Ehemals liberale Zeitung

Die ZEIT war einmal ein Flaggschiff der deutschen Medienlandschaft. Und eigentlich die einzige Zeitung, die man im liberalen Spektrum verorten konnte – dafür standen Namen wie Bucerius oder Dönhoff.
Dann rutschte sie nach links, wechselte den Eigentümer, den Kurs bestimmten Sozialdemokraten wie Schmidt oder Naumann. Also eben immer noch Demokraten.

Inzwischen aber erscheinen immer öfter Artikel, bei denen ich Zweifel bekomme, ob sie noch ins Meinungsspektrum einer demokratischen Redaktion passen können. Zum Beispiel dieser hier.

Die ersten und einzigen freien und demokratischen Wahlen in der DDR liegen nun 20 Jahre zurück. Für eine demokratische Zeitung ein angemessener Anlaß, an diesen Höhepunkt der deutschen Geschichte zu erinnern.

Statt dessen ein solch unsägliches Stück zynischer Runtermache. So nach dem Motto: Die Ossis waren halt doof und wurden vom Westen belogen, nur deswegen haben die Kommunisten die Wahl verloren.

Fängt schon an mit dem Eingangsbild – gezeigt werden die Wahlkämpfer einer linken Splittergruppe (0,18%), wie sie gerade Haßpropaganda gegen die CDU anfertigen (“Charakterlos, Demagogisch, Unsozial”).

Und geht dann weiter mit Wählerbeschimpfung:

Ein demoralisiertes Volk strömte herzu, dürstend nach Zukunft und West-Autorität, und unterwarf sich gläubig den Heilszusagen …

Das ist demagogischer Unsinn. Die DDR-Bürger waren manches, aber bestimmt nicht “demoralisiert” – sondern im Gegenteil zu Recht stolz darauf, die SED-Diktatur zum Rückzug gezwungen zu haben.
Richtig ist natürlich, daß es einige übertriebene und naive Zukunftserwartungen gab, auch daß diese von überzogenen Wahlversprechen befördert wurden. Aber sie wußten genau, was sie wollten und vor allem, was sie nicht wollten: Nämlich ein neues sozialistisches Experiment.

Wie viele Linke nimmt der Autor dem DDR-Volk übel, daß es nicht so dumm war, sich auf eine Neuauflage der DDR einzulassen. Die Kritik an der Diktatur heißt für ihn “westmediale Erinnerungsmaschinerie die DDR-Geschichte zu Stasi-Mauer-SED-Briketts verpresst”. Und er hofft darauf, daß es eine kritische Vergangenheitsaufarbeitung auch in der nächsten Generation nicht geben wird.

Statt dessen bietet er Geschichtsklitterung an: Die Leipziger Demos erwähnt er nicht. Aber eine SED-inszenierte Kundgebung auf dem Alex macht er zum zentralen Wendepunkt deutscher Geschichte. Als wären die Kommunisten die Hauptträger der Revolution gegen die eigene Diktatur gewesen. Als hätten Gysi und die anderen SED-Schranzen einen “emanzipatorischen Aufbruch” verkörpert.

Es sagt viel über den Niedergang dieser ehemals liberalen Zeitung, daß so ein Müll abgedruckt wird.

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32 Kommentare zu “Ehemals liberale Zeitung”

  1. Juco
    19.03.2010 | 15:19

    Tja wenn her Marx mit einer Sache recht gehabt hat, dann ists der erste Satz seines Manifestes… Das Gespenst hat sich eingenistet und weigert sich leider äußerst behaarlich sein Spuken einzustellen.

  2. 19.03.2010 | 15:27

    Zur Erinnerung: An jenem 18. März 1990 triumphierte die christdemokratische Allianz für Deutschland lawinenhaft mit 48,2 Prozent. Die siegesgewisse SPD verröchelte bei 21,8 Prozent, die tot geglaubte SED-PDS holte 16,3 Prozent, die Liberalen endeten bei 5,3. Das Bündnis 90, die Vorhut der friedlichen Revolution, errang 2,9 Prozent, worauf die tapfere Ulrike Poppe gestand, sie habe allseits Sympathie gespürt, aber Misstrauen ob der politischen Kompetenz der Wendehelden.

    Was ich da lese, ist: der Autor beklagt den zu hohen Wahlsieg der CDU, das schlechte Ergebnis der SPD, das zu gute Ergebnis der SED, und das bestürzend schlechte Ergebnis des Bündnis 90.

    Und, es ist nun einmal wahr: gewählt wurden Helmut Kohl und die Deutsche Mark. Da hatte die SPD nicht viel anzubieten.

  3. Gorgasal
    19.03.2010 | 15:44

    Jedes Mal, wenn ich die ZEIT aufschlage, werde ich wieder daran erinnert, warum ich nach über zehn Jahren schließlich mein Abo gekündigt habe.

    Schade.

  4. R.A.
    19.03.2010 | 16:53

    @Christian:

    Was ich da lese

    Ich habe nicht behauptet, daß jeder Satz dieses Artikels falsch wäre. Die Wahlergebnisse hat er in der Tat korrekt wiedergegeben.

    Da hatte die SPD nicht viel anzubieten.

    Sie hat es auch nicht wirklich versucht – zu sehr war sie unter Lafontaine Einheits-skeptisch.
    Der Willy-Brandt-Mythos konnte nicht den Eindruck verwischen, daß die Veränderungen in der DDR bei der SPD keine große Begeisterung auslösten.

  5. 19.03.2010 | 17:11

    Der Artikel gibt Deine Bewertung “Die Ossis waren halt doof und wurden vom Westen belogen, nur deswegen haben die Kommunisten die Wahl verloren.” einfach nicht her.

  6. Boche
    19.03.2010 | 17:20

    @R.A.

    In der Tendenz und in vielen Teilen auch inhaltlich teile ich deine Kritik, finde sie aber etwas überzogen und mindestens in einem Punkt falsch. Fangen wir mit diesem letzten Punkt an: Die Demo auf dem Alex war keineswegs von der SED organisiert, noch weniger war die Demo selbst deren Veranstaltung. Wikipedia beschreibt die Tatsachen dazu m.E. recht korrekt.

    Mit der Unterstellung, Dieckmann hätte sich die DDR zurückgewünscht, schießt du meiner Meinung nach übers Ziel hinaus. Die typisch linke Verachtung fürs Volk, das anders wählt als es richtig und gut wäre, lese ich hier zwar auch heraus, aber keinen Wunsch nach DDR und SED reloaded.

    Dass die Entscheidung für Kohl auch etwas mit Flucht unter die Fittiche einer neuen Autorität gewesen ist – das dürfte ganz falsch nicht sein.

  7. Boche
    19.03.2010 | 17:58

    Ach ja: Dass an der ZEIT kaum noch etwas liberal ist – da bin ich ganz bei dir.

  8. R.A.
    19.03.2010 | 19:07

    @Boche:

    Die Demo auf dem Alex war keineswegs von der SED organisiert, …

    Nicht alleine, auch die Idee dazu kam nicht von ihr – aber de facto hat sie die Veranstaltung weitgehend gekapert und stellte die meisten Redner.

    Wenn Dieckmann schreibt “zwei Dutzend hochherzige Reden zur verbesserlichen DDR.”, dann meint er damit neben einigen Bürgerbewegten Gysi, Bisky, Schabowski, Wolf und diverse kommunistische Künstler – und diese “bessere DDR” wäre wohl auch Dieckmann lieber gewesen als die Vereinigung, die er so hämisch abwertet.

    Das ist ja die gängige Propagandalüge der Kommunisten, siehe jetzt auch neues Parteiprogramm: Die alte DDR wollen sie natürlich nicht zurück, über die werden auch mal ein paar böse Worte gesagt (aber immer relativierend, richtig schlimm war sie natürlich nicht, so ja auch Dieckmann).
    Sondern sie versprechen die neue DDR, mit allen imaginierten sozialen Vorteilen von früher plus allem Wohlstand von heute.

    Wikipedia beschreibt die Tatsachen dazu m.E. recht korrekt.

    Eher nicht. Angesichts der starken SED-Präsenz halte ich es schon für überzogen davon zu sprechen, diese Demo hätte “das Volk organisiert”. Und es besonders rühmenswert zu finden, daß das Regime diese Demo genehmigt hat – weiß nicht.
    Es ist m. W. inzwischen auch nachgewiesen, daß es nicht eine halbe Million Teilnehmer waren, sondern weniger als die Hälfte (Quelle finde ich eben nicht). Damit war es eben auch nicht die größte Demo aller DDR-Zeiten, sondern die Leipziger Demos waren nicht nur wichtiger, sondern auch größer.

    Das finde ich eben bezeichnend an diesem Artikel: Zum zentralen Ereignis wird die relativ späte Berliner Demo gemacht, vom Regime erlaubt und unterstützt – weil dort eben viel vom neuen Sozialismus die Rede ist, den Dieckmann m. E. will.
    Und die Leipziger Demos verschweigt er, die waren wirklich unter hohem Risiko gegen das Regime gerichtet, da hatten Gysi und Co. keinen Platz.

  9. R.A.
    19.03.2010 | 20:00

    @Boche:
    Nach kurzem Nachdenken muß ich etwas korrigieren. Du hast natürlich recht, daß meine Formulierung “SED-inszenierte Kundgebung” es nicht trifft.
    Es war natürlich auch die Kundgebung der Bürgerrechtler und der Bürger, die mit kritischen Plakaten auftraten und die SED-Vertreter auspfiffen.

    Was ich eigentlich meinte war, daß er die SED-Sicht auf diese Veranstaltung bringt. Er beschreibt eben nicht, daß die Kommunisten ausgepiffen wurden – sondern er suggeriert, daß die Forderungen aller Redner in Richtung besserer Sozialismus gegangen wären und auf breiteste Zustimmung gestoßen wären. Um dann zu kontrastieren, daß die Wähler anschließend durch die westliche Wahlkampfmaschine von diesem Ziel abgebracht worden wären.

  10. Boche
    19.03.2010 | 20:43

    Naja. Ich war praktisch dabei bei der Demo. Und ja, die SED-Redner wurden ausgepfiffen. Und ja, die SED-kritischen Redner fanden durchaus Zustimmung mit Ideen, bei denen es um eine weiterhin existierende Eigenstaatlichkeit der DDR ging.

  11. 20.03.2010 | 0:34

    Ich weiß nicht, so war jedenfalls auch meine Wahrnehmung.

    Die Gruppen, die die Revolution ausgelöst hatten bekamen am wenigsten Stimmen und die Truppe mit der ehemaligen Blockpartei-CDU gewann die Wahl. Weil die Bürger – naheliegenderweise – glaubten, dass die Partei des westdeutschen Kanzlers ihnen am ehesten in der Lage helfen könnte.

  12. 20.03.2010 | 6:55

    Man muß nicht paranoid sein um sich als Liberaler verfolgt zu fühlen. Beispiele gibt es auf jeder Seite des Spektrums und speziell ist die politische Mitte in Deutschland schon sehr weit nach links gerückt. CDU/SPD sind ja nur noch “marginal” unterschiedlich. Was irgenwie verständlich ist es werden sich ja immer mehr von Wohlfahrt abhängige Menschen herangezogen. Und “Eigentum verpflichtet” wird umgedeutet in “Eigentum verpflichtet uns Politiker es den Bürgern abzunehmen”

    Die Verherrlichung des Unrechtsstates DDR passt da ganz hervorragend ins Bild.

  13. 20.03.2010 | 15:09

    Die ZEIT ist eine eigenartige Zeitung, zumindest alles andere als neutral und aufgeschlossen, eher konserativ.

  14. Forentourist
    20.03.2010 | 18:38

    CDU/SPD sind ja nur noch “marginal” unterschiedlich.

    Hmm. Die Überschneidungen sind sicher groß. Aber diese naiven Sozialismusphantasien einer Frau Drohsel und ihres Jusoanhangs sehe ich noch nirgends in der CDU, genauso wie es im Gegensatz zur Union in der SPD nach Leber und Apel keine Konservsativen mehr gibt.
    Vor 40 Jahren konnte ein Vorstandsmitglied des Bundes der Vertriebenen wie Hupka noch problemlos in der SPD sein. Inzwischen halte ich das für nahezu ausgeschlossen.
    Was die Einstellung zur Marktwirtschaft angeht, so war die CDU ja nie ein sicherer Kantonist: vom Ahlener Programm über die Rentenreform 1957 und die Pflegeversicherung 1994 zieht sich eine breite Spur interventionistischer Ansätze, wie sie die SPD seit eh und je vertritt. Aber zwischendurch gab es bei der Union auch Ludwig Erhard oder den Leipziger Parteitag – solche extremen Ausschläge ins “Neoliberale” hat die SPD trotz Agenda 2010 nie gesehen.

  15. 20.03.2010 | 23:45

    [...] Satire auch dort zu [...]

  16. 21.03.2010 | 12:53

    Hab mein Abo aus eben diesen Gründen auch gekündigt. Was mit Christoph Dieckmann noch ein netter Aspekt nebenbei war, der gerne als Ergänzung zur sachlichen Berichterstattung der intellektuellen Ostalgie mitgegeben wurde, ist mittlerweile redaktioneller Mainstream. Schade drum.

  17. R.A.
    23.03.2010 | 11:33

    Inzwischen ist das neue Grundsatzprogramm der Kommunisten online. Das beinhaltet auch eine übel geschichtsklitternde Sicht der eigenen Vergangenheit.

    Und die Passage über die demokratische Revolution in der DDR paßt genau zur Weltsicht des ZEIT-Artikels:

    Teile der Bürgerbewegung der DDR, darunter auch Reformerinnen und Reformer innerhalb der SED, setzten sich im Herbst 1989 für einen friedlichen, demokratischen, sozialen und ökologischen Aufbruch und einen politischen Wandel zu einem besseren Sozialismus ein. Doch 1990 scheiterte dieses Projekt. Es gelang ebenso wenig, eine demokratische Neubegründung des vereinigten Deutschlands durchzusetzen.

  18. 23.03.2010 | 12:42

    Bemerkenswert ist auch, dass im Artikel Dieckmanns nicht darauf eingegangen wird, dass die Sowjetunion, deren Unterpfand, besser Geisel, die DDR war, eine rassistische, kriegsverbrecherische und menschenverachtende Massenmörderdiktatur war.

    Der Artikel kommt wirklich von ganz “links”.

  19. 23.03.2010 | 13:02

    Interessant auch, dass Dieckmann ebenfalls nicht auf Nordkorea, Kuba und Venezuela, auf die Inquisition, die Vogelgrippe, die gefälschte Mondlandung und die Freimaurer eingeht.
    Auch “das” zeigt, wes Geistes “Kind” er ist.

  20. 23.03.2010 | 17:20

    Es gibt aber Hinweise darauf, dass er im Straßenverkehr schon öfters links abgebogen ist!

  21. 23.03.2010 | 18:05

    Nit möööööglich!

  22. 23.03.2010 | 18:08

    Und das ist nur die Spitze des Eisbergs!

  23. 23.03.2010 | 18:19

    *schauder*

  24. 25.03.2010 | 14:00

    Erstaunlich ist die absolute Hörigkeit gegenüber der untergegangenen Sowjetunion dieser Ex-DDR-Bewohner, zu denen Dieckmann gehört. In Treue fest gegenüber dem Tyrannen.

    Nennt man wohl heute “Stockholm-Syndrom”.

  25. 25.03.2010 | 15:50

    Ja, diese Ossis … müssen wohl alle auf die Couch. Und das Wahlrecht verdienen die auch nicht.

    Mal im Ernst, Skrotugraph – deine Beiträge hier sind von in erstaunlichem Ausmaß geistiger Dürftigkeit.

  26. der_gute_don
    25.03.2010 | 20:12

    @RA
    Dein Quote aus dem Beitrag der Linken/SED hat mir echt die Tränen in die Augen getrieben …

  27. 26.03.2010 | 17:31

    Boche, das ist äußerst höflich von Dir formuliert. Mir fielen zu den letzten Einlassungen des Scrutographen klinische Termini ein.

  28. 30.03.2010 | 11:38

    Die Bewohner des Ostblocks waren außergewöhnlichem Terror und Überwachung ausgesetzt, der euch natürlich gleichgültig bzw. unbekannt sein dürfte.

  29. 30.03.2010 | 11:51

    @che2001

    Mit einem Blogger dieses Namens über kommunistischen Staatsterrorismus zu sprechen wäre wie sich mit dem Bock übers Gärtnern zu unterhalten.

  30. 30.03.2010 | 12:18

    @Scrutograph:

    Applaus! Du hast die Verwendung des Sprichwörterlexikons gemeistert! Guter Anfang, aber way to go. Dranbleiben!

  31. 30.03.2010 | 12:26

    Mist, bei mir selbst hapert es noch ein bißchen. Aber ich bleibe auch dran. ;)

  32. 30.03.2010 | 15:17

    “Ein demoralisiertes Volk strömte herzu, dürstend nach Zukunft und West-Autorität, und unterwarf sich gläubig den Heilszusagen.”

    Ich zitiere den Verfasser Dieckmann, der selbst schreibt, dass die gesamte DDR-Bevölkerung demoralisiert gewesen sei. Der Verfasser selbst kommt aus dieser DDR-Bevölkerung, die nach Autorität dürstet und sich Heilzusagen unterwirft. Der Staatskommunismus war es, der mit Autorität aufgetreten ist und Heilzusagen anbot. Dies wirft dieser DDR-Agitator nunmehr der Bundesrepublik vor.

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