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Quatsch mit Soße

Zu einer echten Religion oder Ideologie gehören auch Rituale und Dogmen.

Zu dieser Kategorie muss man wohl auf die "Finanztransaktionssteuer" rechnen. Dieses Wunderinstrument soll zwei Ziele erreichen: Zum einen soll es Staatseinnahmen generieren (fiskalisches Motiv), zum anderen soll es Spekulationsgeschäfte unattraktiv machen (Lenkungsmotiv). Zur Beurteilung der Sinnhaftigkeit gehen wir erst einmal vom unwahrscheinlichen Fall aus, dass diese Steuer nicht umgangen wird. Welche Geschäfte wird sie wohl unattraktiv machen? Sicher, wo ständig zur Erzielung kleinster Margen Geld hin- und hergeschoben wird, würde eine deutliche Beruhigung eintreten. Aber sind das die Geschäfte, die uns von der Politik als so problematisch verkauft werden? Eher nicht, denn bei denen geht es um hohe Renditen, und die Transaktionshäufigkeit muss keine hohe sein. Mit einer solchen Steuer würde die Jagd nach hohen Renditen nicht etwa gebremst, sondern vielmehr angeheizt, denn die Anlage muss jetzt ja auch noch die Steuer mitverdienen, was ein entsprechend hohes Renditeversprechen mit sich bringt, während eine Anlage im Sparbuchbereich noch unattraktiver erschiene als jetzt. Wenn denn die Analyse stimmt, dass die Finanzmärkte zu sehr auf Renditechancen schielen und das dahinter stehende Risiko latent ignorieren, dann trägt eine solche Steuer nichts dazu bei, dieses Problem zu verringern – im Gegenteil, sie verschärft es.

Die Lenkung wirkt also genau da, wo sie das fiskalische Motiv bedienen könnte (beim hochfrequenten, aber minimalstmargigen hin und her), und sie versagt in allen anderen Fällen.

Warum wird sie jetzt doch kommen? Weil sie von interessierten Greisen offensichtlich erfolgreich als Ablenkungsmanöver konzipiert wurde, das zwar die wahren Ursachen der tiefen Krise nicht berührt, dafür aber an wegen ihrer Wirksamkeit politisch beliebte Reflexe der Wählerschaft appelliert, nämlich dass irgendwer anders wenn nicht schon alles zahlen, so doch einen erheblichen Anteil leisten solle. Zudem ist es eine Konsequenz aus dem von der Politik aufgebauten Sündenbock für das eigene Versagen, also den Spekulanten mit ihren nicht koscheren Geschäften. Diesem Erklärungsmuster hat sich in der Politik keiner entgegengestellt, es gilt dort also als allgemein akzeptiert und muss deswegen auch Folgen haben.

Es gibt übrigens ein sicheres Zeichen, dass dieses Instrument ein grottenschlechtes ist: Alle sind dafür. Und Häretiker wie Frank Schäffler, die dem Irrtum unterlagen, Mitglied einer liberalen Partei zu sein, müssen die Konsequenzen ziehen. Man braucht die Pöstchen schließlich noch ein paar Jahre.

bisher 56 Kommentare » Kommentare
  1. Muriel sagt am 18. 05. 2010 um 19:35 Uhr:

    Es ist gleichzeitig beruhigend und besorgniserregend, dass unsere Meinungen in einem Gebiet so weit auseinander und in einem anderen so deckungsgleich sein können.
    Ich bin noch nicht ganz überzeugt, dass sie wirklich kommt. Aber zutrauen würde ich’s denen. Ist ja so offensichtlich eine gute Idee.

  2. Buenavista sagt am 18. 05. 2010 um 19:55 Uhr:

    Müßige Diskussion. Die kommt nie. Und ich bin versucht, Rayson Recht zu geben (sic!)

    Es hat ja schon Versuche gegeben. Haben alle fast nichts gebracht.

  3. Muriel sagt am 18. 05. 2010 um 20:16 Uhr:

    Ich lese gerade, dass als nächstes die ungedeckten Leerverkäufe verboten werden sollen. Ach, es ist eigentlich lustig, wenn man es mal mit ein bisschen Distanz betrachtet.

  4. Buenavista sagt am 18. 05. 2010 um 20:30 Uhr:

    So lustig eben nicht, solange solche Geschäfte mit staatlichem Netz betrieben werden können.

    Wer spekulieren will, soll das tun. Doch er muss das Risiko allein tragen. Genau das ist momentan vielfach nicht der Fall.

    Ungedeckte Leerverkäufe (Betonung auf ungedeckt) sind m.E. aber Glücksspiel.Und beim Glücksspiel muss ich den Einsatz vorher bringen. Kein Kasino lässt mich mit der Versicherung spielen, ich würde den Einsatz ja mit meinen Gewinnen begleichen.

  5. der gute don sagt am 18. 05. 2010 um 20:33 Uhr:

    ich sehe das ganz genauso, lenkungstechnisch irrelevant, man verfällt in das übliche Denkmuster und hält zudem Europa und sich für zu wichtig – ein Nebeltopf.

  6. stefanolix sagt am 18. 05. 2010 um 20:46 Uhr:

    Und übrigens: kein Kasino lässt Dich ohne Steuern spielen …;-)

  7. Robert Michel sagt am 18. 05. 2010 um 20:47 Uhr:

    @Buenavista: Das Ausfallrisiko dürfte sich in Grenzen halten, immerhin haften die Börsen, wenn die Gegenseite eines Geschäfts ausfällt. Sie werden sich also schon im Vorfeld entsprechend abgesichert haben (z.B. indem sie eine Margin auf ungedeckte Leerverkäufe verlangen).

    Die Sorge der Bafin scheint mir eher zu sein, dass massive Leerverkäufe einen Crash auslösen.

  8. Wb sagt am 18. 05. 2010 um 20:53 Uhr:

    Sehr überzeugender Vortrag von Schäffler.

    Über die Spekulantenbesteuerung und -regulierung wurde schon genug angemerkt, lustig, dass die FDP hier mitschwimmt.

    BTW, Spekulanten sind wir alle (auch wenn wir damals vielleicht nicht die nichtvollziehbare Steuer auf kurzfristige Finanztransaktionen gezahlt haben, vergessen haben zu zahlen, höhö).

    MFG
    Wb

  9. googlehupf sagt am 19. 05. 2010 um 01:40 Uhr:

    Es ist wirklich zum Kotzen (Verzeihung) was gerade auf Bundesebene passiert. Und es gibt tatsächlich Leute die was von einer irgendwie gearteten Vorherrschaft des Neoliberalismus schwadronieren.

  10. momorulez sagt am 19. 05. 2010 um 07:32 Uhr:

    Und wieso ist es kein Dogma oder quasi-religiös, grundsätzlich gegen solche Instrumente wie diese Steuer zu sein und jegliche Schuld immer und ausschließlich bei der Politik zu suchen?

  11. dirk sagt am 19. 05. 2010 um 07:32 Uhr:

    Diesem Erklärungsmuster hat sich in der Politik keiner entgegengestellt, es gilt dort also als allgemein akzeptiert und muss deswegen auch Folgen haben.

    Das ist das wirklich Erbärmliche. Die Steuer an sich kann man ja verkraften, aber dass die Politik anscheinend wirklich jeden Unfug zur kollektiven Weisheit machen kann, ist kein gutes Zeichen.

  12. dirk sagt am 19. 05. 2010 um 07:36 Uhr:

    @momorulez

    Wenn man die Schuld immer und ausschließlich beim Staat suchte, wäre es in der Tat ein Dogma. Das macht aber keiner.

    Genauso wäre es ein Dogma, wenn man die Probleme immer nuir beim Markt und die Lösung immer nur beim Staat sieht.

    Wenn man hingegen für die Eurokrise “Spekulanten” verantwortlich macht, ist es Blindheit.

  13. R.A. sagt am 19. 05. 2010 um 08:12 Uhr:

    @Robert:

    Das Ausfallrisiko dürfte sich in Grenzen halten, immerhin haften die Börsen, wenn die Gegenseite eines Geschäfts ausfällt.

    Bei normalen Börsengeschäften (ohne CCP) haften die Börsen nicht.

    Trotzdem kann man damit rechnen, daß der Leerverkäufer am Ende auch liefert – es hat bisher noch nie eine Pleite wg. Leerverkäufen gegeben.

  14. Andreas sagt am 19. 05. 2010 um 09:14 Uhr:

    Da es sicherlich viele geben wird, die jetzt sagen: dann geht es wenigstens den High-Frequeny-Zockern an den Kragen, sei folgende Anmerkung ergänzt:

    Gerade durch die Eindämmung dieses Geschäfts, welches ja auch Arbitragehandel einschließt, wird durch die Anhebung der Schwellen, ab denen sich dies lohnt, die Volatilität an den Märkten tendeziell eher zu- als abnehmen, weil eben diese grundsätzlich eher ausgleichenden Handelsaktivitäten aus dem Markt gedrängt werden.

  15. Max sagt am 19. 05. 2010 um 09:32 Uhr:

    Was ich besonders krass find, ist das Rayson scheinbar recht hat: Die Mehrheit der Bürger findet das auch noch gut. Wenn selbst ein Poll im Internet auf den Seiten der Welt-Online zu einem 70% Ja-Votum kommt, dann lässt das für die allgemeine Öffentlichkeit nicht viel gutes hoffen.

    @Andreas: Ja, stimme ich zu, besonders in längeren Zeiträumen ist es dann doch recht volatile, da sich die Taktzeiten von Sekunden auf Minuten verschieben werden. Gleichzeitig kann man natürlich auch argumentieren, dass Fast Trading weiterhin praktiziert wird, die Kosten werden halt einfach auf den Kunden umgelegt.

    Beides sind keine wirklich hoffnungsvollen Alternativen.

  16. dirk sagt am 19. 05. 2010 um 10:15 Uhr:

    Zumal das Ausnutzen kleinster Arbitragemöglichkeiten und/oder Liquiditätsengpässe gar nicht der Kern des Problems sind. Da werden gerade nicht die systematischen Risiken eingegangen! Reinstes Ablenkungsmanöver – wie Rayson schon sagte – nicht nur von den Fehlern der Politik sondern auch die eigentlichen Probleme bei den Finanzmärkten.

    Das Problem ist vielmehr, dass das Risikomaß, das die Regulierung vorgibt, nur einen Betrachtungszeitraum von 1 bis 10 Tage umfasst. Die implizite Annahme des Risikomanagements istg also, dass man seine gesamte Position im Falle eines Falles innerhalb von 10 Tagen auflösen kann und man nur dem Preisänderungsrisiko innerhalb dieser kurzen Frist ausgesetzt ist. Wenn das aber alle machen (Stichwort systemisches Risiko), kracht der Preis zusammen und die Strategie schlägt fehl. Hier muss man ansetzen.

    Hedgefonds sollten auch unreguliert bleiben aber Kredite an Hedgefonds sollten mit 100% Eigenkapital hinterlegt werden (ohne Transparenz kann man deren Risiko ja nicht messen). Da hätte ich nichts dagegen. (Ebenso Kredite an Staaten, die too big too fail sind :-) )

  17. R.A. sagt am 19. 05. 2010 um 12:55 Uhr:

    Ebenso Kredite an Staaten, die too big too fail sind :-)

    Der US-Senat sieht das offenbar etwas realistischer:
    “Greece is not by any stretch of the imagination too big to fail.”

    Weiß jemand, welche Konsequenzen dieser Beschluß haben könnte? Ist das Euro-”Rettungs”-Paket hinfällig, wenn der IWF sich nicht beteiligt?

  18. dirk sagt am 19. 05. 2010 um 13:03 Uhr:

    Der US-Senat sieht das offenbar etwas realistischer:
    “Greece is not by any stretch of the imagination too big to fail.”

    Das sind die in der Tat nicht. Aber wenn die deutsche Politik sie dafür hält, hätte ich gerne die konsequente Diskussion. Genauso wie die einer Zerschlagung Frankreichs, Deutschlands etc.

    Übrigens sind auch hier die Eigenkapitalregeln mangelhaft. Ich kann ja verstehen, dass man grundsätzlich nur soviel Eigenkapital bereit stellt wie dem Ausfallrisiko also dem zu erwartenden Ausfall entspricht. Mit dem Gesetz der großen Zahlen sollte sich ja über das Portfolio hinweg tatsächlicher Ausfall und zu erwartende Ausfall angleichen.

    Das gilt aber nicht für große Staaten. Was für einen Sinn macht es 0.005 % vom in deutsche Staatsanleihen investierten Beträgen zurückzulegen? Entweder der Schuldner fällt nicht aus, dann war es überflüssig, oder er fällt aus, dann war es viel zu wenig.

  19. Wb sagt am 19. 05. 2010 um 14:12 Uhr:

    Man fragt sich auch was als Nächstes kommt, jetzt hat der Hosenanzug ja die Leerverkäufe (Kalauer: Na loge, wer kauft denn auch schon nicht?) verboten, eine Maßnahme, die bei einer bürgerlichen Partei kaum denkbar war bisher.

    OK, dann sind wohl bald die Zinswucherer dran, höhö, ja, der Hosenanzug ist wirklich das Letzte.

  20. Lemmy Caution sagt am 19. 05. 2010 um 14:28 Uhr:

    Für die Kontrolle gegen zu hoher Hebelung kann man sich ja noch eine weitere Steuer ausdenken.
    Aus Gründen der Steuergerechtigkeit sehe ich es nicht ein, warum gerade Finanztransaktionen steuerfrei gestellt werden.
    Wenn ich beim Kaufmann klingende Münze gegen ein Eis austausche, wird da Mehrwertssteuer daraufgeschlagen.
    Wenn jemand für meine Dienste klingende Münze zahlt, gehen da alle möglichen Steuern drauf und ausserdem werden damit ganze Sozialsysteme finanziert.
    Macht es wirklich Sinn, Finanztransaktionen steuerfrei zu stellen?

    Kann ich nicht wirklich einsehen. Zumal eine solche Steuer progressiv wohl eher Besserverdienenden belasten würde. Bin halt gegen ein weiteres Auseinanderdriften der Lebensverhältnisse dieses Landes.

    Ein großes Problem dieser Investmentbanken war übrigens die sehr kurzfristige Finanzierung. Die mußten praktisch jeden Tag ihre Kredite neu klarmachen. Ein solches Verhalten würd eine Transaktionssteuer verteuern. Ok. Nicht viel. Zumindest ist die Debatte für eine ernsthafte Re-Regulierung des Finanzmarktes gestartet. Auch wenn die ersten Vorschläge dann vielleicht doch nicht so das gelbe sind. Ich seh das als Entdeckungsverfahren.

  21. Hayek sagt am 19. 05. 2010 um 15:54 Uhr:

    Diesem Erklärungsmuster hat sich in der Politik keiner entgegengestellt, es gilt dort also als allgemein akzeptiert und muss deswegen auch Folgen haben.

    Kein Politiker gibt sich selber die Schuld. Und schon gar kein Wähler. Wie ich schon oft gesagt habe: Der Wähler will diese Politik also wird es umgesetzt. Eine typische Verschlimmbesserung durch die GutmenschInnen wäre die Folge.

    Warum wird sie jetzt doch kommen?

    Wieso sollte sie kommen? Wie kommst du da drauf? Dieser Blödsinn wird natürlich nicht kommen. Wir reden hier nur von Europa. Und Europa redet viel Quark, wenn der Tag lang ist. Ich nehme doch an Obama wird diesen Unsinn nicht mitmachen und sich stattdessen auf den Glass-Steagall-Act besinnen. Er hat schon Andeutungen in diese Richtung gemacht.

  22. R.A. sagt am 19. 05. 2010 um 16:22 Uhr:

    @Wb:

    jetzt hat der Hosenanzug ja die Leerverkäufe … verboten

    Nein.
    Verboten wurden nur die ungedeckten Leerverkäufe (also solche ohne Collateral-Absicherung).

    Und die hat es eigentlich in Deutschland nie gegeben, damit würde man gegen andere Vorschriften verstoßen.

    Das ganze Verbot ist also im wesentlichen eine populistische Nullnummer. Aber mit heftiger Reaktion der Märkte, weil man noch mehr so inkompetente Schnellschüsse befürchtet.

  23. R.A. sagt am 19. 05. 2010 um 16:28 Uhr:

    @Caution:

    Für die Kontrolle gegen zu hoher Hebelung kann man sich ja noch eine weitere Steuer ausdenken.

    Steuern sind generell kein Ersatz für Regulierung.

    Wenn man schon meint, irgendetwas regeln zu müssen, dann muß man Grenzen setzen, Bedingungen formulieren, überwachen.
    Wohlgemerkt: “Wenn”.

    Denn eigentlich ist das zum größten Teil Unsinn, insbesondere wenn die Regulierer so wenig Ahnung haben wie unsere Regierung (und noch schlimmer: unsere Opposition).

    Aus Gründen der Steuergerechtigkeit …

    Der Vergleich ist schief. Auch in der “Realwirtschaft” werden Transaktionen nicht besteuert.

    Es gibt nur Gewinnversteuerung (die gibt es in der Finanzbranche genauso) und Endverbrauchssteuern.Wenn Du also aus “Gerechtigkeitsgründen” die Sparbuchnutzung mit einer Umsatzsteuer belegen willst – bitte sehr. Hat aber auf den Finanzmarkt keinen Einfluß.

    Zumindest ist die Debatte für eine ernsthafte Re-Regulierung des Finanzmarktes gestartet.

    Eben nicht. Es ist ein hektischer Wettlauf populistischer Dumm-Forderungen gestartet worden.
    Von Leuten, die den Finanzmarkt auch nicht ansatzweise verstehen. Da wird nur Unsinn bei rauskommen können – denn es werden Maßnahmen losgetreten, ohne vorher mal sauber analysiert zu haben.
    Entdeckungsverfahren.

  24. Wb sagt am 19. 05. 2010 um 16:47 Uhr:

    @RA

    Das ganze Verbot ist also im wesentlichen eine populistische Nullnummer. Aber mit heftiger Reaktion der Märkte, weil man noch mehr so inkompetente Schnellschüsse befürchtet.

    Sischer. Es hört sich diabolisch an so ein “Leerverkauf”, gell, da möchte man doch sicherlich auch an andere Marktinstrumente ran.

    Und sicherlich wird sich hier ein mephistolophelischer Aufruf mit folgendem Gesetzesentwurf (Referenentenwntwürfe sind ja heutzutage nicht mehr lange existent, bevor sie umgesetzt werden, man ist ja in der Krise) finden; Hosenanzug sicherlich schon ganz Ohr, von Schäuble ganz zu schweigen…

    MFG
    Wb

  25. Wb sagt am 19. 05. 2010 um 16:50 Uhr:

    Bitte mal einen “gedeckten Leerverkauf” definieren, jetzt auf einmal Wb ganz Ohr, höhö…

  26. dirk sagt am 19. 05. 2010 um 18:32 Uhr:

    mal sehen wie schnell ein Derivat am Markt ist, das dieselbe Auszahlung hat wie ein Leerverkauf.

  27. Lemmy Caution sagt am 19. 05. 2010 um 19:04 Uhr:

    @R.A.

    Steuern sind generell kein Ersatz für Regulierung.

    Steuern sind ein effektives Mittel zur Änderung der Anreize im Finanzsystem im Rahmen einer Re-Regulierng.

    Der Vergleich ist schief. Auch in der “Realwirtschaft” werden Transaktionen nicht besteuert.

    Die Umsatzsteuer besteuert keine Transaktionen in der Realwirtschaft?

    Von Leuten, die den Finanzmarkt auch nicht ansatzweise verstehen. Da wird nur Unsinn bei rauskommen können – denn es werden Maßnahmen losgetreten, ohne vorher mal sauber analysiert zu haben.

    Und welche Vorschläge hättest du?
    Ich höre hier tendentiell eher nur:
    To big to fail ist schlecht aber eben keine konkreten Vorschläge, mit welchen Spielregeln das System verbessert werden könnte. Nach den Finanzkrisen in Lateinamerika und Asien GAB ES DORT neue Spielregeln. Brasilien besitzt heute eine 2% Steuer auf ausländisches Finanzkapital. Oh, oh, das erhöht ja die Profite der inländischen Kapitalbesitzer. Seltsamerweise entwickelt sich das Land aber wie vielleicht nie in seiner Geschichte. Natürlich nicht nur wegen dieser Maßnahme. Aber besonders störend scheint sie nicht zu sein. Chile verlangte in den 90ern eine Art zinslose Mindestreserve bei der Zentralbank für Finanzinvestoren. Das Land ging stabil durch die Turbulenzen in Schwellenländern zwischen 1995 bis 2002.

    Die wurden auch oft kritisiert. Aber gerade diese Länder waren SEHR ROBUST gegenüber den Auswirkungen der Finanzkrise. Dort hat man politisch drauf reagiert. Hier geschieht gar nichts. Hier erzählt man mir etwas von Verringerung von Arbitrage-Gewinnen durch Volumen. Dabei senden die Finanzmärkte mit ihren höchstbezahlten und sicher auch intelligenten Akteuren zu viele falsche Signale.

  28. Rayson sagt am 19. 05. 2010 um 19:45 Uhr:

    @Lemmy Caution

    Eine Steuer auf Finanztransaktionen taugt nicht zur Regulierung, weil sie keins der bislang als solche erkannten Probleme angeht. Wenn ein “wilder Junge” in der Straße Fußball spielt und dabei regelmäßig die Fensterscheiben seiner Nachbarn zerdeppert, seine Eltern aber immer ungerührt alle Rechnungen übernehmen, wird auch eine unter allen Kindern der Straße erhobene Umlage zur teilweisen Entschädigung seiner Eltern nichts an seinem Verhalten ändern. Erst, wenn er selbst die Kosten seines Verhaltens tragen muss und sich deswegen längere Zeit erst mal nichts mehr leisten kann, gibt es eine Chance, dass er zur Einsicht kommt.

    Mit anderen Worten: Die Konsequenz des Marktes, nämlich der nach Fehlentscheidungen zu tragende Verlust, lässt sich nicht dadurch ersetzen, dass der Staat den Verlust einerseits komplett auffängt, andererseits aber ohne Rücksicht darauf, wer denn nun konkret die Fehlentscheidungen getroffen hat (“die Banken” als Einheit gibt es nicht), willkürlich irgendwelche Steuern erhebt. Es geht nicht darum, neue Pillepalle-Spielregeln einzuführen, sondern die ständigen Suspendierungen einer wirklich fundamentalen Regel endlich zu beenden. Es ist ja gerade ihre Wirksamkeit, wegen der sie immer wieder vom Staat außer Kraft gesetzt wird – da soll mir dann kein Politiker kommen und irgendwas von Regulierungsbedarf faseln.

    Chile verlangte in den 90ern eine Art zinslose Mindestreserve bei der Zentralbank für Finanzinvestoren.

    Erhöhte Eigenkapitalanforderungen sind eine sinnvolle Sache. Fordert die einer? Nö, mit Steuern lässt sich doch viel populistischere Politik machen. Was Eigenkapital ist, versteht kaum einer, und bei “Mindestreserve” klinkt sich dann der Rest der Bevölkerung aus.

    P.S.:

    Die Umsatzsteuer besteuert keine Transaktionen in der Realwirtschaft?

    Die “Allphasen-Netto-Umsatzsteuer mit Vorsteuerabzug” nicht. Ihre Höhe ist unabhängig von der Zahl der Transaktionen in der Wertschöpfungskette, im Gegensatz zur Umsatzsteuer alten Typs bis 1968.

  29. Rayson sagt am 19. 05. 2010 um 19:54 Uhr:

    @MR

    Wer redet hier von Schuld? Es geht darum, ob bestimmte Lieblingsinstrumente der Politik tatsächlich geeignet sind, das Ziel zu erreichen, wegen dessen sie angeblich eingeführt werden sollen, und ob sie nicht auch noch Folgen haben, die von den Anhängern dieser “Lösung” unter den Tisch gekehrt werden.

    Die (ordo)liberale Antwort auf die Finanzkrisen dieser Zeit erschöpft sich im Gegensatz zur Masche der Politik nicht darin, irgendjemandem eine Schuld zuzuweisen, sondern sie verlangt eine Rückbesinnung auf die Rolle des Staates als Setzer von Rahmenbedingungen, an die er sich dann aber gefälligst auch selbst zu halten hat, statt – *das* große Übel staatlichen wirtschaftlichen Handelns – willkürlich und diskretionär ins Geschehen einzugreifen, um immer wieder “corriger la fortune” zu betreiben.

  30. Buenavista sagt am 19. 05. 2010 um 20:01 Uhr:

    Bitte mal einen “gedeckten Leerverkauf” definieren, jetzt auf einmal Wb ganz Ohr, höhö…

    Die Definitionen scheinen da nicht ganz eindeutig zu sein. Im strengeren Sinne muss man bei einem “ungedeckten Leerverkauf” weder im “Leihbesitz” der Aktie sein noch jemals einen Besitzanspruch darauf haben. Es sind also reine Wetten. Die haben eigentlich im Finanzgeschäft nichts verloren. Das Problem ist nämlich, dass diese Wetten völlig unüberschaubar und kontrollierbar werden, da es keine physischen Grundlagen mehr gibt. Man kann mit kleinen Einsätzen und irrwitzigen Hebeln Millionen oder Milliarden bewegen, und wenn es mal richtig schief geht, schreit die Bank nach dem Bailout.

  31. momorulez sagt am 19. 05. 2010 um 20:12 Uhr:

    @Rayson:

    “Es geht darum, ob bestimmte Lieblingsinstrumente der Politik tatsächlich geeignet sind, das Ziel zu erreichen, wegen dessen sie angeblich eingeführt werden sollen”

    Ja, so weit, so rational. Wieso denn dann dieses Religionsgerede? Wenn man ergänzend noch fragen würde, welche Lieblingsinstrumente in der Realwirtschaft Sinn machen und welche nicht, wird es noch rationaler.

    Und das zumindest für mich überraschende z.B. gestern bei Maischberger – gucke ich sonst gar nicht, aber ich habe mich in Frau Wagenknecht verliebt :-D , und ich will jetzt auch keineswegs behaupten, dass in solchen Sendungen sonderlich profund diskutiert würde – waren ganz seltsame Konstellationen dabei, sich herauszubilden: Ein Wirtschaftsprofessor, Frau Wagenknecht und ein ehemaliger Wirtschaftsminister aus Österreich, der jetzt in irgendwelchen Fonds rumhudelt, waren sich ständig einig gegen einen unerträglich selbstgefälligen CDU-Staatssekretär. Übrigens alle drei im Grunde genommen, zwei wohl, ohne es zu merken, durchaus an Marx orientiert.

    Gegen Ende irgendwann auch nicht mehr, das war aber deshalb spannend, weil phasenweise die ganzen auch von uns eingeübten Stellungskriege weg waren.

    Und das Ganze hörte auf, interessant zu werden, als der österreichische Ex-Minister Frau Wagenknecht Populismus vorwarf, während er populistisch gegen Steuererhöhungen Front machte, und der CDU-Hansel sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als Frau Wagenknecht die Folgekosten des real-existierenden Sozialismus vorzuhalten.

    Will sagen, und mehr auch nicht: In der ganzen Diskussionslage brechen gerade Fronten auf, so scheint es mir zumindest, und das ist ja eine Chance. Die man vielleicht verbaut, wenn man mit Populismus- oder Religionssottisen hantiert ,,,

  32. Rayson sagt am 19. 05. 2010 um 21:10 Uhr:

    @MR

    Das “Religionsgerede” bezieht sich (per Link nachvollziehbar) ziemlich konkret auf den Zusammenhang im Eintrag zuvor, also wie uns die aktuelle Politik der Bundesregierung momentan präsentiert wird. Und nicht nur uns: Peter Gauweiler berichtete heute im DLF davon, wie Köhler und Merkel bei einer Feierstunde zur Einführung des neuen Verfassungsgerichtspräsidenten Druck auf das oberste deutsche Gericht ausgeübt hätten, wobei Köhler offensichtlich nicht störte, dass er jetzt das Gegenteil von dem erzählt, was er noch als Repräsentant des Sparkassen- und Giroverbandes vertrat.

    Wir sind da gerade in einer ganz großen Nummer drin. Diskussion ist unerwünscht, Abnicken und Folgen ist angesagt. Der Eindruck verfestigt sich, dass die Politik ihre Überforderung hinter starken Worten zu kaschieren versucht. Für die Weichenstellungen, die jetzt erforderlich sind, ist unsere politische Klasse anscheinend nicht mehr gerüstet – im Gegensatz zu den Persönlichkeiten, die noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Szene beherrschten.

    Witzigerweise habe ich gerade einen Eintrag verfasst, in dem ich auch auf die Maischberger-Sendung Bezug nehme. Es wird dich vielleicht wenig überraschen, wenn meine Wahrnehmung eine andere ist. Zwar war die Position Kampeters notgedrungen schwach (weil eben all das gilt, was ich eben und vorher geschrieben habe ;-) ), aber die Parolen der Wagenknecht waren keineswegs überzeugender. Und dass sich Homburg oder Grasser auf Marx gestützt hätten, wiewohl “ohne es zu merken”, konnte ich wirklich nicht erkennen.

    Ein “Aufbrechen der Fronten” sehe ich übrigens ebenso wenig. Wo soll sich das denn manifestieren? Jetzt mal abgesehen davon, dass sich der politische Gegner (bzw. Feind) weigert, dem selbstgebauten Strohmann zu entsprechen…

  33. Rayson sagt am 19. 05. 2010 um 22:09 Uhr:
  34. Wb sagt am 20. 05. 2010 um 02:46 Uhr:

    @Bueno

    [Leerverkauf...]Das Problem ist nämlich, dass diese Wetten völlig unüberschaubar und kontrollierbar werden, da es keine physischen Grundlagen mehr gibt.

    Sach ich doch, nieder mit den Wucherern!

    Wohltuend wie Rayson hier den ordoliberalen Ansatz zitiert und erklärt. Dieser scheint ja mittlerweile weitgehend vergessen, Rahmenbedingungen setzen?, häh, was ist das?

    Weltwoche-Köppel hat kürzlich die These vertreten, dass in Gesellschaften, in denen 40% der Bürger mehr als 50% ihrer Einnahmen vom Staat beziehen (IFO?-Studie), Tendenz steigend, in Großstädten bis zu 70%, dass in solchen Ländern eine Demographie erreicht kann, die ein endgültiges Kippen möglich werden lässt.
    Schwer zu sagen, vielleicht ist man da jetzt dran.

    MFG
    Wb

  35. Wb sagt am 20. 05. 2010 um 04:36 Uhr:

    Noch mal zu diesen Leerverkäufen, vgl. auch: http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E27EEBDF4D87C4880AE64DB93DA974EC5~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Man hat also die Leerverkäufe, bei denen es sich um reine Wetten handelt, verboten, die waren möglicherweise schon vorher verboten oder zumindest stark erschwert, also praktisch so zu sagen verboten, Wb hat hier Hinweise; also Symbolpolitik (und Vorbereitung weiterer Maßnahmen).

    Frage: Die Beschreibung in der FAZ ist doch falsch oder zumindest irreführend, es bestehen grundsätzlich keine höheren Risiken beim “klassischen” und jetzt verbotenen Leerverkauf vgl. mit der “Variante 1″?
    Außerdem will der Käufer ja wetten, warum soll der sich “gegen Gebühr” intentionsabweichend dementsprechende Papiere leihen? Tss, tss …

    Wäre nett, wenn einer mal kurz und erklärend zusammenfassen könnte…

    MFG
    Wb

  36. momorulez sagt am 20. 05. 2010 um 07:17 Uhr:

    @Rayson:

    Hättest Du das jetzt mit dem “Strohmann” nicht geschrieben, hätte ich sogar drauf geantwortet ;-) – und “Parolen” hat einzig dieser CDU-Heini abgesondert, und Töchterchen Schmidt.

  37. R.A. sagt am 20. 05. 2010 um 08:17 Uhr:

    @Lemmy:

    Und welche Vorschläge hättest du?

    Die Grundregel sollte sein: Die Akteure sollen ruhig handeln wie sie wollen (kann von Staatsbürokraten sowieso nicht beurteilt werden), aber Schäden konsequent selber tragen.

    Das bedeutet einerseits eine sichere Eigenkapitalunterlegung, andererseits klare CAP-Regeln (Client-Asset-Protection).

    Dann kann eine Bank so big sein wie sie will – wenn sie failed, ist der Schaden für Dritte so begrenzt, daß keine “Rettung” nötig ist.

  38. R.A. sagt am 20. 05. 2010 um 08:26 Uhr:

    @Buenavista:

    Im strengeren Sinne muss man bei einem “ungedeckten Leerverkauf” weder im “Leihbesitz” der Aktie sein noch jemals einen Besitzanspruch darauf haben.

    Das ist erst einmal nur die Definition von “Leerverkauf”.
    Das “ungedeckt” bezieht sich darauf, daß der Verkäufer keine ausreichenden Sicherheiten hinterlegt.
    Soll heißen: Wenn der Kurs nicht wie erhofft sinkt, sondern steigt, macht der Leerverkäufer ja massive Verluste. Und die muß er tragen können, damit nicht die Käufer das Problem bekommen (die können ja gar nicht wissen, ob die Gegenpartei leer ist oder nicht).

    Das Ganze ist aber eher ein theoretisches Problem, da noch kein Leerverkäufer in die Pleite gegangen ist – die Maßnahme hat also überhaupt nichts mit irgendwelchen Finanzkrisen zu tun.

    Es sind also reine Wetten. Die haben eigentlich im Finanzgeschäft nichts verloren.

    Das ist falsch.
    Im Gegenteil sind “Wetten” absolut notwendig, weil nur sie Absicherungen ermöglichen.

    Bei allen diesen Geschäften (auch im Derivatebereich) geht es im Kern immer darum, daß jemand Risiken loswerden möchte. Die verkauft er an einen “Spekulanten”, dem dann auch die entsprechenden Gewinne zustehen.

    Und das ist alles völlig problemlos, solange der “Spekulant” auch etwaige Verluste tragen kann, d.h. das Risiko auch wirklich nimmt und nicht im Schadensfall an die Allgemeinheit weiterreicht.

    Der Schlüssel liegt also schlicht bei den Eigenkapitalregeln. Die “Spekulanten” müssen die Zeche selber zahlen und es muß gesichert sein, daß sie das auch können.

    Wenn das gewährleistet ist, dann ist “Spekulation” sinnvoll und nützlich.

  39. Lemmy Caution sagt am 20. 05. 2010 um 08:30 Uhr:

    @Rayson:
    Der fiskalische Aspekt einer Börsenumsatzsteuer überzeugt mich auch mehr als der regulatorische. Bezüglich der Besteuerung von Gewinnen kann sich der Finanzsektor allemöglichen Tricks konstruieren, um Gewinne zu verbergen.
    Die Fensterscheibengeschichte sehe ich als Argumentationslinie um unsere “großartigen” liberalisierten Finanzmärkte beizubehalten. Lassen wir doch die dort arbeitenden Damen und Herren ein immer größeren Anteil des Gesamteinkommens zukommen! Es ist doch völlig egal, dass sie ihre eigentliche Funktion (Allokation von Ressourcen in die rentabelsten Bereiche) schon lange äußerst schlecht ausführen. Schuld hat natürlich die Politik.
    Wir hätten damals einfach die Banken pleite gehen lassen sollen. Warum haben sich die tumben Politiker da eingemischt? Dass die Bankenzusammenbrüche der 30er verheerende Auswirkungen auf das Finanzsystem hatten, ist populistische Legende.

    Lemmy: Chile verlangte in den 90ern eine Art zinslose Mindestreserve bei der Zentralbank für Finanzinvestoren.

    Rayson: Erhöhte Eigenkapitalanforderungen sind eine sinnvolle Sache.

    Es war keine Mindestreserve bei Kreditgewährung durch Geschäftsbanken an die du jetzt denkst.
    Der Investor will 100 Dollar investieren. Der chilenische Staat sagt ihm, dass er zusätzlich 2% zinslose Mindestreserve in der Banco Central de Chile halten muss. Das IST eine Tobin Steuer, obwohl es technisch eine Mindestreserve ist.

    Die “Allphasen-Netto-Umsatzsteuer mit Vorsteuerabzug” nicht. Ihre Höhe ist unabhängig von der Zahl der Transaktionen in der Wertschöpfungskette, im Gegensatz zur Umsatzsteuer alten Typs bis 1968.

    In der “Allphasen-Netto-Umsatzsteuer mit Vorsteuerabzug” wird jeder Schritt der Kette wird gemäss seiner Wertschöpfung besteuert.
    Auch eine Transaktionssteuer im Finanzmarkt wäre unabhängig von der Menge der Transaktionen.
    10 Transaktionen zu 10 Euro.
    ergeben die gleiche Steuer wie
    1 Transaktion zu 100 Euro.
    Den Unterschied zur Umsatzsteuer sehe ich somit nicht.

    Stimmt aber, dass ich auch keinen Plan habe, wie man den Finanzsektor besteuern sollte.

  40. Boche sagt am 20. 05. 2010 um 09:03 Uhr:

    Kann man das Verbot “ungedeckter Leerverkäufe von Staatsanleihen” laienhaft damit übersetzen, dass verboten sein soll zu wetten, wie kreditwürdig der Staat in Zukunft sein wird?

  41. Buenavista sagt am 20. 05. 2010 um 11:27 Uhr:

    RA

    Möglicherweise habe ich mich ungenau ausgedrückt. Der Unterschied zwischen Leerverkauf und ungedecktem Leerverkauf scheint allerdings so präzise nicht definiert zu sein.

    Wikipedia schreibt jedenfalls:

    Im Zusammenhang mit Wertpapierleerverkäufen existiert die Praxis des Naked Short Selling (im Deutschen mit „nackter“ oder „ungedeckter“[1] Leerverkauf wiedergegeben). Die Begriffsbildung ist uneinheitlich. Eine Definition ist, dass der Leerverkäufer sich zum Zeitpunkt des Verkaufs noch kein Eigentum am leer verkauften Wertpapier verschafft hat.[2] Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) fasst in ihren Allgemeinverfügungen, zuletzt vom 18. Mai 2010, den Begriff enger und versteht unter ungedeckten Leerverkäufen jene, bei denen sich der Verkäufer weder Eigentum verschafft noch einen Anspruch auf einen Eigentumsübertrag hat.[3][4] Ähnlich ist die Begriffsbildung der SEC in den Vereinigten Staaten, für die ein Naked Short Sale vorliegt, wenn der Verkäufer nicht rechtzeitig für Eindeckung sorgt und so Gefahr läuft, in Lieferverzug zu kommen.[5] Die Bezeichnung Naked Short Selling wird aber auch für einen normalen Leerverkauf mit Leihe verwendet.[6]

    Es geht also nicht um die Liquidität des Leerverkäufers, sondern darum, ob er einen Eigentumsanspruch am Leerverkauften hat bzw. dieses im Fall der Fälle tatsächlich rechtzeitig liefern kann.

    Es geht m:E. auch weniger darum, ob der Verkäufer “flüssig” ist – das muss er im Bereich der Margen sein, die allerdings durch die oft riesigen Hebel winzig sind. Das Problem ist, wenn ich etwas verkaufe, das ich gar nicht habe bzw. nie haben werde, und das mit absurd hohen Hebeln, dann kann ich mit relativ geringem Einsatz Riesensummen bewegen, ohne dass es überhaupt eine physische Basis gibt. Finanzmärkte werden dadurch immer undurchschaubarer und entziehen sich der Kontrolle (wobei ich unter Kontrolle weniger Gängelung, als vielmehr Kontrolle wie in einem Atomkraftwerk sehe). Je aufgeblähter dieser virtuelle Handel wird, desto katastrophaler können die Folgen sein, wenn eine Kleinigkeit schiefgeht.

    Was Wetten betrifft: Nein, da muss man unterscheiden zwischen völlig legitimen Absicherungen und reinen Wetten.

    CDS auf Kreditereignisse, die einen selbst gar nicht betreffen, sind glücksspielhafte Wetten.

    Ich bin nicht unbedingt für Verbote, auch wenn die Welt gut ohne diese Vehikel auskommen würde. Aber ich bin für Transparenz und Kontrolle, damit diese Wetten keinen Schaden anrichten können. Selbst George Soros wetterte ja schon: “Dieser Markt ist völlig unreguliert, und niemand weiß, ob sein Vertragspartner im Falle eines Kreditausfalls tatsächlich zahlen kann.”

    @Boche
    Das Problem ist wohl, dass diese Wetten direkten Einfluss auf das Geschehen nehmen können, gewissermaßen zur self fulfilling prophecy.

    Wenn ich darauf wette, dass der FC Bayern die Champions League gewinnt, juckt das den FCB oder Inter nicht. Und ich muss – so ist das bei Wetten – den Einsatz VORHER bringen.

  42. Boche sagt am 20. 05. 2010 um 11:46 Uhr:

    @Buenavista

    Unabhängig von den möglichen Folgen dieser Wetten lautet die Antwort auf meine Frage also Ja?

  43. R.A. sagt am 20. 05. 2010 um 11:54 Uhr:

    @Boche:

    Kann man das Verbot “ungedeckter Leerverkäufe von Staatsanleihen” laienhaft damit übersetzen, dass verboten sein soll zu wetten, wie kreditwürdig der Staat in Zukunft sein wird?

    Nein.
    Man kann das derzeit nur übersetzen mit: “Wir wollen der Öffentlichkeit zeigen, daß wir ganz toll aktiv sind”.

    Deine Übersetzung wäre richtig, wenn man Leerverkäufe generell verbieten würde – das ist aber unwahrscheinlich.

  44. R.A. sagt am 20. 05. 2010 um 12:06 Uhr:

    Den letzten Beitrag bitte ignorieren (oder Mods: Bitte löschen), zu früh auf den Knopf gedrückt.

    Sollte so aussehen:

    @buenavista:

    Der Unterschied zwischen Leerverkauf und ungedecktem Leerverkauf scheint allerdings so präzise nicht definiert zu sein.

    Das ist richtig.
    Wir hatten morgen ein Meeting mit hochkarätigen Experten um zu klären, was genau die BaFin jetzt wohl verboten haben könnte.
    Nach gängiger Marktpraxis ist das Verbot sinnlos. Bei anderer Interpretation der Begriffe könnten manche Geschäfte betroffen sein. Aber das ist unwahrscheinlich, es ging wohl nur ums politische Signal.

    Das Problem ist, wenn ich etwas verkaufe, das ich gar nicht habe bzw. nie haben werde, und das mit absurd hohen Hebeln, dann kann ich mit relativ geringem Einsatz Riesensummen bewegen,

    Aber nur, wenn ich für das Volumen dieser Orders keine Sicherheiten hinterlegen muß!

    Deswegen ist das “gedeckt” sein im Sinne von Collateral nicht nur wichtig, damit der “Spekulant” sicher liquide bleibt.
    Es begrenzt auch drastisch seinen Hebel, denn er kann nicht mehr leer verkaufen, als er an Sicherheiten hinterlegen kann.

    Nein, da muss man unterscheiden zwischen völlig legitimen Absicherungen und reinen Wetten.

    Das kann man nicht unterscheiden – das sind zwei Seiten derselben Medaille!
    Eine Seite will sich absichern – und kann dies nur tun, wenn sie eine Gegenseite findet, die “wetten” will.

    Selbst George Soros wetterte ja schon: “Dieser Markt ist völlig unreguliert, und niemand weiß, ob sein Vertragspartner im Falle eines Kreditausfalls tatsächlich zahlen kann.”

    Exakt das sage ich ja auch!
    Der Regulierungsbedarf beschränkt sich fast komplett darauf, daß alle Akteure auf eigenes Risiko handeln, d.h. bei Ausfall zahlen müssen und dies auch können.

  45. Buenavista sagt am 20. 05. 2010 um 12:12 Uhr:

    R.A.

    Ja, das jetzige Verbot ist sinnlos, und wenn es nur Deutschland macht, doppelt sinnlos.

    Ich halte es für richtige, Geschäfte und Transaktionen, bei denen geringe Einsätze gravierende Folgen für alle haben können, transparent zu gestalten und zu regulieren. Verbote sind meist nur ein Ausdruck der Hilflosigkeit, so nach dem Motto: Wir kapieren es nicht, also verbieten wir es einfach mal.

    Wobei ich ganz ehrlich bin, und vieles auch nicht wirklich durchschaue

    Wirklich ansetzen könnte man eventuell bei den Hebeln

  46. Buenavista sagt am 20. 05. 2010 um 12:35 Uhr:

    R.A.

    Jaaaa gut, du kannst natürlich im Prinzip jede Versicherung als Wette betrachten (der Umkehrschluss gilt nicht). Vielleicht variiert nur der Glücksspielfaktor.

    Bei den CDS wusste am Schluss niemand mehr, was genau drinsteckt und ob sie überhaupt eingelöst werden können.

    Ich glaube nicht, dass die Weltwirtschaft ungedeckte CDS benötigt.

  47. Rayson sagt am 21. 05. 2010 um 18:28 Uhr:

    Ich bin da noch ein paar Antworten schuldig; mal sehen, ob ich am Wochenende dazu komme…

  48. Robert Michel sagt am 21. 05. 2010 um 20:45 Uhr:

    So ich habe mich noch mal schlau gemacht, was es sich mit den nackten Leerverkäufen auf sich hat. Dabei hat sich dieser Faden inklusive Links als besonders hilfreich erwiesen. Wenn ich alles richtig verstanden habe nutzt man bei nackten Leerverkäufen aus, dass zwischen einem Geschäftsabschluss und dem Begleichen eines Geschäfts eine Frist von zwei bis drei Tagen besteht. D.h. es möglich Aktien in dieser Frist zu kaufen und damit ein Verkauf dieser Aktien zu begleichen. Zudem kann man diese Frist ausdehnen indem man meldet, dass technische Probleme die Lieferung verzögern. Eine derartige Praxis ist jedoch fast immer illegal. Die Möglichkeit nackte Leerverkäufe zu betreiben besteht damit vor allem im Freiverkehr.

    Interessant ist Folgendes: Auch wenn bei einem nackten Short sell die Aktien noch nicht geliefert wurden, werden sie dennoch dem Käufer bereits gutgeschrieben. Der Käufer sieht es seinem Depot nicht an, dass er eigentlich keine Aktien besitzt. Das weiß nur das entsprechende Handelssystem. Fällt der Verkäufer dauerhaft aus muss das Handelssystem die Kosten begleichen.

  49. Warum die FDP bei 3 Prozent liegt | Rot steht uns gut sagt am 21. 05. 2010 um 21:35 Uhr:

    [...] Es gibt eine einfache Erklärung, warum die FDP in der politischen Stimmung bei 3 Prozent liegt: weil Spitzen-Liberale wie konservative Sozialdemokraten argumentieren. Mit entsprechenden Reaktionen der FDP-Basis. [...]

  50. dirk sagt am 22. 05. 2010 um 11:41 Uhr:

    Und wenn schon, dann bin ich ja für die Transaktionssteuer und gegen die Aktivitätssteuer, die einfach nur Gewinne bei Finanzunternehmen bestraft. Klar, die volkseigenen Landesbanken wären dann aussen vor….

    Und was sagt Birgit Homburger? Genau das Gegenteil. Und das auch noch mit schwachsinnigen Argument eine Transaktionssteuer würde die kleinen Sparer besonders treffen. Ein wenig, ja, aber nicht ernsthaft. Es sind solche unglaubwürdigen Argumente, die den Ruf der FDP beschädigen.

    Also wenn gegen die Steuer, dann aus Prinzip. Und wie wäre es mal, wenn man die Auflösung der Landesbanken forderter?

  51. dirk sagt am 22. 05. 2010 um 11:46 Uhr:

    Übrigens, wenn wir wollen, dass das Risiko breiter gestreut ist und dass Aktienkurse weniger volatil sind, dann sollte man dafür sorgen, dass die Unternehmen mehr Eigen- und weniger Fremkapitalfinanziert sind.

    Das heisst wir würden gerade mehr Aktienbesitz (Spekulation) von mehr Akteuren haben wollen.

    Das interessante an der Sache ist ja, dass egal wie sehr man auf die Spekulanten schimpft und Flucht und egal welche Maßnahmen man einleitet, das aggregierte, das gesamte, Risiko ist – mehr oder weniger – dasselbe. Man kann nur dafür sorgen, dass es sich auf mehrere Schultern verteilt.

  52. dirk sagt am 22. 05. 2010 um 11:50 Uhr:

    Die Frage müsste vielmehr lauten: (1) In wieweit kann Regulierung dafür sorgen, das gewisse aggregierte Risiken nicht eingegangen werden (z.B. Kredite an marode Staaten!) und (2) in wieweit ist es sinnvoll, dass der Staat das tut.

  53. Zuviel des Beifalls « sagt am 23. 05. 2010 um 10:14 Uhr:

    [...] von den Bissigen Liberalen kommentiert die Finanztransaktionssteuer in „Quatsch mit Soße“ als ein klassisches Beispiel für die „Einfalt der [...]

  54. [...] Die Transaktionssteuer verhindert keine riskanten Spekulationsgeschäfte, meint das Blog „Bissige Liberale“. Deren These: Die Transaktionssteuer verhindert tendenziell nur jene Geschäfte, die nicht riskant [...]

  55. Rayson sagt am 27. 05. 2010 um 22:17 Uhr:

    @Lemmy Caution

    Spät, aber so ganz ohne Antwort wollte ich es nicht belassen…

    Bezüglich der Besteuerung von Gewinnen kann sich der Finanzsektor allemöglichen Tricks konstruieren, um Gewinne zu verbergen.

    Wenn dem so wäre (und grenzenlos geht das ganz sicher auch nicht), müsste man eben da ansetzen. Und nicht bei einem ganz anderen Sachverhalt.

    Wir hätten damals einfach die Banken pleite gehen lassen sollen. Warum haben sich die tumben Politiker da eingemischt? Dass die Bankenzusammenbrüche der 30er verheerende Auswirkungen auf das Finanzsystem hatten, ist populistische Legende.

    Wenn dem so ist, dass also keine Bank pleite gehen darf, dann handelt es sich dabei auch nicht mehr um Privatunternehmen und man müsste die Konsequenz ziehen, diese Institute zu verstaatlichen. Das meine ich ganz ernst: Wenn die Steuerzahler praktisch vorrangig vor allen Eigenkapitalgebern und Gläubigern haften, haben sie sogar eine stärkere Stellung als der Eigentümer und damit das Recht, die Geschäfte des jeweiligen “Unternehmens” zu führen. Ohne Haftung keine Handlungsfreiheit, so einfach ist das.

    Die Frage bleibt aber: Wäre eine Pleite z.B. der HRE tatsächlich so katastrophal geworden? Allein der Hinweis auf die 20er bzw. 30er Jahre reicht als Beleg dafür nicht aus.

    Das IST eine Tobin Steuer, obwohl es technisch eine Mindestreserve ist.

    Die Steuer besteht allerdings maximal aus dem entgangenen Zins auf die Mindestreserve. Außerdem ist noch die Frage, ob Transaktionen oder Investitionen dieser Auflage unterliegen.

    In der “Allphasen-Netto-Umsatzsteuer mit Vorsteuerabzug” wird jeder Schritt der Kette wird gemäss seiner Wertschöpfung besteuert.

    Richtig, aber die endgültige Höhe der Steuer ist eben unabhängig von der Zahl der Schritte und nur abhängig von der Wertschöpfung (die höchstens mal zufällig mit der Zahl der Verarbeitungsschritte korreliert). Sie errechnet sich insgesamt als Prozentsatz auf den Kaufpreis, unabhängig davon, wieviele Firmen an der Produktion des Gutes beteiligt waren (und ein immer weiter auf dem Weg zur Fertigstellung fortgeschrittenes Produkt an die nächste Stufe verkauft haben).

    Stimmt aber, dass ich auch keinen Plan habe, wie man den Finanzsektor besteuern sollte.

    So wie alle anderen auch. Steuern ersetzen keine Regulierung und erst recht keine Haftung.

  56. 40stunden sagt am 29. 05. 2010 um 04:47 Uhr:

    Deine Meinung zur Transaktionssteuer teile ich nicht.

    Sicher, wo ständig zur Erzielung kleinster Margen Geld hin- und hergeschoben wird, würde eine deutliche Beruhigung eintreten. Aber sind das die Geschäfte, die uns von der Politik als so problematisch verkauft werden? Eher nicht, denn bei denen geht es um hohe Renditen, und die Transaktionshäufigkeit muss keine hohe sein.

    Kurzläufige Commercial Papers zur Finanzierung von langläufigen Verbindlichkeiten, war einer der Haupttreiber für die Verluste deutscher Banken. Viele Transaktionen, nicht risikofrei.

    Die Nominale im CDS-Sektor sind auch immens, sprich hier fallen massig Transaktionen an. Bei anderen ach so sicheren Derivaten sieht das nicht anders aus.

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