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Rechtsverkehr, Abseitsfalle und Sonntagsruhe

“Hast du schon gehört? Die EU will Großbritannien zwingen, den Rechtsverkehr einzuführen!”
“Ja. Aber London sträubt sich noch und besteht auf einem Test. Erst soll der nur für Taxis gelten.”

Friedhelm Funkel hat jetzt endlich den Grund für den Absturz der Hertha herausgefunden. Sein Abwehrchef hat nämlich vor dem Spiel immer zu seinen Mitspielern gesagt: “Ok, Jungs! Ihr macht die Abseitsfalle, und ich bleibe zur Sicherheit hinten!”

An diese Witze fühle ich mich jedes Mal erinnert, wenn es um das Gebot der Sonntagsruhe, oder volkstümlicher: den freien Sonntag, geht. Die Sonntagsruhe ist, wie die Übereinkunft, auf welcher Straßenseite der Verkehr in eine Richtung fließt, und wie die Abseitsfalle ein Gut, das nur kollektiv konsumiert bzw. hergestellt werden kann. Gibt man sie frei nach dem Motto “wer will, der darf”, hört sie auf zu existieren. Aber gibt es überhaupt einen Grund für sie?

Aus herkömmlicher liberaler Sicht fällt mir da nicht viel ein. Wenn zwei Leute am Sonntag miteinander ins Geschäft kommen wollen, warum soll der Rest der Welt sie daran hindern? Stört doch keinen. Und es arbeiten doch eh schon viele an Sonn- und Feiertagen. Gilt für die nicht, was für den Rest gilt?

Mein Problem ist jetzt: Ich sehe mich zwar als Liberalen, aber eben nicht nur (und gerade deswegen…). Ich habe auch ein Faible für das Spirituelle, was in meinem Fall konkret im Bekenntnis zu einer christlichen Konfession äußert. Der Mensch ist für mich mehr als nur eine Stoffwechseleinheit. Ich empfinde es als schlecht, und klingt das nicht auch in einem höheren Sinn liberal?, wenn sich der Menschen selbst zum Sklaven macht. Egal von was, und egal wie gut und richtig das sonst ist – man sollte von allem lassen können. Und vor allem: Man sollte einen Zeitpunkt haben, allein oder mit anderen innezuhalten von all dem, was einen sonst umtreibt, um sich ins Bewusstsein zu rufen, dass, egal was man sonst getan hat, es immer noch mehr gibt, worüber man nachdenken und was man tun kann. Einfach ein Stopp, eine Auszeit, ein Zeichen, dass alltägliches Treiben nicht alles ist. Viele würden mir darauf mit einem sehr materialistischen Menschenbild antworten, oder mit einem, das der kurzfristigen Bedürfnismaximierung den Vorrang einräumt. Aber wie wir immer wieder erleben, lässt sich das Tranzendente nicht aus dem menschlichen Leben entfernen. Wir sind alle sterblich, und nur die wenigsten unter uns können es ertragen, dass ihr Leben keinen Sinn hat. Gerade diejenigen, die 24/7 “erfolgreich” sind, hätten es wahrscheinlich am nötigsten, sich diese Sinnfrage zu stellen. Der letzte hochrangige Manager, der dazu öffentlich erkennbar in der Lage war, war Alfred Herrhausen, dem in diesen Tagen zu recht gedacht wird.

Nur wenn der freie Sonntag den Stillstand erzwingt, kann er in diesem Sinn funktionieren. Es ist kein Zufall, dass alle drei großen monotheistischen Religionen einen solchen Tag kennen. Es gibt keine Freiwilligkeit beim Ausbruch aus dem gewohnten sozialen Kontext. Ich finde die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gut.

Disclaimer: Das ist mit Sicherheit keine Mehrheitsmeinung dieses Blogs. Vielleicht kann mir da noch Karsten folgen – vom Rest werde ich wohl herbe Kritik ernten. Gut so ;-)

Rayson in Politik am 04. 12. 2009 » 42 Kommentare
bisher 42 Kommentare » Kommentare
  1. Boche sagt am 04. 12. 2009 um 19:02 Uhr:

    Nur kurz, weil per Mobilgerät (aber herb wie gewünscht): Ist das nicht klassisch Anmaßung von Wissen und Abwälzen der eigenen Kosten auf Dritte?

  2. daniela sagt am 04. 12. 2009 um 19:12 Uhr:

    Sorry, aber das is wirklich FAIL.

    Es ist weder an Christen, Muslimen, Juden, Buddhisten oder anderen vorzuschreiben, dass diese an ihrem geheiligten Wochentag nicht arbeiten, handeln oder sonst was dürfen.

    Wer der Sinnfrage an 6 Tagen aus dem Weg geht, schafft das auch am 7. egal ob Läden offen haben, oder nicht.
    Und wer sich die Sinnfrage stellt, oder stellen sollte, dass kann man als liberaler Mensch doch einfach den Menschen selbst überlassen. Durch Zwang ist das jedenfalls nicht herbeizuführen.

    Zu den 24/7 Erfolgreichen – das ist Küchenpsychologie! Die meisten, die mir begegnet sind, waren gerade sehr erfolgreich, weil sie sich über den Sinn (den sie ihrem leben selbst gaben), ihre bedürfnisse und ziele sehr deutlich im klaren waren

  3. Rayson sagt am 04. 12. 2009 um 19:49 Uhr:

    @Boche

    “Anmaßung von Wissen”? Ich fürchte, ja.

    @daniela

    Wer der Sinnfrage an 6 Tagen aus dem Weg geht, schafft das auch am 7. egal ob Läden offen haben, oder nicht.

    Eben das bestreite ich. Die Zwänge der Routine sind gnadenlos. Und der Trend geht eher in die Richtung von mehr Hektik und weniger Nachdenken.

    Zu den 24/7 Erfolgreichen – das ist Küchenpsychologie!

    Wenn du meinst.

    Die meisten, die mir begegnet sind, waren gerade sehr erfolgreich, weil sie sich über den Sinn (den sie ihrem leben selbst gaben), ihre bedürfnisse und ziele sehr deutlich im klaren waren

    Frag sie auf dem Sterbebett und nicht, so lange sie noch ihr Tun rechtfertigen müssen. Ich habe genug brüchige Fassaden gesehen.

  4. F.Alfonzo sagt am 04. 12. 2009 um 20:06 Uhr:

    Würde sich deine Meinung ändern, wenn du am Sonntag mit Blinddarmdurchbruch vor einem geschlossenen Krankenhaus stehst?
    Oder gilt das mit dem Spirituellen nur für bestimmte Berufsgruppen? Wenn ja, für welche, warum und wer hat dies zu entscheiden? Das ist jetzt die Frage…

  5. Rayson sagt am 04. 12. 2009 um 20:21 Uhr:

    @F.Alfonzo

    Richtig, das ist die Frage. Ich kann dir keine Superallesinordnung-Lösung anbieten. Wahrscheinlich muss das ausgehandelt werden. Aber meinst du, wir könnten keinen Weg finden zwischen “anything goes” und “nothing goes”?

  6. googlehupf sagt am 04. 12. 2009 um 21:00 Uhr:

    Keine Prügel von mir, denn es ist ein Thema wo ich auch hin- und hergerissen bin zwischen der klaren liberalen Linie und der Frage ob dieses Kollektivgut nicht doch (mit Ausnahmen) produziert werden sollte. Ich glaube auch nicht, dass man dafür auch eine religiöse Begründung bräuchte (der entsprechende Passus im GG erwähnt das Christentum nicht), um sich hier das Wissen anzumaßen.

  7. daniela sagt am 04. 12. 2009 um 21:18 Uhr:

    Kollektivgut????

  8. googlehupf sagt am 04. 12. 2009 um 21:24 Uhr:

    Bezieht sich auf den dritten Absatz von Raysons Artikel.

  9. Dirk sagt am 04. 12. 2009 um 22:41 Uhr:

    @Rayson

    Du hättest Dein Argument auch ohne Verweis auf die christliche Religion ganz ökonomisch begründen können. Der freie Tag kann umso mehr genossen werden, je mehr Freunde und Familienmitgieder am selben Tag frei haben. Nun gibt es aber ein großes Koordinationsproblem an welchem Tag man sich nun frei nehmen soll – das wird durch die allgemeine Sonntagsruhe gelöst.

    Es gibt also durchaus sachliche Gründe, zumindest theoretisch, für eine Sonntagsruhe, wenngleich ich sie als Liberaler ablehne. (Muss ja nicht immer alles eiskalt Nutzensmaximierend sein :-) )

  10. Christian S. sagt am 04. 12. 2009 um 23:37 Uhr:

    Zustimmung meinerseits. Es ist, wie ich schon anderswo anmerkte: diese Frage spaltet die Lager jenseits von Lechts und Rinks.

  11. Jorad sagt am 05. 12. 2009 um 10:02 Uhr:

    Da bin ich wahrscheinlich einfach zu liberal. Für mich sind das keine Gründe die gut genug sind um den Einsatz des Gewaltmonopols zu rechtfertigen. Denn das ist es am Ende was Gesetze sind. Ob ein Gesetz nun mehr positive oder negative Auswirkungen hat ist egal wenn man nicht begründen kann warum man zu diesem (meiner Meinung nach) letzten Mittel der Problemlösung greifen muss.

  12. genova sagt am 05. 12. 2009 um 10:49 Uhr:

    Endlich mal ein Standpunkt hier, den ich für überlegt halte. Wobei auch hier ein klassisches liberales Dilemma zutage tritt: Das, was ich tue, betrifft in der Regel auch andere, so wie Dirk das sagt. Außerdem werden kleine Dienstleister wie auch deren Angestellte nicht ernsthaft gefragt, ob sie Sonntags arbeiten wollen, die müssen dann einfach.

    Es geht also nicht darum, dass man “am Sonntag miteinander ins Geschäft kommen” will, das blendet alle weiteren Zusammenhänge aus.

  13. tigger sagt am 05. 12. 2009 um 10:55 Uhr:

    Statt Zwang zur Sonntagsruhe hätte es meiner Meinung nach auch einfach ein Recht auf Sonntagsruhe getan. Muss ja nicht jeder sein Recht einfordern.

  14. Rayson sagt am 05. 12. 2009 um 15:32 Uhr:

    @genova

    Ach, wenn ich im klerikal-faschistischen Teich fische, ist das genehm?

    @tigger

    Eben das geht meines Erachtens nicht. Gibt es ein Recht auf den Linksverkehr?

  15. not!an!3xit sagt am 05. 12. 2009 um 17:35 Uhr:

    @Rayson
    Nur weil alle drei monotheistischen Religionen einen freien Tag pro Woche vorstehen, heißt das noch lange nicht, dass das eine gute Idee ist. Die Religionen haben nämlich ganz objektiv betrachtet nicht gerade die Weisheit mit Löffeln gegessen. Spiritualität und Religion ist bei uns (zurecht) etwas, für das man sich privat entscheidet und nicht anderen Leuten aufzwingt.
    Wenn meine Religion mir sagt, dass ich am Montag nicht arbeiten soll, warum muss mich dann der Staat zwingen, das auf Sonntag zu verlegen? Wo bleibt meine Spiritualität da?

    Der Vergleich mit dem Rechts- und Linksverkehr hinkt da etwas. Bei solchen Regelungen im Straßenverkehr handelt es sich einfach nur um eine zentrale Einigung auf Einheitlichkeit, die anderweitig niemandes Leben betrifft. Wieso sollte jemand darauf bestehen, links statt rechts zu fahren? Was für persönliche Konsequenzen ergeben sich daraus? Klar, man könnte jetzt einer Religion angehören, die Linksverkehr fordert; aber das ist ja genau der Grund, warum wir Dogmen nicht zu Gesetzen machen.

  16. itz sagt am 05. 12. 2009 um 17:50 Uhr:

    Hat Irland z.B. nicht “Linksverkehr”?
    Und ist es nicht paradox, dass sich der atheistische Brandenburger seine sonntägliche Auszeit beim Einkaufsbummel im katholischen Polen nehmen kann?
    Aber immerhin wissen Sie als Herta Fan nur zu gut, dass man sich seine Auszeit auch am Samtag nehmen kann. Suchen die Spieler etwa Transzendenz? :-)

  17. David sagt am 06. 12. 2009 um 00:22 Uhr:

    Herta Fan

    Zwei Fehler in einem Wort!

  18. Robert Michel sagt am 06. 12. 2009 um 19:30 Uhr:

    Das ist eine erfrischend neue Sichtweise auf die Sonntagsruhefrage. Der These, dass die Sonntagsruhe ein kollektives Gut ist stimme ich trotzdem nicht zu. Eine Gemeinde kann den Gottesdienst begehen und eine Einzelner sich in seinen Mediationsraum zurückziehen, ohne dass alle Räder stillstehen müssen. Sicherlich wäre es angenehmer, aber es ist eben kein muss.

  19. Karsten sagt am 06. 12. 2009 um 22:47 Uhr:

    Na, da hast Du ja doch noch von jemand anderem Unterstützung bekommen – der googlehupf ist bei Dir, Ray. :)

    Ich eher nicht. Denn ich halte zwar die Einführung eines besinnlichen Tages für eine kluge Entscheidung fast aller Religionen, aber betrachte es als problematisch, in einer multireligiösen Gesellschaft den heiligen Tag einer einzelnen Religion zum Gesetz zu erheben.

  20. ap sagt am 06. 12. 2009 um 23:59 Uhr:

    Was haben uns die neuen Ladenöffnungszeiten gebracht? Mehr persönliche Freiheit. Ja. Und weniger Vollzeitjobs mit einigermaßen auskömmlichen Löhnen. Dafür jede Menge Teilzeitarbeit, die die Firmen deshalb vorziehen, weil sie ihre Geschäfte zum großen Teil nicht kostendeckend offen halten können. Sie passen die Anzahl ihres Personals den Besucherströmen an. Es sind einseitige Lasten, die entstanden sind, die auch dazu führen, dass die Menschen in diesen Jobs später keine auskömmliche Rente haben werden.

    Wir müssen nicht alles ändern, um dem Individualismus frönen zu können. Ich finde die Entscheidung vor allem deshalb gut, weil noch einmal darüber nachgedacht wird, weshalb wir partout alles abschaffen müssen, was bei in Deutschland lange gut funktioniert hat. Doch wohl nicht etwa, weil man im Ausland seit Jahren andere Regelungen kannte?

    Und Karsten: In einer multireligiösen Gesellschaft müsste man dann auch Weihnachten, Ostern und Pfingsten abschaffen.

  21. Karsten sagt am 07. 12. 2009 um 08:25 Uhr:

    @ap: Ja. Müsste man eigentlich. Wobei zumindest Weihnachten ein mittlerweile weit über seine religiöse Bedeutung heraus zelebrierter Brauch ist…

    Übrigens denke ich, wenn ich Deine ersten Sätze lese, unwillkürlich an das “Leben des Brian”. ;)

  22. ap sagt am 07. 12. 2009 um 10:02 Uhr:

    @Karsten: Meinst du meinen “dogmatischen” Ansatz oder meine naive Art, mich mit der Realität auseinanderzusetzen? Doch nicht etwa beides? :)

  23. Karsten sagt am 07. 12. 2009 um 10:23 Uhr:

    @ap:
    Nee, ich meine: “Was haben die Römer eigentlich je für uns getan? Gut, die Kanalisation, ja…”.
    Ich finde Deine “naive Art” übrigens gar nicht so naiv. Sie zwingt jedenfalls immer mal wieder dazu, nachzudenken. Und sie ist freundlich, was bei den oft kalten Stimmen der Technokraten aller Seiten erfrischend ist und bleibt.

  24. R.A. sagt am 07. 12. 2009 um 11:31 Uhr:

    @Rayson:
    Grundsätzlich stimme ich Dir ja zu: Der Wechsel Arbeit und Ruhe ist empfehlenswert, ein freies Wochenende eine schöne Sache. Ich würde jedem dringend raten, so einen Rythmus zu leben.

    Aber das kann eben keine Rechtfertigung sein, daß der Staat eine solche Empfehlung erzwingt. Noch dazu mit einer recht willkürlichen Sortierung von erlaubten und verbotenen Tätigkeiten.

    Und eigentlich bestätigst Du das:

    Es ist kein Zufall, dass alle drei großen monotheistischen Religionen einen solchen Tag kennen.

    Sie kennen einen solchen Tag – aber es handelt sich um drei verschiedene Tage. Und es ist wirklich nicht zu begründen, daß eine Religion das staatliche Privileg hat, ihren Tag per Gesetz garantiert zu bekommen, und alle anderen Religionen (und die Atheisten …) dürfen den von ihnen jeweils gewünschten Rythmus nicht leben.

  25. Ben sagt am 08. 12. 2009 um 04:25 Uhr:

    Der Staat muss die Buerger also vor sich selbst schuetzen? Da muss wohl bald jemand seinen Liberalen-Ausweis an der Tuer abgeben… ;)

  26. Boche sagt am 08. 12. 2009 um 08:20 Uhr:

    @Ben

    Liberal bedeutet uns, auch Klerikalfaschisten wie Rayson ein Forum zu geben.

  27. stefanolix sagt am 08. 12. 2009 um 09:00 Uhr:

    Man muss ziemlich lange dabei sein, um sich an diesen Begriff noch erinnern zu können. Später wurde es dann Mode, uns gleich mit Rechten in einen Topf zu werfen.

    Getrennt davon: Neulich hat jemand versucht, mich mit der Bezeichnung »Burschenschaftler« zu provozieren, nachdem dort in meine ganz einfachen Sätze wieder mal total absurder Inhalt hineininterpretiert wurde. Ich habe es dann einfach abgebrochen. Ich muss so etwas nicht mehr richtigstellen. Es bringt mir nichts, mit Leuten zu reden, denen die Etiketten und die selbstgebastelten Strohpuppen wichtiger sind als der Inhalt einer Diskussion.

  28. Hias sagt am 08. 12. 2009 um 13:20 Uhr:

    ap bringt hier einen interessanten Punkt in die Diskussion ein, nämlich die Sache mit den Auswirkungen auf die Angestellten. Aber bevor jemand glaubt, ich will hier nur sozialdemokratisch argumentieren, zunächst mal ne kleine Erläuterung.
    Die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten erhöht die persönliche Freiheit, da geb ich euch Recht. Allerdings kauft keiner mehr ein, nur weil die Läden länger offen haben. Man geht verschiebt halt stattdessen seinen Einkauf um dann später gemütlich einzukaufen.
    Das Problem dabei ist, dass dies dann Auswirkungen auf die Angestellten hat, da der Ladenbesitzer zwar gezwungen wird länger aufzumachen, ohne dass er mehr Personal einstellen kann. Die Folge ist entweder miserabel bezahlte Jobs oder aber Umstellung von Vollzeitjobs auf Teilzeit- und 400 Euro-Jobs.
    Dies hat aber die Folge, dass durch den Wegfall von Vollzeitjobs, geringere Löhne und auch ungünstigere Arbeitszeiten die Freiheit der VerkäuferInnen doch massiv eingeschränkt wird. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass Geld immer auch ein wichtiges Mittel um sich gewisse Freiheiten leisten zu können. Oder anders ausgedrückt, was nützt die Reisefreiheit, wenn man sich keine Reisefreiheit leisten kann.

    Ich weiß, das Gegenargument dazu lautet, dass man sich halt dann nen anderen Job sucht und der Markt die Löhne wieder ausgleichen wird. Wenn dies nicht passieren wird, dann wird es wahrscheinlich am regulierten Arbeitsmarkt liegen.
    Nur, er ist es nicht. Ist es daher nach eurer Meinung gut, dass man zuerst möglichst viel Freiheit einführt, selbst wenn dies mühsam erkämpfte Freiheit größerer Gruppen von Menschen massiv beeinträchtigt? Ist also Freiheit ein Wert an sich, den man unbedingt erreichen muss, auch wenn man dazu die momentanen Machtverhältnisse ausblendet und damit zulässt, dass Menschen aufgrund dieser Machtverhältnisse schlechter (nicht nur im finanziellen sondern auch im freiheitlichen Sinne) dastehen als zuvor?

  29. califax sagt am 08. 12. 2009 um 13:27 Uhr:

    @Hias: Das paßt nun gerade gar nicht auf Berlin, denn dort liefert der Adventseinkauf Einahmen von Touristen.
    Es handelt sich also um zusätzliche Einnahmen, die sonst nicht (in Berlin) entstanden wären.

  30. Hias sagt am 08. 12. 2009 um 13:42 Uhr:

    @califax

    Danke für den Hinweis, das hatte ich vergessen. Aber es ging ja auch inzwischen ganz allgemein um das Gebot der Sonntagsruhe, oder nicht?

  31. califax sagt am 08. 12. 2009 um 13:44 Uhr:

    Teilweise. Prinzipien und Einzelfälle vermischen sich immer in Diskussionen.

  32. Hias sagt am 08. 12. 2009 um 13:49 Uhr:

    Das stimmt. Ich hoffe mal, dass es dennoch nicht Off-Topic ist, wenn ich ganz allgemein auf das Gebot der Sonntagsruhe eingehe.

  33. R.A. sagt am 08. 12. 2009 um 14:39 Uhr:

    @Hias:

    Allerdings kauft keiner mehr ein, nur weil die Läden länger offen haben.

    Das ist nicht richtig.
    Natürlich können die Leute jeden Euro nur einmal ausgeben – aber der Knackpunkt ist halt, ob sie ihn beim Einzelhandel ausgeben.

    Der echte Bedarf wird natürlich immer gekauft. Aber bei weiteren Einkäufen gibt es durchaus Spielraum bzw. Konkurrenz zu anderen Ausgabezwecken. Längere Öffnungszeiten können insbesondere bei Möbeln, Textilien und Haushaltswaren zu Mehrumsätzen führen.

    Dies in Konkurrenz zum Versandhandel (der wegen der Ladenschlußzeiten in Deutschland viel stärker ist als in anderen Ländern – Otto, Quelle, Neckermann etc. gibt es so stark anderswo nicht).
    Und in Konkurrenz zu Ausgaben für Urlaub und den Einkäufen im Urlaub. Es ist schon erstaunlich, was manche Leute im Ausland für Klamotten ausgeben – eben in entspannter Freizeitatmosphäre, wie beim Sonntagseinkauf.

    Das Problem dabei ist, dass dies dann Auswirkungen auf die Angestellten hat

    Richtig – aber so etwas sollte beim Arbeitsschutz geregelt werden (damit auch die vielen Branchen etwas davon haben, die auch derzeit schon sonntags arbeiten). Man könnte z. B. durchaus zu den jetzigen Regelungen zu Arbeitszeitmaximum etc. einführen, daß sich jeder Angestellte einen Tag pro Woche zur persönlichen Nutzung reservieren kann. Das kann dann der Sonntag sein – aber dann können Muslime eben auch den Freitag nehmen.

    Eine generelle Sonntagsruhe als Krücke für den Arbeitnehmerschutz ist schon recht absurd.

  34. Rayson sagt am 08. 12. 2009 um 14:59 Uhr:

    @Karsten, R.A.

    Wenn man prinzipiell einen solchen Ruhetag befürwortet, ist die Auffassung, man dürfe sich aber nicht für einen bestimmten Tag entscheiden, weil die drei großen Religionen jeweils unterschiedliche Tage vorgesehen haben, als Gegenargument IMHO nicht besonders stichhaltig. Es wird entweder der genommen, der sich traditionell herausgebildet hat, meinetwegen auch weil in der betreffenden Region eine bestimmte Religion lange Zeit führend war oder noch ist, oder er wird vom Staat, der das ja meiner Meinung nach eh regeln muss, auf irgendeine Art und Weise festgelegt.

    Ich weiß nicht, wie das bei den anderen Religionen ist, aber das Christentum sollte heutzutage in dieser Angelegenheit hinreichend flexibel sein – es ist wichtiger, dass es überhaupt einen solchen Tag gibt, als dass es ein ganz bestimmter ist. Man kann eben nicht immer alles haben, was man will. Und zur Not kann man ja auch an unterschiedlichen Tagen anfangen zu zählen ;-)

  35. Rayson sagt am 08. 12. 2009 um 15:04 Uhr:

    @Boche

    Das schätze ich auch so an euch.

    Slightly OT: Gegen die dolschen Debatten um Homosexualität oder Religion mit der zwingend erforderlichen Teilnahme des Users “solid” ist das hier doch alles Pipifax ;-)

  36. Boche sagt am 08. 12. 2009 um 15:18 Uhr:

    @Rayson

    Stimmt, solid war eine Kategorie Diskussionspartner für sich.

  37. Boche sagt am 08. 12. 2009 um 15:31 Uhr:

    Um nochmal zum Thema zurückzukommen und meinen Kurzbeitrag ganz oben zu ergänzen:

    Ein staatlich verordneter Ruhetag ist tatsächlich das, Rayson bestätigt es ja, was man in liberalen Kreisen Anmaßung von Wissen nennt. Der Staat, besser die machthabenden Bürokraten maßen sich an zu wissen, was für ihre Bürger gut ist. Nämlich, dass alle zusammen (Ausnahmen bestätigen die Regel und sind als Gegenargument der Kritik schwacher Natur) einen Tag frei nehmen müssen von Arbeit und Konsum.

    Ich bin zwiegespalten. Einerseits ist Anmaßung von Wissen in begrenztem Ausmaß nicht zu vermeiden:
    Die Existenz eines staatlich durchgesetzten Gewaltmonopols und Rechtssystems ist Anmaßung von Wissen (wie unsere libertären Brüder gern bestätigen werden).
    Die Existenz einer staatlich organisierten Außenpolitik und Grenzsicherung ist Anmaßung von Wissen.
    Und natürlich ist staatlich organisierte Armenhilfe anmaßend, nämlich in dem Sinne, dass die Staatsbürokraten meinen, nicht auf die Mildtätigkeit der Einzelnen zählen zu können und diese durch bürokratisch organisierte “Mildtätigkeit” ersetzen zu müssen.

    Andererseits ist jeder staatlich annektierte Bereich der individuellen Selbstbestimmung vielleicht ein Zentimeter mehr auf der slippery slope nach unten. Vielleicht ist es wichtig, so viel wie möglich Selbstbestimmung dem Individuum zurückzuerobern.
    Vielleicht gehört aber die Organisation eines kollektiv zwangsweise begangenen freien Tages auch zu den wenigen sinnvollen Anmaßungen von Wissen, die man dem Staat zugestehen kann, weil das Ergebnis besser ist als die Alternative?

  38. Rayson sagt am 08. 12. 2009 um 20:47 Uhr:

    @Boche

    Überflüssig zu sagen, dass du meine Gedankengänge ungefähr getroffen hast? Nur eben mit dem Unterschied, dass ich mich, vielleicht auch aufgrund eines durch meine Religion geprägten Wertgerüsts, zwar mit dem nötigen Bauchgrimmen, aber dennoch klar für eine Seite entschieden habe.

    @stefanolix

    Wenn da lese, wie beliebige Gewalt gegen Polizisten dort unter Beifall mit der “Existenz des Spätkapitalismus” gerechtfertigt wird, dann muss man sich schon fragen, wie sie denn aussehen soll, die schöne neue Welt dieser “Idealisten”. Und welche Zukunft Andersdenkenden da blüht. Vielleicht wiederholt sich Geschichte nicht, aber die Muster totalitärer Ideologien gleichen sich immer.

  39. stefanolix sagt am 08. 12. 2009 um 22:40 Uhr:

    Interessant ist die Eigendynamik der Diskussionen. Ein Kommentarstrang kann manchmal durchaus mit einer sachlich-vernünftigen Ansicht beginnen. Aber irgendjemand kommt immer und stellt die Zielscheibe mit dem Feinbild auf. Dann kommt immer ein anderer und widerspricht der vernünftig-sachlichen Ansicht mit grundsätzlich-ideologischen Elementen. Dann zieht der Vernünftige zurück oder er verlässt die Runde. Dann finden alle ihre Bestätigung und zuletzt ist die Diskussion so tot wie vorher schon dutzende andere …

  40. Rayson sagt am 08. 12. 2009 um 23:30 Uhr:

    Yep.

  41. Die Stimme aus dem Off sagt am 11. 12. 2009 um 13:28 Uhr:

    Viellaicht darf äch de Däskossäon mät ainem vernönftäg-sachlächen Argoment wieda beleben:

    Ond wenn Zwang zom frraien Sonntag: Na ond?

    Da aine oda anderrre mag den Zwang als ädoilogiefrrremd empfänden! Ändes äst mär als Läberralen das doch vollkommen egal, was da anderrre empfändet! Schließläch geht es om ain höherrres Got! Ond dazo noch om ain Allgemaingot! Ond was ain Allgemaingot äst, bestämme äch, jawohl! Aoßerdem onta den Empfändongen doch nor de aigenen, solche, de wärkläch wächtäg sänd! Lest bätte Ayn Rand! Zor Errraichong solch höherra – gerradezo spärrrätoella – Ziele äst doch non wärkläch jedes Mättel rrrecht!

    Äch hätte Parlamentarria werden sollen!

  42. califax sagt am 11. 12. 2009 um 13:36 Uhr:

    Es gibt Leute, die selbst bei einem Streit um Kuchenrezepte erst einmal nachschlagen würden, ob irgendein Chefideologe nicht in irgendeinem seiner Theoriegespinste etwas gegen den Verzehr von Rosinen gesagt hat.
    Und dann kommen andere, bezeichnen Kuchenbacken per se als faschistisch und empfehlen dazu die Lektüre von etwa 20 Regalmetern Beatnikphilosophie, denn: Wehret den Anfängen! Wer Streusel bäckt, verbrennt auch Menschen!!11

    So. Und jetzt hätte ich gern ein Plätzchen. Mit Rosinen und Zimt.

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