Widerlich, aber symbolisch

Die FAZ hat sich als Fürsprecher der Freunde der Internet-Zensur etabliert. Dabei erreicht die Argumentation eine große Spannbreite.

Die FAZ kann halbwegs sachlich, indem sie auch die Gegenpositionen darstellt. Sie kann aber auch blank polemisch, und sie scheut sich nicht, den größten Trumpf auszuspielen, den die Verwertungsrechtlobby in Person des genialen “Rechercheurs” Jörg Tauss bekommen hat: Die Gegner der Zensur sind doch alles nur selbst Pädophile.

Die Instrumentalisierung der Eskapaden des Herrn Tauss ist widerlich. Aber richtig entlarvend ist dieser Absatz:

Über die Prävention hinaus waren die Stoppschilder im Internet von Anfang an auch als Symbol dafür gedacht, dass Kindesmissbrauch in keiner Form geduldet werden darf. Dieses Symbol sollte endlich verstanden werden. Ein rechtsfreier Raum ist das Internet nie gewesen, aber bei der Durchsetzung des Rechts hakt es noch gewaltig.

Wir haben hier wieder einmal den Beleg dafür, dass Politik nur noch symbolisch zu handeln imstande ist. Das Koordination des Gemeinwesens wird nur noch simuliert. Man erhofft sich Zustimmung nicht durch Ergebnisse, sondern durch gute Absicht. Und da wundern sich noch manche, warum es in Deutschland keine echten Konservativen mehr gibt…

Es geht der Politik einen feuchten Kehricht um die Sache, also hier die Eindämmung von Kindesmissbrauch. Es geht ihr nur darum, sich in einer emotional aufgeladenen Frage sichtbar zu positionieren. Der Begriff “Verantwortungsethik” ist ein Unwort im politischen Berlin.

Und wie praktisch, dass es zufällig eine Gruppe von Menschen gibt, denen die angestrebte Sperr- und Zensur-Infrastruktur tatsächlich etwas nutzt. Im Internet nämlich ist noch nie ein Kind missbraucht, aber wohl das geltende Urheberrecht millionenfach verletzt worden. Es ist, als gäbe man jemandem, der ein Steak kleinkriegen will, einen Löffel, während im Hintergrund schon mal jemand mit einem großen Topf Suppe vorsichtig die Hand hebt.

Man nennt das wohl ein “perfect match”. Zwei konkret Profitierende, die “Kämpfer gegen den Kindesmissbrauch” und die Verwertungsrechtlobby, gegen die zwar Millionen zählende, aber extrem heterogene Schar der Internetnutzer und Musikkonsumenten. Mancur Olson war noch nie so wertvoll wie heute.

Siehe dazu auch unbedingt auf diesem Blog “Schamgrenzen schwinden” und “Ich mag Moby…

Ähnliche Beiträge


10 Kommentare zu “Widerlich, aber symbolisch”

  1. 21.06.2009 | 17:27

    [...] [Rayson bei Bissige Liberale Ohne Gnade] [...]

  2. 21.06.2009 | 17:43

    den größten Trumpf auszuspielen, den die Verwertungsrechtlobby in Person des genialen “Rechercheurs” Jörg Tauss bekommen hat: Die Gegner der Zensur sind doch alles nur selbst Pädophile.

    Das ist in den ÖR-Medien ja nicht anders, der Hinweis auf die “Eskapaden” fehlt in der Berichterstattung selten. Weshalb ich auch glaube, dass sich die Piratenpartei einen ziemlichen Bärendienst erweisen wird, sollte sie Neu-Mitglied Tauss im Wahlkampf prominent featuren…

  3. 21.06.2009 | 17:51

    P.S. Im letzten verlinkte FAZ-Artikel steht, gegen Tauss werde wegen ” Bezug, Besitz und Verbreitung von Kinderpornographie” ermittelt. Soweit ich weiss, wird wegen Besitz, nicht aber Verbreitung ermittelt. Das macht m.E. schon einen Unterschied, gerade auch im Hinblick auf die von ihm angegebene Begründung.

  4. Max
    21.06.2009 | 18:36

    Meine Gegenfrage an den werten Herrn wäre doch, in welcher Weise bitte würden denn “Stopp-Schilder” den eigentlichen Missbrauch verhindern? Es ist nicht so, als ob damit der Filmer daran gehindert wird dies mit den Kindern zu tun? Es wird nur die Verbreitung im INTERNEG gestört, und nicht mal dort effektiv. Man könnte ja auch zynisch und ein bisschen moralisch verwerflich argumentieren: Internet-Streaming würde den Kindern sogar helfen, weil dadurch jene Pädophile nicht aktiv werden müssen, sondern ja schon vorhandene Filme einfach sehen können….

    Beide Argumentationen zerfallen jedoch beim näheren Hinsehen und zeigen doch wie wenig wirklich durchdachte Meinungen hier ausposaunt werden. Es ist eigentlich schon erbärmlich auf welch niedrigem Niveau hier die Pro-”Zensur” Parteien argumentieren, im Vergleich zu den Protestlern…

  5. Buenavista
    21.06.2009 | 20:50

    Die Frage ist, warum nicht gegen Frau von der Leyen ermittelt wird, die nachweislich Kinderpornographie (in ihrer widerwärtigsten Form) unwilligen Providern vorgeführt hat.

    Da würde mich die Rechtsgrundlage ja schon interessieren.

  6. Florian
    22.06.2009 | 18:48

    Max:

    Nun ja, die Maßnahme setzt halt am Marktmechanismus an:
    Verhindere den Markt dann verhinderst Du die Produktion.
    Und wenn das verhindern nur teilweise funktioniert, dann gilt zumindest immer noch:
    Erhöhe die Transaktionskosten im Markt, dann minderst Du die Gewinne der Anbieter und den Netto-Nutzen der Konsumenten.

    (Was natürlich nichts daran ändert, dass staatliche Zensur abzulehenen ist – auch dann, wenn das Zensurziel effektiv erreicht wird).

  7. 22.06.2009 | 19:40

    [...] B.L.O.G.: Widerlich, aber symbolisch [...]

  8. DDH
    22.06.2009 | 21:26

    Die FAZ ist die Prawda des CDU-Staates BRD!

    Daß die Ausweitung des Militärischen in der Außenpolitik mit der Einschränkung der Freiheitsrechte in der Innenpolitik untrennbar und logisch zusammenhängt und daß beides ein zutiefst “rechtes”/”konservatives” Agenda-Setting bedeutet, dessen werden lahmarschige “Mitte-Liberale” (von den prinzipienverräterischen “Rechts-Libertären” ganz zu schweigen) die sich als 90er Jahre-Fossile an den 68ern und ihrer längst überwundenen PC abarbeiten noch immer nicht gewahr!

    Der Feind des Liberalismus steht rechts!

  9. Fuchur
    23.06.2009 | 14:00

    Bei aller Sympathie zu deiner Position in Sachen Internetzensur, aber: Wenn sich die Piratenpartei (die auf meiner Liste der dämlichsten Parteinamen aller Zeiten direkt hinter “Bürger in Wut” steht) mit jemandem wie Tauss schmückt, und das auch noch als großen Coup ansieht – dann darf man das m.E. sehr wohl thematisieren.

  10. 23.06.2009 | 14:15

    Von “dürfen oder nicht” ist eh keine Rede. Aber wenn man es im Zusammenhang mit der allgemeinen Opposition gegen die Internetsperren tut, die für sich gesehen mit der “Piratenpartei” und dem Herrn Tauss erst mal gar nichts zu tun hat, dann hat das ein deutliches Gschmäckle.

Bad Behavior has blocked 1091 access attempts in the last 7 days.