Gesundheit!

Stellen wir uns eine Branche vor, die sehr ethische Produkte anbietet und die sich seit Jahrzehnten einer ständig wachsenden Nachfrage gegenüber sieht. Obwohl es sich die Politik ebenso lange zur Aufgabe gemacht hat, diese Branche nach Kräften am Wachstum zu hindern, wurde ihre Dynamik sogar durch die Wirtschaftskrise nicht gebrochen. Und als Gipfel politischer Seriösität gilt erneut die Forderung: Schluss mit dem Wachstum! Gibt’s nicht? Och doch: Das Ganze nennt sich “Gesundheitswesen”. Was woanders “steigende Nachfrage” heißt und mit Jubel und Böllerschüssen begrüßt wird, wird hier eine “Kostenexplosion” geschimpft, die es zu “dämpfen” gelte (siehe hierzu übrigens sehr instruktiv: “Verrückte Gesundheit” von Claus Tigges in der FAZ). Willkommen in einer Welt, in der es offiziell nur Kosten gibt!

Da schlagen sich Ökonomen mit dem Problem des abnehmenden Grenznutzens herum und Systemkritiker beklagen eine das Wachstum notwendigerweise begrenzende “Übersättigung”, und doch ist da eine Nachfrage, die man noch so gut befriedigen kann, ohne dass sie nachlässt – im Gegenteil. Das Problem ist nämlich eins, das scheinbar sehr überrascht, obwohl es sich hier um die einzige absolute Sicherheit handelt, die wir kennen: Der Mensch wird älter und stirbt. Und beides, das Älterwerden und das Sterben, ist mit Leiden verknüpft, die sich durch die Hilfe von Produkten und Dienstleistungen manchmal beseitigen, meistens aber immerhin noch lindern lassen. Doch der (relative) Sieg über die Krankheit A oder das Leiden B führt letzlich nur dazu, dass die Krankheit C und das Leiden D eine Chance bekommen – Menschen sterben nun einmal in der Regel nicht topfit. Die potenziell zu befriedigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen ist unendlich.

Was uns vor ein Problem stellt, denn die Ressourcen sind es bekanntermaßen nicht. Was ich für Produkt A ausgebe, kann ich nicht für Dienstleistung B ausgeben (Opportunitätskosten). Das gilt haushaltsindividuell, aber auch volkswirtschaftlich und global. Der Mensch muss also Prioritäten setzen, und niemanden kann es verwundern, dass die Gesundheit da bei allen ganz oben steht. Es gibt verschiedene Methoden, wie man knappe Ressourcen den unbegrenzten Bedürfnissen zuteilt: Man kann das Recht des Stärkeren gelten lassen, das Windhundverfahren einsetzen (“wer zuerst kommt, mahlt zuerst”), losen, eine Autorität entscheiden lassen oder versuchen, über die Zahlungsbereitschaft nach Dringlichkeit zu staffeln, also schlicht Angebot und Nachfrage zur Geltung zu bringen. Das gilt übrigens völlig unabhängig davon, ob man wegen der Unvorhersehbarkeit von manchmal den Einzelnen finanziell überfordernen zum Risikoausgleich eine Versicherung abschließt oder nicht.

In den meisten Staaten Europas, so auch in Deutschland, entschied man sich für die Variante mit der Autorität: Der Staat hat sich des Gesundheitswesens bemächtigt. Er reguliert die Märkte bis z.T. in kleinste Details, setzt den Preismechanismus, also das wichtigste Informationsinstrument einer Wirtschaft, fast vollständig außer Kraft, tritt in Teilbranchen entweder als alleiniger Anbieter auf oder kontingentiert das Angebot, zwingt alle Bürger oder die meisten von ihnen in ein von ihm vorgegebenes und gestaltetes Versicherungssystem, und er greift wahltaktisch-erratisch immer wieder “korrigierend” in die Ergebnisse dieses von ihm angerichteten Desasters ein. All das dient dem einzigen Zweck, die Illusion zu befördern, ausgerechnet der unendlichste aller Bedarfe, also der nach einem gesunden, langen Leben, sei für jedermann vollständig ohne allzu großen Aufwand zu decken. Man nennt eine solche Illusion auch “Schlaraffenland” oder “Paradies”. Warum also brechen nicht die Leute im Land, die genau wissen, dass es beides nicht geben kann, in ein lautes, herzhaftes Gelächter aus und jagen die zweitklassigen Illusionisten zum Teufel? Weil die Politik dem Ganzen geschickt ihren Standard-Trick oben drauf setzt, der da lautet: “Keine Bange, ein anderer zahlt für euch!” Deswegen gibt es in der Kranken”versicherung” eine Komponente der materiellen Umverteilung, und deswegen hat man über eine geschickte Definition des Begriffs “Lohn” bzw. “Gehalt” die Lüge von der “paritätischen Finanzierung” erfunden. Damit lässt sich zwar dem einzelnen Haushalt suggerieren, die oben dargestellten Opportunitätskosten gälten für ihn nicht, aber auf Volkswirtschaftsebene funktioniert das eben nicht mehr. Und hier schließt sich der Kreis: Das Gerede von der “Kostenexplosion” entspringt in Wirklichkeit der Angst, die Schlaraffenland-Illusion könne durchschaut und ein wichtiges Allmachtsversprechen der Politik nicht eingelöst werden. In einer solch bedrohlichen Lage bleibt dem Politiker nur die Flucht in die wahltaktisch-erratische Preis- und Mengenregulierung, indem er offiziell einzelne “Profiteure” aus den Gruppen der bezeichnenderweise so genannten “Kostenträger” (also die Leistungserbringer wie Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Pharmaunternehmenkonzerne) an den Pranger stellt und als Akt der für solche Zwecke immer gern genommenen “sozialen Gerechtigkeit” deren Einkünfte zu beschneiden versucht. Das nennt sich dann “Reform”, und nur ökonomisch komplett Ahnungslose wundern sich, warum die fast ebenso täglich grüßt wie das berühmte Murmeltier, nur leider deutlich weniger vergnüglich.

Deswegen können wir sicher sein, dass ein Politiker oder Funktionär einer der semi-staatlichen Einrichtungen unseres Gesundheitsunwesens, der nicht auf seine Selbstabschaffung hinarbeitet, etwas ganz anderes meint, wenn er von “Transparenz”, “Wettbewerb” oder “Eigenverantwortung” redet, denn nähme er diese drei Begriffe ernst, träte bald eine Situation ein, in der ihn das eben noch vermisste Gelächter vom Stuhl fegte.

Gönnen wir uns zunächst also nur ein kleines Schmunzeln, wenn wir Dinge wie die beiden folgenden lesen.

Beispiel 1: Natürlich mal wieder SPON. Dort hat man eben noch den FDP-Gesundheitsminister ohne Beleg zum Lakaien der Pharmaindustrie ernannt, was man zwei Tage später dann schon als allgemeingültige Erkenntnis formulieren darf, so dass ein Abweichen des realen Handelns dann sich selbst auf die Schulter klopfend damit erklärt werden kann, dass die selbst heraufbeschworene “Empörung” (gemeint ist die eigene Diffamierungskampagne) zum Ziel geführt hat. Aus liberaler Sicht bleibt, wenn wenigstens der Inhalt dieses Artikels richtig sein sollte, dann leider nur die erwartete Erkenntnis, dass eine liberale Ausgestaltung des Gesundheitswesens auch mit einem FDP-Minister ein schöner Traum bleiben wird. Aber wer dies angesichts so vieler wichtiger Pressure Groups in diesem Bereich, die schon manchem Amtsvorgänger die Zähne gezogen haben (darunter nicht nur die Zahnärzte – SCNR) erwartet hat, der besitzt sowieso einen ebenso bewundernswert starken wie weltfremden Glauben.

Beispiel 2: Eine Funktionärin aus dem Kuddelmuddel der Anbieter, Versicherer, ständischen Organisationen und Lobbyverbände, das sich in der politischen Öffentlichkeit tummelt, wenn es um das Thema “Gesundheit” geht, weist wieder einmal den typischen Weg: “Die Ausgaben steigen? Also müssen wir anderen eben etwas wegnehmen.”

Wie gesagt: Ich freue mich auf die Debatten zum Thema. In der Politik wird, wie in der Werbung, die Wahrheit gerne etwas korrigiert, aber nirgendwo wird unter dem Deckmantel des “Allgemeinwohls” so viel gelogen und betrogen wie im Gesundheitswesen, nirgendwo ist der desaströse Trend zur “rent seeking society” so sichtbar wie hier, nirgendwo treffen wir auf so viel Anmaßung von Wissen. Lehnen wir uns zurück, holen wir das Popcorn hervor (aber nicht zuviel, sonst verstoßen wir gegen § 1 SGB V), sehen wir der Schar der Magier, Gaukler und Bettler bei ihrem Treiben zu, sparen wir aber nicht mit Buhrufen und Beifall, wo angebracht.

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24 Kommentare zu “Gesundheit!”

  1. 25.01.2010 | 17:50

    Sehr schön geschrieben. Ich kann dem als Vertreter einer von dir nicht genannten Leistungserbringerkategorie fast vollumfänglich zustimmen.
    Um mal ein Beispiel für das Funktionieren unseres Gesundheitssystems zu nennen: Wir kaufen bei einem bestimmten Lieferanten nicht ein, weil er zu billig ist. Die Krankenversicherung bezahlt in diesem Bereich nämlich einen prozentualen Aufschlag auf den Einkaufspreis. Er hat uns bei den letzten Verhandlungen versprochen, seine Preise enorm zu erhöhen.
    Eine Frage habe ich aber doch: Nennst du Ärzte, Apotheken usw. da oben “Kostenträger”? Für mich bezeichnet dieser Begriff eigentlich vor allem die Krankenversicherungen und ihresgleichen.

  2. 25.01.2010 | 17:57

    Stimmt – mein Fehler.

  3. Buenavista
    25.01.2010 | 20:54

    Den wichtigsten “Denkfehler”, den ich hier sehe ist, dass eine Krankenversicherung rein versicherungsmathematisch nicht wie eine Haftpflicht- oder Hausratversicherung funktioniert. Sie wäre schlichtweg von weniger begütereten Menschen nicht aufzubringen, ihre Beiträge wären einfach zu hoch. Da hilft auch das “Prioritäten setzen” nichts.

    Sie kann nur über einen Solidaritätsfaktor funktionieren, bei dem Menschen, die mehr leisten können, auch mehr bezahlen. Das gilt ja auch beim Steuersystem, bei dem übrigens – anders als bei der Krankenversicherung – oben nicht gekappt wird (außer bei der Progression).

    Ebensowenig darf eine Pharma- und Gesundheitsindustrie ausschließlich marktwirtschaftlich funktionieren. Ich sage wohlgemerkt ausschließlich.

    Unser Gesundheitssystem ist zweifellos überbürokratisiert. Da ließe sich eine Menge sparen.

  4. 25.01.2010 | 22:12

    @Buenavista

    1. Wie gesagt: Es gibt nicht nur die Wahl zwischen zwei Alternativen. Zwischen kompletter Äquivalenz und einer zweiten Einkommensteuer gibt es noch sehr, sehr viele Wege.

    2. “Zu hoch” ist in den meisten Fällen genau das: Eine Frage der Prioritäten.

    3.

    Ebensowenig darf eine Pharma- und Gesundheitsindustrie ausschließlich marktwirtschaftlich funktionieren.Ich sage wohlgemerkt ausschließlich.

    Es kommt immer drauf an, was das im Detail heißt. Ich kann schon mit der Definition “ausschließlich marktwirtschaftlich” nichts anfangen, denn wirtschaftliches Handeln ganz ohne Staat mag für viele ein Traum sein, ist aber, ob man das mag oder nicht, auch nicht mehr. Es gibt realiter keine freien Märkte, sondern nur verschiedene Stufen von Freiheit bzw. Unfreiheit, je nachdem, ob man das Glas von oben oder von unten betrachtet. Es lohnt also nicht, gegen diese Scheinalternative Stellung zu beziehen.

    4.

    Da ließe sich eine Menge sparen.

    Ich halte den Fokus auf das Sparen schon für im Ansatz falsch. Zweifellos ist mehr Effizienz hoch willkommen, aber das ändert nichts an den grundlegenden Wachstumstreibern.

  5. Dirk
    25.01.2010 | 22:15

    @Buenavista

    Die “solidarische” Umverteilung und der Risikoausgleich im Kollektiv lassen sich problemlos trennen.

    Ich sehe das Problem eher darin, dass eine Krankenversicherung in der Regel mit sehr hohem Zeithorizont abgeschlossen wird und der Versicherungsvertrag daher in hohem Maße unvollständig ist. Welche Leistungen er beinhaltet, stellt sich erst in Zukunft zusammen mit dem medizinischen Fortschritt heraus.

    Auf der anderen Seite sind die Ressourcen begrenzt und es werden nicht alle Behandlungsmethoden abgesichert sein können. Wer aber beschliesst welche darunter und welche nicht. Der heute geschlossene Vertrag kann das nicht – denn um welche Methoden es geht ist heute unbekannt. Solange es die GKV gibt, können sich die privaten am Leistungskatalkog der GKV orientieren und PKV und ihre Kunden können sich sicher sein, dass da keiner groß übervorteilt ist. Hier kann in der Tat zuindest theoretisch die Politik ein Mechanismus sein, der die Balance zwischen Kostenbegrenzung und hinreichender Absicherung wahrt.

  6. Dirk
    25.01.2010 | 22:21

    Zum Sparen; der entscheidende Punkt ist Kosteneffizienz. Es Warum braucht man eine Versicherung? Damit das Risiko abgedeckt ist. Aber das Risiko besteht doch nichtg in den immer wiederkehrenden üblichen Arztbesuchen wegen Routine, Grippe usw. Wieso nicht eine Selbstbeteiligung von 5000 Euro pro Jahr (oder meinetwegen 15 % des Bruttoeinkommens)?

    Die Antwort ist einfach: Das würde zu einem Aufschrei derer führen, die, wie Rayson anmerkte, für die Gesundheit sei der Staat verantwortlich.

  7. Heinz
    25.01.2010 | 23:12

    Es gibt keine Kostenexplosion der gesetzlichen Krankenversicherung, auch wenn man es allenthalben lesen muss. Die Kosten der GKV sind seit Jahrzehnten konstant bei ~8% des BIP. Das Problem ist eher die Fehlfinanzierung des Systems über Beiträge statt über Steuern. Aber über den Bundeszuschuss wird das ja über die Hintertür schon (gewollt und bewusst) eingeführt.

  8. 25.01.2010 | 23:21

    @Heinz

    Die Kosten der GKV sind seit Jahrzehnten konstant bei ~8% des BIP.

    Unter anderem, weil man immer mehr Leistungen heraus nahm, Selbstbeteiligungen einführte und z.B. die Einkommen von Ärzten und Krankenhäusern künstlich deckelte. Was dem einen das “Heben von Effizienzreserven”, ist dem anderen schlicht eine Leistungseinschränkung. Aber wie gesagt: Schon das Gerede von “Kosten” ist volkswirtschaftlich im Ansatz falsch. Bei den Umsätzen der Automobilindustrie redet auch keiner so.

    Eine Steuerfinanzierung übrigens würde am geschilderten Szenario nichts ändern.

  9. Heinz
    25.01.2010 | 23:57

    Mal schauen was aus der Kopfpauschale wird. Wäre ja für Besserverdienende ein Argument in der GKV zu bleiben.

  10. 26.01.2010 | 0:23

    Womit jetzt nochmal welches Problem gelöst wäre?

    Mal abgesehen davon, dass die aktuelle Trennung der Versicherungen in eine GKV- und eine PKV-Welt aus meiner Sicht absurd ist, und völlig abgesehen davon, dass das Rückgrat der PKV in Wirklichkeit die Beamten sind…

  11. Heinz
    26.01.2010 | 1:18

    Das löst keine Probleme, es interessiert mich nur. Zum Rest: Ganz deiner Meinung.

  12. R.A.
    26.01.2010 | 9:04

    Ein großer Teil der Kostensteigerungen werden ja inzwischen nicht mehr vom medizinischen Fortschritt verursacht (das wäre ja ok, weil damit auch ein Zuwachs an Lebensqualität erreicht wird), sondern von der “Kostensenkungs”-Bürokratie verursacht.

    Es arbeiten inzwischen mehr Leute in der Verwaltung/Kontrolle/Abrechnung der Leistungen als in der Leistungserbringung selber.

    Und mit jeder “Reform” ist das schlimmer geworden.

    Wahrscheinlich könnten die Beiträge gesenkt werden (bei deutlich mehr Leistungen), wenn man einfach nur die Gesetzeslage von vielleicht 1980 wieder in Kraft setzen würde.

  13. 26.01.2010 | 13:41

    Wie völlig verdreht ist eigentlich ein Denken, das steigende Lebenserwartung und -Qualität überhaupt nur noch unter dem Kostenaspekt betrachtet?

  14. F.Alfonzo
    26.01.2010 | 14:19

    Ich hatte es glaub ich schon in diversen Zusammenhängen geschrieben, aber hier (als Unterstützung für Dirk) nochmal:

    Vermögensumverteilung ist volkswirtschaftlich ok, das funktioniert in einem gewissen Rahmen.

    Risiko-Pooling ist auch ok, das funktioniert ganz hervorragend, sonst gäb’s keine Versicherungen.

    Man muss das nur trennen.
    Schaut euch mal die 4 deutschen Sozialversicherungen an: Die einzige, die nicht kurz nach ihrer Schöpfung schon pleite war, ist die Arbeitslosenversicherung.
    Warum? Weil dort die Auszahlungen, die durch die Arbeitslosigkeit getriggert werden, den Einzahlungen entsprechen (proportional). Es gibt dort keine (oder nicht viel) Umverteilung.

    - q.e.d

  15. 26.01.2010 | 14:23

    @che2001: Ziemlich. Wo gibt es denn sowas?

  16. Heinz
    26.01.2010 | 17:07

    In der gesetzlichen Rentenversicherung gibts auch keine Umverteilung unter den Beitragszahlern. Wäre nach dem derzeitigen Rechtsstand auch verboten.

  17. 26.01.2010 | 23:02

    @RA:
    Selbiges sehe ich auch so. Wenn man sich nur allein den Zeitaufwand=Kosten für z.B. die Praxisgebühr ansieht kann man eigentlich nur mit dem Kopf schütteln. Jeden Monat mehrere Stunden Zeitaufwand nur alleine für den Arzt, dazu kommen noch die Verwaltungskosten der Krankenkassen.
    Allerdings darf man auch nicht die überteuerten Kosten für Medikamente in Deutschland vergessen. Wie auch die Einschränkungen welche den Ärzten von den Kassen bezüglich der Medikamentemengen bei chronisch Kranken gemacht werden- früher konnten von einigen Ärzten Klinikpackungen mit 1000 Tabletten verschrieben werden, heute nur noch N-3 mit 200 Stück, was bedeutet das man nicht nur fünf mal zum Arzt muß, sondern, da die einzelnen zu einem höheren Preis abgerechnet werden, auch erhöhte Kosten für die Kassen.
    Wenn man sich dann noch die Kosten für ungewollte Doppeluntersuchungen auf Grund von verschlampten Akten in einigen Kliniken ansieht(hatte erst 2009 das “Vergnügen”), oder etwa wie die Ärzte der einen Klinik den Erfolg einer anderen Klinik auf Grund von “Eifersüchteleien” zunichte machen wollen, nun ja, dann kann man den Grund von gestiegene Kosten verstehen.

  18. der_Neue
    27.01.2010 | 12:50

    @Buenavista

    Den wichtigsten “Denkfehler”, den ich hier sehe ist, dass eine Krankenversicherung rein versicherungsmathematisch nicht wie eine Haftpflicht- oder Hausratversicherung funktioniert.

    Es gibt zwar Unterschiede (Stichwort Alterungsrückstellungen), diese haben aber absolut nichts damit zu tun:

    Sie wäre schlichtweg von weniger begütereten Menschen nicht aufzubringen, ihre Beiträge wären einfach zu hoch.

    Es gibt doch nicht nur “einen” möglichen Krankenversicherungsvertrag. Natürliche würde es auf dem Markt auch Angebote für weniger Begütete geben. Aber das wäre dann ja zuviel Mündigkeit.

    Ebensowenig darf eine Pharma- und Gesundheitsindustrie ausschließlich marktwirtschaftlich funktionieren.

    Warum nicht?

    Wenn man übrigens eine “Sozialkomponente” haben möchte, dann ist es effiktiver und effizienter, Menschen mit Kaufkraft auszustatten, damit sie sich die Güter auf dem Markt kaufen können, anstatt das der Staat die Güter direkt zur Verfügung stellt (Bildung!) oder den Markt bis zur Verstümmelung reguliert (Gesundheit). Aber das wäre ja auch zu viel Mündigkeit und Machteinbuße für den Staat.

    @Dirk

    Ich sehe das Problem eher darin, dass eine Krankenversicherung in der Regel mit sehr hohem Zeithorizont abgeschlossen wird und der Versicherungsvertrag daher in hohem Maße unvollständig ist. Welche Leistungen er beinhaltet, stellt sich erst in Zukunft zusammen mit dem medizinischen Fortschritt heraus.

    Dies ist tatsächlich ein Problem. Obwohl es weniger darum geht, dass die Leistung nicht definiert ist (diese ist definiert!), sondern dass die Beiträge nicht stabil gehalten werden können.
    Allerdings hat der Markt hierfür eine “Lösung”: Das wichtigste Ratingkriterium für Krankenversicherungen ist in der Tat Beitragsstabilität! Da kommt allerdings wieder das Thema Muendigkeit um die Ecke…

  19. Neoliberaler
    27.01.2010 | 19:52

    Mir fallen spontan auch ein paar Sachen ein, an dem unser Gesundheitssystem krankt. (Ich denke als Medizinstudent kenn’ ich mich da ein bisschen aus.)

    1) Viele gesetzlich Versicherte verlangen maximale Leistung, sind aber nicht bereit dafür auch entsprechend zu zahlen. Schon bei 20€ Praxisgebühr laufen sie Amok.

    2) Sie erhalten keine eigene Rechnung im Gegensatz zu den Privaten. Auch die Selbstbeteiligung geht gegen null. Jede Autoversicherung läuft anders.

    3) Die gesetzliche Versicherung ist praktisch staatlich. Wettbewerb gibt es de facto nicht. Trotzdem gibt es 169 (!!!) gesetzliche Versicherungen. Allein deren Vorstände verdienen oft mehr wie die Bundeskanzlerin. Verrückt.

    4) Der Medikamentenverkauf ist extrem dumm geregelt. Verkaufen dürfen nur Apotheker. Mehr als eine Apotheke darf man nicht besitzen. Die Preise sind fest. Crazy stuff.

    5) Bürokratisches Arzneimittelgesetz. Seit Contergan extrem verschärft. Schafft eventuell mehr Sicherheit, ist aber mit Sicherheit auch sehr, sehr teuer: Jedes neue Medikament verschlingt 500 Millionen Euro Entwicklungskosten!

    Ärzte und Pharmaunternehmen trifft meiner Meinung nach ziemlich wenig Schuld. Auch wenn die “Qualitätspresse” gerne das Gegenteil behauptet.

  20. dirk
    27.01.2010 | 21:49

    @Neoliberaler

    Obwohl es weniger darum geht, dass die Leistung nicht definiert ist (diese ist definiert!),

    Nein. Die Leistungen können gar nicht genau spezifiziert sein, weil niemand weiss, welche Behandlungsmethoden in der Zunkunft zur Verfügung stehen. Und genau darauf kommt es aber an. Ziehe ich mir heute ein chronisches Leiden zu, kann ich die Versicherung praktisch nicht mehr wechseln und bin darauf angewiesen, dass sich Beiträge und Leistungen vernünftig entwickeln.

    Sprich, wo Verträge unvollständig sind, ist eine Menge Vertrauen im Spiel. Ob die Marktlösung da stabil ist…..

  21. der_Neue
    28.01.2010 | 12:42

    @Dirk
    denke mal, ich bin angesprochen.

    Die Leistungen sind definiert. Lies deinen Vertrag durch. Allein die Beitraege nicht.
    Deine Argumentation ist zwar intuitiv, die Realitaet ist aber nicht so.

  22. Dirk
    28.01.2010 | 19:48

    @der_Neue

    sorry, ich hatte in der Tat Dich gemeint.

    In meinem Versicherungsvertrag ist “das medizinisch notwendige” abgesichert – das ist nicht sehr spezifisch. Die Versicherung hat das Risiko, dass neue und teure Behandlungsmethoden entdeckt werden und der Versicherer hat das Risiko, dass gewisse Methoden, insbesondere solche, die erst in der Zukunft entwickelt werden, nicht für notwendig erachtet werden.

    Momentan sieht es so aus, dass die PKV alles zahlt. Insofern ist in der Tat Beitragsstabilität das Problem. Rayson hat aber schon angesprochen, dass auf Dauer die Endlichkeit der Ressourcen Limits setzen wird, so dass die Leistungen begrenzt werden müssen. Wie aber? In einer GKV in der Gesetzgeber entscheidet oder in einer genossenschaftlichen Struktur kann ich mir das vorstellen, aber ich möchte nicht unbedingt bei einer PKV AG versichert sein, und dabei darauf vertrauen, dass sie mir in 20 Jahren vernüngftige Leistungen bietet, damit potenzielle neue Kunden ebenfalls darauf vertrauen in weiteren 20 Jahren anständig behandelt zu werden. Sprich: Hier braucht es staatliche Regelungen, so trivial wie bei der Haftpflicht ist eine Marktlösung hier nicht. Leider. Und mit der Formulierung “medizinisch notwendig” verlässt man sich ja gerade auf den Staat und seine Rechtsstprechung als unabhängigen
    dritten, der im Notfall über das nicht-spezifizierte richtet.

  23. der_Neue
    29.01.2010 | 12:26

    @Dirk

    Sollte eine (private) Versicherung eine neu entdeckte, sinnvolle Behandlungsmethode nicht bezahlen wollen, dann bekommt sie schlechte Ratings, schlechte Presse und entsprechend weniger Neukunden… So funktioniert der Markt. Obwohl also ein Anreiz besteht, sich als Versicherer nicht so zu verhalten, kommt es wohl auch vor. Leider hat man als Bestandskunde dann einen Nachteil. Deshalb ist “Vertrauenswürdigkeit” auch so wichtig im Krankenversicherungsmarkt und deshalb haben Beitragsstabilitätsratings auch so eine hohe Bedeutung.

    Übrigens wird innerhalb der Branche schon an einer Lösung gearbeitet: Portabilität der Alterungsrückstellungen. Dass der Gesetzgeber dieses erst anstoßen musste, ist für mich wenig verständlich und natürich wenig ruhmreich für die Branche.

  24. Gesundheits- und Krankenpfleger
    7.02.2010 | 1:57

    @Neoliberaler:

    2) Soll geändert werden, Kostenerstattungsprinzip soll parralel neben Sachleistungsprinzip laufen.

    3) Deshalb fusionieren die Krankenkassen jetzt ja auch in so großem Maße.

    4) Ein Apotheker darf eine Haupt- und drei Nebenapotheken besitzen! Was allerdings immer noch zu wenig ist.

    5) Bin ja mal gespannt, was in Sachen IQWiQ so passieren wird. Neue Arzneimittel dürfen 18 Monate zu scheinbar unendlichen Preise solidarisch finanziert verschrieben werden. Wäre zum einen blöd, wenn neue Therapiemöglichkeiten nicht sofort eingeführt würden, jedoch brauchen sie ja nicht von mir (uns) bezahlt werden.

    Das staatliche Gesundheitswesen wird durch die vielen Reformen und Einführung von §135a SGB V (Verpflichtung zur Qualitätssicherung)ja versucht(!) in Richtung Effizienz zu treiben, nur wird dies natürlich nie die Auswüchse annehmen wie in einem Markt.

    Meines Erachtens müssen die sog. individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) ausgeweitet werden.
    Zum Glück müssen die Leitungen nicht mehr optimal, sondern nur noch ausreichend sein. (§12 SGB V) Die Frage ist nur ob bzw. wie diese Gesellschaft weitergehende Schritte verkraften würde. Kürzungen am SGB V können nicht von der FDP durchgeführt werden! Zuzahlung zu Zahnersatz wurden unter Blüm eingeführt. Bei den Christen gehts grad noch so. Ähnlich wie bei Hartz 4 müssen wohl unsere Rot/Grünen- Freunden liberalere Politik umsetzen…

    @der_neue:

    Immobilität der Altersrückstellungen war wirklich ein Armutszeugnis für die Branche!

    @R.A.
    Was bitte soll genau soll 1980 besser gewesen sein?
    Krankenhäuser, die irgendwelche Kosten verursachen, die alle irgendwie tragen? Da ist DRG schon ein gutes Mittel die Leistungen gerecht nach ihrer wirtschaftlichen Fallschwere zu vergüten.
    Bei den Niedergelassenen ist ebenfalls die Deckelung von “Kosten”, bzw. heute von EBM- “Punkten” ein gutes Mittel.

    Im Sozialismus ist “Kostenexplosion” nämlich doch das richtige Wort.

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