25. Januar 2010
Gesundheit!
Stellen wir uns eine Branche vor, die sehr ethische Produkte anbietet und die sich seit Jahrzehnten einer ständig wachsenden Nachfrage gegenüber sieht. Obwohl es sich die Politik ebenso lange zur Aufgabe gemacht hat, diese Branche nach Kräften am Wachstum zu hindern, wurde ihre Dynamik sogar durch die Wirtschaftskrise nicht gebrochen. Und als Gipfel politischer Seriösität gilt erneut die Forderung: Schluss mit dem Wachstum! Gibt’s nicht? Och doch: Das Ganze nennt sich “Gesundheitswesen”. Was woanders “steigende Nachfrage” heißt und mit Jubel und Böllerschüssen begrüßt wird, wird hier eine “Kostenexplosion” geschimpft, die es zu “dämpfen” gelte (siehe hierzu übrigens sehr instruktiv: “Verrückte Gesundheit” von Claus Tigges in der FAZ). Willkommen in einer Welt, in der es offiziell nur Kosten gibt!
Da schlagen sich Ökonomen mit dem Problem des abnehmenden Grenznutzens herum und Systemkritiker beklagen eine das Wachstum notwendigerweise begrenzende “Übersättigung”, und doch ist da eine Nachfrage, die man noch so gut befriedigen kann, ohne dass sie nachlässt – im Gegenteil. Das Problem ist nämlich eins, das scheinbar sehr überrascht, obwohl es sich hier um die einzige absolute Sicherheit handelt, die wir kennen: Der Mensch wird älter und stirbt. Und beides, das Älterwerden und das Sterben, ist mit Leiden verknüpft, die sich durch die Hilfe von Produkten und Dienstleistungen manchmal beseitigen, meistens aber immerhin noch lindern lassen. Doch der (relative) Sieg über die Krankheit A oder das Leiden B führt letzlich nur dazu, dass die Krankheit C und das Leiden D eine Chance bekommen – Menschen sterben nun einmal in der Regel nicht topfit. Die potenziell zu befriedigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen ist unendlich.
Was uns vor ein Problem stellt, denn die Ressourcen sind es bekanntermaßen nicht. Was ich für Produkt A ausgebe, kann ich nicht für Dienstleistung B ausgeben (Opportunitätskosten). Das gilt haushaltsindividuell, aber auch volkswirtschaftlich und global. Der Mensch muss also Prioritäten setzen, und niemanden kann es verwundern, dass die Gesundheit da bei allen ganz oben steht. Es gibt verschiedene Methoden, wie man knappe Ressourcen den unbegrenzten Bedürfnissen zuteilt: Man kann das Recht des Stärkeren gelten lassen, das Windhundverfahren einsetzen (“wer zuerst kommt, mahlt zuerst”), losen, eine Autorität entscheiden lassen oder versuchen, über die Zahlungsbereitschaft nach Dringlichkeit zu staffeln, also schlicht Angebot und Nachfrage zur Geltung zu bringen. Das gilt übrigens völlig unabhängig davon, ob man wegen der Unvorhersehbarkeit von manchmal den Einzelnen finanziell überfordernen zum Risikoausgleich eine Versicherung abschließt oder nicht.
In den meisten Staaten Europas, so auch in Deutschland, entschied man sich für die Variante mit der Autorität: Der Staat hat sich des Gesundheitswesens bemächtigt. Er reguliert die Märkte bis z.T. in kleinste Details, setzt den Preismechanismus, also das wichtigste Informationsinstrument einer Wirtschaft, fast vollständig außer Kraft, tritt in Teilbranchen entweder als alleiniger Anbieter auf oder kontingentiert das Angebot, zwingt alle Bürger oder die meisten von ihnen in ein von ihm vorgegebenes und gestaltetes Versicherungssystem, und er greift wahltaktisch-erratisch immer wieder “korrigierend” in die Ergebnisse dieses von ihm angerichteten Desasters ein. All das dient dem einzigen Zweck, die Illusion zu befördern, ausgerechnet der unendlichste aller Bedarfe, also der nach einem gesunden, langen Leben, sei für jedermann vollständig ohne allzu großen Aufwand zu decken. Man nennt eine solche Illusion auch “Schlaraffenland” oder “Paradies”. Warum also brechen nicht die Leute im Land, die genau wissen, dass es beides nicht geben kann, in ein lautes, herzhaftes Gelächter aus und jagen die zweitklassigen Illusionisten zum Teufel? Weil die Politik dem Ganzen geschickt ihren Standard-Trick oben drauf setzt, der da lautet: “Keine Bange, ein anderer zahlt für euch!” Deswegen gibt es in der Kranken”versicherung” eine Komponente der materiellen Umverteilung, und deswegen hat man über eine geschickte Definition des Begriffs “Lohn” bzw. “Gehalt” die Lüge von der “paritätischen Finanzierung” erfunden. Damit lässt sich zwar dem einzelnen Haushalt suggerieren, die oben dargestellten Opportunitätskosten gälten für ihn nicht, aber auf Volkswirtschaftsebene funktioniert das eben nicht mehr. Und hier schließt sich der Kreis: Das Gerede von der “Kostenexplosion” entspringt in Wirklichkeit der Angst, die Schlaraffenland-Illusion könne durchschaut und ein wichtiges Allmachtsversprechen der Politik nicht eingelöst werden. In einer solch bedrohlichen Lage bleibt dem Politiker nur die Flucht in die wahltaktisch-erratische Preis- und Mengenregulierung, indem er offiziell einzelne “Profiteure” aus den Gruppen der bezeichnenderweise so genannten “Kostenträger” (also die Leistungserbringer wie Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Pharmaunternehmenkonzerne) an den Pranger stellt und als Akt der für solche Zwecke immer gern genommenen “sozialen Gerechtigkeit” deren Einkünfte zu beschneiden versucht. Das nennt sich dann “Reform”, und nur ökonomisch komplett Ahnungslose wundern sich, warum die fast ebenso täglich grüßt wie das berühmte Murmeltier, nur leider deutlich weniger vergnüglich.
Deswegen können wir sicher sein, dass ein Politiker oder Funktionär einer der semi-staatlichen Einrichtungen unseres Gesundheitsunwesens, der nicht auf seine Selbstabschaffung hinarbeitet, etwas ganz anderes meint, wenn er von “Transparenz”, “Wettbewerb” oder “Eigenverantwortung” redet, denn nähme er diese drei Begriffe ernst, träte bald eine Situation ein, in der ihn das eben noch vermisste Gelächter vom Stuhl fegte.
Gönnen wir uns zunächst also nur ein kleines Schmunzeln, wenn wir Dinge wie die beiden folgenden lesen.
Beispiel 1: Natürlich mal wieder SPON. Dort hat man eben noch den FDP-Gesundheitsminister ohne Beleg zum Lakaien der Pharmaindustrie ernannt, was man zwei Tage später dann schon als allgemeingültige Erkenntnis formulieren darf, so dass ein Abweichen des realen Handelns dann sich selbst auf die Schulter klopfend damit erklärt werden kann, dass die selbst heraufbeschworene “Empörung” (gemeint ist die eigene Diffamierungskampagne) zum Ziel geführt hat. Aus liberaler Sicht bleibt, wenn wenigstens der Inhalt dieses Artikels richtig sein sollte, dann leider nur die erwartete Erkenntnis, dass eine liberale Ausgestaltung des Gesundheitswesens auch mit einem FDP-Minister ein schöner Traum bleiben wird. Aber wer dies angesichts so vieler wichtiger Pressure Groups in diesem Bereich, die schon manchem Amtsvorgänger die Zähne gezogen haben (darunter nicht nur die Zahnärzte – SCNR) erwartet hat, der besitzt sowieso einen ebenso bewundernswert starken wie weltfremden Glauben.
Beispiel 2: Eine Funktionärin aus dem Kuddelmuddel der Anbieter, Versicherer, ständischen Organisationen und Lobbyverbände, das sich in der politischen Öffentlichkeit tummelt, wenn es um das Thema “Gesundheit” geht, weist wieder einmal den typischen Weg: “Die Ausgaben steigen? Also müssen wir anderen eben etwas wegnehmen.”
Wie gesagt: Ich freue mich auf die Debatten zum Thema. In der Politik wird, wie in der Werbung, die Wahrheit gerne etwas korrigiert, aber nirgendwo wird unter dem Deckmantel des “Allgemeinwohls” so viel gelogen und betrogen wie im Gesundheitswesen, nirgendwo ist der desaströse Trend zur “rent seeking society” so sichtbar wie hier, nirgendwo treffen wir auf so viel Anmaßung von Wissen. Lehnen wir uns zurück, holen wir das Popcorn hervor (aber nicht zuviel, sonst verstoßen wir gegen § 1 SGB V), sehen wir der Schar der Magier, Gaukler und Bettler bei ihrem Treiben zu, sparen wir aber nicht mit Buhrufen und Beifall, wo angebracht.
Verfasst von Rayson um 16:31 Uhr in der Kategorie Gesundheitspolitik,Politik,Rochus (Trackback)
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