Zu Ende gedacht
Alfred Herrhausen war nicht nur ein besonders intelligenter Kopf, was ich von Personen aus meinem Bekanntenkreis mal aufgrund eigener Erfahrungen an konkreten Beispielen belegt bekommen habe, er war auch ein Manager, der über den Tellerrand seines Schaffens als Chef der Deutschen Bank hinausblickte. Die feigen Mörder der “RAF” hätten kaum einen Größeren treffen können. Es ist nur allzu richtig und angemessen, wenn an diesen Mann nicht nur zu seinen Todestagen erinnert wird, so wie es z.B. der “Initiativkreis Ruhr” und das “Handelsblatt” mit dem “Alfred-Herrhausen-Laureate-Wettbewerb” tun, obwohl das Denglisch darin mal wieder wie ein überflüssiger Fremdkörper wirkt, ist die Teilnahme von nicht in Deutschland Studierenden doch vermutlich eher nicht zu erwarten. Sei’s drum, Gutes gehört gelobt.
Auf einen Beitrag, der zusammen mit einem anderen auf dem dritten Platz dieses Wettbewerbs gelandet ist, machte jetzt der “Handelsblatt Oekonomie-Newsletter” (ok, ab jetzt keine Bemerkungen zu Denglisch mehr…) aufmerksam. In ihm beschäftigt sich eine Studentin der Volkswirtschaft “mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung” (aus Rücksicht auf geschätzte Mitblogger auch keine Bemerkungen dazu…) mit dem Problem, dass mancher abhängig Beschäftigte von seinem Lohn allein seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten kann. Kurz zusammengefasst, macht sie dieses Problem von einem ökonomioschen zu einem ethischen. Sie benennt das von ihr als solches erkannte Fehlverhalten der Beteiligten und kommt am Ende zu einer uns alle jetzt ganz mächtig überraschenden “Lösung”: Der Staat soll es richten, was vermutlich auf die Forderung nach einem Mindestlohn hinausläuft, denn ein staatlicher Zuschuss wird von ihr als zu wenig ethisch abgelehnt: Es ist wohl mit der Menschenwürde nicht so recht zu vereinbaren, dass der Staat einen Lebensunterhalt absichert, sondern allein “angemessene Löhne” zu zahlen sei moralisch richtig.
Der Beitrag erhält also ingesamt wenig, was man in dieser oder anderer Weise nicht schon woanders gehört hätte. Aber in seiner Dichte bietet er sich ausgezeichnet dazu an, populäre Irrtümer und Trugschlüsse darzustellen.
Offenbar handeln viele Unternehmer nicht nach dem simplen ökonomischen Grundsatz, wonach der Lohn eines Arbeiters seiner Produktivität entsprechen soll: Etwa drei Viertel der Niedriglohnempfänger haben eine abgeschlossene Berufsausbildung – sind sie wirklich so wenig produktiv, dass ihnen ein rationaler Unternehmer nur Hungerlöhne zahlen kann?
Profitgierige Unternehmer beuten Schwächere aus und nutzen die Angst vor der Arbeitslosigkeit – das einfache Schema trifft oft zu…
Irgendjemand sollte vielleicht mal das Wort “Hungerlohn” zum Unwort des Jahres erklären: In einem Land, in dem Hunger eben nicht vorkommt, wirkt die Verwendung dieses Begriffs äußerst zynisch. Aber zum Thema: Die Autorin wirft “vielen Unternehmern” vor, sie bezahlten nicht entsprechend der Produktivität. So, wie es im Zitat formuliert ist, wird aus einer Ex-Post-Feststellung eine Sollvorschrift, was den Kern des tatsächlich “simplen ökonomischen Grundsatzes” aber nicht trifft. Das Bezahlen entsprechend der Produktivität (genauer eigentlich: an der Grenzproduktivität des letzten eingestellten Mitarbeiters) ist keine Regel, sondern ein Zustand, zu dem ein Arbeitsmarkt, auf dem Wettbewerbsbedingungen herrschen, ganz automatisch hinstrebt – nicht obwohl, sondern gerade weil die Nachfrager von Arbeit “gierig” sind und ein Maximum an Gewinn herausholen wollen. Jemand, der seinen Mitarbeitern gemessen an diesem Grundsatz “zu wenig” zahlen und damit höhere Gewinne als andere erzielen würde, machte es für andere Arbeit”geber” attraktiv, diese Arbeitskräfte, die ja im Vergleich zu ihrer Produktivität “billig zu haben” sind, durch ein angebotenes Entgelt zum Wechsel zu bewegen, das zwischen dem “zu niedrigen” Lohn und der durch den neu Eingestellten zusätzlich erzielten Produktivität liegen würde. Wenn dieser Mechanismus nicht greift, muss das einen Grund haben, dem nachzugehen sich mehr lohnt, als sofort mit dem Urteilen zu beginnen, und vor allem müsste man es daran sehen, dass die in den Niedriglohnbranchen tätigen Unternehmen sehr profitabel arbeiten. “Werden Sie reich! Gründen Sie einen Friseurbetrieb im Osten Deutschlands!?”
So ganz kommt das anscheinend nicht hin, und deswegen muss natürlich eine weitere Gruppe von “Schuldigen” benannt werden. Der letzte Satz des obigen Zitats geht so weiter:
…aber auch dies ist nicht zu Ende gedacht. Denn die Ausbeuter sind wir alle. Wir Konsumenten, weil wir beim Discounter die billigsten Brötchen kaufen. Wir Steuerzahler, weil der Staat mit unserem Geld per Arbeitslosengeld II Niedriglöhne subventioniert. Wir Wirtschaftsstudenten, weil wir nicht zu Ende denken.
Der Konsument soll also sozusagen seine moralische Pflicht erfüllen und teure Brötchen nicht beim Discounter kaufen. Man sieht die fröhlichen Bäcker und mit sozialversicherungspflichtigen Tariflöhnen ausgestatteten glücklichen Bäckereifachverkäuferinnen geradezu vor sich, wie sie den jetzt mit einem guten Gewissen herbeiströmenden Kunden die handgeklöppelten Premiumbrötchen überreichen. Wahrscheinlich treibt im Hintergrund auch noch ein klares Bächlein ein Mühlrad an. Aber gerade als der zu Ende denkende Wirtschaftsstudent seine geistige Arbeit abbrechen will, taucht vor seinem inneren Auge aus ferner Vergangenheit ein berocktes Männlein auf, das er zunächst gar nicht versteht, weil es anscheinend weder Deutsch noch Denglisch beherrscht (Mist, Schwur gebrochen…), aber das Schulfranzösisch reicht dann doch gerade noch aus, um zu verstehen, was es sagt: Es stellt sich als Monsieur Bastiat vor und redet von den Dingen, die man sieht, und denen, die man nicht sieht. Die propperen Bäckereifachverkäuferinnen und die Mühle am rauschenden Bach, die waren klar sichtbar, aber was man eben nicht (mehr) sieht, das sind nicht nur die Menschen, die vorher für den Industriebäcker und den Discounter gearbeitet haben, sondern auch diejenigen, denen das vorher gesparte Geld des Kunden zu Gute gekommen ist. Vielleicht hat er sich dafür einen Döner um die Ecke gegönnt oder gar einen Friseurbesuch. Jetzt aber sind sowohl der Dönerbudenbesitzer als auch die Friseurin von ihrem menschenunwürdigen Dasein als geringbezahlte Arbeitskräfte erlöst worden – wieder eine gute Tat im Sinn der Autorin, aber man darf annehmen, dass die Glücksgefühle von den Betroffenen nicht angemessen werden können.
Die zu Ende denkende Wirtschaftsstudentin muss wohl auch an der Stelle vorher abgebogen sein, als es um die Frage ging, ob es nicht besser ist, Menschen zu unterstützen, die zu geringen Löhnen arbeiten, als Untätigkeit zu subventionieren, um mal im Sprachgebrauch zu bleiben. Aber die These, dass eine zusätzlich zum Markteinkommen gezahlte Unterstützung Niedriglöhne “subventioniere”, muss man sich wirklich merken. Denn wirklich zu Ende gedacht läuft sie darauf hinaus, z.B. auch den Einkommensteuersatz nicht mehr nach Einkommenshöhe zu staffeln: Dass jemand weniger als den Spitzensteuersatz zahlt oder gar keine Einkommensteuern zahlen muss, weil er unter dem Grundfreibetrag liegt, “subventioniert” ja geringere Löhne, ganz klar. Wohin einen dieses zu Ende Denken nicht alles führt…
Aber einen Wert aus der Wirtschaftswunderzeit sollten wir in unserer Wirtschaftskrisenzeit wieder lernen: den Respekt vor der Arbeit, dessen Spiegelbild der Stolz der Beschäftigten ist. Eine so verstandene Arbeitsmoral würde als allererstes den Unternehmern nützen.
Ein schöner Punkt, aber sehr überraschend für jemanden, der Arbeit, die nur mit vergleichsweise geringen Löhnen entgolten wird, gerade wortreich für unerwünscht erklärt hat. Respekt als Funktion der Lohnhöhe – wie ethisch.
Im folgenden liest die Autorin als zu Ende denkende Studentin den Unternehmen die Leviten:
Motivierte Mitarbeiter sind gute Mitarbeiter. Schlecht bezahlte Arbeitnehmer dagegen, die schlecht behandelt werden und jederzeit ihre Entlassung befürchten müssen, leisten nur noch Dienst nach Vorschrift. Sie haben Angst, Ideen und konstruktive Kritik einzubringen. Wenn die Basis wegbröckelt, stürzt irgendwann das ganze Unternehmensgebäude ein.
Da reiben sich jetzt ganze Heerscharen von Personalern wahrscheinlich überrascht die Augen. Topmanager werden gefeuert, weil sie diesen simplen Weg nicht gesehen haben, die Konkurrenz zu übertrumpfen.
Arbeitgeber sollten also schon aus egoistischen Gründen menschenwürdige Löhne zahlen. Es sollte der Stolz jedes erfolgreichen Unternehmers sein, dass es seinen Beschäftigten gut geht.
Wo das nicht von selbst funktioniert, muss der Staat eingreifen. Denn es gibt eine moralische Verpflichtung dazu, angemessene Löhne und Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Sie beruht auf dem Gedanken der Reziprozität: Wenn Arbeiter einen Beitrag zum Gewinn eines Unternehmens leisten, sollen sie dafür entsprechend entlohnt werden.
Einfache Logik: Aus Eigeninteresse sollten Arbeit”geber” hohe Löhne zahlen. Tun sie es nicht, leiden sie unter irgendeinem geistigen oder charakterlichen Defekt, und zwar durchweg, weil auch die Konkurrenz dem Eigeninteresse anscheinend nicht zum Erfolg verhilft. Also braucht es jemanden, der weiß, wie hoch ein angemessener Lohn ist (zur Not den DGB fragen, der passt das wie neulich stets an den neuesten Stand der Forschung an), weil er weiß, wie hoch er ist, der Beitrag des Arbeitnehmers zum Gewinn des Unternehmens. “Entsprechend entlohnt” darf aber natürlich nicht wörtlich genommen werden, denn Rückzahlungen von Löhnen bei Verlustunternehmen sind natürlich ausgeschlossen – für rote Zahlen sind nur die Manager verantwortlich. Die Arbeiter arbeiten ja, Beitrag hin, Beitrag her.
Sie [die Friseurin mit 5,44 Euro Stundenlohn] sollte so viel für ihre Arbeit bekommen, wie sie wert ist. Das bedeutet, Wirtschaftsethik zu Ende zu denken. Anders gesagt: Leistung muss sich wieder lohnen.
Man wüsste zu gerne, auf wen sich das “was sie wert ist” bezieht. Wahrscheinlich auf die Arbeit und nicht auf die Friseurin. Leistung muss sich also wieder lohnen, und was Leistung ist und wie sie sich lohnt, dafür braucht es den DGB, zu Ende denkende Wirtschaftsstudentinnen und den Staat.
Als Liberaler ist man ja bescheiden. Man verlangt ja nicht, dass diskussionsfreudige Wirtschaftsstudenten, die so gerne Annahmen in Frage stellen, wenn sie ihrem ethischen Gefühl widersprechen, je von Hayek gehört haben und was es mit der Anmaßung von Wissen auf sich hat. Aber dass Preise wichtige Knappheitssignale sind, das sollte doch zumindest mal kurz im ersten Semester erwähnt worden sein. Wenn also z.B. Friseure nur wenig Geld verdienen, dann ist das ein sehr klares Signal: Liebe Auszubildende in spe, sucht euch einen anderen Job! Die Liebste des Autors dieser Zeilen ist Lehrerin von Hauptschulabschlussklassen, und sie musste den Berufswunsch “Friseurin” schon mancher Schülerin unter großen Anstrengungen ausreden. Bei Ärzten funktioniert das auch sehr gut: Miese Bezahlung, miese Arbeitsbedingungen – Ärztemangel. Warum also herrscht offensichtlich kein Friseurinnenmangel? Statt nach einem lohnregulierenden Staat zu rufen und sich dabei noch auf Herrhausen zu berufen, hätte man vielleicht etwas weiter als nur zu Ende denken müssen. Wissenschaftler zeichnet nicht ihr ethisches Urteil aus, sondern ihre Fähigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Therapie vor der Diagnose zu beginnen, das wagt noch nicht einmal Dr. House.

bisher 56 Kommentare » Kommentare
Meine Güte!
Ist schon peinlich, wenn man als Wirtschaftsstudentin nur zu solchen vordergründigen Milchmädchenrechnungenfähig ist.
Aber daß ausgerechnet solche Leute für sich in Anspruch nehmen, “weiter zu denken” oder “zu Ende zu denken”, das schmerzt.
Vielleicht sollte die Autorin auch mal zu Ende denken, daß auch das andere Ende der Rechnung bei ihr nicht stimmt. Der vom Lohn zu bestreitende Lebensunterhalt ist ja ganz wesentlich von der Familiengröße abhängig.
Wie hoch müßte denn der Mindestlohn sein, damit man auch sechs oder acht Kinder nach vollem Standard finanzieren kann, ohne auf würdelose Konstrukte wie staatliche Zuschüsse angewiesen zu sein.
Der Bastiat wird aber mal wieder überstrapaziert… Denn was Du hier mit Frédéric B. zusammen nicht siehst, ist, dass das Geld ja nicht weg ist, fort aus dem Wirtschaftskreislauf, nur weil der Kunde es nicht mehr hat. Stattdessen hat es nun die “proppere Bäckereifachverkäuferin”, und die wird sich auch ‘mal einen Döner gönnen oder einen zusätzlichen Friseurbesuch.
Das ist, glaube ich, ein Denkfehler. Denn unterm Strich ist meinem Verständnis nach bei gleicher Geldmenge weniger Leistung in der Welt (um es laienhaft auszudrücken).
Das heißt: Der Wohlstand sinkt in der Summe. Die Geldmenge bleibt, natürlich (und FED & Co. außen vor gelassen), dieselbe.
Warum ist weniger Leistung in der Welt? Die Bäckereifachverkäuferin erzeugt doch jetzt die Nachfrage, die der Bäckereikunde nicht mehr erzeugen kann, weil er der Verkäuferin mehr zahlen muss. Eine geringere Leistung kann ich da nicht erkennen…
Ich bekomme doch keinen Döner und keine Frisur mehr. Ich habe unterm Strich weniger. Während andere unterm Strich nicht mehr haben (das Geld ist ja jetzt nur anders verteilt nämlich bei einer statt bei drei Leuten).
Wo ist das Problem? Die Dame wird irgendwann vielleicht in der Wirtschaft landen und kann dann versuchen, ihre hehren Ideale durchzusetzen.
Es könnte aber auch sein, dass sie in der Forschung landet und dann dort die Wirklichkeit nach ihren Grundsätzen umerklärt
@Karten
Ich denke nicht, dass der Hinweis auf Bastiat überstrapaziert ist. Ich sehe die Analogie zur Parabel mit dem Fenster. Dort könntest du ja auch analog argumentieren, dass zwar der Ladenbesitzer weniger, der Glaser aber mehr hat und damit die Leistung in der Welt gleich bleibt. Dennoch ist die Welt de facto um eine Fensterscheibe ärmer geworden.
Das sollte natürlich @Karsten heißen.
In Bastiats Gleichnis mit der Scheibe ist ein Schaden entstanden. Das Beispiel lehrt, dass durch Katastrophen (oder auch Kriege) im Endeffekt immer Werte vernichtet werden, auch wenn die Politiker behaupten, dass »Arbeit geschaffen« wird. Der Volkswirtschaft fehlt eben der Wert einer intakten Scheibe.
—
Das Beispiel mit dem Bäcker und dem Großbäcker geht gerade als Beispiel für eine Wirtschaft mit Mindestlohn so nicht auf. Der Mindestlohn wird vom Großbäcker leichter aufgebracht als vom kleinen Bäckermeister. Am Ende geht der Bäckermeister zuerst in die Pleite.
Der Wohlstand ist dann einfach etwas konzentrierter. Vielleicht ist das dann auch ethischer ?
Er konzentriert sich beim gerade aktuellen Objekt des Mitleids. Soziales Gewissen im Zapping-Modus.
Sehr schöner Kommentar zu diesem fragwürdigen Artikel, der es überaschenderweise auf den dritten Platz geschafft hat.
Was den Bastiatvergleich angeht, muss ich Karsten zustimmen. Nur der Nettowohlfahrtsverlust der aufgrund der geringeren gehandelten Menge an Brötchen, auf der Seite der Konsumenten und Produzenten, entsteht entspricht hier der „Scheibe“. Alle anderen Effekte sind reine Umverteilungseffekte (einer größeren Produzentenrente steht eine (genauso hohe) geringere Konsumentenrente gegenüber (und die Geldmenge bleibt sowieso gleich)).
Bei Rayson sieht es aber so aus als sähe er auch diese Umverteilungseffekte als Nettowohlfahrtsverluste an, da er zwar richtig sagt, das die Nachfrage der Konsumenten sinken wird, da sie jetzt weniger Geld zur Verfügung haben, aber wie Karsten angemerkt hat, vergisst das im Gegenzug die Bäckereifachverkäuferinnen nun mehr Geld zur Verfügung haben und somit ihre Nachfrage (im gleichen Maße) steigen wird.
@Karsten, GiaNT
Ich wüsste nicht, wo ich einen Nettowohlfahrtsverlust festgestellt hätte. Im Gegenteil, ich behaupte, dass die Situation nach der Entscheidung des Konsumenten, mehr Geld für Brötchen auszugeben, nicht (jedenfalls nicht prima facie) besser zu bewerten ist als die vorher. Die Autorin hingegen scheint das Gegenteil für selbstverständlich zu halten.
[...] Kollegen bei den Bissigen Liberalen sehen das alles ein wenig [...]
Tja und wenn dann alle mehr bekommen wird alles teurer und wir stehen wieder da wo wir angefangen haben. Wo hat denn die Dame studiert? Bei Frau Luft?
@Rayson
Vielleicht habe ich Sie falsch verstanden. Ich ging davon aus das die Konsumenten einen höheren Preis zahlen, weil eine Art Mindestpreis für Brötchen eingeführt wird (oder ein Mindestlohn für Arbeitnehmer im “Brötchensektor“ der die Angebotskurve nach oben verschiebt). Dann würde es zu einem Nettowohlfahrtsverlust kommen.
Falls die Konsumenten den höheren Preis zahlen, weil ihre Zahlungsbereitschaft gestiegen ist, z.B. als Folge von Mitgefühl für die Brötchenfachverkäuferinnen, so kommt es zu keinem Nettowohlfahrtsverlust. Aber dann passt der Bastiatvergleich nicht mehr, da es keine “Scheibe“ mehr gibt. Denn Effekt den Sie beschreiben
„…sondern auch diejenigen, denen das vorher gesparte Geld des Kunden zu Gute gekommen ist. Vielleicht hat er sich dafür einen Döner um die Ecke gegönnt oder gar einen Friseurbesuch. Jetzt aber sind sowohl der Dönerbudenbesitzer als auch die Friseurin von ihrem menschenunwürdigen Dasein als geringbezahlte Arbeitskräfte erlöst worden…“
sehe ich nicht. Die Konsumenten können das Geld das sie jetzt für die Brötchen mehr bezahlen (z.B. 10 Cent pro Brötchen) zwar nicht noch einmal ausgeben, aber dafür haben die Brötchenfachverkäuferinnen jetzt 10 Cent mehr pro Brötchen, d.h. die Gesamtnachfrage ändert sich nicht. In diesem Fall würde sich der Markt einfach nur den veränderten Präferenzen der Marktteilnehmer anpassen. Ob das besser oder schlechter als die Ausgangssituation ist, lässt sich nicht sagen. Es gibt hier dann aber auch keine “zerbrochene Scheibe” mehr.
@GiaNT
Die “zerbrochene Scheibe” ist auch in Bastiats Original nur ein Unterfall des “was man sieht und was man nicht sieht”, und sie dient hier nicht als Muster.
Nochmal: Ich behaupte gar nicht, dass sich die Gesamtnachfrage ändert. Ich behaupte, dass, gerade weil sich nichts ändert und Nachfrage nur umgeschichtet wird, das “neue” Ergebnis keinen ethischen Vorteil für sich beanspruchen kann.
@Boche:
Das ist genau das, was Bastiat meint: Du siehst hier nur, was Du sehen willst, nämlich deine eigenen Transaktionen. Die nachfolgenden Transaktionen, die von der Verkäuferin getätigt werden, ignorierst Du, weil Du sie nicht siehst. QED.
@googlehupf:
Broken Window greift hier nicht, weil ja keine Werte vernichtet werden. Auch im Falle von Broken Window wird ja tatsächlich mehr Leistung erbracht, nur fehlt der Volkswirtschaft eben der Gegenwert, weil ja zuvor ein Teil ihres Kapitals vernichtet worden ist. Das ist hier aber nicht der Fall.
@Rayson:
Doch, Du behauptest sehr wohl, dass die Gesamtnachfrage sich ändere (auch, wenn Du das vielleicht nicht intendiert hast). Beleg dafür ist diese Zeile:
Was eindeutig darauf hinausläuft, dass die veränderte Situation die Nachfrage für Döner und Frisuren reduziere, weil der Bäckereikunde nun weniger Geld zur Verfügung hat.
Übrigens habe ich ausdrücklich deswegen Detailkritik geübt, weil ich Deiner übrigen Analyse weitestgehend übereinstimme. So einfach, wie die junge Dame es sich macht, funktioniert “Weiterdenken” nicht.
Beim Brötchenbeispiel sollte man auch bedenken, dass die Brötchennachfrage mit Sicherheit nicht völlig preisunelastisch ist, will sagen unsere Bereitschaft mehr für ein Brötchen auszugeben, zu einem Rückgang der Brötchennachfrage führt. Das wiederum bedeutet auch, dass wir zukünftig weniger der dann vielleicht besser bezahlten Fachverkäuferinnen beschäftigen. Dazu kommt, dass es sich bei Fachverkäuferinnen im Bäckereigewerbe ja sicherlich nicht gerade um den knappsten Faktor mit dem preisunelastischsten Angebot handelt, zusätzliche Gewinne also eher in die höhere Ladenmiete oder den Erwerb eines raren Vorprodukts fließen. Sollten wir also freiwillig mehr für die Brötchen berappen, geht mit Sicherheit keine Wohlfahrt verloren, denn wir glauben ja fest daran, dass es hilft. Aber wir werden nie erfahren, ob wir tatsächlich den Fachverkäuferinnen einen Gefallen tun oder einfach jemand anderen in der Wertschöpfungskette, der ohnehin schon mehr Geld verdiente als die Fachverkäuferin.
@Karsten
Ich mag mich ja irren aber die Transaktionen der Verkäuferin sind meiner Ansicht nach ohne Bedeutung, da sie in der Höhe genauso groß sind wie die vorher auf Dönerbudenbesitzer, Friseurin und “schlechter bezahlte” Verkäuferin verteilten Transaktionen. Der einzige Unterschied unterm Strich ist, dass ich weniger habe, wenn ich gezwungen werde, Brötchen plötzlich teurer zu bezahlen.
Anders sähe es natürlich aus, würde ich die Brötchen teurer bezahlen wollen, weil ich sie subjektiv für wertvoller erachte. Dann entspricht das “wertvollere” Brötchen wohl meinem Verlust an Döner und Frisur.
@Rayson
Kannst du mir noch mal erklären, warum hier kein Nettowohlfahrtsverlust zu beobachten sein soll, wenn ich das Brötchen plötzlich teurer bezahlen muss? Siehe oben, was ich Karsten geantwortet habe.
Schon verwunderlich, dass man mit so einer banalen Sozialromantik einen Preis erringen kann.
@Boche:
Du musst das Brötchen ja nicht teurer kaufen, du sollst es ja, so die Autorin, aus Überzeugung freiwillig tun. Aber, wie ich oben schon angedeutet habe, zweifele ich, dass das der richtige Weg zu besser bezahlten Fachverkäuferinnen ist, ebenso wenig wie beispielsweise Transfair-Kaffee der Weg aus der Armut für alle Kaffeebauern ist. Reichtum resultiert aus einem Zuwachs an Produktivität und nicht daraus, dass der vorhandene Wohlstand anders umverteilt wird (mal abgesehen von der fraglichen These des sinkenden Grenznutzens zusätzlichen Einkommens).
Ok, angenommene Freiwilligkeit würde das Fensterscheiben-Argument tatsächlich nicht mehr greifen lassen.
Mal abgesehen von den von dir angesprochenen weiteren Folgerungen.
@SteffenH:
Zugegeben, die weitergehenden Überlegungen habe ich natürlich nicht mit einbezogen. Aber ich bin ja auch kein Ökonom, meine Kenntnisse und Überlegungen beschränken sich auf das hier mehrfach wiedergekäute (wachsen aber mit jedem Wiederkäuen).
@Boche:
Oh, jetzt verstehe ich. Du sprichst nur von dem Unterschied für Dich – da hast Du recht. Ich spreche hingegen von der Gesamtwirtschaft.
@Karsten
Du bürdest der Bäckereifachverkäuferin die undankbare Aufgabe auf, gleich zwei Nachfrageausfälle zu ersetzen, Das muss sie nicht.
Situation vorher:
Kunde gibt 50 GE aus für Brötchen beim Discounter und 50 für den Dönerbudenbesitzer (fieserweise schicke ich die Friseurin gleich in die Arbeitslosigkeit). Wir haben eine ursprüngliche Nachfrage beim Kunden von 100 und eine entsprechende induzierte bei Discounter und Dönerbudenbesitzer. Die Bäckereifachverkäuferin ist arbeitslos (bzw. verdient weniger).
Situation nachher:
Kunde gibt 100 GE aus für Brötchen beim Bäcker. Wir haben eine ursprüngliche Nachfrage von 100 GE und eine entsprechend induzierte bei der Bäckereifachverkäuferin. Der Dönerbudenbesitzer und der Discounter sind jetzt arbeitslos (bzw. verdienen weniger).
So steht’s oben im Text. Wie verändert sich da also die gesamtwirtschaftliche Nachfrage? Richtig: gar nicht. QED
P.S.: Wenn es Boches Nettowohlfahrtsverlust beim Kunden gibt, wovon man ausgehen kann, wenn der Nachfrageschwenk nicht freiwillig erfolgt, dann gilt der auch gesamtwirtschaftlich. Nachfrage != Wohlstand.
@SteffenH
Ist ja alles richtig, aber man kann so’n simples Beispiel auch überfrachten
@Rayson:
Ja, aber an den alten Ricardo sollte man bei der Frage, wem die Gewinne letztlich zugute kommen doch einen Gedanken verschwenden. Ansonsten würde immer alles funktionieren, wenn man nur fest genug dran glaubt.
@Rayson
Mich interessiert viel mehr die Person Herrhausen. Von welchen Beispielen als Zeugnisse bestechender Intelligenz kannst Du berichten?
@SteffenH
Jaja, die gute alte Sache mit der Grundrente…
@dirk
Ich habe das nicht mehr so genau in Erinerung, weil ich, als man mir das erzählte, wohl ca. 35 Jahre jünger war, aber ich meine, dass meine Referenzperson berichtete, aus irgendeinem Grund sei die Diplomarbeit oder Dissertation von Herrhausen zunächst nicht akzeptabel gewesen, und er habe dann eben in einer Woche eine neue angefertigt, mit Bestnote natürlich. Oder sowas in der Preisklasse eben.
@Rayson:
Nein, so steht es eben NICHT oben im Text. Du hast den Dönerbudenbesitzer gleich mit in die Arbeitslosigkeit geschickt, was er aber nicht muss, weil Frau Bäckereifachverkäuferin nach ihrem 11-Stunden-Tag (davon nur 8 nach Tarif, der Rest schwarz unter dem Tisch bezahlt, was durchaus üblich ist, aber lassen wir das…) noch einen Döner essen geht.
Wenn jemand (wie diese Studentin) der Meinung ist, dass die Friseurin zu wenig Geld verdient und bereit ist mehr zu bezahlen, dann gibt es eine ganz einfach Möglichkeit! Trinkgeld!
Angenommen, eine Angestellte schafft 3 Herrenhaarschnitte die Stunde und bekommt jedes Mal 2 Euro Trinkgeld, so steigt der Stundenlohn um 6 Euro. Nicht meckern, selber handeln!
Aber nein, wenn, dann müssen höhere Preise natürlich für alle gelten. Wo kämen wir denn da auch hin. Alles andere wäre doch voll sozial ungerecht!
@Colombia
Schlaue Idee, nur leider sind da viele, insbesondere in der Gastronomie auch schon dahinter gekommen. Ich kenne da einige Wirte, die mit Verweis auf die (teilweise tatsächlich relativ hohen) Trinkgelder dann sehr niedrige Stundenlöhne bezahlen, obwohl sie sehr wohl angemessene Löhne bezahlen könnten.
@ Hias:
Womit wir wieder bei SteffenH’s Argument wären: Wenn wir mehr für Brötchen zahlen, heisst das noch lange nicht, dass das den Angestellten in der Bäckerei zugute kommt.
@F. Alfonzo
Stimmt, wenn der Bäcker einfach die Preise erhöht, dann muss das nicht unbedingt sein. Wenn er aber aufgrund des Mindestlohns die Preise erhöhen muss und dies in einem funktionierenden Markt tut, dann sollte doch der Großteil der Preiserhöhung den Angestellten zugute kommen.
Ich habe bei den ganzen Beispielen die da aufgezählt werden doch stark das Gefühl, dass vom Verhalten einzelner auf eine ganze Volkswirtschaft geschlossen wird. Nun bin ich kein studierter Ökonom, aber wenn wir tatsächlich in einer mehr oder weniger funktionierenden Marktwirtschaft leben und nun einen moderaten Mindeslohn einführen, dann müsste doch nicht nur die Bäckereifachverkäuferin mehr Geld zur Verfügung haben, sondern auch die Friseuse, genauso wie alle anderen. Und weil ich jetzt meine 100 GE komplett beim Bäcker ausgebe, heißt das doch nicht, dass dies alle tun. Wenn der Friseuse und der Bäckereifachverkäuferin nun statt 70 GE nun auch 100 GE zur Verfügung stehen, müsste doch dann normalerweise irgendwo zusätzliche Nachfrage entstehen, oder übersehe ich da irgendwas?
@Hias:
Wenn der Bäcker seine Preise aufgrund eines Mindestlohns erhöhen muß, wird der Abstand zwischen seinen Preisen und denen des Diskonters, der seine Brötchen stärker automatisiert produziert, und den der Mindestlohn deshalb weniger stark trifft, noch größer.
Das heißt, daß die Kunden nun noch mehr guten Willen (oder meinetwegen Qualitätsbewusstsein) brauchen, um trotzdem die teureren Bäckerbrötchen zu kaufen.
Unter diesen Umständen könnte es sein, daß der Laden des Bäckers in Zukunft weniger voll ist als zuvor, und daß er irgendwann alle Kunden selbst bedienen kann, und keine Verkäuferin mehr braucht.
Danke.
@Karsten
Nicht schlecht, Karsten! Wenn ich dir folge, dann hat sich allein durch die Änderung der Konsumentscheidung des Kunden K die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sogar erhöht, denn die 100 die dem K zur Verfügung standen, sorgen für Nachfrage bei ihm, bei der Bäckereifachverkäuferin B und dann später noch beim Dönerbudenbesitzer D. Die Transaktion von K zu B findet bei dir zudem noch mit einer Konsumquote von 1 statt – wenn wir die auf die Allgemeinheit übertragen, muss sie also auch bei D gelten, und schon haben wir, wo ich nur implizit von 200 GE Nachfrage ausging, plötzlich 300 GE! Da muss dann wirklich niemand arbeitslos werden! Aber warum da stehen bleiben? In einer Art offensiven Variante des Sayschen Gesetzes könnten wir beliebig viele neue Berufsgruppen entstehen lassen, die wir einfach noch in die Transaktionskette einfügen, und die 100 GE des K vervielfältigen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf großartige Weise.
Was also stimmt nicht in diesem Bild? Zum einen die bereits erwähnte Konsumquote, ok. Aber erst zusammen mit der Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (mehr Transaktionen) entfaltet die ihre ganze Wucht. Nicht ganz fair, nicht ganz fein, doch der Schiedsrichter lässt Vorteil gelten
Um also zu verdeutlichen, dass D doch arbeitslos werden muss, und dass dies bei Neuerschaffung der B eine zwangsläufige Folge einer konstanten Nachfrage ist, gehen wir einfach davon aus, dass B ebenso wenig Döner mag wie D Brötchen…
@Hias
Ja, dass man Geld nur einmal ausgeben kann. Genau das, was im Originalbeitrag oben steht. Das Geld, dass der Kunde für den Mehrlohn ausgeben muss, kann er nicht für den Kauf anderer Güter ausgeben, die ja auch von jemandem hergestellt werden. Wohlstand schaffen per Gesetz geht leider nicht.
@Rayson:
Das einzige, was ich auf Anhieb einsehe, ist das mit der Konsumquote. Sicher, die Bfv (ich kürze das mal ab, auch ohne propper und so) wird vermutlich auch etwas sparen, also nicht den ganzen Zuwachs an verfügbarem Einkommen in Konsum stecken. Ich hatte selber schon an die Steuern gedacht, die ja auch noch abgehen, wollte mir aber nicht meine eigene Argumentation versauen.
Trotzdem fehlt mir da irgendwas. Denn die Bfv HAT doch nun mehr Geld zur Verfügung, oder nicht? Das gleicht vielleicht nicht zu 100% die fehlende Nachfrage durch Boche aus (der sich interessanterweise gleich mit dem Kunden identifiziert hat), aber doch zum Teil, oder?
@Karsten
Ja, aber du erhöhst eben die Zahl der betrachteten Transaktionen, und das erhöht in diesem “Modell” automatisch die (nominelle) Nachfrage. Die B und der D könnten auch unter Berücksichtigung einer Konsumquote noch eine Weile Konsum-Ping-Pong spielen, und die Nachfrage steigt und steigt und steigt….
Die B hat jetzt einfach das an “Mehr”, das vorher der D hatte, dem es durch den Wegfall von K jetzt fehlt. Klar kann die B was von D kaufen, aber der D hatte vorher ja auch was von X gekauft, aber dann sagst du ja wieder, dann kauft eben die B von D und der dann wieder von X, und alles ist in Ordnung: Nachfrage wird hier nicht verschoben, sondern durch das Einfügen der vorher nicht existenten B in die alte “Kette” einfach vermehrt!
Aber das ist, weil die Ursache eine Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist, in Wirklichkeit nur Inflation, denn da niemand mehr produziert hat, gibt es auch nicht mehr zu verteilen…
@Hias
Als Ergänzung zu dem was Rayson schon gesagt hat:
Das Kaufkraftargument ist ein Mythos, den die Gewerkschaften gerne am Leben erhalten auch wenn er jeglicher Logik widerspricht.
+100 Euro (Lohn) für die Bfv bedeutet gleichzeitig -100 Euro für den Arbeitgeber, macht + 100 – 100 = +/- 0 an Nachfrage (außer man ist Keynesianer und argumentiert über die Konsumquote und die Weihnachtswichtel die für den Multiplikatoreffekt sorgen).
Hier noch ein Link zum Thema:
http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=2700&utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+Berthold+%28Wirtschaftliche+Freiheit%29&utm_content=Google+Reader
@ GiaNT:
Das bizarre an der Argumentation mit dem Multiplikaktoreffekt ist ja eiegntlich nicht, dass es ihn nicht gibt, sondern dass unterstellt wird, dass er bei den Transfers-Empfängern größer ist ist bei den Steuerzahlern und man so durch die Umverteilung das perpetuum mobile in Gang setzt.
…als würden die Reichen ihr Vermögen in Goldbarren investieren, die sie sich in die Matratze stecken (wobei das im Moment als Investmentstrategie vermutlich sogar sinnvoller ist als eine Investition, lol)
@F.Alfonzo
Ich bin mir nicht mal so sicher ob es wirklich einen Multiplikatoreffekt gibt. Robert Barro und Kevin Murphy bezweifeln das soviel ich weiss auch. Robert Barro hat den Multiplikatorefekt in den USA in den letzten Jahrzehnten auf 0,8 geschätzt, d.h. falls seine Berechnungen grob stimmen, steigt für jeden Dollar den der amerikanische Staat für “Konjunkturprogramme” ausgibt das amerikanische BIP nur um 80 Cent.
@Rayson:
Heißt das im Umkehrschluss, dass eine Senkung aller Löhne um 50% die Nachfrage erhöhen würde, weil ja derjenige, der die Löhne nun nicht bezahlen muss, mehr Geld zur Verfügung hat? Das scheint mir ziemlich abwegig, aber ich habe den Eindruck, dass es aus der von Dir vorgebrachten Logik so geschlossen werden könnte.
1. Der Multiplikatoreffekt ist ein Mythos. Man kann in empirische Daten alles mögliche reininterpretieren, so wie das auch bei der angeblich existenten Phillips-Kurve versucht wurde.
2. der multiplikator kann allein deshalb schon nicht existieren, weil bei einer positiven sparquote (sagen wir 0,2) nicht etwa 20 % des andernfalls für konsum gedachten geldes plötzlich “verschwindet.” dieses Geld wird ja gespart, d.h. es fließt über die Kapitalmärkte einem investor zur verfügung und wird eben sehr wohl(!) ausgegeben. Einziger Unterschied: statt eines zusätzlichen Brötchens wird nun eine Maschine mehr gekauft, oder ein Arbeitnehmer eingestellt. Letzteres dient langfristig dem Wachstum… ganz im Gegensatz zum reinen Konsum´.
Dass Keynes und seine Jünger das nicht sehen wollte, sorgte dafür, dass die deutschsprachige Fachwelt (Röpke, Hayek, Lachmann) seine Thesen für absurd und lächerlich hielten. Womöglich liegt das an der fehlenden ökonomischen Bildung Keynes, der ja in erster Linie Mathematiker war.
@Karsten
Nein, das heißt es genau so wenig, wie dass eine Erhöhung aller Löhne um 50% die Nachfrage erhöhen würde. Wie du auf die Idee kommst, dass “meine Logik” dazu führt, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft.
Schrecklicher Artikel im Handelsblatt,
hat wohl zuviel gerechnet im Studium so das am Ende ganz vergessen wurde das hinter den Gleichungen und Schnittpunkten ganz reale Aussagen stehen.
Und sich parallel in Soziologie – Vorlesungen gesetzt und dann haben wir jetzt das Ergebnis.
Wahrscheinlich haben die Professoren gefehlt die ganz einfache Mikro- und auch Makroökonomische- Probleme gut und sinnvoll(mit Bezug zur realen Welt) erklären können. Kann ich aus meinem eigenem Studium nur bestätigen.
Am Ende war es wichtiger die Herleitung der Formel zu wissen, als was mir das ganze eigentlich sagt.
*traurig!*
Ich vermute, Unwissender123, dass du damit ziemlich dicht an der Wahrheit liegst. Der “österreichische Ansatz” sollte m.E. unbedingt gelehrt werden, egal, wie man ihn einschätzt oder nicht, er zwingt einen dazu, sich auch expressis verbis zu äußern. Aber das ist nur eine Vermutung.
Na ja, Wirtschaftswissenschaften gehören halt zur Sozialwissenschaft und dann darfs doch auch ma kuschelweich sein, oder?
Nur Preisverdächtig ist so ein Mist natürlich nicht, ausser bei uns vielleicht
@Mises
Zu 1.) Naja, empirische Daten sind schon wichtig. Was passiert wenn man nur Theorien entwickelt ohne Daten zu erheben und die Theorien mit den Daten zu vergleichen kann man in der Philosophie sehen. 2500 Jahre machen sich da intelligente Menschen Gedanken bezüglich der Funktionsweise des Gehirns, und was haben sie vorzuweisen? Fast nichts. Dann 50 Jahre moderne Forschung mit Messgeräten und der Erhebung von Daten und unser Wissen wächst rapide.
Ohne Daten ist einfach nicht klar welche Theorie vorzuziehen ist. Es gibt einfach zu viele theoretisch denkbare Möglichkeiten wie etwas funktionieren kann. Welche dieser Möglichkeiten/Theorien nicht zutreffen lässt sich (meistens) nur bestimmen indem man vergleicht ob die Theorie mit den Daten vereinbar ist.
Das wenn noch nicht genügend Daten vorliegen bestimmte Theorien (noch!) nicht verworfen werden können lässt sich leider nicht vermeiden.
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Zu 2.) Ich habe auch nie wirklich begriffen warum Keynesianer davon ausgehen, dass Ersparnisse nicht nachfragewirksam seien. Das einzige was mir dazu einfallen würde wäre
a)Von den Ersparnissen wandert ein größerer Prozentsatz ins Ausland als vom Konsum, weshalb die Inlandsnachfrage in der kurzen Frist geringer ist
b)Die Umlaufgeschwindigkeit ist aus irgendwelchen Gründen bei Ersparnissen geringer als beim Konsum
Die Antworten befriedigen mich aber nicht wirklich. Falls hier jemand weis was Keynesianer wirklich denken, bitte heraus damit.
@Rayson:
Moment, ich versuche doch darauf hinzuweisen, dass eine Lohnerhöhung die Nachfrage nicht senken und darum keine Jobs vernichten würde. Du bestehst auf der Jobvernichtung durch Lohnerhöhung. Hat diese Jobvernichtung dann nichts mit der Senkung der Nachfrage zu tun?
Bedenke bitte, dass ich ein interessierter Laie bin und bei Überschüttung mit Fachbegriffen verwirrt reagiere.
@Karsten:
Eine willkürlich Lohnerhöhung entspricht einer Kostenerhöhung und führt daher zu einem Rückgang der Produktion. Wo weniger produziert wird, kann auch nur weniger nachgefragt werden, denn jeder Nachfrage muss auch immer ein Angebot voraus gehen. Wir leben ja in einer Tauschwirtschaft. Der Mindestlohn selbst ist zunächst nur Umverteilung, also nachfrageneutral, aber er setzt bei dem davon betroffenen Verwender der Arbeit Anreize zur Reduktion des Einsatzes von Arbeit. Und wo weniger gearbeitet wird, wird weniger produziert.
Da der Mindestlohn angeblich nur dort gezahlt wird, wo er erwirtschaftet wird, kann man doch davon ausgehen, dass er den Einzelnen zu mehr Produktivität, oder “Einsatz” oder wie man das immer nennen möchte, anspornt.
Ich denke das problematische am Semmelbeispiel ist nicht ob und wie Kaufkraft umverteilt wird sondern, daß der Wettbewerb ausgehebelt wird wenn wir “aus Mitleid” teurer als nötig einkaufen.
Der Discountbäcker hat in etwas Neues investiert, es scheinen auch genauso gute Semmeln wie beim teuren Bäcker rauszukommen.
Wenn jetzt aber nicht beim günstigeren gekauft wird lohnt sich für jenen die Investition nicht.
Also keine Weiterentwicklungen, keine Neuerungen.
Wir würden bei dem Denken immer noch um das Lagerfeuer vor den Höhlen sitzen.
Und das ist der entscheidende Fehler in der Argumentation der Studentin.
Traurig, daß es für so etwas einen Preis gibt.
@RichardT
Wenn aus Mitleid freiwillig teurer eingekauft wird, ist das kein Aushebeln des Wettbewerbs. Denn dann ist die Möglichkeit das Spendens des Mehrbetrags (so sinnfrei das wegen der vielleicht angestrebten aber gar nicht eintretenden Folgen wie den Mehreinkünften der Verkäuferin auch sein mag, ganz abgesehen von der Bastiat’schen Logik, dass die nicht sichtbaren Marktteilnehmer eben entsprechend weniger haben) eben Bestandteil der Produkteigenschaften. Und nicht handwerkliche Qualität, die der Discounter vielleicht auch hinbekommt.
Das Problem dieser Studentinnen-Argumentation ist ja eher, dass hier offenbar auf dünnster Basis (wenn ich anwesende Ökonomie-Kenner verstehe) ethisch argumentiert wird. Und genau diese Art “Argumentation” ist bekanntermaßen Grundlage diverser Forderungen nach Zwangsmaßnahmen. Und da hört der Spaß undurchdachter Gedanken ja auf.
@Boche:
Und wie soll der innovative Bäcker am Markt Erfolg haben wenn aus Mitleid die alte Technologie bevorzugt wird?
Wenn sich aus Mitleid mit den Kutschern keiner ein Auto gekauft hätte würden wir aber ziemlich alt aussehen.
Wenn immer an den alten Zöpfen festgehalten wird, hat das Neue keine Chance.
Das soll nicht heißen, daß per se alles Neue gut sein muß, aber eine Chance solls doch bekommen und das geht nur auf zwei Wegen:
Die verbesserte Produkteigenschaftund/oder der Preis.
Die anwesenden Ökonomiekenner haben ja auch nicht bedacht, genau wie die Studentin wohl, daß auch die Möglichkeit besteht, daß der Discountbäcker sogar bessere Löhne bezahlt als der etablierte Bäcker. Oder die Gesellen des Discounters haben wesentlich bessere Arbeitsbedingungen. Wer sagt denn, daß der Billigere automatisch auch ein Ausbeuter ist.
Doch hoffentlich nur Sozialisten und preisgekrönte VWL Studentinnen.
Vielleicht arbeitet er ökonomischer, braucht weniger Strom oder Rohstoffe oder sonstwas.
Oder auch weniger Bäckergesellen.
jetzt wird sicher argumentiert, daß des egal ist ob das Geld zu den Bäckergesellen fliesst und die es samt ihren Familien ausgeben oder ob ich als Semmelkäufer das Geld nderweitig ausgebe.
Ist es nicht, im ersten Fall stütze ich altmodische, ineffektive Produktionsweisen, im anderen Fall zwinge ich durch mein Verhalten die jetzt überflüssigen Bäckergesellen sich nach anderen Berufen umzusehen und so ein klein wenig für den Fortschritt zu tun.
Ich bevorzuge persönlich übrigens richtige Bäckersemmeln, aber nicht aus Mitleid oder Tradition, sondern weil sie einfach besser schmecken als das aufgebackene Discountgerümpel.
Das Beispiel war aber für gleiche Qualität gedacht.