Google plant, in China nicht länger zu zensieren*

We launched Google.cn in January 2006 in the belief that the benefits of increased access to information for people in China and a more open Internet outweighed our discomfort in agreeing to censor some results. At the time we made clear that “we will carefully monitor conditions in China, including new laws and other restrictions on our services. If we determine that we are unable to achieve the objectives outlined we will not hesitate to reconsider our approach to China.”

These attacks and the surveillance they have uncovered–combined with the attempts over the past year to further limit free speech on the web–have led us to conclude that we should review the feasibility of our business operations in China. We have decided we are no longer willing to continue censoring our results on Google.cn, and so over the next few weeks we will be discussing with the Chinese government the basis on which we could operate an unfiltered search engine within the law, if at all. We recognize that this may well mean having to shut down Google.cn, and potentially our offices in China.

The decision to review our business operations in China has been incredibly hard, and we know that it will have potentially far-reaching consequences. We want to make clear that this move was driven by our executives in the United States, without the knowledge or involvement of our employees in China who have worked incredibly hard to make Google.cn the success it is today. We are committed to working responsibly to resolve the very difficult issues raised.

[offizielles Google-Blog A new approach to China]

Übersetzung:
Wir haben Google.cn im Januar 2006 in dem Glauben gestartet, daß die Vorteile besserer Informationszugänglichkeit für die Menschen in China und eines offeneren Internets schwerer wiegen, als unser Unbehagen, der Zensur einiger Suchergebnisse zuzustimmen. Damals machten wir klar, daß “Wir die Rahmenbedingungen in China unter sorgfältiger Beobachtung halten werden, einschließlich neuer Gesetze und anderer Einschränkungen unserer Dienste. Sollten wir feststellen, daß es uns nicht möglich ist, die gesetzten Ziele zu erreichen, werden wir nicht zögern, unseren Ansatz in Bezug auf China zu überdenken.”

Diese Angriffe und die Überwachung, die sie offenbart haben – zusammen mit den Versuchen im vergangenen Jahr, die freie Meinungsäußerung im Web weiter einzuschränken – haben uns zu dem Schluß geführt, daß wir die Möglichkeit unserer Geschäftstätigkeit in China überdenken sollten. Wir haben entschieden, daß wir nicht länger bereit sind, unsere Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren, und daher werden wir in den nächsten Wochen mit der chinesischen Regierung über die Grundlage diskutieren, auf der wir, falls überhaupt, im Rahmen des Gesetzes eine ungefilterte Suchmaschine betreiben könnten. [Nachtrag; hatte den folgenden Satz beim Übersetzen schlicht vergessen, obwohl er zentrale Bedeutung hat] Uns ist klar, daß das durchaus bedeuten könnte, daß wir Google.cn schließen müssen, und möglicherweise auch unsere Geschäftsstellen in China.

Die Entscheidung, unsere Geschäftstätigkeit in China zu überdenken, war unglaublich schwer, und wir wissen, daß sie möglicherweise weitreichende Konsequenzen haben wird. Wir möchten klarstellen, daß dieser Entscheidung von unserer Geschäftsleitung in den Vereinigten Staaten vorangetrieben wurde, ohne Wissen oder Einbeziehung unserer Angestellten in China, die unglaublich hart gearbeitet haben, um Google.cn zu dem Erfolg zu machen, der es heute ist. Wir sind entschieden, verantwortlich zu arbeiten, um die sehr schwierigen Probleme zu lösen, die sich ergeben haben.

Hintergrund des Ganzen ist – ich gebe hier einen Teil dessen wieder, was im Rest des verlinkten Artikels steht – ein raffinierter Angriff auf Google über das Internet von China aus, der Mitte Dezember stattfand. Es wurde dabei versucht, Zugriff auf die Emailkonten chinesischer Menschenrechtsaktivisten zu erhalten. Wie es scheint mißlang der Angriff weitestgehend (auf lediglich zwei Konten gelang der Zugriff, und auch in diesen Fällen nicht auf die eigentlichen Textkörper der gespeicherten Emails).
Im Rahmen der sich anschließenden Nachforschungen fand man bei Google heraus, daß etliche weitere bekannte Firmen aus ganz unterschiedlichen Branchen ebenfalls angegriffen worden waren. Außerdem, daß regelmäßig von Dritten auf die Konten dutzender Gmail-Nutzer in den USA, China und Europa zugegriffen worden war – in diesen Fällen jedoch nicht aufgrund eines Sicherheitslecks bei Google, sondern mittels Phishing- oder Malware-Angriffen.

Zur Aufhebung der Zensur:
Ich kann es selbst nicht überprüfen, aber nach dem, was ich mitbekommen habe, wurde die Zensur von Google.cn mit sofortiger Wirkung aufgehoben.

*Nachtrag, 17. Januar: Die Überschrift dieses Artikels lautete zunächst Google in China nicht länger zensiert. Das war darauf zurückzuführen, daß ich dem allgemeinen Gezwitscher zu viel Vertrauen geschenkt und die Sperren für bereits aufgehoben gehalten hatte. Bisher sind die Sperren allerdings noch nicht aufgehoben. Ich bitte darum, dieses Versehen zu entschuldigen.

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24 Kommentare zu “Google plant, in China nicht länger zu zensieren*”

  1. 13.01.2010 | 13:25

    [...] Google in China nicht länger zensiert Mehr auf [...]

  2. 13.01.2010 | 13:27

    Aus einem Tweet von Mario Sixtus, Sieht tatsächlich so aus, als seien die Filter gefallen: Google.cn

  3. 13.01.2010 | 13:43

    Noch ein Beispiel: Tiananmen wird in der Bildersuche gezeigt

  4. 13.01.2010 | 13:50

    Wobei ich allerdings keinen Vergleich zu früher habe. Es kann auch durchaus sein, daß die Zensur immer nur für Adressen in China durchgeführt wurde und von hier aus immer alles zu erreichen war.

  5. 13.01.2010 | 15:49

    @David: nein, lt. eMail aus Shanghai funxt Google auch in China jetzt zensurfrei, und zwar von einem normalen Anschluss aus, nicht etwa Hotel oder Firmenniederlassung. (Bin gespannt, wie lange es Google noch in China gibt – tippe auf wenige Tage :( ).

  6. 13.01.2010 | 15:57

    @MartinM: Ah, danke für die Information.

    Ansonsten bin ich auch gespannt. Wenn Google in China schon so unverzichtbar ist wie hier, dann wäre eine Sperrung deutlich mehr als eine ‘normale’ Repressionsmaßnahme, würde ich vermuten. Mal sehen, wie sich das jetzt entwickelt.

  7. Andreas
    13.01.2010 | 17:11

    lt. Heise hat die chinesische Suchmaschine Baidu 77% Marktanteil (eigene Angaben der Firma, aber Google konnte sich in China wohl nicht durchsetzen)

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Google-erwaegt-Rueckzug-aus-China-903117.html?view=print

  8. 13.01.2010 | 21:13

    Danke für den Hinweis!

  9. R.A.
    13.01.2010 | 22:05

    Ein interessanter Vorgang.
    Könnte ein verantwortungsvolles und vorbildliches Vorgehen in schwieriger Situation sein.
    Oder aber ein mit populistischer Heuchelei verbrämter Rückzug aus einem geschäftlichen Mißerfolg.

  10. 13.01.2010 | 22:09

    Ich finde es lobenswert, auch wenn ich glaube dass das nur im Zuge einer Marketingstrategie änderung gemacht wird.

  11. 13.01.2010 | 23:04

    Und wenn jetzt amerikanische Behörden auf die Gesetzeslage verweisen und verlangen, meine E-Mails lesen zu dürfen, zieht sich Google aus den USA zurück? Hacks von Accounts durch chinesische staatliche Behörden sind bäh, aber wenn die Amis Gesetze mit dem gleichen Effekt schreiben, dann ist das guuut?!

  12. 14.01.2010 | 9:49

    Es geht schon noch um ein bisschen mehr, und wer nur die Kategorien “gut” und “böse” kennt, sollte lieber Informatiker werden.

  13. Max
    14.01.2010 | 14:26

    Und wann ist dann endlich auch google.de wieder zensur frei? =)

  14. 14.01.2010 | 18:14
  15. 15.01.2010 | 17:28

    Bei “politplatschquatsch” ist der Name Programm.

  16. 16.01.2010 | 15:27

    Das hier klärt vielleicht noch einige Mißverständnisse auf.

    Tatsächlich ist die Zensur auf Google.cn wohl noch nicht gefallen.

    (Mit Dank an M.W.)

  17. 16.01.2010 | 15:32

    Google says that it hasn’t yet started to remove content filters on Google.cn, a process that could take weeks.

    Man hat noch nicht damit begonnen, die Filter auf Google.cn zu entfernen und dieser Prozess könnte Wochen in Anspruch nehmen.

  18. 17.01.2010 | 7:57

    Der eventuelle Rückzug ist der einzig richtige Weg. Ein gewisser Grad an Zensur ist in jeder Gesellschaft notwendig um ein Zusammenleben zu ermöglichen. Nur wenn die Zensur genutzt wird um alle angeblich negativen Einflüsse zu unterdrücken wird die Lage kritisch.

    Wäre Google Marktführer in China hätte der Fall der Zensur sicher große Auswirkungen auf die politische Entwicklung. Bei 20% Marktanteil ist es auf alle Fälle spannend zu sehen in welche Richtung die Entwicklung geht.

  19. 17.01.2010 | 12:34

    Das wundert mich aber, dass Google behauptet die Sperren wären noch da. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den “tank man” früher nicht bei google.cn gefunden habe und der wohl explizit rausgefiltert wurde.

  20. 17.01.2010 | 21:07

    Ein gewisser Grad an Zensur ist in jeder Gesellschaft notwendig um ein Zusammenleben zu ermöglichen.

    Richtig; ich spiele schließlich auch manchmal mit dem Gedanken, solche unbegründeten Behauptungen zu zensieren, um eine ungestörte Diskussion zu ermöglichen.

  21. 19.01.2010 | 8:32

    [...] [...]

  22. 19.01.2010 | 8:32

    [...] [...]

  23. 19.01.2010 | 18:23

    Ich finde es prinzipiell gut, wenn sich Google aus dem China-Geschäft zurück zieht. Etwas suer stößt es mir aber auf, dass diese Entscheidung erst jetzt fällt, wo klar geworden ist, dass das China-Geschäft nichts einbringt.
    Das lässt mich dann doch an der moralischen Basis dier Entscheidung zweifeln

  24. 19.01.2010 | 19:04

    In dem Artikel, den ich oben verlinkt habe, wird argumentiert, daß Googles China-Geschäft nicht als Mißerfolg angesehen werden kann:

    [...] Google has made significant progress in China in recent years, raising its share of the Internet search market to roughly 36% in the fourth quarter of 2009 from 13% when it started its Chinese-language google.cn site in early 2006, according to data from research firm Analysys International.

    Many other foreign companies doing business in China would gladly forgo big profits in the short term for comparable market-share growth in China—especially in an industry where China has more users than any other country (384 million according to the latest statistics).

    In den letzten Jahren habe Google in China beachtliche Fortschritte gemacht. Sein Anteil auf dem Markt für Internetsuche sei von 13% bei Markteintritt auf 36% im letzten Quartal 2009 angestiegen. Viele andere Firmen, die in China Geschäfte machen, würden für vergleichbares Wachstum ihrer Marktanteile gern auf kurzfristige Profite verzichten, und das besonders in einer Branche, in der China mehr Nutzer aufweise als jedes andere Land.

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