Überraschungen

Die Regierungsbildung ist ja schon ein Stück her, und was man als Liberaler von dieser Koalition bisher zu hören bekommt, kann nur diejenigen freuen, die alles noch schlimmer erwartet hätten. Gut, die übelsten Maßnahmen in Sachen “Innerer Sicherheit” sind vom Tisch oder wirkungsvoll suspendiert – das wäre in der GroKo nicht so passiert. Und in der Krankenversicherung endlich mal einen Schritt weg in Richtung NHS zu machen, steht einem liberalen Minister auch gut zu Gesicht. Wenn es nach den Linken geht, ist die geplante Krankenversicherungsreform das beste Einfallstor, um die Regierung entgegen all ihrer sonstigen Beschlüsse endlich der “sozialen Kälte” zeihen zu können, und ich muss sagen: Das ist eine Auseinandersetzung, auf die ich mich wirklich freue, denn gerade hier, bei diesem emotional und moralisch aufgeladenen Thema, lassen sich die Alternativen von Staatswirtschaft und Wettbewerb besonders gut aufzeigen. Aufgrund diverser privater und beruflicher Zufälle kenne ich mich in diesem Beritt auch noch einigermaßen aus und kann es deswegen kaum erwarten, mich ins Schlachtgetümmel zu stürzen.

Aber sonst? Der reichlich armselige Versuch, den neuen Außenminister wegen angeblich unzureichender Englischkenntnisse zu verunglimpfen, dürfte mittlerweile von der Realität überholt worden sein. Dass damals über Genscher mal genau so geschrieben wurde, nur eben von der anderen Seite, entlarvt die Motive dahinter hinreichend. Dafür macht sich Guido jetzt die Union und die mittlerweile als halboffizielles CDU-Organ zu bezeichnende FAZ (zumindest, was den Politikteil betrifft) zu Feinden, weil er gänzlich unpatriotisch nicht einsehen mag, warum in einer Stiftung, die angeblich auch auf die Versöhnung von Polen und Deutschen abzielt, ausgerechnet eine Frau im Rat Platz nehmen soll, die mit ihrem Abstimmungsverhalten die polnischen Grenzen in Frage gestellt hat. Da wird in der Union dann doch einiges von dem sichtbar, was sie für mich unwählbar macht.

A propos CDU-PrawdaFAZ: Auch Brüderle bekommt reichlich eingeschenkt. Klar, mein Favorit war der nie, wie man auch in diesem Blog hier und da lesen kann, aber die Kritik an seiner Person hat einen reichlich konkreten Hintergrund, nämlich seine Weigerung, Opel Bundeshilfen zur Verfügung zu stellen. Das erzürnt die FAZ, die sich insbesondere dem Herrn Koch, aber auch dem Herrn Rüttgers eng verbunden fühlt, und dafür auch noch notfalls den Herrn Beck ins Boot nimmt: Ein Verzicht auf diese Subventionen würde der CDU in NRW wohl erhebliche Wählerstimmen kosten, und das kann nicht im Interesse eines Parteiredakteurs wie Georg Paul Hefty sein. Aus all dem wird vor allem eins klar: CDU-Politik ist und war immer nur, die Sozis fern und alle anderen klein zu halten, damit sich nur so viel ändert, wie zum Machterhalt erforderlich ist. Aber auch nicht weniger. Man kann sagen, dass die CDU die Partei ist, die unser politisches System am besten begriffen hat.

Aber eins ist dann doch bemerkenswert. Eins ist wirklich nicht nur ein Zeichen von Wandel, sondern auch ein Hinweis darauf, wie Wandel funktioniert: Nicht durch Zwang und Quoten, sondern einfach als normale Entwicklung. Machen wir mal einen gedanklichen Zeitsprung in das Jahr 1998, kurz vor der Bundestagswahl. Die Opposition startet mit guten Chancen in den Wahlkampf. Rot-Grün ist machbar. Und Rot-Grün steht wofür? Natürlich für gesellschaftliche Reformen zugunsten von Frauen, Schwulen und Lesben sowie Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund. Wo die Guten zu finden, steht also außer Frage. Auch für die Ostdeutschen gibt es eine selbsternannte Lobby: die PDS. Aber die darf noch nicht mitspielen.

Was kam dann? Der Kanzler war ein Macho, Migranten wurden nur beschworen, Ostdeutsche durften gerade mal Verkehrsminister und Schwule Bürgermeister werden.

Elf Jahre später kommen die Reaktionäre und die mitleidlosen Marktradikalen an die Macht. Was passiert?n Eine ostdeutsche Frau ist Kanzlerin, ein Schwuler Außenminister und ein Migrant Gesundheitsminister. Soweit zum Thema Quote, soweit zum Thema gesellschaftliche Avantgarde.

Die Lektion von der Geschicht: Verpisst euch, ihr Sozialingenieure!

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16 Kommentare zu “Überraschungen”

  1. SubcommandanteMarkus
    22.11.2009 | 2:23

    “lassen sich die Alternativen von Staatswirtschaft und Wettbewerb besonders gut aufzeigen.”

    Das ist vollkommen richtig nur geht das nicht gut für das private System aus, ich wundere mich wirklich wie sich ein “Liberaler” darauf freuen kann.

    “Aufgrund diverser privater und beruflicher Zufälle kenne ich mich in diesem Beritt auch noch einigermaßen aus und kann es deswegen kaum erwarten, mich ins Schlachtgetümmel zu stürzen.”

    Also nach so einer vollmundigen Ankündigung hätte ich mich ja gerne mal an wenigstens einem herausragenden Pro bezüglich PKV System gefreut, vielleicht habe ich ja bisher etwas ganz essentielles zu dem Thema übersehen, leider kam da nix.

    “Die Lektion von der Geschicht: Verpisst euch, ihr Sozialingenieure!”

    Mal abgesehen von dieser sprachlichen Fehlleistung, hast du übersehen das es keine strukturelle Mehrheit für Schwarz-Gelb gibt, selbst wenn all die zur CDU übergelaufenen ex-SPD Wähler wieder CDU wählen würden, würde es reichen wenn nur die wieder SPD Wähler wieder wählen gehen die das vorletzte mal SPD gewählt haben und dieses mal verständlicherweise enttäuscht zuhause geblieben sind.
    Das wissen CDU und FDP auch.
    Die FDP und die Union wissen im übrigen auch besser als du das die Menschen in Deutschland keine Lust auf einen entsolidariserte Gesellschaft haben, deswegen wird es keine marktradikalen Experimente geben die über das Maß hinausgehen das es schon unter Schröder gab , und da hängt die Latte schon ziemlich hoch.

  2. 22.11.2009 | 7:15

    Ich habe sowieso das Empfinden, dass diese Regierung weder die berühmten 100 Tage Schonfrist bekommen hat, noch irgendwo eine seriöse Berichterstattung in den Medien erfolgt – vor allem scheint die FDP vielen Journalisten nicht in den Kram zu passen: Es scheint wohl zu viel Mühe zu machen es zu akzeptieren, dass es mehr als zwei Wege in der Politik gibt.

  3. Boche
    22.11.2009 | 12:46

    Die Angelegenheit Steinbach sehe ich anders: Wer wäre denn richtiger in diesem Zentrum als die politische Vertreterin der einen Aussöhnung Teilgruppe, nämlich der Vertriebenen?
    Das Abstimmungsverhalten allein ist für mich jedenfalls kein ausreichendes Argument zur Verteufelung.

  4. Boche
    22.11.2009 | 12:47

    “Aussöhnung suchenden Teilgruppe” sollte das heißen.

  5. Die Stimme aus dem Off
    22.11.2009 | 14:42

    Bis auf Rösler ist die FDP bislang ein Totalausfall. Guido zeigt einmal mehr, dass FDP-Politiker unter Außenpolitik vor allem als Kunst des Nachgebens verstehen.

    Brüderle? Brüderle… den Namen kenne ich doch irgendwo her…

    Wen habe ich vergessen? Stellt die FDP sonst noch Minister?

  6. 22.11.2009 | 17:34

    Eine ostdeutsche Frau ist Kanzlerin, ein Schwuler Außenminister und ein Migrant Gesundheitsminister. Soweit zum Thema Quote, soweit zum Thema gesellschaftliche Avantgarde.

    Stimmt. Und ohne die rot-grüne Vorarbeit wäre das nicht möglich gewesen.

  7. 22.11.2009 | 19:14

    @Subcommandante

    Wenn du noch nicht mitbekommen hast, dass sich Liberale für mehr Wettbewerb einsetzen, wirst du wohl noch viele Überraschungen erleben. Stell dich als besser schon mal drauf ein. Über das Gesundheitswesen werden wir noch früh genug diskutieren können.

    Wenn die Mehrheit sich dann immer noch für einen deutschen NHS entscheidet, weil der Staat nun einmal das ist, was Bastiat in ihm erkannt hat, dann ist das eben so. Aber Illusionen pflegen schnell zu platzen. Besser ist, ihr sucht euch schon mal die passenden Sündenböcke.

  8. 22.11.2009 | 19:40

    @Boche

    Zwischen der Verweigerung der Mitgliedschaft in einem Gremium und einer Verteufelung sehe ich dann doch schon noch ein paar kleine Unterschiede.

    Steinbach ist aber kein Rabin. Sie streckt die Hand nicht aus, sondern hebt den Zeigefinger. Denn natürlich geht es da nicht um all die hehren Worte von Heimat und Gerechtigkeit, die dann zu fallen pflegen, sondern schlicht um Geld. Immerhin sind die Verwalter der Vertreibung schon so weit, die Knete notfalls auch gerne von der Bundesrepublik in Empfang zu nehmen.

    Wäre ich Pole, mit all dem Wissen darüber, wie Deutsche und Russen in der Vergangenheit mit meinem Land und meinen Landsleuten umgegangen sind. würde ich eine Stiftung, in der Leute sitzen, die die Grenzen meines Landes immer noch in Frage stellen, nicht als auch in meinem Sinn errichtet ansehen können. Ist das Voraussetzung, sollte man die ganze Sache lieber ganz bleiben lassen.

    Wenn sich im Verband der Frau Steinbach keiner findet, der Polens Westgrenze anerkennt, müsste man über ganz andere Dinge reden.

  9. 22.11.2009 | 19:41

    @DSado

    Noch einen Staatssekretär im Ministerrang.

    @Christian

    Träum weiter ;-)

  10. Hias
    22.11.2009 | 22:13

    @Boche

    Die Angelegenheit Steinbach sehe ich anders: Wer wäre denn richtiger in diesem Zentrum als die politische Vertreterin der einen Aussöhnung Teilgruppe, nämlich der Vertriebenen?
    Das Abstimmungsverhalten allein ist für mich jedenfalls kein ausreichendes Argument zur Verteufelung.

    Rayson hat schon einen guten Kommentar dazu geschrieben. Vielleicht sollte man noch festhalten, dass der Bund der Vertriebenen in das Projekt sowieso schon involviert ist (drei Mitglieder im Stiftungsrat!). Da muss man dann nicht auch noch eine Reizfigur einbeziehen, insbesondere bei einem solchen Reizthema, das man alleine den Wissenschaftlern überlassen sollte.

    @Rayson

    Denn natürlich geht es da nicht um all die hehren Worte von Heimat und Gerechtigkeit, die dann zu fallen pflegen, sondern schlicht um Geld. Immerhin sind die Verwalter der Vertreibung schon so weit, die Knete notfalls auch gerne von der Bundesrepublik in Empfang zu nehmen.

    Schon wieder? Wurden die Vertriebenen nicht schon in den 1950er und 1960er Jahren genügend entschädigt?

  11. 23.11.2009 | 10:33

    @Rayson und Hias

    Ich gestehe, dass ich vom Bund der Vertriebenen und Frau Steinbach nicht allzu viel weiß. Mag sein, dass die Dame im Konkreten und der Bund im Allgemeinen keine positive Rolle bei der Vertretung der Opfer von Vertreibung spielen. Mag sein, dass der Bund eine der wenigen Lobbygruppen ist, die für die von ihr Vertretenen auch finanzielle Vorteile erzielen will.

    Ich habe nur auf Basis der Meinung geurteilt, dass im Zuge der Vertreibungen moralisches Unrecht geschehen ist und dass demokratisch organisierte Vertreter der Opfer dieses Unrechts durchaus in das Thema gehören, wenn es darum geht, dieses Unrecht und anderes, sicher auch größeres Unrecht durch Aussöhnung zu heilen.

  12. Hias
    23.11.2009 | 13:34

    Ich habe nur auf Basis der Meinung geurteilt, dass im Zuge der Vertreibungen moralisches Unrecht geschehen ist und dass demokratisch organisierte Vertreter der Opfer dieses Unrechts durchaus in das Thema gehören, wenn es darum geht, dieses Unrecht und anderes, sicher auch größeres Unrecht durch Aussöhnung zu heilen.

    Dem ist natürlich zuzustimmen. Aber wie gesagt, der Bund der Vertriebenen ist in der Stiftung präsent, sogar ausserordentlich gut. Ginge es Frau Steinbach nur um die Stiftung und das Gedenken, so würde sie ihre Kandidatur zurückziehen und der BdV könnte ein anderes Mitglied entsenden. Auch wenn ihr von polnischer Seite viel Unrecht getan wird, sollte man dennoch die Frage stellen, ob es wirklich vernünftig ist, ein so wichtiges Thema wie Aussöhnung und Gedenken vom Schicksal einer Person abhängig zu machen.

  13. 23.11.2009 | 13:36

    Die Stiftung ist ja auch selbst schon ein Kind des Bundes der Vertriebenen.

  14. 23.11.2009 | 14:00

    Man könnte aber auch fragen, was das für eine Basis für Aussöhnung sein soll, wenn eine Seite hier meint, in die personelle Besetzung hineindiktieren zu können und die gewählte Vertreterin des zentralen Interessensverbandes (die doch offenbar solche Dinge getan hat wie der Aufnahme Polens in die EU zuzustimmen und Entschädigungsklagen Vertriebener vor dem EuGH abzulehnen…) hinauszukegeln.

    Wobei das ja offenbar nicht einmal stimmt, da unser Außenminister nach allem, was ich gelesen habe, sogar vorauseilend agiert hat.

  15. 24.11.2009 | 1:54

    @Boche

    die doch offenbar solche Dinge getan hat wie der Aufnahme Polens in die EU zuzustimmen und Entschädigungsklagen Vertriebener vor dem EuGH abzulehnen…

    Na, wie großzügig. Aber wenn man böswillig ist, und das bin ich bei der Dame eigentlich, dann kann man beide Entscheidungen auch mit sehr wenig hehren Motiven erklären: die Mitgliedschaft in der EU für bessere Klagemöglichkeiten (was sie nicht davon abhielt, in einer Protokollerklärung den neuen Mitgliedern Menschenrechtsverletzungen vorzuwerfen, womit natürlich die fehlenden Überweisungen gemeint sind…) und den Widerstand gegen die “Preußische Treuhand” mit dem Monopolanspruch ihres Verbandes.

    Übrigens ist es seltsam, dass man als Mitglied eines Vertriebenenverbandes selbst gar kein Vertriebener zu sein braucht. Herbert Hupka prägte den Begriff des “Bekenntnisschlesiers”, und Erika Steinbach, die als Tochter eines Besatzungsoffiziers in Polen zu Welt kam und mit der Familie im Januar 1945 vor der Roten Armee in den Westen floh, kann auf die Tatsache, dass sie weder ihre Heimat verlor noch überhaupt vertrieben wurde, nur antworten, man müsse “kein Wal sein, um sich für Wale einzusetzen”, was den Umstand geschickt verschweigt, dass die Wale nicht für sich selbst eintreten können, ganz im Gegensatz zu den wirklich Vertriebenen.

    Und da muss man eben etwas genauer hinschauen. Interessant fand ich einen Kommentar beim NPD-Blog (“neuer leser”, der zweite Kommentar, hier Auszüge):

    Man darf aber nicht den Fehler begehen und alle ehemaligen Vertriebenen in die “rechte Ecke” stellen. Das wäre grundfalsch und sehr verletzend. Sehr viele setzen sich aus voller humanistischer Überzeugung und Verantowrtung vor der Geschichte für die deutsch-polnische Versöhnung ein. Leider wird dies in den Medien kaum ernsthaft thematisiert. Einige von ihnen sind im BdV organisiert, die allermeisten haben mit dem BdV allerdings überhaupt nichts zu tun. Schon in den 1960er Jahren waren im BdV gerade mal 1-2% aller Vertriebenen organisiert.

    Wer seine Kinder und Enkelkinder alljährlich in die tradistionellen Trachten der Schlesier, Ostpreußen, Pommeraner und Sudetendeutschen zwengt und seinem “Vertriebenendasein” einen quasireligiösen Anstrich verleiht und sich dementsprechend auch wahrnimmt, ist kaum für eine ehrliche und nachhaltige Versöhnung zu gebrauchen und für rechte Geschichtsrevisionisten ein dankbares Opfer.

  16. 24.11.2009 | 12:04

    @Rayson

    Mitgliedschaft in der EU für bessere Klagemöglichkeiten

    Was ja auch bedeutet, dass es Klagegrund geben könnte.

    Übrigens ist es seltsam, dass man als Mitglied eines Vertriebenenverbandes selbst gar kein Vertriebener zu sein braucht.

    Das Argument finde ich ziemlich schwach. Meiner Ansicht nach müssen politische Vertreter von Interessensgruppen die Interessen besonders gut vertreten aber nicht zwingend zu 100% persönlich teilen (wie hier das exakte und politisch korrekte Schicksal).

    Aber gut: Ich sehe deinen Grad der Verachtung diesem Verband und dieser Dame gegenüber und respektiere, dass ich dem nicht ausreichend Inhaltliches entgegensetzen kann, da ich weder genug über diesen Verband weiß noch Zeit (oder größere Lust) habe, etwas in der Richtung zu lernen. Deshalb gebe ich den Punkt an dich. ;-)

    Wenn du jetzt nur noch kurz erklären könntest, wie Frau Steinbach mit Hilfe der Aussöhnungsstiftung für Überweisungen aus Polen nach Deutschland (oder meinetwegen aus dem deutschen Steuersäckel in die Taschen der Scheinvertriebenen) sorgen könnte…?

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