21. Juni 2009
Widerlich, aber symbolisch
Die FAZ hat sich als Fürsprecher der Freunde der Internet-Zensur etabliert. Dabei erreicht die Argumentation eine große Spannbreite.
Die FAZ kann halbwegs sachlich, indem sie auch die Gegenpositionen darstellt. Sie kann aber auch blank polemisch, und sie scheut sich nicht, den größten Trumpf auszuspielen, den die Verwertungsrechtlobby in Person des genialen “Rechercheurs” Jörg Tauss bekommen hat: Die Gegner der Zensur sind doch alles nur selbst Pädophile.
Die Instrumentalisierung der Eskapaden des Herrn Tauss ist widerlich. Aber richtig entlarvend ist dieser Absatz:
Über die Prävention hinaus waren die Stoppschilder im Internet von Anfang an auch als Symbol dafür gedacht, dass Kindesmissbrauch in keiner Form geduldet werden darf. Dieses Symbol sollte endlich verstanden werden. Ein rechtsfreier Raum ist das Internet nie gewesen, aber bei der Durchsetzung des Rechts hakt es noch gewaltig.
Wir haben hier wieder einmal den Beleg dafür, dass Politik nur noch symbolisch zu handeln imstande ist. Das Koordination des Gemeinwesens wird nur noch simuliert. Man erhofft sich Zustimmung nicht durch Ergebnisse, sondern durch gute Absicht. Und da wundern sich noch manche, warum es in Deutschland keine echten Konservativen mehr gibt…
Es geht der Politik einen feuchten Kehricht um die Sache, also hier die Eindämmung von Kindesmissbrauch. Es geht ihr nur darum, sich in einer emotional aufgeladenen Frage sichtbar zu positionieren. Der Begriff “Verantwortungsethik” ist ein Unwort im politischen Berlin.
Und wie praktisch, dass es zufällig eine Gruppe von Menschen gibt, denen die angestrebte Sperr- und Zensur-Infrastruktur tatsächlich etwas nutzt. Im Internet nämlich ist noch nie ein Kind missbraucht, aber wohl das geltende Urheberrecht millionenfach verletzt worden. Es ist, als gäbe man jemandem, der ein Steak kleinkriegen will, einen Löffel, während im Hintergrund schon mal jemand mit einem großen Topf Suppe vorsichtig die Hand hebt.
Man nennt das wohl ein “perfect match”. Zwei konkret Profitierende, die “Kämpfer gegen den Kindesmissbrauch” und die Verwertungsrechtlobby, gegen die zwar Millionen zählende, aber extrem heterogene Schar der Internetnutzer und Musikkonsumenten. Mancur Olson war noch nie so wertvoll wie heute.
Siehe dazu auch unbedingt auf diesem Blog “Schamgrenzen schwinden” und “Ich mag Moby…“
Verfasst von Rayson um 15:38 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen,Innenpolitik,Politik (Trackback)
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