18. Juni 2009
Was fehlt
Das Problem in diesem Land ist nicht zu viel, sondern zu wenig Kapitalismus.
Dass die meisten Menschen in diesem Land nicht am produktiven Kapital beteiligt
sind, wird oft als Verteilungsproblem dargestellt. Tatsächlich ist es eine
gewollte Situation, weil ein Volk von Kapitalisten große Teile von Politik und
Funktionärscliquen überflüssig machen würde. Die Forderung, Arbeitnehmer zu
Anteilseignern zu machen, ist so uralt (u.a. immer wieder von der katholischen
Soziallehre erwähnt) wie nicht umgesetzt. Als die einmalige Chance bestanden
hätte, nämlich bei der Wahl des Rentensystems, entschied sich die Politik, weil
sie ihrem Volk mehr nicht zutraute, für die Konsum- statt für die
Investitionslösung: Der Anspruch entstand mit der Verabschiedung des Gesetzes,
die erste Rentnergeneration, die sich nun wahrlich nicht besonders mit Ruhm
bekleckert hatte, bekam ihn sozusagen geschenkt.
Unter den Folgen solcher alter Fehl- und heutiger permanenter
Nichtentscheidungen leiden jetzt alle. Die Pensionsfonds, die in hiesige Firmen
investieren, sind amerikanische, und sie entscheiden natürlich nach den
Gesichtspunkten, die amerikanische Pensionsfonds zu beachten haben. Deutsche
Kontraparts gibt es nicht, die wurden vom Umlagesystem verfrühstückt.
Und Folge mangelnder individueller Involviertheit in die Geschäfte großer
Aktiengesellschaften ist dann u.a., dass die Eigentümer, wie in der
Vergangenheit geschehen, freiwillig auf die ihnen nicht nur zustehenden,
sondern sie auch verpflichtenden Funktionen verzichten. So wäre es bei einer
funktionierenden Eigentümerstruktur ein Rätsel, warum Firmen ihre eigenen
Manager auf Kosten der Eigentümer gegen das Haftungsrisiko versichern – kein
Eigentümer, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, würde einer solchen
Regelung zustimmen. Und kein Eigentümer, der auch nur halbwegs bei Verstand
ist, würde einen Manager einstellen, der den Abschluss einer solchen
Versicherung fordert.
Tatsächlich verhalten sich institutionelle Eigentümer par excellence, nämlich
z.B. Private Equity Fonds, ganz anders. Sie verlangen in der Regel, dass das
Management auf eigenes Risiko Anteile seines Unternehmens übernimmt, und zwar
in nicht unerheblichem Ausmaß, mit der Folge, dass erfolgreiche Manager sich
dumm und dusslich verdienen können, erfolglose aber
beträchtliche Vermögenseinbußen hinnehmen müssen.
Warum ist das bei großen Publikumsgesellschaften anders? Warum können da
Vorstand und Aufsichtsrat ungestört kungeln? Die von linker Seite hochgelobte
Mitbestimmung, deren Ausbau auch anlässlich der Krise fast schon reflexhaft
gefordert wird, hat daran jedenfalls rein gar nichts geändert. Wie sollte sie
auch: Ihre einzige Rechtfertigung ist die Nichtbeteiligung der Arbeitnehmer.
Der Grund ist einfach: Viele Shareholder sind in Wirklichkeit keine “holder”,
sondern nur verhinderte “seller”. Das heißt, sie haben so gut wie kein
originäres Interesse am Wohlergehen des Unternehmens, sondern nur eins an der
Kursentwicklung des abgeleiteten Papiers Aktie. Das Problem ist dann die
Fristigkeit: Wer seine Anteile rechtzeitig abstoßen kann, also einen dummen bzw.
weniger informierten Anderen findet, nimmt auch gerne langfristige Spätschäden
in Kauf. Und dann haben wir wohl tatsächlich da eine Art “closed shop” vor uns:
Man kennt sich und praktiziert eifrig die Krähentheorie.
Wie änders wäre es, wenn in der HV irgendwann Manager aufstünden, die
Arbeitnehmerfonds verwalten und sich dagegen verwahren, dass das
Ausschüttungspotenzial auf sinnlose Weise verschleudert wird. War irgendein
Hirni aus London bei der Deutschen Börse konnte, könnten jetzt deutsche
Rentenfonds-Manager überall machen. Könnten…
Verfasst von Rayson um 22:02 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Wirtschaft (Trackback)
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