Ein neues Gespenst?

Ich bin FDP-Mitglied.

Wie oft hätte ich das gerne gesagt in viele Artikel und Sendungen hinein, darauf hoffend, dass die da ins Blaue Salbadernden sich endlich mal an einem konkreten Gegner messen, statt sich nur an ihrem Strohmann abarbeiten zu können. Denn die bundesdeutsche Medienwelt hat ein Unbehagen befallen, mit dem sie noch nicht so richtig umzugehen weiß. Dieses Unbehagen heißt “FDP über 10%”. Klar, es gab mal die guten, alten Zeiten, wo die FDP darum bangen musste, die 5%-Hürde zu nehmen (und es ist nicht ausgeschlossen, dass die irgendwann mal wieder kommen). Und es gab die Zeiten, wo es völlig egal war, wofür die FDP stand, weil sie allein über ihre Koalitionsaussage Politik machen konnte. Nur ernstnehmen als Partei, das musste die FDP da niemand. Wir Älteren mögen mal in uns gehen und uns an die maßgeblichen Beiträge der FDP zur “sozial-liberalen” Koalition von 1969 bis 1982 oder zur “christlich-liberalen” Koalition von 1982 bis 1998 erinnern: Wieviel kommt da zusammen? Außer dem Lambsdorff-Papier, dem wir es zu verdanken haben, dass ich diese Zeitspanne in zwei Perioden unterteilen konnte, bleibt da wohl nix.

Besoffen von den Erfolgen des Populisten Möllemann ließ sich die FDP mal auf das “Projekt 18″ ein, dem Hohn und Spott von Anfang an sicher waren. Dazu trug nicht nur die betont unernste Herangehensweise Westerwelles bei, sondern auch der Umstand, dass niemand so genau wusste, warum er eigentlich dessen Partei wählen sollte, waren doch die Hauptbedürfnisse der Wähler überwiegend bei anderen Parteien in scheinbar guten Händen. Unternehmerische Freiheit, das wollte die CDU doch auch, und Bürgerrechte keiner so sehr wie die Grünen. Und die gemäßigte Außenpolitik, für die einstmals ein Genscher stand, die war eh längst bundesrepublikanischer Konsens.

Hinzu kam die Person Westerwelle. Bis zu seinem Outing war es deutscher “Comedien”-Standard, Westerwelle mit schwulen Klischees zu attackieren (z.B. hohe Stimme, weibliche Verhaltensmuster). Das war in Ordnung, schließlich war es der falsche Schwule. Und dass von rechts gegenüber “dieser Person” jeglicher Respekt mangelte, war ebenso völlig normal.

Also war klar: Die FDP konnte man abbuchen als Partei der Apotheker und Rechtsanwälte, die sich zur Not heranziehen ließ, wenn ein paar Stimmen an der Mehrheit fehlten. Auch Westerwelle musste doch unbedingt was werden.

Das Problem war nur: Weder Westerwelle noch die FDP hatten sich mit dieser Rolle abgefunden. Was Schröder und Fischer noch in der Wahlnacht 2005 nicht mitbekommen hatten, war die zwischenzeitliche Gründung der FDP als liberale Partei. Ich kann dafür kein genaues Datum angeben, aber irgendwann zwischen 1998 und 2005 muss es in der Führung der FDP einen Entschluss gegeben haben, sich von der früheren Eigenschaft als Funktionspartei loszusagen und eigene politische Ziele zu verfolgen. Dass diese Ziele in einer “Ampel” nicht durchzusetzen gewesen wären, war dann sonnenklar. Wobei auch Westerwelle dazu lernte: Hatte er vor dem Hintergrund erlebter sozialdemokratischer Dominanz noch vor allem die wirtschaftliche Freiheit betont, konnte ihn spätestens die Praxis der “Großen Koalition” davon überzeugen, dass Liberale auch gefordert sind, wenn es die Eingriffsrechte des Staates in die sonstige Privatsphäre zu begrenzen gilt.

Inzwischen, wo wir das Jahr 2009 schreiben (auch wenn wir es nicht tun; ich z.B. tippe es gerade), ist aus der einstigen Funktionspartei ein Laden mit ziemlich konkreten Vorstellungen in Wirtschafts- und Innenpolitik geworden. Und für diese Vorstellungen hat er fast 15% der Wählerstimmen bekommen. Von den ehemaligen “Leihstimmen”, die dem gewünschten Koalitionspartner über die 5%-Hürde helfen sollen, kann jetzt keine Rede mehr sein, denn die Rückkehr der FDP in den Bundestag galt als unanfechtbar. Wer eben FDP gewählt hat, wollte explizit nicht einer der anderen Parteien nutzen.

Insbesondere die Medien tun sich schwer mit diesem Umstand. Ich durfte meinem Zappen geschuldet ein paar Wochen vor der Wahl Zeuge einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehens sein, in der sich alle Anwesenden gegenseitig auf die Schulter klopften, dass ihnen nie im Leben eingefallen wäre, FDP zu wählen. Nicht nur das, man deutete sogar an, dass eine solche Wahlentscheidung zur sozialen Ächtung im Kollegenkreis führen müsse. Offensichtlich ist da was gekippt. Der Hohn und Spott maskiert sich noch als solcher, aber in Wirklichkeit ist er längst in blanken Hass übergegangen. Man lese sich nur so durch, was nach der Wahl hier und da veröffentlicht wird: Der einzige Grund, warum man FDP-Wählern nicht die Bürgerrechte entziehen möchte, besteht in der Hoffnung, dass sie ihre Wahlentscheidung nur aus Versehen getroffen haben mögen.

Ja, richtig. Die FDP ist immer noch keine wirklich liberale Partei. Um das zu werden, müsste sie wesentlichen Teilen ihrer Stammwähler vors Schienbein treten, und wie das ausgehen kann, lässt sich heute z.B. bei der CDU und den Milchbauern in Erfahrung bringen. Aber sie ist in ihrer Programmatik verdammt nah dran. IHK-Zwang und Privilegien der freien Berufe zu kippen, das kann man leider wohl nur von einer FDP verlangen, die dauerhaft über 10% liegt. Aber glücklich das Land, in dem diese Themen die entscheidenden sind!

Aber wer wirklich unter der FDP-Regierungspolitik zu leiden haben wird, sind die Liberalen. Es ist zu erwarten, dass mit einer sozialdemokratisierten CDU/CSU nur geringe Fortschritte in der wirtschaftlichen Liberalisierung zu erzielen sind, und in Sachen Sicherheitspolitik kann sich ein Liberaler kaum ein schlimmeres Gegenüber vorstellen als einen Konservativen. Der einzige Grund, warum man der FDP nicht zum kompletten Abbruch der Gespräche raten muss, liegt in der Alternative… Traurig genug.

Wie auch immer: Ich freue mich. dass die FDP heute so aufgestellt ist, wie sie ist. Es ist vielleicht nicht die beste aller denkbaren FDPen, aber die beste, die ich je gesehen habe. Und Westerwelle ist ein Politiker, dem es trotz der einschlägigen Angriffe nie eingefallen wäre, seine sexuelle Orientierung zu thematisieren. Wenn er sich jetzt durchsetzt, dann gegen alle Vorzeichen, und nicht auf einer Welle schwimmend. Der Mann verdient meinen vollen Respekt.

Ist es also schon soweit? Geht ein neues Gespenst um in Europa, diesmal das Gespenst des Liberalismus? Gemach, gemach, liebe linken Freunde, dieser Staat hat seine Bürger wirksam zu Sozialdemokraten gemacht. Letztlich reden wir hier über Minderheitenschutz, aber als gefühlte ewige Opposition ist man schon für die Schärfung der eigenen Waffen sehr dankbar.

Ähnliche Beiträge


23 Kommentare zu “Ein neues Gespenst?”

  1. RZ
    4.10.2009 | 21:46

    “Ich durfte meinem Zappen geschuldet ein paar Wochen vor der Wahl Zeuge einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehens sein, in der sich alle Anwesenden gegenseitig auf die Schulter klopften, dass ihnen nie im Leben eingefallen wäre, FDP zu wählen.”

    Wer waren denn die Anwesenden?

  2. 4.10.2009 | 21:47

    C-Prominenz plus Gastgeber. Habe mir alle nicht gemerkt. Warum auch.

  3. Buenavista
    4.10.2009 | 22:28

    schließlich war es der falsche Schwule

    Also bitte. Die Attacken gegen Wowereit (“Po bereit”) aus der rechten Ecke wohl ganz unterschlagen?

  4. 4.10.2009 | 22:44

    @Buenavista

    Also bitte. Gelesen, was ich geschrieben habe? Dass aus der rechten Ecke sowas kommt, muss man als stringent bezeichnen. Aber die Linken haben ihre Ressentiments so richtig am Guido auslassen können.

  5. 4.10.2009 | 22:54

    Ich bin ja froh, dass endlich mal jemand ausspricht, was viele FDPler nicht zugeben wollen: dass die heutige FDP mit der FDP vor 10 Jahren und erst recht der FDP vor 20 Jahren wenig bis nichts zu tun hat. Der Name ist gleich geblieben, alles andere ist neu.

    Das ist übrigens total ok so, es ist doch wunderbar, wenn die Gegensätze klar und deutlich sind. Muss ich jetzt nur noch meinen Parteifreunden erklären. ;)

    Vielleicht ist irgendwann doch mal wieder eine SPD-FDP-Koalition möglich; möglicherweise in einem Bundesland.

  6. Buenavista
    4.10.2009 | 23:03

    Aber die Linken haben ihre Ressentiments so richtig am Guido auslassen können.

    Welche Ressentiments denn?

  7. Fuchur
    4.10.2009 | 23:03

    Ich freue mich. dass die FDP heute so aufgestellt ist, wie sie ist. Es ist vielleicht nicht die beste aller denkbaren FDPen, aber die beste, die ich je gesehen habe.

    Das kann ich so unterschreiben.

  8. F.Alfonzo
    5.10.2009 | 1:34

    Der Hohn und Spott maskiert sich noch als solcher, aber in Wirklichkeit ist er längst in blanken Hass übergegangen.

    …in diesem Fall (der von dir verlinkte Blogtext) ist der Hohn und Spott wohl eher in paranoide Wahnvorstellungen übergegangen; oder extrem guten Humor. Bin mir nicht sicher, um was es sich hier handelt.
    …meint der das wirklich ernst?

  9. 5.10.2009 | 8:04

    Sehr guter Text, dem ich voll zustimmen kann.

    Ich hoffe nur, dass die Relikte der “alten” FDP nun nicht allzu sehr aus der Versenkung auftauchen um die üblichen Spielchen zu spielen wie “Ich bekomme einen Posten mehr, dafür gebe ich eine Grundsatzposition mehr auf … ups, ich habe keine Grundsätze mehr … egal, ich habe meinen Posten”.

  10. 5.10.2009 | 11:37
  11. R.A.
    5.10.2009 | 11:39

    Ich kann dafür kein genaues Datum angeben, aber irgendwann zwischen 1998 und 2005 muss es in der Führung der FDP einen Entschluss gegeben haben, sich von der früheren Eigenschaft als Funktionspartei loszusagen und eigene politische Ziele zu verfolgen.

    Das trifft es nicht ganz.
    Den Entschluss gab es deutlich früher, als Westerwelle als Juli-Bundesvorsitzender eine neue Generation organisierte, die sich stärker an liberalen Grundüberzeugungen orientierte. Seine Rolle war immer wichtig, aber natürlich ist er kein Einzelkämpfer, sondern repräsentiert eine Bewegung.
    Und irgendwann war die dann stark genug, um sich auch an der FDP-Bundesspitze durchzusetzen.
    Übrigens nicht unbedingt durch Gewinnung von Mehrheiten (die “Alten” waren damals immer noch deutlich zahlenmäßig überlegen), sondern weil die neue Linie attraktiv und überzeugend genug war, daß sie akzeptiert wurde. Oder auch, weil die “alte” FDP durch die funktionale Leere der Kinkel-Zeit selber frustriert war und einsah, daß das keine Zukunft haben kann.

    Wobei ich übrigens nichts gegen Kinkel sagen möchte. Ein ganz ausgezeichneter Mann, der die dumme Polemik gegen ihn nicht verdient hat. Aber er war eben der falsche Mann, um die FDP inhaltlich zu führen.

  12. R.A.
    5.10.2009 | 11:42

    @Christian:

    Vielleicht ist irgendwann doch mal wieder eine SPD-FDP-Koalition möglich; möglicherweise in einem Bundesland.

    Kein Problem – wenn die SPD sich entsprechend orientiert.

    Ich erlebe derzeit in der Kommunalpolitik, wie gut sozial-liberal auch heute noch laufen kann (nachdem die Grünen aus der Ampel ausgeschieden sind).
    Daß die SPD in einigen Bereichen völlig andere Ideen hat, läßt sich gut aushalten, da finden sich auch Kompromisse.
    Wenn es eben eine “Realo-SPD” ist, die nicht dauernd versucht, die Grünen nachzuäffen.

  13. R.A.
    5.10.2009 | 12:23

    Da liefert die Achse noch eine passende Analyse zur SPD.

    Der Schwerpunkt “Arbeit und Fortschritt” trifft es sehr gut.
    Kann man an einem Bereich gut darstellen: Für die klassische SPD ist Gentechnik eindeutig positiv bewertet, da hätte sie sofort eine Gemeinsamkeit mit den Liberalen.

    Nur die rot angemalten Grünen in der SPD sehen hier in erster Linie esoterische Problemphantasien – da haben die Jobs der SPD-Wähler eben keine Priorität.

  14. 5.10.2009 | 13:02

    Ich für meinen Teil werde innerhalb der SPD dafür kämpfen, dass wir keine demokratischen Parteien und keine demokratrischen Personen mehr ausschließen. Unsere aktuelle Programmatik halte ich für gut bis ausgezeichnet.

    Bei Gentechnik bin ich mir unsicher, um ehrlich zu sein. Ich persönlich kann damit wenig anfangen.

    Prinzipiell ist richtig: die SPD muss für Arbeit und Fortschritt kämpfen.

  15. 5.10.2009 | 13:54

    “Aber wer wirklich unter der FDP-Regierungspolitik zu leiden haben wird, sind die Liberalen. Es ist zu erwarten, dass mit einer sozialdemokratisierten CDU/CSU nur geringe Fortschritte in der wirtschaftlichen Liberalisierung zu erzielen sind, und in Sachen Sicherheitspolitik kann sich ein Liberaler kaum ein schlimmeres Gegenüber vorstellen als einen Konservativen. Der einzige Grund, warum man der FDP nicht zum kompletten Abbruch der Gespräche raten muss, liegt in der Alternative… Traurig genug.”

    Dem kann man leider nur zustimmen. Ich schrieb ja auch darüber hier:
    http://fdominicus.blogspot.com/2009/09/leider-zu-wenig-zahltag-fur-meinen.html

    Solange man immer mit der CDU oder SPD rummachen muß wird es kaum reichen. Es sei denn diese wären in der Minderheit so ca 1/3 zu 2/3, dann könnte man wohl mit liberalen Entwicklungen rechnen.

    Nur ist mir nicht klar was die CDU noch alles verbrechen muß um mal ordentlich abgewatscht zu werden. Sie hat doch genau wie die SPD für das unsägliche FmStg gestimmt (was ich allerdings auch der FDP krumm nehme). Und das mit dem unsäglichen Schulden ist ganz klar CDU und SPD Handschrift.

  16. 5.10.2009 | 18:22

    Angesichts der Empfindlichkeiten hier neuerdings finde ich “blanken Hass” dann doch ziemlich unangemessen. Es geht um die reine Selbstverteidigung.

    Alles weitere folgt drüben, will ja hier nicht wieder den Anstandwauwau wecken …

  17. 6.10.2009 | 9:21

    Ich bin nicht der Anstands-Wauwau. Aber mal ganz ehrlich: nimmst Du in dem verlinkten Beitrag wirklich noch Bezug auf das reale Leben oder doch eher auf eine Projektion?

    Die FDP hatte vor der Wahl überhaupt keine andere Option als die Koalition mit der CDU. Die SPD hat sich in den letzten Jahren als unzuverlässig erwiesen und nach den Vorgängen um Frau Ypsilanti konnte man ihr nicht vertrauen. Darüber hinaus haben sich sowohl die Grünen als auch die SPD nicht nur als politische Konkurrenten, sondern als erbitterte Gegner der FDP profiliert.

    Metaphern aus dem Reich der Biologie und der Sexualität sind immer peinlich, aber wenn Du

    Die 15% für eine dezidiert freiheitsfeindliche Klientel-Partei, die sich erblödet hat, sich rollig im Regierungswillen per Koalitionswunsch bereits im Vorfeld Frau von der Leyen, Herrn Rüttgers und Herrn Schäuble an den Hals zu schmeißen, die sprechen da klare Worte.

    schreibst, dann lese ich daraus nichts als tiefe Verachtung [FDP als paarungsbereites Tier] und in anderen Teilen Deines Artikels [rechter Rand, Extremisten] kann man wirklich zumindest Anklänge des Hasses gegenüber der FDP spüren. Das ist ja auch Dein gutes Recht, aber unter dem Artikel hat Karsten dann schon einige passende Worte dafür gefunden.

  18. 6.10.2009 | 9:48

    Lass uns das drüben diskutieren. Der Anstandswauwau bist ja nicht Du, das ist Boche, und den will ich hier nicht mehr belästigen müssen.

  19. 6.10.2009 | 12:07

    Schwätzer.

    So lange du nicht wieder Mit-Autoren angehst, kannst du von mir aus bleiben.

  20. 6.10.2009 | 12:09

    [...] This post was mentioned on Twitter by Ulrich Schröder. Ulrich Schröder said: http://bit.ly/IoknT Artikel zur aktuellen Wahrnehmung der #FDP #btw [...]

  21. 6.10.2009 | 18:03

    Selber Schwätzer. Dann gehe ich halt Dich an ;-)

  22. Die Stimme aus dem Off
    8.10.2009 | 15:49

    Privilegien der freien Berufe?

  23. 8.10.2009 | 20:30

    Hohe Markteintrittsbarrieren, Gewerbesteuerfreiheit, ständische Versorgungswerke…

Bad Behavior has blocked 1045 access attempts in the last 7 days.