Spende unterscheidet sich “nur” im ‘default’, aber dennoch würde ich mir ein solches Vorgehen dort verbitten.
Bei der Organsspende sieht es jedoch anders aus. Weil es sich bei der Ausgangssituation um eine Position handelt, in der imho Recht gegen Recht steht, wie ich zu erläutern versucht habe, ist es in Ordnung den ‘default’ zu verschieben.
Das Beispiel des Lebendspenders, der nach der Spende möglicherweise nicht mehr so ganz lebendig ist, war nur ein Extrembeispiel um die Recht-gegen-Recht-Situation zu verdeutlichen. Der Spendebedürftige hat mit dem Selbsterhaltungstrieb ziemlich starke Argumente in der Hand. Bessere lassen sich nicht finden. Und nur weil gleich starke Argumente ebenfalls auf der anderen Seite stehen, kann Organdiebstahl verboten sein.
John Lockes, dernach jeder Mensch mit dem Recht (und gar der Pflicht) zur Selbsterhaltung geboren ist.
Das Problem mit dem Recht – aber das ist meine persönliche Ansicht – ist, dass es keine vollständige Ordnung herstellt. Oftmals steht zwar in der Tat Recht gegen Unrecht, aber oft auch Recht gegen Recht. In letzteren Fällen ist es dann Ermessen des Gesetzgebers zu entscheiden, wem man Recht zusprechen soll.
@dirk: OK, jetzt verstehe ich, was Du gemeint hast.
Das Beispiel von der Organspende sagt NICHTS über die reale Wirtschaft. Das gewählte Problem ist im Gegensatz zur restlichen Wirtschaft sehr wenig komplex.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie die Bürger sich an dieses Gesetz anpassen können. Komplexität entseht aber auch dadurch wieviele Anpassungsmöglichkeiten es gibt. Bei einer Steuer auf Öl und Benzin (Ökosteuer) gibt es z.B. bereits sehr viele Möglichkeiten wie sich die Wirtschaft anpassen kann. Es kann ganz seltsamme Anpassungen geben, wie z.B. das Bauern statt mit Öl mit Korn heizen (das Korn wird subventioniert). Dies ist nicht umweltfreundlich genauso wenig wie der Tank-Tourismus in Luxemburg.
@Buenavista
ich habe es gerade noch mal nachgelesen. Locke ist da nicht eindeutig. Einerseits (§6, 2nd Treatise on Government)
Also brauche es schon einen edleren Grund als die bloße Selbsterhaltung (was auch immer das sein mag)
Andererseits, zwei Sätze weiter unten, macht er die Einschränkung des eigenen Selbsterhalts.
@dirk
Nur weil John Locke etwas formuliert, heißt das nicht, dass daraus irgendeine Verbindlichkeit für mich oder andere abzuleiten ist.
Wirklich? Nur weil “gleich starke Argumente” auf beiden Seiten vorliegen?
Demnach dürfte also jeder, der eine teure OP nicht bezahlen kann, sich das Geld durch Banküberfall beschaffen? Hier stünden dann (stärker?) zu wertende Recht auf Selbsterhaltung gegenüber schwächeren Eigentumsrechten.
@Buenavista
Gutes Argument. Das Eigentumsrecht würde ich nicht als schwächer ansehen. Überhaupt würde ich keine Hierarchie der Rechte sehen.
Ich formuliere mal etwas anders (Sie deuteten glaube ich mal an, Jurist zu sein, da ist der Begriff Recht vielleicht zu vorbelegt):
Ich könnte keine Gründe finden, warum in diesem Falle der Banküberfall ethisch verwerflich sein sollte.
Weit mehr als, dass Ihr ebenfalles gutes Beispiel (schöne Technik, der Analogieschluss) mit der Unicef Spende, nicht mit der Situation hier vergleichbar ist, wollte ich auch gar nicht gesagt haben.
Ok es ist vielleicht kein typischer Nudge, aber es ist eine Voreinstellung. Und eine Voreinstellung gibt es immer da, wo ein Faktum geschaffen wird, ohne dass der Betroffene/Rechteinhaber/whatever eine bewusste Entscheidung trifft bzw. getroffen hat.
Wenn z.B. jemand stirbt, geht sein Eigentum auch zu Pflichtanteilen an die Angehörigen über. Und wenn kein Testament da ist alles. Und wenn keine Angehörigen da sind, geht es an den Staat. Das sind auch jede Menge Voreinstellungen. Voreinstellungen die rein kulturell bedingt sind. In anderen Kulturen wird/wurde der Tote mit seinem Besitz begraben.(Und wenn’s sie krass drauf sind, die lebende Frau gleich mit).
Bei der Organspende ist es in Deutschland ähnlich. Der Tote wird mit all seinen Organen begraben. Das ist der “natürliche Urzustand”. Aber was ist schon natürlich? Und warum sollte die “natürliche” Lösung die bessere sein?
dirk, das kann und will ich jetzt nicht bewerten, weil das wirklich länger dauern und zu off topic würde.
Tatsächlich hat in unseer Gesellschaft die “Allgemeinheit” weit mehr Ansprüche gegen den Einzelnen, als der Einzelne gegen einen anderen Einzelnen. So kann mich der Staat bzw. die Gesellschaft dazu zwingen, Steuern zu bezahlen, mit denen Arbeitslose unterstützt werden. Aber kein Arbeitsloser kann mich zwingen, ihn persönlich zu unterstützen.
Wandelt der Staat die Voraussetzung meiner Zustimmung zu einer Organspende in ein Einspruchsverfahren um, dann verfügt er a priori über meinen Körper, und zwar – auch wenn das vielleicht nicht plausibel klingt – über meinen lebenden. Ich muss mich nämlich lebend mit dieser Problematik auseinandersetzen. Ich muss – ohne dass ich das vielleicht will – mich mit meinem Tod auseinandersetzen, vielleicht mit meinen Ängsten, dass man – wenn ich in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod stehe, medizinische Entscheidungen fällt, die möglicherweise das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines Spenderausweises (oder einer Einspruchsverfügung) beeinflusst. Er setzt mich Ängsten aus, evtl. in Zukunft als Organbank missbraucht zu werden. Er zwingt mich dazu, mich als “Nichtspender” registrieren zu lassen und vielleicht in Zukunft in einer Datei zu landen, die für mich Nachteile bringen könnte, Er zwingt mich evtl, einen “Nichtspenderausweis” mitzuführen, der – wer weiß das schon – im Bedarfsfall vielleicht “verschwindet”.
Es ist schlichtweg nicht so, dass die Änderung des “Defaults” nur ein harmloser “Nudge” ist.
Und so weit hergeholt ist mein Beispiel mit der Unicef-Spende nicht. Möglicherweise rettet diese sogar eher ein Leben als die vage Möglichkeit, dass ich “rechtzeitig” mit einem brauchbaren Organ sterbe.
Wo es wirklich nur um die “Trägheit” geht, da will ich mal konstruktiv sin:
Hier kann man sich den Ausweis herunterladen:
http://www.organspendeausweis.org/
Und jeden Tag neu entscheiden, ob man Organspender sein will oder nicht.
Interessant übrigens, dass der Staat mich “nudgen” will, Organe zu “spenden”, nicht aber – post mortem wohlgemerkt – zu verkaufen.
@Buenavista,
Es geht mir nur darum, dass eine Einspruchsregelung nicht mit liberalen Grundsätzen kollidieren würde (auch hier kann man sich natürlich streiten).
Dem unbenommen kann man die Sachdebatte natürlich dennoch führen und Sie führen ja gute Argumente an.
@dirk
Es ist ja nicht so, als ob es die “Einspruchsregelung light” nicht schon gäbe.
Laut Transplantationsgesetz ist es nämlich nicht so, dass bei Nichtvorliegen eines Ausweis keine Spende möglich ist. Im Todesfall werden die nächsten Angehörigen befragt. Diese müssen versuchen, in bestem Wissen den Willen des Verstorbenen zu befolgen. Damit sie im Falle eines Falles Bescheid wissen, ist es wichtig, sich frühzeitig Gedanken über die Organ- und Gewebespende zu machen und darüber zu sprechen.
Wie genau das im Einzelfall genommen wird? In jedem Fall muss ich – falls ich kein Spender sein möchte – mich dementsprechend äußern.
Aber wie gesagt, Organspende ist ein sehr emotionales Thema, dass auch mit dem “homo oeconomicus nicht sehr viel zu tun hat.
Das Prinzip des “Nudge” setzt generell voraus, dass der Staat es “besser weiß” als der Einzelne. Dieses “Du willst es doch eigentlich auch” gefällt aber nicht nur Feministinnen nicht.
Wie gesagt, unser Steuersystem ist bereits die “Nudge-Hölle”.
[...] Lieblings-B.L.O.G.ger Rayson hat daraus einen kleinen Beitrag mit dem Titel „Warum ‘Nudge’ Quatsch ist“ gemacht, ohne das Buch selbst gelesen zu haben. Seine Reaktion ist nach Lektüre der [...]