Verblendung und Konditionierung

Ich ziehe hier ein Thema nach oben, um die Diskussionen zu entflechten und um einen Raum für sachbezogene Kommentare zu schaffen. In einem Kommentar zu dem Beitrag über Diskriminierung wurde gestern am Rande die These aufgestellt:

Die Konditionierung des Bewusstseins durch kommerzielle Massenmedien der werbenden Wirtschaft ist nicht weniger totalitär als die durch staatliche Propaganda [Che2001].

Che2001 stellt diese These in den Zusammenhang mit Machtmissbrauch und mit der Verblendung des Bewusstseins durch die Massenmedien. Googlehupf fragte dann sinngemäß:

Wenn wir diese Prämisse gelten ließen: Was wäre ein Lösungsansatz dafür? (…) Gibt es überhaupt einen?

Können wir diese Prämisse gelten lassen?

Che2001 erwähnt in seinem Kommentar zur Stützung dieser These beispielsweise die »Dialektik der Aufklärung«. Allerdings ist diese Theorie unter der Voraussetzung eines ganz anderen Medienzeitalters entstanden. Damals gab es Medien und Medienkonsumenten. Es gab in den Medien und Verlagen die »Türhüter«, an denen keine Meldung vorbeikam. Es gab für die Medienkonsumenten praktisch keine Möglichkeit, selbst Informationen zu publizieren. Bis etwa 1990 musste man von diesen Voraussetzungen ausgehen. Theodor W. Adorno starb 1969, Max Horkheimer 1973.

Horkheimer und Adorno waren scharfsinnige Denker. Sie konnten aber nicht in die Zukunft sehen. Sie wussten nicht, dass im Jahr 2009 so viel Wissen frei verfügbar sein würde. Sie wussten nicht, wie einfach der Zugang zu Wissen heute sein würde. Sie hatten wahrscheinlich auch keine Vorstellung davon, wie einfach man Informationen heute im Internet vernetzen kann.

Jede maßgebliche Meldung der Massenmedien wird heute entweder in anderen Medien oder im freien Internet quasi in Echtzeit hinterfragt. Diese Vorgänge kann man in Ländern mit freiem Netzzugang überhaupt nicht totalitär kontrollieren.

Beispiel: Murdoch und Microsoft. Die ersten Meldungen lasen sich wie die Abschrift einer PR-Mitteilung. Beinahe zeitgleich kamen im Netz Zweifel an der Vereinbarung auf. Dann haben auch die Mainstream-Medien kritisch über diese Partnerschaft nachgedacht.

Eine totalitäre Konditionierung erscheint mir unter diesen Voraussetzungen überhaupt nicht möglich zu sein. Aber Ihr könnt mir gern widersprechen: schreibt in den Kommentaren, wo Ihr Verblendung oder Konditionierung in der Gesellschaft seht …

Sollten sich dann doch Tendenzen eines totalitären Einflusses zeigen, wäre die nächste Frage: wie kann man diesen Tendenzen begegnen? Dazu habe ich gestern nacht kommentiert:

Der Lösungsansatz kann nur heißen: Aufklärung. Noch nie gab es so viele frei verfügbare Wissensressourcen und so viele Möglichkeiten der Vernetzung des Wissens. Begrenzt ist nur die Zeit, die wir für unsere eigene Aufklärung aufwenden können.

So, und jetzt seid Ihr dran.


Ähnliche Beiträge


54 Kommentare zu “Verblendung und Konditionierung”

  1. 26.11.2009 | 13:10

    Ich halte ja im Gegensatz zu Che auch nicht ganz so wahnsinnig viel von der These der “Bewussteinsindustrie”, sehe das berühmte “Kulturindustrie”-Kapitel ambivalent, unerreichte Highlights neben etwas zu großen Thesen, und denke zudem, dass “totalitär” als Allerweltswort ungefähr den gleichen Erklärungswert hat, als wenn Boche Che “Sozialismus” attestiert und gar nicht klar ist, was er damit eigentlich meint, weil sich da wohl Erlebtes eher vor die Argumentation schiebt, als dass es sie stützen würde.

    Es ist auch meines Wissens nie gelungen, empirisch zu belegen, wie denn die Manipulationsleistungen von Medien nun eigentlich funktioniert, deshalb halte ich Hypothesen darüber,was nun wirklich in Köpfen vorgeht, für ungefähr so gewagt wie jene, die man hier im Blog verfolgen kann, wenn über die spezifische Bewusstseinsform der Subspezie “Die Linken” fabuliert wird.

    Dass aber,für Liberale ein wichtiges Thema, die Konzentration und Diversifikation von Medienproudktion gerade gegenläufig jene Bedingungen, unter denen Öffentlichkeiten sich strukturieren, drastisch verändern, das ist definitiv der Fall.

    Es gibt zwar immer mehr Geplapper, Quellen, Zugang zu Wissen und Publikationsmöglichkeiten,aber was findet denn da jenseits von Lektüren der MSM und anekdotischen Erkundungen z.B. Primärrecherche wirklich statt?

    Alleine das Fernsehen betreffend gibt es vier große Blöcke, die selektieren, worüber wie berichtet wird, eben Prosiebensat1, RTL-Group, ARD und ZDF. Drei von denen sind sehr hierarchisch auf jeweils sehr wenige Personen zugeschnitten; die Machtfülle von Frau Schäfer-Cordt oder Herrn Bellut ist gewaltig.

    Die Drittprogramme erreichen lediglich 60+-Publikum, bei ARD und ZDF sieht es soooo viel besser nicht aus,es sei denn, man lässt mal andere Produzenten ran ;-)

    Die BILD, im Osten die SUPER-ILLU und allerdings auch die Radiolandschaft kann ähnliche Reichweiten erzeugen, sonst niemand.

    Beim Radio regiert jedoch das “Format-Radio” mit Häppchen-Infos und Playlist.

    Das, was wir so diskutieren, Tageszeitungen etc., das erreicht sehr wenig Leute, von den Programmzeitschriften wie TV MOVIE mal abgesehen. Und FR und Berliner Zeitung legen jetzt auch Redaktionen zusammen. Weltweite Korrespondentennetze werden zunehmend eingestampft.

    GRUNER + JAHR geht dazu über, Wirtschaftstitel z.B. in Zentralredaktionen zu bündeln. Ganze Teile der Otsee werden zentral von Lübeck “beliefert”, doch die Antidiskriminierungsoffensive der NPD trägt dort Früchte, steht heute gerade in der taz – die bietet als einzige Alternative kostenlose Wochenblättchen.

    Soll heißen: Die, die vorgeben, worüber überhaupt geredet wird, sind sehr wenige,und es werden immer weniger. Und ein großer Teil derer ist von Anzeige- und Werbekunden abhängig.

    Ist ja vielleicht hilfreich, immer zunächst mal auf die Struktur jener Institutionen einzugehen, die Informationen hervor bringen – und als These stelle ich auf, dass diese alle eine Größe haben, dass sie auf Seiten der Produktion Verhalten, Selbstzensur usw. ganz analog formen zu DDR-Institutionen, ohne jedoch über die gleichen Sanktionsmöglichkeiten zu verfügen.

    Und dass gegen diese Konzentrationsprozesse versprengte Gegen-Öffentlichkeiten allenfalls punktuell anstinken können. Und dass man gar keine Hypothesen über “Bewussteinsindustrie” braucht, um festzustellen, dass die Selektions- und Konzentrationsprozesse eben steuern, was Thema ist.

    Und da greifen dann Herr Pipes, die Bertelsmannstiftung usw. tatsächlich, weil die die ökonomische Power haben, da hinein zu wirken.

  2. 26.11.2009 | 13:37

    diese vorstellung ist ja etwas typisches: die medien beeinflussen alles und jeden. darum wird tabakwerbung verteufelt und so weiter.

    die frage ist: woher weiß che eigentlich, dass er selber nicht ein opfer einer solchen beeinflussung ist? wie ist er in der lage dieser medialen propaganda zu entgehen? ist er klüger als all die anderen, die er so ritterhaft retten will? warum wirkt die gehirnwäsche bei ihm nicht, bei den anderen schon?

    diese these wird immer wieder von wichtigtuern aufgebracht, die sich selber für besser, klüger, gewitzter und schlauer halten als die anderen . ganz einfach. punkt.

  3. 26.11.2009 | 13:39

    @christianhannover

    Ich bin zwar deiner Meinung möchte dich aber bitten, stefanolix hier den Raum für die von ihm gewünschte sachliche Diskussion zu lassen.

  4. 26.11.2009 | 14:23

    @Boche: Danke. Der Freiraum ist aber nicht für mich, sondern eigentlich für die Leser und Gäste;-)

    @christianhannover: Wenn wir von der ad-personam-Schiene jetzt bitte wirklich herunterkommen, dann bleibt eine sachliche Frage an Che übrig. Auf welcher Basis und mit welchem Menschenbild diskutieren wir über Medien, Beeinflussung, Manipulation …?

    Ich kann ja auch völlig falsch liegen mit meiner optimistischen These, dass wir heute weiter sind als vor ca. 40 Jahren (am Lebensende Adornos) und als vor ca. 60 Jahren (»Dialektik der Aufklärung«).

    Aber ich sehe im Gegensatz zu Che und auch MomoRules noch eine andere Einflussgröße. Das ist der freie Wille jedes einzelnen Bürgers. In den einzelnen Menschen kann ich nicht hineinschauen und ich kann ihn auch nicht aufklären. Ich kann ihm allenfalls Fragen beantworten oder Hinweise geben. Wenn der Bürger mit Politik in Ruhe gelassen werden will, muss ich das akzeptieren.

    Ich habe bei mir im Blog mal ansatzweise versucht, über Markt und Wirtschaft etwas Wissen zu vermitteln. Ein einziger Leser hat sich dann wohl ein (schlechtes) VWL-Buch ausgeliehen. Er hat die ersten Abschnitte nicht mal halb verstanden und seine vorgefasste Meinung bestätigt gefühlt, dass VWL Mist ist. Diese Meinung hatte er von wirtschaftskritischen Webseiten, die ich hier besser nicht erwähne (weil es deprimierend ist, sich seitenweise unwissenschaftliche Tiraden durchlesen zu müssen).

    Was ich zart andeuten will: es gibt nicht nur Verblödung durch Mainstream-Medien … Aber die Aufnahme verblödender Informationen kann ich in einer freien Gesellschaft auch nicht verhindern.

    @MomoRules: Che hat »Totalitär« als Fachbegriff verwendet und ich vermute, er hat es im Sinne der allgemein bekannten Definition getan. Wenn nicht, müsste er es selbst erklären.

    Natürlich gibt es im Netz wahnsinnig viel Mist. Ich bezog mich aber vor allem darauf, dass es für große Mengen von Wissen heute keine materiellen Zugangsschwellen mehr gibt. Einerseits gibt es die urheberrechtlich freigegebenen Bücher, andererseits ist der »Raubdruck« von früher ins Netz gewandert (ich las gerade in der Wikipedia über Raubdrucke der »Dialektik der Aufklärung«). Daneben gibt es natürlich die Wikipedia selbst als Sammlung des Wissens mit vielen Vernetzungsmöglichkeiten. Material wäre also genug vorhanden!

    Primärrecherche wird zum Beispiel durch »Wikileaks« oder durch die »Befreiung« von Informationen im Netz ermöglicht (vgl. aktuell: Klimadaten-Skandal). Natürlich muss es immer jemand machen. Aber die Vernetzung ermöglicht eben, dass viele kleine Beiträge zu etwas Großem wachsen.

    Ironisch gesagt: Ich glaube nicht, dass die Konzentrationsprozesse in den Medien jetzt noch einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität der Zeitungen haben [Lokales ausgenommen!]. Es ist relativ gleich, ob eine Redaktion oder ein »Info-Desk« die vielen PR-Mitteilungen verwurstet;-)

  5. 26.11.2009 | 14:32

    Wer sagt denn, dass ich behaupten würde, dem Verblendungszusammenhang nicht zu unterliegen? Die Vorstellung, dass in einer durch Medienmonopole und warenförmige Produktion von Information (die Nachricht in der Medienlandschaft ist eine Handelsware, keine objektive Information, die um ihres Wahrheitswerts willen verbreitet wird, und z.B. die ständige Berieselung durch irgendwelche Telefavelas, die von Manchen für ein Abbild von Wirklichkeit gehalten werden der Bildung eines kritischen individuellen Bewusstseins nicht eben förderlich) bestimmten Öffentlichkeit irgendwer den klaren Durchblick hätte halte ich schon für falsch.
    Ich verstehe den Verblendungszusammenhang, wenn auch materialistisch gewendet, eher so wie die buddhistische Interpretation des Schleiers der Maja http://de.wikipedia.org/wiki/Maya_(Religion).

    D.h., was zum Teufel wirklich los ist weiß man erst, wenn es eine Kommunikation gibt, die auf den Prinzipien von Freiheit, Gleichheit, maximaler Durchlässigkeit und Offenheit basiert. Etwas ganz Anderes ist es, ein Stück weit durch den Schleier zu schauen oder zu erkennen, inwieweit man selber unfrei und manipuliert ist. Wenn z.B. Horkheimer und Adorno sagten, das, was die Menschen im Alltag machten im Gegensatz zu dem stünde, was sie wirklich glücklich machen würde, sehe ich diese Aussage nicht so, dass sie meinten, sie selbst wüssten dies. Vielleicht ist da eher sokratische Bescheidenheit angesagt.

  6. 26.11.2009 | 14:53

    Ich habe es da einfach: ich habe keinen Fernseher. Ich werde auch keinen anschaffen. Es trägt ungemein zur Klarheit bei;-)

    Du stellst jetzt ein Ideal in den Raum: das Ideal von »Freiheit, Gleichheit, maximaler Durchlässigkeit und Offenheit«. Dieses Ideal wird immer ein Ideal bleiben und in dieser Absolutheit nie erreicht werden. Allein schon deshalb, weil uns die einzelnen »Meinungsproduzenten« unterschiedlich gut überzeugen können. Aber kann man daraus gleich die totalitäre Verblendung bzw. Konditionierung ableiten?

    Nun kann jemand antworten: OK, aber der aufgeklärte Mensch ist auch nur ein Ideal. Das stimmt natürlich. Aber der »partiell aufgeklärte« Mensch ist doch nicht totalitär verblendet, nur weil er sich dem Ideal allenfalls annähert. Genausowenig sind die Medien totalitäre Manipulationsinstrumente, nur weil sie Deinem Ideal nicht entsprechen.

    Sokratische Bescheidenheit steht uns wohl allen gut an. Vor allem, wenn wir mit Idealen umgehen.

  7. 26.11.2009 | 14:59

    Nun kann jemand antworten: OK, aber der aufgeklärte Mensch ist auch nur ein Ideal.

    Was zudem auch unwichtig bei der Beantwortung der Frage sein sollte, ob man dem Menschen Entscheidungsfreiheit über sein Schicksal zumutet oder nicht. Wer will sich denn anmaßen, den rechten Grad der Aufklärung festzustellen, ab dem Selbstverantwortung gestattet werden kann?

  8. 26.11.2009 | 15:17

    Stefanolix: Der ursprüngliche Zusammenhang, in dem Horkdorno, aber z.B. auch Neil Postman Werbung mit totalitärer Propaganda verglichen (“Kollektive Freiheitsberaubung wird als organisiertes Vergnügen geliefert. Alles, was heute Kommunikation heißt, ausnahmslos, ist nicht als der Lärm, mit dem die Stummheit der Gebannten übertönt werden soll” – Negative Dialektik – oder das Radio als “allgegenwärtiges Maul des Führers” – Dialektik der Aufklärung) ging von der Medienwirkungsforschung aus. Werbung arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg oft mit dem gleichen Parolengeschrei wie Faschismus und Stalinismus, und noch bei der alten Media-Markt-Werbung “Kaufen, marsch marsch!” war der Zusammenhang offensichtlich. In den 50ern sind in US-Kinios Sachen gemacht worden wie den Spruch “Enjoy Coca Cola” in Buchstaben zerhackt in einen Filmstreifen einzubauen, und tatsächlich tranken in der Pause mehr Menschen Cola als ohne diese Manipulation. Das Gleiche machte man mit der gleichen Parole, indem sie auf einer fürs Ohr unhörbaren Frequenz ins Publikum gestrahlt wurde. Es soll funktioniert haben. Und es stellt sich schon die Frage, ob regelmäßiges Shoppen gehen, das ja keinem direkt objektiv feststellbaren Grundbedürfnis folgt, nicht ein durch andauernde Werberundumberieselung erzeugtes kollektives Zwangsverhalten darstellt, dass einerseits den Wirtschaftskreislauf in Gang hält, andererseits Menschen davon abhält, sich existenziell mit ihrer Situation und Alternativen zum Bestehenden zu beschäftigen. Also für die westlich-kapitalistische Gesellschaft das, was die beinahe tägliche Anwesenheit im örtlichen Revolutionskomitee in Libyen für die Massen dort darstellt oder das fünfmalige öffentliche gemeinsame Gebet im Iran – Integration und Ruhigstellung. Überall das Gleiche. Freiheit ist etwas Anderes.

  9. 26.11.2009 | 15:37

    @che

    In den 50ern sind in US-Kinios Sachen gemacht worden wie den Spruch “Enjoy Coca Cola” in Buchstaben zerhackt in einen Filmstreifen einzubauen, und tatsächlich tranken in der Pause mehr Menschen Cola als ohne diese Manipulation. Das Gleiche machte man mit der gleichen Parole, indem sie auf einer fürs Ohr unhörbaren Frequenz ins Publikum gestrahlt wurde. Es soll funktioniert haben.

    Ich kann das jetzt nicht mit Quellen belegen aber wir haben während unseres Psychologie-Studiums genau diese Geschichten als moderne Mythen präsentiert bekommen. Die vermeintlichen Auswirkungen dieser unterschwelligen Werbung konnte wohl in Studien nie hinreichend nachgewiesen werden.

    Das nur nebenbei.

    Freiheit ist etwas Anderes.

    Immer. Für jeden. Persönlich.

  10. 26.11.2009 | 15:47

    “In den 50ern sind in US-Kinios Sachen gemacht worden wie den Spruch “Enjoy Coca Cola” in Buchstaben zerhackt in einen Filmstreifen einzubauen, und tatsächlich tranken in der Pause mehr Menschen Cola als ohne diese Manipulation.”

    Wenn ich mich Recht erinnere wurde bei uns gelehrt, dass die Ergebnisse des Experiments nicht reproduzierbar waren und der Urheber selber Manipulationen zugegeben haben soll.

    “Und es stellt sich schon die Frage, ob regelmäßiges Shoppen gehen, das ja keinem direkt objektiv feststellbaren Grundbedürfnis folgt, nicht ein durch andauernde Werberundumberieselung erzeugtes kollektives Zwangsverhalten darstellt”

    Durchaus interessante Frage. Shoppen kann aus meiner Sicht durchaus Grundbedürfnisse befriedigen: bei einigen Leuten wirds z.B. in Gruppen betrieben wo der soziale Kontakt als wichtiger als das “sinnlose” Kaufen bewertet wird. Aber auch ohne das könnte man da Faktoren wie Sozialprestige, die für manche sehr wichtig sind, eine Rolle spielen. Es gibt aber auch sehr viele Leute die shoppen hassen (ich zähle mich dazu) und das trotz dauernder Berieselung.

    “dass einerseits den Wirtschaftskreislauf in Gang hält, andererseits Menschen davon abhält, sich existenziell mit ihrer Situation und Alternativen zum Bestehenden zu beschäftigen.”

    Ist das in dieser Interpretation ein spontanes Auftreten das sich eben so eingependelt hat oder gibt es Individuuen die dieses Ziel aktiv verfolgen? Oder beides?

  11. 26.11.2009 | 15:55

    Mir scheint (nebenbei gesagt) das Experiment auch völlig sinnlos. Schleichwerbung geht anders: eine Flasche Coke in der Hand einer schönen Schauspielerin sollte doch eine viel bessere Wirkung erzielen;-)

  12. 26.11.2009 | 16:04

    Ich glaube, da stellt sich die Grundsatzfrage ob der Mensch ein Wesen mit einem freien Willen ist oder nicht.

    In letzterem Fall: Ist der Mensch ein Wesen, dass quasi durch den richtigen Knopfdruck in eine bestimmte Richtung gelenkt werden kann, a la pawlowsche Hunde?

    Hätte der Mensch keinen freien Willen, dann ist die Antwort auf die Frage der Beeinflussung einfach: Ja, das klappt. Aber – um es zu überspitzen – dann müsste es immer und bei jedem klappen: Das tut es aber wohl nicht (es gibt immer noch Leute, die nicht gerne Coca Cola trinken ;) ). Also scheint es wohl doch einen freien Willen und damit die Möglichkeit zu geben, NICHT beeinflusst zu werden.

  13. 26.11.2009 | 16:07

    Auf die Richtigkeit oder Falschheit des Beispiels dieser Werbeexperimente mag ich mich gar nicht festlegen, es gibt genug andere evidente Beispiele: Die mit medial vermittelten Schönheitsidealen verbreitete massenhafte Magersucht junger Frauen, die Schulhofkleinkriege bis zu Nötigung, Diebstahl, schwerem Raub und Erpressung, bei denen es um den Besitz angesagter Klamotten und Marken-Gadgets geht, die automobile Hochrüstung in Zeiten hoher Spritpreise. Alles Dinge, die jeder Vernunft diametral widersprechen und die ohne massenmediale Vermittlung nicht denkbar werden. Und während zum Beispiel in Ländern wie Indien oder Japan Menschen, die das Ganze aus einem Motiv der Wahrheitssuche heraus bewusst nicht mitmachen und als meditierende Asketen durch die Gegend ziehen äußerster Respekt entgegengebracht wird, wird man hier schon als arger Sonderling angesehen und nicht für voll genommen, wenn man seine Klamotten nach Gewicht in der Altkleidersammlung kauft und sich aus ökologischen Überlegungen ausschließlich per Muskelkraft fortbewegt, auch wenn man sich dabei um Stunden verspätet.

  14. 26.11.2009 | 16:27

    Alles Dinge, die jeder Vernunft diametral widersprechen

    Das ist ja nun erst einmal nur eine Behauptung. Manche der Dinge mögen unverständlich oder abstoßend sein (wenn sie kriminell sind, ist das eh ein anderes Thema), aber auch hier sollte man doch bittesehr nicht seine Vernunft (oder was man dafür hält) zum Maßstab erklären, der auch für andere gelten muss.

    Solange das “unvernünftige” Handeln der Anderen höchstens ihnen selbst schadet (und so lange wir hier von Erwachsenen sprechen), würde ich doch um etwas mehr Toleranz bitten. Wenn sich junge Frauen mager hungern, kann man im Extremfall sicher psychologische Angebote unterbreiten müssen.
    Aber letztlich sollte man doch den Willen der Anderen akzeptieren und respektieren. Und zum Respekt gehört, dass man den Anderen als zu eigenständigen Entscheidungen befähigt ansieht und ihm diese Fähigkeit nicht leichthin abspricht.

  15. 26.11.2009 | 16:41

    “Ich glaube, da stellt sich die Grundsatzfrage ob der Mensch ein Wesen mit einem freien Willen ist oder nicht.”

    Wenn man das als Grundsatzfrage stellt, wird man bzgl. der Medienwirkung wenig sinnvolle Antworten erhalten. Sind halt die einfachsten Antworten: Grundsätze reproduzieren. Das könnte Ulbricht auch super.

    Das ist ja das anstrengende an Diskussionen mit Liberalen: Sie zielen vor lauter Grundsatzfragen permanent an der Empirie komplett vorbei. Und die Gegenseite macht’s nicht besser: Magersucht und Bulemie können auch als Reaktion auf sexuellen Missbrauch entstehen, und da kann ja Sufragium mal äußern, wie es sich in solchen Fällen mit der Willensfreiheit verhält.

    Dieser kluturkritische Feuilletonismus in tief konservativer Empörung erhellt wenig – als würden die Leute den ganzen Tag fern gucken, während sie Leute in Second-Hand-Klamotten dissen. Da brauchst Du gar keine Medien, um diese dem Kapitalismus immanenten, spezifischen Formen, Status zu gewinnen, zu beschreiben.

    Und auf die Frage, wer selektiert, welche Informationen wirklich Leuten zugänglich gemacht werden, also nicht nur irgendwelchen Internetnerds, die auch noch beruflich damit zu tun haben, die interessiert mal wieder kein Schwein, weil es ja wichtiger ist, Che Überheblichkeit zu diagnostizieren.

    Also, wenn das das emanzipatorische Potenzial neuer Distributionsweisen von Information ist, dann wird das ja noch lustig werden.

  16. 26.11.2009 | 17:04

    Keine Sorge, MR, wenn du sie mal genauer ausführst, kriegst du vielleicht auch ein Feedback auf deine These (oder meinetwegen auch “empirisch belegte Tatsache”). Aber der Anlass zu diesem Fred hier war ja wohl eher Ches weitreichendere Behauptung.

  17. 26.11.2009 | 17:30

    ein durch andauernde Werberundumberieselung erzeugtes kollektives Zwangsverhalten darstellt, dass einerseits den Wirtschaftskreislauf in Gang hält, andererseits Menschen davon abhält, sich existenziell mit ihrer Situation und Alternativen zum Bestehenden zu beschäftigen

    Mich stört an solchen Aussagen, dass sie praktisch unterstellen, es gebe da im Hintergrund jemanden oder etwas, der das entsprechend lenkt. Vielleicht “das Kapital”, dieser Unhold, den Boche schon im anderen Fred erschießen wollte, um seinen üblen Machenschaften ein Ende zu bereiten?

    Da kann ich aus der Perspektive von jemandem, der selbst Werbekampagnen begleitet und verfolgt hat, nur sagen: Schön wär’s. Ob Werbung tatsächlich Erfolg hat, ist eine sehr fragile Angelegenheit. Es geht dort auch nicht um Bedürfniserzeugung (in Ländern ohne jede Tabakwerbung wie z.B. Frankreich wird auch nicht weniger gequalmt), sondern um Marktanteile und Regalplätze im Handel. Ich habe in meiner Zeit bei einem Markenartikler zwei Werbekampagnen gesehen, die einigermaßen funktioniert haben. Und eine, die richtig eingeschlagen hat. Bei den zwei einigermaßen funktionierenden handelte es sich um alte Hüte, die in abgewandelter Form jahrelang liefen und offensichtlich genau die Produktpositionierung trafen. Der Knaller war ein absoluter Zufallstreffer, bei dem vor allem etwas wirkte, was in letzter Minute hineingeschludert wurde. Und er lief in einem noch nicht gänzlich von Werbung übersättigten Land.

    Das ist übrigens ein weiterer Aspekt: Je intensiver die Werbeberieselung, um so wirkungsloser ist sie.

    Bei der Frage, ob Massenmedien Trends selbst setzen oder ihnen, sie gerade mal eine Zeit lang verstärkend, dann langsam, aber sicher zu Tode hetzend, hinterherhecheln, würde ich eher für letzteres votieren. Viele Shows und Produktionen werden zum Flop, was natürlich nicht der Fall sein dürfte, wenn die Damen und Herren “Programmmacher” ihr Quoten-Schicksal selbst in der Hand hätten.

    MRs “kulturkritischer Feuilletonismus in tief konservativer Empörung” trifft den Zungenschlag der Debatte schon recht gut. Man steht halt über dem Pöbel, ist zwar voll guten Willens, ihm den Weg zur Erkenntnis zu weisen, behält sich aber die Erfolgskontrolle vor.

  18. 26.11.2009 | 17:33

    Nur mal ein kurzer Zwischenruf an MR: Es gibt nicht nur neue Distributionsformen der Information. Es gibt seit der Zeit von Adorno und Horkheimer auch völlig neue Produktionsformen der Information.

    Und ein Zwischenruf an Che: Es widerspricht meiner Auffassung von Vernunft, wenn in Kreuzberg Autos abgebrannt werden oder wenn Geschäfte »entglast« und geplündert werden. Du hast andere Dinge genannt, die Deiner Auffassung von Vernunft widersprechen. Wäre es möglich, dass es so etwas wie eine universale Vernunft überhaupt nicht gibt?

  19. 26.11.2009 | 17:37

    Du wirst lachen, Rayson, Werbekampagnen betreibe und begleite ich auch, ist ein Teil meines Jobs. Aber es geht doch nicht um den Erfolg einzelner Werbemaßnahmen, es geht um das Zustandekommen eines gesellschaftlichen Klimas, wobei Werbung nur eine von vielen Komponenten ist. Die Vorstellung der allmächtigen Strippenzieher, die Du her bemühst ist ziemlich billig: Nirgend habe ich so etwas behauptet, stehe aber prompt unter Rechtfertigungsdruck, es nicht getan zu haben, und der Antisemitismus lauert dann ein paar Ecken weiter. Von Faktoren der Meinungsbeeinflussung und – Mache war die Rede und wie so etwas psychologisch verarbeitet wird, von Agendasetting und Medienwirkungen, aber nicht davon, dass eine bestimmte Gruppe etwas zu einem bestimmten Zweck mit einem bestimmten Ergebnis betreiben würde. Eher so: Wie kommt die Welt in den Kopf, welches Bild entsteht dabei von ihr, welches Verhalten resultiert daraus, und wie korrespondiert das mit gesellschaftlichem Verhalten, und wem nützt und wem schadet das auf welche Weise, und was wäre, wenn es anders wäre?

  20. 26.11.2009 | 17:45

    Jetzt noch zu den Informationen, die nur Internet-Nerds zu Gesicht bekommen. Die Wikipedia ist nun wahrlich bekannt genug und (bei aller Kritik in Teilaspekten) auf sehr vielen Gebieten ein guter Einstieg. Auf einen Link in der Wikipedia kann auch jeder klicken. Wer dabei Hilfe braucht, kann in jeder Großstadt in eine Bibliothek gehen und sich das zeigen lassen.

    Magersucht und Bulimie sind so tiefgehende und komplexe Probleme, dass mir die Erklärung »Beeinflussung durch Werbung« einfach zu simpel ist. Schon im alten Rom und im alten Griechenland gab es Schönheitsideale und schon damals haben sich Menschen unter Druck gesetzt, um diesen Idealbildern zu genügen — oder glaubt jemand, dass der berühmte Diskuswerfer seinen Körper ganz ohne Training geformt hat? Lest mal »Die Geschichte der Schönheit« von Umberto Eco …

  21. 26.11.2009 | 17:50

    @Che: Du stehst hier unter gar keinem Rechtfertigungsdruck, wenn Du Dir nicht selbst welchen erzeugst;-)

    Aber ich muss trotzdem die Frage stellen: ist »totalitär« ohne eine zielsetzende, planende, ausführende und kontrollierende Kraft überhaupt denkbar?

  22. 26.11.2009 | 18:05

    @”Magersucht und Bulimie sind so tiefgehende und komplexe Probleme, dass mir die Erklärung »Beeinflussung durch Werbung« einfach zu simpel ist.” —- Das hat hier auch niemand BEHAUPTET. Ich habe eine bestimmte Art von medial transportiertem Schlankheitswahn lediglich als ein Beispiel beschrieben, wie sich selbstschädigendes oder nichtglücklichmachendes Verhalten im Rahmen einer Propagierung bestimmter Normen auswirken kann. Dass sexualisierte Gewalt oder andere Traumatisierungserfahrungen eine Ursache solchen Verhaltens sein können weiß ich auch und kenne ich aus meiner eigenen Verwandtschaft bzw. Freundeskreis nur zu genau. Das wäre aber ein völlig anderes Thema. Ich behaupte doch keine Monokausalität bei gesellschaftlichen Phänomen, sondern beschreibe Komponenten, die das individuelle Bewusstsein auf einer überindividuellen Ebene prägen, ohne Ausschließlichkeitsanspruch, aber mit z.T. fataler Wirkungsweise. Und nochmals: Ich habe bereits geschrieben, dass ich selber Teil des Verblendungszusammenhangs bin, ich habe nirgendwo behauptet, ich würde über den Dingen stehen, ich bin mittendrin. Und dass es in früheren Gesellschaften nicht besser war ist der älteste denkbare Hut oder Lorbeerkranz. Der Anspruch der Aufklärung ist aber der des Austritts des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit, und davon sind wir mehr als 200 Jahre seit Kant diesen formulierte sicher nicht weniger weit entfernt als zu seiner Zeit, wenn ich die populären Debatten der damaligen Philosophen mit den heutigen vergleiche eher weiter entfernt. Die Griechen und Römer hatten eine Sklavenhaltergesellschaft, die muss mit völlig anderen Maßstäben gemessen werden.

  23. 26.11.2009 | 18:11

    @”ist »totalitär« ohne eine zielsetzende, planende, ausführende und kontrollierende Kraft überhaupt denkbar?” — Nicht totalitär im Seine eines totalitären Regimes (dann wäre es so), sondern in dem Sinne, dass das Denken, Fühlen, Handeln, sich Eingliedern der Menschen in die Gesellschaft (durchaus multipolar und ohne Plan oder konkretes Ziel, aber durchaus nicht ohne gesellschaftliche Funktion) durch Faktoren beeinflusst werden, die zumindest teilweise außerhalb des Zugriffs der dadurch Beeinflussten liegen.

  24. 26.11.2009 | 18:16

    in dem Sinne, dass das Denken, Fühlen, Handeln, sich Eingliedern der Menschen in die Gesellschaft [...] durch Faktoren beeinflusst werden, die zumindest teilweise außerhalb des Zugriffs der dadurch Beeinflussten liegen.

    Ist das nicht eine Plattitüde? Bestreitet irgendwer, dass Denken und Handeln des Einzelnen durch externe Faktoren, auch unterbewusst, beeinflusst werden?

    Die Frage ist doch: Negiert das die Verpflichtung, eines Jeden Willen trotzdem als selbstverantwortet zu akzeptieren?

  25. Klaus
    26.11.2009 | 18:19

    Ist mir alles zu theoretisch hier. Ich kann mir unter Konditionierung des Bewusstseins nichts rechtes vorstellen (oder gar unter Telefavelas). Als naiver Mensch glaube ich, dass zu einem totalitären Regime mehr gehört als die totale Kontrolle der Medien, irgendwie waren Geheimpolizei, Gulags, KZs, Folter und Mord dann doch notwendig um als totalitär durchzugehen. Zudem ist das Medienoligopol einfach nur am Geldverdienen interessiert, was sie irgendwie wieder berechenbar macht.

    Aber ich kann die negativen externen Effekte unserer Medienlandschaft nicht ignorieren (wie z.B. christianhannover), hier wären auch Liberale in der Pflicht (böses Wort) anstatt nur zu ignorieren, kleinzureden, oder sich mit Verweis auf vermeintliche Grundsätze aus der Verantwortung zu stehlen.

  26. 26.11.2009 | 18:36

    @che

    Du bist der Erste, der mir antideutsche Reflexe unterstellt ;-)

  27. 26.11.2009 | 19:33

    Klaus, ich denke mir an der Stelle der »Telenovela« einfach eine Seifenoper und eine »Telefavela« ist eine Seifenoper in einem Vorort von Rio de Janeiro — dann passt das schon;-)

    Was wäre denn meine Pflicht als kleiner Autor eines Liberalen Blogs? Ich sehe das aufgeworfene Problem etwas anders als Che. Ich stehle mich aber nicht aus der Verantwortung (sonst hätte ich diese Diskussion nicht begonnen).

  28. Gandsy
    26.11.2009 | 19:39

    Ich denke, es ist, wie immer, etwas von Beidem. Trends, Narratives, Werte können durch externe Faktoren entstehen. Sie können aber auch als Ergebnis von Interaktion zwischen Menschen entstehen. Es gibt doch genügend Beispiele für Trends die plötzlich aufgekommen sind, ohne ein steuernde Kraft. Man könnte jetzt soziale Systema von Luhmann anführen und von emergentem Verhalten sprechen, das wäre aber arg theoretisch.
    Am Ende aber ist es ein sich selbst verstärkender Effekt: Es enteht irgendein Verhalten, Medien greifen es auf, es gib einen Rückkopplungseffekt und so weiter und so weiter. Vorhersagber ist das ganze genauso wenig wie das Wetter. Ob das schlecht ist? Ich glaube wirklich nicht, dass es uns zusteht das zu beurteilen. Verhindern könnte man es nut, wenn sich jeder in seine private Höhle zurückzieht und es unterlässt mit anderen zu kommunizieren. Zum Glück ist das nicht absehbar…

  29. 26.11.2009 | 19:39

    @Che: Zu Deiner Erklärung, wie Du »totalitär« verstehst, fällt mir jetzt einfach nur eine Entgegnung ein: dann muss man das Phänomen anders bezeichnen. Dann muss man einen neuen Begriff schaffen. Denn was Du beschreibst, hat mit der herkömmlichen Definition des Begriffs »totalitär« eigentlich nicht viel zu tun.

  30. 26.11.2009 | 20:17

    Zur Schönheit und zum Schönheitswahn: Es trifft zu, dass die Gesellschaftsordnung im alten Griechenland und im alten Rom mit anderen Maßstäben gemessen werden muss. Überliefert sind Kunst und Philosophie, überliefert ist das Leben der Freien und kaum das Leben der Sklaven.

    Aber überliefert ist eben in der Tat aus jeder geschichtlichen Epoche ein Schönheitsideal. Überliefert ist auch, dass sich Frauen und Männer diesem Ideal annähern wollten. Da sich Anatomie und Physiologie des Menschen seitdem kaum wesentlich geändert haben, liegt nahe: die haben sich dafür auch beherrschen müssen.

    So wie Du Dich heute selbst beherrschst, um Alpinistik zu betreiben oder wie ich mich selbst überwinde, um einen 24-Stunden-Treppenlauf zu überstehen. Nun gab es aber zu allen Zeiten auch Menschen, die es mit der Schönheit oder mit der Alpinistik oder mit dem Marathon übertrieben haben — das ging zu allen Zeiten schon bis ins Extrem. Aber das gab es auch ganz ohne das Zutun der kapitalistische Kulturindustrie ;-)

  31. 26.11.2009 | 20:18

    Interessante Debatte. Dass über die Medien bestimmte Denkweisen gepusht werden sehe ich z.T. auch so. Bestes Beispiel ist das sexistische Frauenbild in der Werbung (Bitte dem Link folgen sonst fehlt die Pointe). Der Punkt ist jedoch, dass diese Momente kaum einen Einfluss darauf haben, wie die Menschen ihr Leben führen. Die greifen für solche Entscheidungen lieber auf ihre eigenen Erfahrungen zurück, die deutlich zuverlässiger sind. Gesellschaftliche Phänomene können nicht monokausal erklärt werden, wie che ganz richtig angemerkt hat. Die Frage ist ob die positiven Faktoren überwiegen. Der bedeutendste positive Faktor ist die Fähigkeit des Menschen seine Erfahrungen zu reflektieren und man muss m.E. das Vertrauen haben, dass andere sich in ihren Entscheidungen durch diese Fähigkeit leiten lassen. Von außen lässt sich das nämlich nicht beurteilen.

  32. Klaus
    26.11.2009 | 20:33

    @ stefanolix
    Das Problem ist dieser wahnsinnig große Ozean zwischen deiner und Ches Position. Hat zwar den Vorteil, dass jeder vor sich hin diskutieren kann, aber hilfreich ist es nicht. Che ist hier der nützliche Idiot, der Dank einer maßlos übertriebenen Beschreibung vom eigentlichen Kern ablenkt, nämlich den negativen externen Effekten des Medienkonsums bzw. dieser Medienlandschaft und ob nicht auch für liberale Geister hier Anhandlungsbedarf besteht.

    Um es konkreter zu machen, ich bin hier zugegebenermaßen von Manfred Spitzer bewusstseinsmäßig konditioniert :)
    Es ist nachgewiesen, dass Fernsehen Übergewicht, Rauchen und Gewalttätigkeit befördert, und dies erfordert eine Antwort (konkrete Maßnahmen, Eingriffe des Staates, …) gerade auch von Liberalen (und eben nicht von Leuten wie Che für die das Thema nur ein Vehikel ist).

  33. Klaus
    26.11.2009 | 20:48

    s/Anhandlungsbedarf/Handlungsbedarf/
    o.k. auch kein tolles Wort :-)

    Zum Thema Frauenbild: Ein Augenöffner war hier wieder das Fernsehen. Als ich noch einen Fernseher besaß, lief eine TV-Serie an – C.S.I. (Las Vegas) – die ich mochte. Insbesondere die Figur Gil Grissom fand ich interessant: nachdenklich, offensichtlich gebildet. Dann hatte ich die Möglichkeit einige Folgen von C.S.I. Miami anzuschauen. Au Backe, was für problematische Messages hier übermittelt werden, mal abgesehen davon das die super attraktiven “Ermittlerinnen” alle mit 10cm Absätzen durch den Tatort staksten, grotesk. Ähnlich auch in der Serie “Dr. House” wo die Ärztin (zu jung um eine echte Ärztin zu sein) des Teams mit High-Heels durch die Klinik läuft ebenso wie die Leiterin der Klinik. Die armen Frauen in der realen Welt die da nicht mithalten können …

  34. 26.11.2009 | 20:58

    Klaus: warum sollte ich Deinem »Nachweis« ohne Quellenangabe glauben? Falls es zuträfe: welche Maßnahmen schlägst Du vor?

    @Klaus: nur über Dr. House kann ich wieder mitreden, davon habe ich drei Serien auf DVD. Die Leiterin der Klinik trägt IMHO angemessene Kleidung, weil sie ja als Managerin und nicht als Ärztin arbeitet. Dr. Allison Cameron ist keineswegs zu jung und kaum jemals falsch gekleidet;-)

  35. Klaus
    26.11.2009 | 21:33

    @ stefanolix
    Der »Nachweis« ist das Buch von Manfred Spitzer, “Vorsicht Bildschirm”, in dem er auf umfangreiche Studien zum Thema hinweist. Bevor man Maßnahmen vorschlagen kann, muss man erst mal diskutieren und die Fakten anerkennen (wie die von Spitzer vorgebrachten Studien, die bisher nie ernsthaft in Zweifel gezogen wurden). man sollte nicht die Fakten und Indizien ignorieren sondern den Lunatic Fringe eines Ches.

    Jennifer Morrison war knapp 25 Jahre alt als sie mit Dreh zu “House” begann. Ich kenne die Verhältnisse in den USA nicht, es erscheint mir nur reichlich jung um auf Patienten losgelassen zu werden: wir scheinen nicht die gleichen Folgen gesehen zu haben, aber irgendwie bezweifele ich, dass Leiterinnen von Kliniken in den USA mit super kurzen Röcken und Fuck me Pumps herumlaufen.

  36. 26.11.2009 | 21:58

    Klaus: Das ist jetzt aber Deine spezielle Interpretation dieser Schuhe;-)

    Nun wieder zum Ernst der Sache: Es ist sicher ein wahrer Kern enthalten. Aber Prof. Spitzer ist auch ein begnadeter Selbstdarsteller (wenn man ihn live erlebt). Sagen wir so: er hat auf Zusammenhänge zwischen Fernsehen auf der einen und z.B. Übergewicht auf der anderen Seite hingewiesen. Ob nun Korrelation oder Kausalität (oder beides) vorliegt, da besteht noch viel Interpretationsspielraum.

  37. Klaus
    26.11.2009 | 22:03

    Ob nun Korrelation oder Kausalität (oder beides) vorliegt, da besteht noch viel Interpretationsspielraum.

    Nein, das ist eben nicht der Fall, auch dies wurde mit diesen Studien geklärt.

  38. Klaus
    26.11.2009 | 22:16

    Und was die Schuhe betrifft empfehle ich etwas ganz simples: kauf dir *) ein Paar Pumps mit min. 8cm Absatz und laufe damit einen 10h-Tag herum und mindestens eine Arbeitswoche. Dann sprechen wir noch mal über dieses Thema :-)

    *) Wie meine Cousine berichtet, die Damenschuhe verkauft, werden Männer genauso höflich bedient wie Frauen.

  39. 26.11.2009 | 22:47

    Wieso ist das Thema für mich nur ein Vehikel (zu was?)und wieso sollte ich verrückt sein? Merkwürdiger Diskussionsverlauf – oder Diskussionsvermeidung, da es ja für Klaus schon nicht mehr um die Frage einer manipulativen Kulturindustrie/interessengesteuerten Massengesellschaft/gesellschaftlichen Verblendung geht 8bzw. die zwischen Stefanolix und mir offene Frage, ob dies so ist oder nicht), sondern wohl eher darum, dass ich böse sei.

  40. 26.11.2009 | 23:13

    @che: Ich denke eher Klaus geht es darum, dass du dich vom Denken des Durchschnittsbürgers so weit entfernt hast, dass du zu einer relevanten Gesellschaftlichen Debatte nichts mehr beitragen kannst.

  41. 26.11.2009 | 23:22

    Ja, das gilt dann für die relevanten Debatten der Philosophie und Geschichtstheorie auch. Stammtisch rules. Heil Vorurteil!

  42. Klaus
    26.11.2009 | 23:25

    Lieber Che, nicht persönlich nehmen, aber für mich sind die Extrempositionen von stefanolix/boche/rayson auf der einen und dir auf der anderen Seite geeignet um (echte) Diskussionen zu vermeiden (was für beide Seiten allzu bequem ist). Es besteht für mich keinen Zweifel mehr, dass die Medien (TV, Internet, Ballerspiele) negative Effekte vor allem für Kinder und Jugendliche bedeutet, aber einen einsamen Rufer als begnadeten Selbstdarsteller zu titulieren halte ich nicht für diskussionsfördernd.

  43. 26.11.2009 | 23:32

    Das ist doch eigentlich ein Thema, das man mal sachlich behandeln kann. Da ist man mal anderthalb Stunden im Privatleben …

    Klaus hat ein Buch zitiert, in dem offensichtlich plakativ behauptet wird, dass das Fernsehen dick, nikotinsüchtig und gewalttätig macht. Aber das Fernsehen besteht bei uns ja bekanntlich nicht nur aus Privatsendern. Hat der Autor auch untersucht, welche Sender geschaut wurden?

    Könnte es eventuell möglich sein, dass
    - die Bewegungsarmut im Fernsehsessel dick macht,
    - die Passivität den Griff zur Zigarette fördert,
    - manche gar Dicksein mit Zigaretten bekämpfen wollen,
    - die Gewalttätigkeit auch ganz anders entsteht?

  44. 26.11.2009 | 23:37

    Klaus, er ist gleichzeitig ein anerkannter Forscher, der viel über die Vorgänge im Gehirn beim Lernen herausgefunden hat. Er hat auch hier in Dresden Vorträge gehalten. Entscheidende Grundlagen für neue Ansätze in der frühkindlichen Erziehung stammen von Professor Spitzer. Aber seine Ausführungen über das Thema Fernsehen sind ganz offensichtlich plakativ und zu stark vereinfachend.

  45. Klaus
    27.11.2009 | 0:03

    @ stefanolix
    In dem Buch wird nichts “plakativ behauptet”, sondern aus seriösen Studien zitiert. Und es ist nicht nur ein Problem der Privatsender, es ist egal bei welchem Sender Sonny Crocket cool am Ferrari gelehnt eine Zigarette raucht oder Michelle Hunziker bei “Wetten dass” durch die Gegend stöckelt oder bei SAT1. Auch gut gemeintes TV ist für die ganz kleinen Kinder *immer* schlecht, da gibt es nicht wirklich Zweifel unter den Wissenschaftlern. Noch einmal: bei Übergewicht und Rauchen gibt es tatsächlich Kausalität und nicht nur Korrelation. Dazu kommt noch, dass sich die negativen Effekte auf weniger Intelligente stärkere Wirkung hat als auf Hochintelligente (bei gleichem Fernsehkonsum, unabhängig von der Schichtzugehörigkeit), was die Ungleichheit in der Gesellschaft noch einmal drastisch verschärft.

  46. Klaus
    27.11.2009 | 0:17

    @ stefanolix
    Im Übrigen gibt es noch den glasklaren Zusammenhang zwischen hohem Fernsehkonsum und ob ein Universitätsabschluss erreicht wird (unabhängig von der Intelligenz).
    Aber natürlich bleibt es dir unbenommen dafür zu sorgen, dass deine Kids mangels TV-Konsums bessere Startchancen haben als gleich intelligente Kids aus der Unterschicht mit hohem TV-Konsum.

  47. 27.11.2009 | 0:32

    Soweit ich weiß, ist bisher niemand dazu gezwungen, sich einen Fernseher anzuschaffen und zu nutzen. Wir sind ja nicht im Buch »1984«.

    Besteht nicht für alle Menschen die gleiche Entscheidungsfreiheit: kein Fernsehen, seltenes Fernsehen, häufiges Fernsehen oder exzessives Fernsehen?

    Ironische Frage: Soll ich jetzt in jedes Zimmer eine Glotze stellen und gleich noch alle Bücher in die Blaue Tonne werfen, weil andere Leute das vielleicht so machen? Oder gestehst Du mir meine freie Entscheidung zu?

  48. 27.11.2009 | 1:15

    Allgemein: Müssen die Kriterien die von Interpretationen solcher Studien für diffus gut/schlecht erklärt werden abolut allgemeingültig sein? Muss man einen Universitätsabschluss haben um glücklich zu sein?

    @Klaus
    Ich kenne Spitzers Bücher nicht und hatte ihn auch nie als Lehrinhalt aber ich möchte dem Eindruck eines “science is settled” was Medienwirkung angeht widersprechen – zumindest unsere Lehrstühle haben bei mir nicht einen solchen Eindruck hinterlasen. In den mir vorliegenden Lehrbüchern findet sich auch nichts dahingehendes.

    “Im Übrigen gibt es noch den glasklaren Zusammenhang zwischen hohem Fernsehkonsum und ob ein Universitätsabschluss erreicht wird (unabhängig von der Intelligenz).”

    Den hätte ich mal gerne belegt mit sauberer Trennung von Korrelation und Kausalität.

    “sondern aus seriösen Studien zitiert.”

    Wurden denn auch Studien zitiert, die nicht zum gleichen Ergebnis kamen?

    @stefanolix:
    “Soweit ich weiß, ist bisher niemand dazu gezwungen, sich einen Fernseher anzuschaffen und zu nutzen”

    Natürlich nicht. Gleichzeitig steht selbst unter der Annahme, dass alle von Spitzer postulierten Ergebnisse 100% wahr sind, das Ergebnis der “übermäßigen” Medienexposition überhaupt nicht fest. Wieviele Kinder gibt es die “übermäßig” exponiert wurden und trotzdem “durchschnittlich” oder “leistungsfähiger” als andere Kinder sind?

  49. 27.11.2009 | 2:14

    ich meinte nicht che – seine theorie ist nun wirklich nichts exklusives, sie begegnet mir täglich und meine diagnose bleibt die gleiche. unabhängig von dem, der sie gerade für sich entdeckt hat.

  50. 27.11.2009 | 7:19

    Noch eine Anmerkung zum Übergewicht: Wenn ein Mensch vier Stunden am Tag im Sessel sitzt, passiv in ein Aquarium schaut und insgesamt mehr Energie aufnimmt, als er verbraucht — dann wird er höchstwahrscheinlich auch dick.

    Soll man jetzt das Aquarium dafür verantwortlich machen? Oder die Zoohandlung? Oder die Natur? Oder sollte man nicht doch bei der Eigenverantwortung des Menschen ansetzen?

    Es wird manchmal so getan, als seien Medien eine Plage, die irgendwie über die Menschheit gekommen ist, als wären Verblendung und Konditionierung unausweichlich …

  51. 27.11.2009 | 9:02

    Noch eine Anmerkung zu den Studien über Medienkonsum. Man kann an den Studien um das Medikament »Regividerm« und an ihrer Verwertung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gut erkennen, dass man heute jede veröffentlichte Studie kritisch hinterfragen sollte.

    Klaus hat aus dem Buch einen »glasklaren Zusammenhang« abgeleitet:

    Im Übrigen gibt es noch den glasklaren Zusammenhang zwischen hohem Fernsehkonsum und ob ein Universitätsabschluss erreicht wird (unabhängig von der Intelligenz).
    Aber natürlich bleibt es dir unbenommen dafür zu sorgen, dass deine Kids mangels TV-Konsums bessere Startchancen haben als gleich intelligente Kids aus der Unterschicht mit hohem TV-Konsum.

    Wer einen Uni-Abschluss erreicht, hat in den 15 Jahren vor dem Abschluss wenig Zeit zum Fernsehen. Der muss ein gutes Abitur schaffen und dann hart studieren. Wann soll so ein Mensch noch fernsehen? Und zweitens: ein Uni-Abschluss ist nicht unabhängig von der Intelligenz;-)

  52. SubcommandanteMarkus
    27.11.2009 | 23:14

    Ich weiß nicht ob es hier schon jemand erwähnt hat aber Noam Chomsky hat die subtilen und weniger subtilen Mechanismen der Meinungsmache in demokratischen System in einigen seiner Bücher und Vorträgen genau,frei von Verschwörungstheorien, beschrieben.

  53. 28.11.2009 | 4:22

    Die Frage ist ob diese Beschreibung korrekt ist.

  54. ab0032
    29.11.2009 | 19:06

    > schreibt in den Kommentaren, wo Ihr Verblendung oder Konditionierung in der Gesellschaft seht …
    Also es gibt einige die unter Hitler aufgewachsen sind und Autobahnen und anderes auch nach 45 noch toll fanden, viele Bürger der ehemaligen DDR finden immer noch, dass Sozialismus eine tolle Sache ist, die Journalisten der öffentlich/rechtlichen sind, laut wissenschaftlichen Erhebungen mehrheitlich links oder grün, und dass merkt man auch, die Lehrer in den Schulen übrigens auch, und bei einer Einschulung habe ich erlebt, wie die Gewerkschaften den 6-Jährigen Brotboxen in die Hand gedrückt haben, und der SPD-Direktor den lokalen SPD Abgeordneten hat sprechen lassen…
    Ehrlich gesagt ist es mir egal ob die Leute nun beeinflusst werden Cola oder Pepsi zu trinken, aber diese linke Verdummung geht mir doch sehr gegen den Strich.

Bad Behavior has blocked 1036 access attempts in the last 7 days.