Erzwungen
Der Kapitalismus ist perfide. Besonders frech ist es, wenn er Bedürfnisse bedient, die eigentlich von ihren Erfindern gegen ihn gerichtet sind. Die Ökobewegung kritisiert “Fabrikfraß”, und die Handelsketten, statt in Selbstzerknirschung um die Erlösung durch Räteherrschaft zu bitten, bieten einfach Bioprodukte an. Das ist eine Frechheit sondergleichen, die gutmenschlich geächtet gehört. Und wer wäre für den Aufschrei der derart Geknechteten besser geeignet als das Sturmgeschütz der Bürokratie, der “Spiegel” bzw. seine Onlineausgabe. Die Liste der Vergehen ist lang:
Tatsächlich aber hat sich das Ideal vom selbstbestimmten Kunden längst verwandelt in einen grassierenden Zwang zum Selbermachen. Aus dem hehren Ziel der Selbstverwirklichung ist ein Do-it-yourself-Imperativ geworden, der uns immer mehr Verantwortung in banalen Alltagsdingen aufbürdet. Von der Optimierung profitieren andere. “Die Kunden sind vielerorts zu unbezahlten Arbeitskräften, zu einer expliziten betrieblichen Wertquelle geworden”, bilanziert der Soziologe Gerd Günter Voß.
Das ist dramatisch! Wir müssen die Unternehmen unbedingt entwaffnen, damit sie ihre Kunden nicht mehr zum Selbermachen zwingen können. Moment – hier sind gar keine Waffen im Spiel? Keine Drohungen? Könnte es sein, nur mal vorsichtig angefragt und im Bewusstsein der Subversivität allein des Gedankens, dass die Kunden das so gewollt haben? Aus – Schluss – Schnitt. Unerhört, dieser Gedanke. Die wurden gezwungen. So sieht’s aus. Notfalls mit Geld, aber Zwang war da.
Unseren Morgenkaffee holen wir uns selbst bei Starbucks, unsere Bankgeschäfte erledigen wir online, das Bahnticket nach München buchen wir selbst, unser Paket holen wir an der Packstation ab. Allein zwischen 1991 und 2007 ist etwa die Zahl der Postfilialen und -agenturen um ein Drittel gesunken. Trotzdem, sehr bequem, diese neue Flexibilität. Vielleicht nicht ganz so bequem wie früher, als Postboten das Paket nach Hause lieferten, aber man will ja nicht klagen. Wir sind unser eigener Wertpapierhändler, Reisebürokaufmann und Postbote. Schade, dass wir uns keinen Stundenlohn zahlen. Da käme ein hübsches Sümmchen zusammen.
Da bin ich aber froh, dass die Schergen von Starbucks mich bisher verschont haben. Aufgrund ungeklärter Umstände gelang es mir bisher, meinen Morgenkaffee zu Hause selbst zuzubereiten. Ok, vorher hatte mich die Firma Jura (aus der Schweiz! Muss ich mehr sagen?) gezwungen, ihr einen ihrer Kaffeevollautomaten abzukaufen, und ich kann es einfach nicht lassen, den auch zu bedienen. Andererseits, wenn ich morgens im Fitnessstudio war, lasse ich mir von vom Kioskbesitzer um die Ecke eine Zeitung aufzwingen und gehe dann, wie von unsichtbaren Fäden gelenkt, in den örtlichen Starbucks, der einfach dadurch, dass er als einziger heißen Kaffee anbietender Betrieb um diese Zeit in der Innenstadt schon geöffnet hat, mich zur Einkehr zwingt. Wo bleibt der liberale Aufschrei?
Und wer mich dann auch noch zwingt, die Bankgeschäfte online zu erledigen. Denken wir doch an die guten, alten Zeiten zurück, wo wir die papiernen Überweisungsträger ausfüllen und zur Post bzw. in die Filiale bringen durften. Was für Zeit wir damals gespart haben! Und die beschränkten Öffnungszeiten gaben uns wenigstens einen Rhythmus vor. Heute hingegen werden wir gezwungen, uns zu einer uns genehmen Zeit an den PC zu setzen und dieselben Informationen in ein Online-Formular einzutragen. Wenn das kein Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes ist, weiß ich auch nicht mehr.
Das Bahnticket – oh Mann, wer erinnert sich nicht gern an die vorkapitalistisch schöne Zeit, als durch das Schlangestehen am Schalter der Bundesbahn gesellschaftliche Nähe und Kommunikation ebenso gefördert wurden wie die Fitness der Kunden, pardon, Antragsteller. Heute zwingen uns profitgierige Ausbeuter dazu, vom Sofa aus über WLAN die richtige Verbindung herauszusuchen und uns unser Ticket gleich ausdrucken oder gar aufs Handy schicken zu lassen. Wieviel wertvolle gesellschaftliche Interaktion dabei verloren geht.
Und dann auch noch die Packstation! Die Welt war einfach in Ordnung, wenn man als arbeitender Mensch abends nach Hause kam und im Briefkasten die Meldung vorfand, ein Paket habe nicht zugestellt werden können, man dürfe es aber gerne in dem Stadtteil, in dem wegen der Verkehrsberuhigung neulich sämtliche Parkplätze “zurückgebaut” wurden, zwischen 9 und 17 Uhr wieder abholen, heute aber nicht. Da war noch Struktur im Alltag, und es wäre niemandem eingefallen, sich einfach eine Packstation in seiner Nähe zu suchen, an der er seine Päckchen dann abholt, wann es ihm passt. Es ist schier unglaublich, zu welchen Schandtaten uns die Konzerne heutzutage zwingen können.
Man sollte uns dafür, dass wir diesem Zwang unterliegen, wirklich bezahlen. Wäre ja noch schöner, wenn sich einer nur durch Kundenservice unfaire Wettbewerbsvorteile verschaffen würde.
Ikea – ganz schlimm! Men in black treiben jeden Samstag Horden unschuldiger Bundesbürger in deren Konsumtempel, und durch ein Warenangebot, das man gleich mitnehmen kann, zwingt dieser schwedische Konzern seine Kunden dazu, Käufe zu tätigen. Obwohl doch alle mit dem festen Vorsatz aufgebrochen waren, diesmal auf keinen Fall Geld auszugeben.
Die Bahn baut Reisezentren ab. Aha. Was macht die Konkurrenz? Welche Konkurrenz, fragen Sie? Welcher Kapitalismus, frage ich?
Vom Imperativ der Selbstverantwortung profitiert hier zunächst der Staat, weil er zwar die Riester-Rente subventioniert, aber später an der gesetzlichen spart.
Und wir alle wissen: Man kann gar nicht anders vorsorgen als über eine “Riester-Rente”. Es gibt keine anderen Möglichkeiten, wie ein Bürger sparen kann. Das ist wirklich hart. An der gesetzlichen Rente “spart der Staat”. Das ist mal wirklich eine geniale Entdeckung. Jetzt muss mir nur noch einer erzählen, welches Einkommen der Staat bezieht, dass er sparen kann. Oder wer jetzt wen zu was zwingt.
So wildern Software-Konzerne ihre neuen, noch fehlerhaften “Betaversionen” aus, auf dass begeisterte Nerds Programmierungsfehler suchen und am besten gleich beheben.
Und diese idiotischen Halbaffen machen das auch noch. Klar: Man hat sie gezwungen. Oder die können nicht anders, also irgendwie pathologisch. Dieser ganze Open-Source-Mist ist eh eine gewaltige Verschwörung, mit der uns der Kapitalismus zwingt, gute Software herzustellen.
Es ist einfach schrecklich.

bisher 12 Kommentare » Kommentare
War ja auch schon immer das große Menschheitsproblem, dass der Staat sich klammheimlich davonstielt, spart und seine Bürger zwingt, Verantwortung zu übernehmen. Hat man ja schon im Dritten Reich gesehen, wohin sowas führt. Oder wie war das damals?
Ja, schrecklich. Sklaverei im 21. Jahrhundert.
Nur bei der Sache mit dem Brunnenprojekt hat er recht. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass mir je Vergleichbares passiert wäre.
Das Brunnenprojekt erinnert mich an einen Einkauf in einem linken Buchladen in den frühen 90ern. Da wurde die Rechnung einfach mal um ein, zwei Mark aufgerundet. Als ich – noch ganz grad im Westen angekommener, verschüchterter und das Bewusstsein als Kunde Rechte zu haben noch nicht erlernter Ossi – nachfragte, wo mein Wechselgeld bliebe, antwortete mir die Rastahaarfrau mürrisch, dass der Rest eine Spende an ein, ich habe vergessen welches, revolutionäres Projekt in Lateinamerika sei. Wahrscheinlich habe ich die Machtübernahme solch eines dicken Potentaten mitfinanziert.
Das war Anke Engelke
Jetzt wo du das sagst… könnte sein.
Mir fällt da auf Anhieb ein passendes Beispiel ein: Das Dosenpfand. Auch eine kapitalistische Erfindung.
SPON halt. Ich rege mich darüber nicht mehr auf. Nur noch ein bisschen…
@ Christian S.:
Witzig, dass sich sowohl Liberale als auch Sozialdemokraten über SPON aufregen…
…das lässt nur 2 Schlüsse zu: Entweder SPON ist überparteilich genial, oder handwerklich so schlecht, dass es kaum noch zu ertragen ist
[...] This post was mentioned on Twitter by Julis Böblingen, Sebastian Jänsch. Sebastian Jänsch said: Das ist eine Frechheit sondergleichen, die gutmenschlich geächtet gehört. http://bit.ly/9gM43r [...]
Eher letzteres. Aber das wusste auch schon Enzensberger.
[...] “Bissige Liberale Ohne Gnade” (B.L.O.G.) hätte ich jetzt nicht als Titel für mein Blog haben wollen. Aber darüber sehe ich gnädig hinweg, weil es sich lohnt, dort zu lesen. Zum Beispiel diesen Artikel darüber, wie der fiese Kapitalismus uns zwingt, alles selbst zu machen. [...]
Sturmgeschütz der Bürokratie – kannte ich noch nicht, ist schön.