19. März 2010
Ehemals liberale Zeitung
Die ZEIT war einmal ein Flaggschiff der deutschen Medienlandschaft. Und eigentlich die einzige Zeitung, die man im liberalen Spektrum verorten konnte – dafür standen Namen wie Bucerius oder Dönhoff.
Dann rutschte sie nach links, wechselte den Eigentümer, den Kurs bestimmten Sozialdemokraten wie Schmidt oder Naumann. Also eben immer noch Demokraten.
Inzwischen aber erscheinen immer öfter Artikel, bei denen ich Zweifel bekomme, ob sie noch ins Meinungsspektrum einer demokratischen Redaktion passen können. Zum Beispiel dieser hier.
Die ersten und einzigen freien und demokratischen Wahlen in der DDR liegen nun 20 Jahre zurück. Für eine demokratische Zeitung ein angemessener Anlaß, an diesen Höhepunkt der deutschen Geschichte zu erinnern.
Statt dessen ein solch unsägliches Stück zynischer Runtermache. So nach dem Motto: Die Ossis waren halt doof und wurden vom Westen belogen, nur deswegen haben die Kommunisten die Wahl verloren.
Fängt schon an mit dem Eingangsbild – gezeigt werden die Wahlkämpfer einer linken Splittergruppe (0,18%), wie sie gerade Haßpropaganda gegen die CDU anfertigen (“Charakterlos, Demagogisch, Unsozial”).
Und geht dann weiter mit Wählerbeschimpfung:
Ein demoralisiertes Volk strömte herzu, dürstend nach Zukunft und West-Autorität, und unterwarf sich gläubig den Heilszusagen …
Das ist demagogischer Unsinn. Die DDR-Bürger waren manches, aber bestimmt nicht “demoralisiert” – sondern im Gegenteil zu Recht stolz darauf, die SED-Diktatur zum Rückzug gezwungen zu haben.
Richtig ist natürlich, daß es einige übertriebene und naive Zukunftserwartungen gab, auch daß diese von überzogenen Wahlversprechen befördert wurden. Aber sie wußten genau, was sie wollten und vor allem, was sie nicht wollten: Nämlich ein neues sozialistisches Experiment.
Wie viele Linke nimmt der Autor dem DDR-Volk übel, daß es nicht so dumm war, sich auf eine Neuauflage der DDR einzulassen. Die Kritik an der Diktatur heißt für ihn “westmediale Erinnerungsmaschinerie die DDR-Geschichte zu Stasi-Mauer-SED-Briketts verpresst”. Und er hofft darauf, daß es eine kritische Vergangenheitsaufarbeitung auch in der nächsten Generation nicht geben wird.
Statt dessen bietet er Geschichtsklitterung an: Die Leipziger Demos erwähnt er nicht. Aber eine SED-inszenierte Kundgebung auf dem Alex macht er zum zentralen Wendepunkt deutscher Geschichte. Als wären die Kommunisten die Hauptträger der Revolution gegen die eigene Diktatur gewesen. Als hätten Gysi und die anderen SED-Schranzen einen “emanzipatorischen Aufbruch” verkörpert.
Es sagt viel über den Niedergang dieser ehemals liberalen Zeitung, daß so ein Müll abgedruckt wird.
Verfasst von R.A. um 14:36 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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