22. November 2009
Über politischen Stil
Wie heute bekannt wurde, entschied sich die Basis in Baden-Württemberg für Nils Schmid als neuen Landeschef. Schmid promovierte am Lehrstuhl von Ferdinand Kirchhof, dem nicht nur bluts-, sondern auch geistesverwandten Bruder des Steuerrechtlers Paul Kirchhof, der den Halbteilungsgrundsatz erfand und die Flat Tax einführen will.
Vielleicht geht es anderen auch so: Bei solchen Sätzen habe ich Déjà Vus, die vom Lesen manchen linken Bloggers herrühren. Da nach der “Small-World-Hypothese” jeder jeden über sechs Ecken kennt und diese Zahl wahrscheinlich noch eher abnehmen wird, wenn man nur eine begrenzte Region betrachtet und auch noch auf ähnliche Interessen oder Berufe einschränkt, können über gewagte Ketten die dollsten Verbindungen “entlarvt” werden.
Die beiden Sätze oben, mit denen der neue SPD-Landesvorsitzende von Baden-Württemberg in die passende Ecke gestellt werden soll, verdankt die Welt einem gewissen Peter Mühlbauer, der für “telepolis” schmiertschreibt. Man beachte die Leichtigkeit der Argumentation. Weil Schmid in Tübingen Jura studierte und beim Tübinger Professor Ferdinand Kirchhof promoviert wurde, wird er, weil sein Doktorvater einen bekannten Bruder hat, gleich mal mit dessen politischen Vorstellungen in Verbindung gebracht. Würde man sich an solche lästigen Dinge wie journalistische Standards halten, hätte man sich ja mit den konkreten Positionen Schmids auseinandersetzen müssen. Aber das hätte nicht in den Tenor des Artikels gepasst, wonach die SPD, die ihre Lust an der Umverteilung wieder entdeckt, im Grunde doch nur aus lauter verkappten “Neoliberalen” besteht. Wenn man weit genug links steht, mag man das ja so sehen. Aber wer dazu solch fadenscheinige Verbindungen herstellen muss, hat sich von ernsthafter politischer Auseinandersetzung längst verabschiedet.
OT: Die personellen Veränderungen im Ländle sind übrigens recht interessant. Die Stellung von Mappus als neuem starken Mann der CDU dürfte vor allem bei der FDP für Freude gesorgt haben, denn Schwarz-Grün scheint mit ihm wieder in sehr weite Ferne gerückt, nachdem Oettinger nach der letzten Wahl noch hörbar damit geliebäugelt hatte. Die SPD hat hingegen weder einen starken Mann noch eine starke Frau. Wer im übernächsten Jahr gegen Mappus antreten soll, ist völlig offen. Der neue Vorsitzende will es jedenfalls nicht. Dabei dürften die Chancen in zwei Jahren so schlecht nicht stehen. Wie üblich, wird bis dahin der Mechanismus des Abstrafens der jeweiligen Bundesregierung für ihr Unvermögen, das Paradies auf Erden herzustellen, einsetzen, was Schwarz-Gelb unter Druck und der SPD dank einer hierzulande nicht ernstzunehmenden SEDPDS“Linke” einen Schub verschaffen sollte. Und da die Grünen sich nicht länger an der CDU orientieren können, stünde der Koalitionspartner auch bereit. Ich habe jedenfalls bereits Fluchtwege in die Schweiz ausgekundschaftet…
Wieder On Topic: Ich empfinde es als unwürdig, dass ein Mann wie Lafontaine seine Krankheit öffentlich machen muss, weil politische Journalisten plötzlich ihren Hang zur Yellow Press entdecken und von einer angeblichen Affäre mit einer bekannten, ebenfalls verheirateten Genossin berichten. Man kann (und sollte!) über die politischen Positionen eines Lafontaine nach Herzenslust herziehen. Er wird in der Debatte meinem Eindruck auch des öfteren polemisch und biegt sich die Fakten gerne zurecht. Aber er wird nie persönlich. Den Respekt, mit dem er anderen begegnet, sollte man auch ihm entgegenbringen. Finde ich.
Verfasst von Rayson um 21:36 Uhr in der Kategorie Innenpolitik,Politik (Trackback)
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