2. Januar 2010
Nackt für die Sicherheit – über die Politisierung eines Hilfsmittels
Nach dem gescheiterten Attentat auf ein Flugzeug mit Ziel Detroit ist es hierzulande zu einer merkwürdigen Debatte gekommen. Gut, die CSU denkt über schärfere Gesetze nach, aber das tut sie ja eigentlich immer und bei allen möglichen Anlässen. Würde mich nicht wundern, wenn auch ein Scheitern des FC Bayern in der nächsten Runde der Champions League zu solchen Reaktionen führte. Aber ansonsten? Die halbe Republik redet über “Nacktscanner”, und Politiker auch meiner Lieblingspartei (ist ungefähr so zu lesen wie Lieblingskrankheit) können gar nicht schnell genug Pressemitteilungen dazu herausgeben.
Dabei könnte man ja erstmal von vorne anfangen. Da müsste man konstatieren, dass es dem Attentäter von Detroit offensichtlich gelungen war, eine zu Sprengungen geeignete Mischung an Bord zu schaffen, ohne dass dies von den Kontrollen bemerkt worden wäre. Anscheinend ist das sogar systemgegeben: Diese Art Sprengmittel kann von den üblichen Detektoren nicht aufgespürt werden.
Kommen wir also zur ersten Frage: Soll etwas getan werden, um die Sicherheit der Fluggäste zu verbessern? Wer hier “nein” sagt, dürfte wohl kaum je selbst fliegen wollen. Zumindest möchte ich den mal sprechen, wenn er vor seinem Flug in die USA am Gate junge Männer mit langem Bart in traditioneller muslimischer Kleidung mit ihm warten sieht, was, wie ich ihm zu seiner Beruhigung selbstverständlich vorher mitteilen würde, so gut wie immer absolut kein Grund zur Besorgnis ist. Aber dennoch gibt es auch Blogger, die das anders sehen. Deren Argument lautet meist: Absolute Sicherheit gibt es nicht, und nicht nur Flugzeuge werden Ziel von Attentätern, auch U-Bahnen oder sonstige Massenansammlungen. Das ist richtig, aber schon die bisherigen Sicherheitsmaßnahmen bei Flügen sind mit denen von U-Bahnhöfen wohl kaum zu vergleichen, ohne dass dies zu Bedenken Anlass gab. Und tatsächlich existiert ja auch ein wesentlicher Grund (es gibt noch weitere), warum Flugzeuge so beliebt sind: Nicht die Bombe selbst muss alle töten, der Absturz erledigt das schon. Es kann auch nicht darum gehen, “absolute” Sicherheit zu erzeugen. Aber wenn es für bekannte Lücken sozusagen schon mal einen Exploit gibt, warum soll man auf das Mittel verzichten, diese Lücke zu stoppen?
Also “ja”. Kommen wir zum “aber”. Was, wenn sich die Sicherheit nur verbessern ließe, indem sich jeder Fluggast vorher einer Prozedur unterzieht, bei der ihn die Kontrolleure auf einem Schirm nackt angezeigt bekommen, um verdächtiges Material an seinem Körper identifizieren zu können? Dass dies die Würde eines Menschen verletzt, weil es intime Details von ihm preisgibt, steht fest (Wer denkt dabei eigentlich an die Kontrolleure? Es reisen ja nicht nur Models und die Chippendales…). Aber ist es nicht besser, mit einer kleinen Verletzung der Würde weiterzuleben als in Würde für den Dschihad anderer zu sterben? Immerhin sehen Ärzte ja auch vieles von dem, was wir anderen Menschen nicht unbedingt gerne zeigen würden. Es gibt auch FDP-Politiker, die das gerne für alle anderen entscheiden wollen. Für besonders liberal halte ich diesen Drang nicht. Sollte man es nicht besser dem Einzelnen überlassen, ob er sich einer solchen Prozedur unterzieht oder nicht? Schließlich muss niemand in ein Flugzeug steigen. Was spräche zum Beispiel dagegen, wenn verschiedene Flüge angeboten würden, einmal mit, einmal ohne eine solche Kontrollmethode? Vorausgesetzt, für die Flüge ohne Kontrolle fänden sich genug Passagiere und Besatzungsmitglieder… Ein Konflikt wäre da zweifellos gegeben, aber wer soll ihn entscheiden?
Gehen wir jetzt einen Schritt weiter. Nehmen wir an, das verdächtige Material kann auch identifiziert werden, ohne dass die Kontrolleure den tatsächlichen Körper des Überprüften nackt angezeigt bekommen. Stattdessen sehen sie nur eine schematische Darstellung eines menschlichen Körpers (siehe z.B. den FAZ-Artikel hier, solange das noch kostenlos geht). Je nach Befund wird der Fluggast dann noch einmal zielgerichtet abgetastet. Verletzt das die Menschenwürde? Wohl nicht mehr als ohnehin schon (Interessant, dass das Begrapschtwerden keine Proteste wert ist – vermutlich hätten viele ohne diese Prozedur gar kein Sexualleben mehr…). Oder? Die im letzen Fall geäußerten Bedenken wären damit irrelevant. Es könnte wohl niemand mehr etwas gegen diese Methode einwenden. Außer den Terroristen natürlich.
Kommen wir zur Schlussübung. Welche Art Geräte sollen wohl künftig eingesetzt werden (siehe obigen FAZ-Artikel)? Und jetzt lesen Sie bitte die Presse und die Mitteilungen der Politiker? Über welche Art Geräte empört sich die Politik? Und wie tut sie das? Können Sie die Hintertürchen erkennen? Was sagt uns das über Glaubwürdigkeit? Und wissen Sie jetzt, warum ich von Lieblingskrankheiten rede?
Verfasst von Rayson um 23:08 Uhr in der Kategorie Innenpolitik,Politik (Trackback)
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