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Vergünstigungen streichen und Verschwendung beenden

Stanislaw Tillich, der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, sagt dem »Handelsblatt«:

Man könnte darüber nachdenken,
welche Vergünstigungen,
für die Geld verschwendet wird,
man ersatzlos streichen könnte …

Welcher Bürger wird heute nicht hellhörig, wenn es um Vergünstigungen und Verschwendung geht? Vergünstigungen bekommen immer die anderen und Verschwendung können wir uns nicht leisten. Nur Begünstigte oder Verschwender können an dieser Stelle noch gegen den weisen Vorschlag des Ministerpräsidenten sein! Sagen Sie es uns, Herr Tillich: wo wollen Sie sparen?

… etwa ermäßigte Mehrwertsteuersätze.

Oh. Das könnte uns ja alle betreffen. Fühlen wir uns als Verschwender und Begünstigte, wenn Herr Tillich im allerletzten Nebensatz die Katze aus dem Sack lässt? Man kann Tillichs Satzungetüm mit wenigen Worten zusammenfassen:

»Ich schlage eine Abschaffung der ermäßigten Mehrwertsteuersätze vor.«

Das wäre doch wenigstens verständliches Deutsch. Das »Handelsblatt« ist leider nicht hellhörig geworden und bezeichnet die Worte Tillichs heute als Sparvorschlag. Andere Blätter übernehmen diese Formulierung. Doch das ist kein Sparvorschlag. Sparen ist das Einschränken von Ausgaben.

Ministerpräsident Tillich will nicht sparen, sondern er schlägt ganz einfach eine Steuererhöhung vor. Er will die Mehrwertsteuer für alle Artikel erhöhen, auf die bisher der ermäßigte Satz erhoben wurde. Hier ist noch einmal die Aussage aus dem Interview:

Man könnte darüber nachdenken, welche Vergünstigungen, für die Geld verschwendet wird, man ersatzlos streichen könnte, etwa ermäßigte Mehrwertsteuersätze. (…) Laut Ifo-Institut summieren sich solche Vergünstigungen auf 27 Mrd. Euro – im Jahr! Würde man hier streichen, wäre schon die Hälfte der Schuldenbremse finanziert.

Ich kann mich erinnern, dass die CDU/FDP-geführte Koalition in Sachsen vor wenigen Monaten noch einer Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Hotelübernachtungen zustimmte. Bleibt nur die Frage: wer war dabei der Begünstigte und wer war der Verschwender? Oder war das oben nur ein billiger rhetorischer Trick?


stefanolix in Medien,Sprache,Wirtschaftspolitik am 21. 05. 2010 » 24 Kommentare
bisher 24 Kommentare » Kommentare
  1. Christian sagt am 21. 05. 2010 um 08:14 Uhr:

    Man muss nur den Politkerneusprech kennen, dann ist die Einordnung leicht.
    Wenn von “sparen” die Rede ist, dann sind immer Steuererhöhungen gemeint (auch gerne vornehm als “Einnahmeverbesserung” umschrieben).

    Sparen im Sinne von echten Ausgabenkürzungen, also das was jeder Privathaushalt unter sparen versteht, heißt im Politkerneusprech “kaputt sparen”, und das kann dann doch wirklich keiner wollen, oder ;-)

  2. R.A. sagt am 21. 05. 2010 um 08:20 Uhr:

    @Christian:

    Sparen im Sinne von echten Ausgabenkürzungen, also das was jeder Privathaushalt unter sparen versteht,

    Eigentlich hat der Privathaushalt ein noch weitergehendes Verständnis: Gespart wird, wenn die Ausgaben so deutlich unter die Einnahmen gedrückt wurden, daß man einen Überschuss zurücklegen kann.

  3. R.A. sagt am 21. 05. 2010 um 08:21 Uhr:

    Das »Handelsblatt« ist leider nicht hellhörig geworden

    Und das ist leider so üblich.
    Die deutschen Politiker können sich so viele Lügen und Verdrehungen leisten, weil die deutschen Medien unwillig/unfähig zu kritischer Berichterstattung sind.

  4. nana sagt am 21. 05. 2010 um 08:33 Uhr:

    Man stelle sich das mal vor, als der Staat in noch in den Kinderschuhen steckte, sprich als Räuberbdande plündernd durch die Gegend zog: “Hallo, wir haben heute mal ne Extraschicht eingelegt und holen einen Extra-Tribut. Der Chef meinte nämlich, dass wir sparen müssen.”

  5. Klaus sagt am 21. 05. 2010 um 08:52 Uhr:

    Endlich wieder ein guter Beitrag hier, danke stefanolix.
    Dem Politikersprech möchte ich hinzufügen: Wo bleibt bei diesen “Einsparungen” die “soziale Komponente”? Denn die ist wichtig, da sich sonst Rentner und Hartz-IVler das verteuerte Brot nicht mehr leisten können ;-)

  6. der_gute_don sagt am 21. 05. 2010 um 10:51 Uhr:

    Treffer @stefanolix!

  7. Buenavista sagt am 21. 05. 2010 um 13:42 Uhr:

    Lustig ja. Bezeichnende Sprachwahl.

    Schon die “ermäßigte” Mwst als “Vergünstigung” zu bezeichnen, verrät viel.

    Es gibt keine “ermäßigte” Mwst. Es gibt einfach zwei Mwst-Sätze.

    Wobei jetzt das mit dem “Sparen” ja auch in der Werbung so gehandhabt wird. Man “spart” bekanntlich immer, wenn man was kauft, und je mehr man kauft, desto mehr “spart” man :-)

  8. Christian S. sagt am 21. 05. 2010 um 17:48 Uhr:

    Es gibt keine “ermäßigte” Mwst. Es gibt einfach zwei Mwst-Sätze.

    Nein. Es gibt einen regulären Satz (derzeit 19%), und einen ermäßigten Satz (derzeit 7%).

    Vgl. http://www.gesetze-im-internet.de/ustg_1980/__12.html
    Vgl. http://www.gesetze-im-internet.de/ustg_1980/anlage_2_83.html

  9. Buenavista sagt am 21. 05. 2010 um 18:19 Uhr:

    Ach Christian, dass das so im Gesetz steht, weiß ich auch

  10. Christian S. sagt am 21. 05. 2010 um 18:42 Uhr:

    Warum behauptest Du dann das Gegenteil? Legal, illegal, scheißegal?

  11. stefanolix sagt am 22. 05. 2010 um 08:25 Uhr:

    Das ist doch aber letztlich Haarspalterei, Christian: wenn der ermäßigte Steuersatz ganz oder teilweise abgeschafft würde, dann wäre das eine Steuererhöhung. Mit dem Spruch »legal, illegal, scheißegal« hat das zunächst mal gar nichts zu tun.

  12. stefanolix sagt am 22. 05. 2010 um 08:26 Uhr:

    PS: Was mich wirklich wundert, ist etwas anderes. Nämlich dass der Ministerpräsident Tillich nach der Wahl auf einmal so sozialdemokratisch spricht ;-)

  13. Christian S. sagt am 22. 05. 2010 um 11:53 Uhr:

    Das ist doch aber letztlich Haarspalterei, Christian: wenn der ermäßigte Steuersatz ganz oder teilweise abgeschafft würde, dann wäre das eine Steuererhöhung.

    Selbstverständlich wäre es eine Steuererhöhung. Das habe ich nie bestritten.

  14. Buenavista sagt am 22. 05. 2010 um 13:55 Uhr:

    Es ging mir um die Sprachwahl. Wer Steuersätze als “ermäßigt” bezeichnet, der hält diese auch schnell für “Vergünstigungen”.

    Die Abschaffung des Satzes zu 7% ist übrigens eine Steuererhöhung von über 11%

    Die natürlich besonders die Geringsverdiener und Hartz4 Haushalte betrifft, die den Großteil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben.

  15. Christian S. sagt am 22. 05. 2010 um 17:23 Uhr:

    Der Satz ist ermäßigt.

  16. Christian S. sagt am 22. 05. 2010 um 18:13 Uhr:

    Und ja: je niedriger das Einkommen, desto übler wäre das Wegfallen des ermäßigten (!) Satzes.

    Das ginge ergo nur, wenn man gleichzeitig die sozialen Leistungen für Geringverdiener erhöhte.

    Einfacher wäre es, nur Grundnahrungsmittel mit 7& zu besteuern. Nur ist hier natürlich die Frage: was sind Grundnahrungsmittel?

  17. Wb sagt am 22. 05. 2010 um 18:20 Uhr:

    Isch jetzt ne üble Situation: Steuererhöhungen werden mit den “Liberalen” schwer zu machen sein, Sparen dagegen wird ungeil, weil es ja grossteilig(!) auch für Griechenland wäre – insgesamt scheint sich das baldige Abrauchen immer deutlicher abzuzeichnen.

    Sparen bringt unter diesen Umständen ja auch nüscht mehr und soll man – bevor die ganz grooosse Währungsreform kommt – die Leute noch mit Steuererhöhungen nerven? Nur für die 3 bis maximal 10 Jahre, die das Konstrukt noch halten wird, nah, da lassen wir mal die Finger von, werden sich die meisten Politiker denken…

  18. stefanolix sagt am 22. 05. 2010 um 18:26 Uhr:

    Wenn man sich überlegt, wen es am ehesten trifft, dann könnte man Tillichs Rhetorik übrigens dazu gebrauchen, um eine Erhöhung des Eingangssteuersatzes zu begründen. Der ist ja im Grunde auch irgendwie ermäßigt.

  19. Christian S. sagt am 22. 05. 2010 um 19:21 Uhr:

    Wenn man sich überlegt, wen es am ehesten trifft, dann könnte man Tillichs Rhetorik übrigens dazu gebrauchen, um eine Erhöhung des Eingangssteuersatzes zu begründen. Der ist ja im Grunde auch irgendwie ermäßigt.

    Klar, würde die FDP gerne machen, das ist mir schon klar.

  20. tigger sagt am 22. 05. 2010 um 20:22 Uhr:

    Der Satz ist ermäßigt.

    “Ermäßigt” kommt auf den Standpunkt an. Das ist so inhaltsleer wie “Sonderangebot”. Man könnte genausogut den höheren MwSt-Satz als “erhöht” bezeichnen.

  21. Christian S. sagt am 22. 05. 2010 um 20:44 Uhr:

    Das ist nicht inhaltsleer, sondern aus dem Gesetz abgeleitet. Vielleicht einfach mal die Links anklicken, die ich raussuche, in der irrigen Annahme, jemand würde sie lesen.

  22. tigger sagt am 23. 05. 2010 um 11:17 Uhr:

    Das ist nicht inhaltsleer, sondern aus dem Gesetz abgeleitet.

    Scho recht Christian, des wissa ma aa scho…LOL.

  23. Christian S. sagt am 23. 05. 2010 um 13:53 Uhr:

    Na dann ist’s ja gut.

  24. [...] also im Fluss. Leider wird noch immer nicht mit offenem Visier gekämpft. Stattdessen lassen Koch, Tillich und Konsorten Testballons steigen. Ob sie wieder eingeholt oder ob sie zum Platzen gebracht werden, weiß [...]

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