…da habe ich auch schon gerne die Wahlergebnisse und die anschließenden Gesprächsrunden gesehen. Gut, ich war vielleicht ein etwas seltsames Kind (welcher Neunjährige gibt schon als Berufswunsch “Bundestagsabgeordneter” an), und irgendwann schlief ich dann auch ein, aber dennoch ist mir ganz vieles von dem, was ich damals hörte, in der inaktiven Erinnerung geblieben – ich kann keine Namen und Orte mehr benennen, aber ich habe immer den Eindruck, es müsste so sein, wie es damals war.
So scheint es mir zum Beispiel irgendwie notwendig zu sein, dass der Verlierer des Wahlabends in den ersten drei, vier Sätzen einen bestimmten Kommentar unterbringt: “Ich gratuliere (dem Sieger/der Siegerin) zum heutigen Wahlsieg”. Das war damals so selbstverständlich wie das Händeschütteln der Gegner Boris Beckers, wenn er mal wieder gewonnen hatte.
Außerdem glaube ich, dass der Mann/die Frau vor den Kameras nur dann einen wilden, enthusiastischen Applaus bekommt, wenn er/sie der Sieger ist. Für ehrliche, faire Verlierer scheint mir höflicher Applaus durchaus angemessen, aber minutenlanges Klatschen und Jubeln ist doch für den (oder die) reserviert, der/die den Sieg davongetragen hat.
Dass meine Erinnerung mir darüber hinaus auch noch sagt, dass ein Verlierer dann entweder persönliche Verantwortung übernimmt und zurücktritt, oder feststellt, dass ein knappes Ergebnis war, und man nun politische Auseinandersetzung betreiben müsse, lasse ich mal außen vor.
Ob es damals so war, dass der Verlierer nicht das Recht hat, am Wahlabend Ämter zu beanspruchen, die zuvor andere hatten, um einen Ausgleich für seine zuvor hervorgehobenenen Posten zu gewinnen, weiß ich nicht – das finde ich aus meiner heutigen Perspektive einfach schofelig.
Kurz gesagt: Was die sozialdemokratischen Führungskräfte heute Abend im Interview veranstaltet haben, lässt mich schaudern. Umso mehr, als ich mich (als ehemaligem Mitglied der SPD) schon während des gesamten SPD-Wahlkampfes ein bisschen fremdschämen musste. Und das betrifft nicht die fleißigen, aktiven SPD-Wahlkämpfer vor Ort, vor denen ich größten Respekt hatte – sondern diese seltsame Führungstruppe, die sich von einem leicht angeheiterterten Gerhard Schröder vor allem eins abgeguckt hat: Die Realität ist nicht wichtig, sondern nur das, was du daraus quatschst.