Lieben Sie Kishon?
Früher war ich begeisterter Leser der Satiren Ephraim Kishons (übrigens auch der politischen). Im Zusammenhang mit Westerwelles “Forderung”, Langzeitarbeitslose zum Schneeschippen einzusetzen – mit deren Verwirklichung übrigens spätestens in vier Monaten auch zu rechnen ist, da könnten die schlimmsten Befürchtungen der Kritiker wahr werden – fällt mir da eine ein (Buchtitel und genauen Wortlaut leider vergessen), in der ein Journalist den bekannten Schriftsteller Tolaat Shani zu Hause aufsucht, um mit ihm ein Interview zu führen. Der Witz ergibt sich aus dem Kontrast zwischen der Art, wie das Interview tatsächlich verlief und wie sehr der danach veröffentlichte Wortlaut mehr die Meinung des Interviewers wiedergibt als die des Schriftstellers. In ungefährer Erinnerung geblieben ist mir folgender Dialog.
Interviewer: “Hat sie das gefreut?” (“das” ist irgendeine Auszeichnung)
Schriftsteller: “Och. Ja, doch.”
Interviewer: “Ach kommen Sie! Sie müssen doch außer sich gewesen sein vor Freude! Geben Sie es zu!”
Schriftsteller: “Hm, na gut, ja, ich glaube schon, dass man das vielleicht sagen könnte.”
Der Aufmacher im veröffentlichten Interview lautete dann natürlich: “Tolaat Shani: Ich bin außer mir vor Freude!”
Ok, bei Westerwelle war es nicht ganz so, aber gewisse Ähnlichkeiten kann man schon erkennen, oder?
Jeder, der jung und gesund ist und keine Angehörigen zu betreuen hat, muss zumutbare Arbeiten annehmen – sei es in Form von gemeinnütziger Arbeit, sei es im Berufsleben, sei es in Form von Weiterbildung. Wer sich dem verweigert, dem müssen die Mittel gekürzt werden. Umgekehrt erwarte ich von unserer Sozialstaatsverwaltung, dass sie jedem jungen Menschen auch ein Angebot macht.
Sie meinen auch: Schneeschippen?
Warum denn nicht? Nehmen Sie Berlin, eine Stadt mit einem hohen Anteil von Sozialleistungsempfängern. Hier liegt seit Wochen Eis und Schnee auf den Bürgersteigen. Viele ältere Menschen trauen sich schon gar nicht mehr aus dem Haus, weil sie Angst haben müssen, zu stürzen und sich was zu brechen. Da könnte die Stadt doch junge Sozialempfänger zum Räumen der Bürgersteige einsetzen. So praktisch ist das Leben. Doch weite Teile der Politik haben sich davon entfernt.
Die Idee ist also nicht von Westerwelle, er ist nur darauf angesprungen. Der Fragesteller hätte wahrscheinlich irgendeine Tätigkeit nennen können. Interessant ist übrigens auch, dass aus dem Kontext eher nicht zu schließen ist, dass das Schneeschippen, für wie sinnvoll man das jetzt halten mag oder nicht, als Gegenleistung zur Staatshilfe gedacht ist, sondern es wird deutlich im Kontext des “ein Angebot machen” verwendet.
Der hauptsächliche Unterschied zum Schriftsteller Tolaat Shani ist aber wohl, dass Westerwelle auf das Stichwort ansprang, also ist ihm das Gesagte dann auch so zuzurechnen. Dennoch: Der Eindruck, der in den Medien verbreitet wird, ist ein etwas anderer, als der Text des Interviews rechtfertigt.

bisher 9 Kommentare » Kommentare
Diesen Link bin ich schon bei Stefanolix losgeworden. Ich behaupte mal Westerwelle quatscht über Zustände, wo er die Fakten entweder nicht kennt oder nicht zur Kenntnis nehmen will.
Westerwelle hat sich zu einem Thema, das ihm vom Fragesteller aufgetischt wurde, reichlich prinzipiell geäußert. Ein durchdachter Vorschlag, der aufgrund einer Lageanalyse erfolgt wäre, war das ganz sicher nicht.
reichlich prinzipiell geäußert nunja, ich belasse es dabei, denn der Quark von Westerwelle, von Westerwelles “Kritikern” und seinen Verteidigern geht mir ohnehin auf den Keks. Und mein Blutdruck muss derzeit auch nicht weiter steigen…
Unterstellen wir Guido Westerwelle beim Hartz IV-Thema wahlkämpferische Berechnung mit Blick auf NRW, dann war es Absicht aufs Schneeschippen einzugehen.
Unterstellen wir ihm wahlkämpferische Aktionismus mit Blick auf NRW, dann nahm er die Vorlage dankbar auf.
Unterstellen wir ihm gedankenloses Dampfgeplauder, weil nur noch außen zu Ministrieren zu langweilig ist, dann
hat er sich mit dem Schneeschippen aufs Glatteis führen lassen.
Nur, seit wann ist der Mann im Geschäft? Lange genug. Nur Ende 2007, anfang 2008 hat er gefehlt, damals als Roland Koch zeigte, dass regieren und gleichzeitig wie der Oppositionsführer auszuteilen nicht zusammenpasst und auch nicht belohnt wird.
@Marc
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Aber man muss auch nicht mehr hineinlesen als drin stand und nicht mehr verbreiten als gesagt wurde. Aus der Antwort auf eine Frage eine “Forderung” zu basteln, ist z.B. aus meiner Sicht eine durch den Text nicht gedeckte Zuspitzung.
@Marc
Egal wie lange ein Westerwelle im Geschäft ist und egal wie sehr er aufpasst und egal was er sagt, mit der in den letzten Tagen aufgeführten Dreistigkeit lässt sich jede Aussage zurechtdrehen. Das kann man ihm wohl kaum vorwerfen.
Ich sehe einen Politiker der sein Volk im Meer versinken sieht und der diesen Leuten vorwirft, dass Sie nicht schwimmen koennen. Wer nicht schwimmt ist selber schuld …..? Ist ein Politiker nicht da fuer sein Volk? Oder ist es das Alte: Wenn dem Politiker das Volk nicht passt, dann waehlt er sich ein Neues?
@Marc:
Ja was hätte er denn sagen sollen?
Die Antwort verweigern?
Schneeschippen als generell unzumutbar ablehnen?
Schneeschippen ist EINE Möglichkeit einer zumutbaren Tätigkeit. Gerade dieses Beispiel auszuwählen war Entscheidung des Reporters. Und dann bleibt eigentlich nur, das zu bestätigen.
Wie sogar die schlechteste Tageszeitung unserer Stadt heute gemerkt hat, ist Schneeschippen auch durchaus schon übliche Tätigkeit in manchen Städten, d.h. Westerwelle hat nun überhaupt nichts Skandalöses gesagt.
In üblicher Verdrehung der Tatsachen wird dies nun im Zeitungsartikel aber so interpretiert, daß Westerwelle keine Ahnung habe.
Diese Art Presse ist so unsagbar niveaulos.
@R.A.: Kurz innehalten und auch mal differenzieren, wäre doch gegangen. Das war ja kein Fernsehinterview.
Dann kann man darauf verweisen, dass Schneeschippen ein schwieriges Beispiel ist, weil es durchaus auch Firmen gibt, die mit Schneeräumen ihr Geld verdienen und das daher nicht überall ein Ein-Euro-Job sein kann.
Wenn Westerwelle für sich in Anspruch nimmt, dass auszusprechen, was die Leute denken, dann finde ich es nicht zuviel, auch zu wissen, wie die Leute leben. Wir beide kennen schließlich einen, der beim lokalen Schneeräumunternehmen diesen Winter arbeitet.
Zudem halte ich solche Arbeitseinsatzvorschläge für kontraproduktiv, weil den Eindruck vermitteln Arbeit ist Strafe anstelle Chance.
Was vielleicht auch so gedacht ist, nur verweist der oben verlinbkte Zeit-Artikel auf ein daraus entstehendes Problem.