Sündenbock

Als erbarmungsloser Late-Night-Zapper kam ich kürzlich kurz hintereinander in den Genuss höchstwichtiger Talkshows unserer öffentlich-rechtlichen Qualitätsmedien, in denen es um die Insolvenz des Arcandor-Konzerns ging. Ob beim freundlichen Allesversteher und Autobahnverächter Johannes Beh Kerner oder der investigativ guckenden Anne Will, das Muster war identisch: Man lade den Arcandor-Vorstandschef und obersten Spendensammler Eick, “kleine” Karstadt-Angestellte und etwas Beilagen ein, die bei Will aus üblichen Verdächtigen der Politszene und bei Kerner aus dem wohl unvermeidlichen Besserwessi Michel Friedman bestanden.

Dabei ergab sich in beiden Sendungen eine eigenartige Konstellation: Der neue Arcandor-Chef Eick, der seinen warmen Sessel als geschätzter CFO bei den Telekomikern freiwillig aufgegeben hatte, wurde angegriffen, weil er a) Geld verdient (Karstadt-Angestellte zu der Ankündigung, auch Eick wolle jetzt nur drei Monate lang Insolvenzausfallgeld beziehen: “Sie haben doch genug, Sie bräuchten gar kein Gehalt zu bekommen.”) und b) weiter Vorstandsvorsitzender bleiben will. Man wollte ihn sozusagen stellvertretend für die Manager-Kaste irgendwie in Haftung nehmen. Fast schien es, als betrachteten es die “kleinen Angestellten” und erfahrene Betriebswirte wie Olaf Scholz als Affront, bei Arcandor weiterhin den Posten des Vorstandschefs zu besetzen, statt ihn gleich durch den Betriebsrat zu ersetzen. Also wenn, und da hatte Friedman natürlich wieder mal recht, sich diese Haltung durchsetzt, dann dürften diejenigen, die noch mehr Verstand als Geltungsbedürfnis besitzen, und solche Leute erhofft man sich doch da eigentlich, diese Jobs zukünftig gleich ablehnen.

In einer geschichtlichen Untersuchung der Einflüsse der Religionen auf den Dualismus von Gewalt und Toleranz, die ich gerade lese, wird die Abschaffung des Sündenbocks als kulturelle Leistung beschrieben. Wir scheinen hierzulande noch nicht so weit zu sein.

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19 Kommentare zu “Sündenbock”

  1. Buenavista
    15.06.2009 | 17:20

    Es wurde wohl nicht sehr deutlich, dass nicht Eick für den Schlamassel verantwortlich ist.

    Die Rolle von Middelhoff fände ich schon viel interessanter.

  2. 15.06.2009 | 17:39

    Middelhoffs Rolle ist sehr dubios. Ein Mann mit Ehre hätte an seiner Stelle den Posten nicht angestrebt.

  3. VolkerD
    15.06.2009 | 19:03

    Eick? Das ist doch der der um Staatsknete bettelt? Ach ja, das sind heute die fähigen Manager.

  4. 15.06.2009 | 19:10

    Das war doch nur noch ein Verzweiflungsakt. Was soll der denn sonst machen, wenn er nirgendwo sonst mehr Kredit bekommt?

  5. 15.06.2009 | 19:10

    Das waren wahrscheinlich dieselben Karstadt-Angestellten, die sich eilig in alle Winde zerstreuen, sobald ein Kunde mit Beratungsbedarf ankommt. Oder dieselben, die ratsuchende Kunden arrogant übersehen, weil sie gerade mit ihrem Kollegen tratschen oder die im Zweifelsfall immer gerade “zu Tisch” sind. Oder die, die einen zur Kasse am anderen Ende des Ladens schicken, weil sie gerade ihre Kasse zumachen. Also quasi die, die dafür gesorgt haben, dass Karstadt zwar keinen nennenswerten Service bietet, dafür aber astronomische Preise verlangt. Gewissermaßen diejenigen, die dafür sorgen, dass ich nicht mehr bei Karstadt einkaufe.

  6. 15.06.2009 | 19:15

    Middelhoffs Rolle kann ich ja nur nach unvollständigen Informationen beurteilen. Aber ein Mann mit Ehre hätte sicher auch keine Geldanlagen getätigt, die zur relativ sicheren Zahlungsunfähigkeit eines Unternehmensteils seines Konzerns führen mussten.

    Selbst als Außenstehender versteht man, dass nicht weit über 10% des Umsatzes eines Warenhauses (in einem Fall mehr als das Doppelte) für die Miete verwendet werden können.

  7. 15.06.2009 | 19:23

    @Holger: so sehr würde ich nun auch nicht nachtreten. Sicher gab es diese Art von Angestellten. Aber es gab auch kompetente Fachkräfte. Dresden ist aber auch ein relativ gutgehendes und sogar noch gewinnbringendes Karstadt-Haus.

    Was ich persönlich über die Jahre immer wieder registriert habe, war der Einfluss von Funktionären, Bedenkenträgern und Gewerkschaftern. Ich mache es mal an einem Beispiel fest:

    Zu einem Musikfestival ist die ganze Prager Straße mit Menschen gefüllt, es gibt viele Stände und einen offenen Markt. Einige Geschäfte und eine große Galerie öffnen bewusst bis 21.00 Uhr (und sind auch voller Kunden). Bei Karstadt stehen schon vor 20.00 Uhr die Posten vor den Eingangstüren und winken die Leute weiter.

    Das konnte man immer wieder beobachten: statt die Chance zu sehen, die im Gefüge des Einzelhandels relativ gut bezahlten Jobs durch Aktionen und längere Öffnungszeiten zu halten, wurde endlos über die Bedingungen gepokert, bis die Gelegenheiten vorbei waren.

  8. 15.06.2009 | 19:34

    @stefanolix

    Das Immobilien-Engagement Middelhoffs fiel in die Zeit vor seiner Funktion als Vorstandschef. Also war der “Test der Ehre” das Streben nach letzterem.

  9. 15.06.2009 | 19:46

    @stefanolix
    Ich sag ja gar nicht, dass alle so sind. Ich habe nur ganz überwiegend diese oder ähnliche Erfahrungen gemacht und wundere mich schon seit Jahren, dass es den Laden immer noch gibt. Mag auch durchaus sein, dass an der Misere nicht nur die Angestellten Schuld waren, sondern auch das Management, dass immer weniger Personal einsetzte. Was auch immer der Grund war, das ging nur solange gut, wie es für die Warenhäuser keine echten Alternativen gab. Mittlerweile können Fachgeschäfte aber alle Bedürfnisse abdecken, meist kompetenter, oft zu niedrigeren Preisen. Da wo der Service stimmt, laufen hingegen auch Karstadt-Häuser gut.

  10. VolkerD
    15.06.2009 | 19:51

    @Stefanolix
    >Das war doch nur noch ein Verzweiflungsakt. Was soll der denn
    >sonst machen, wenn er nirgendwo sonst mehr Kredit bekommt?

    –> Wirklich? War das nicht eher die traditionelle deutsche Tradition, sich erst mal beim Staat zu bedienen?

  11. 15.06.2009 | 19:58

    Vorstandschefs werden nicht aufgrund ordnungspolitischer Vorstellungen angeheuert. Wer als CEO nicht alle Möglichkeiten ausreizt, und dazu gehört dann auch Staatsknete, wenn sie angeboten wird, gehörte stattdessen gefeuert.

  12. jopa
    15.06.2009 | 20:11

    “Sie haben doch genug, Sie bräuchten gar kein Gehalt zu bekommen.”

    @ Rayson: Ist das Zitat wirklich so gefallen? Wenn ja, dann fände ich dergleichen extrem dreist…

  13. F.Alfonzo
    15.06.2009 | 20:49

    @ Holger:

    Ich habe selten in diesem Haus eingekauft, hatte aber nie das Gefühl schlecht (oder schlechter als in vergleichbaren Geschäften) beraten oder behandelt zu werden.

    Der Grund, warum ich da fast nie eingekauft habe (du hast es selbst genannt) ist der, dass der Laden teurer war als die Fachkonkurrenz, die ähnlichen Service angeboten hat, und noch viel teuerer als irgendwelche Internetshops, die überhaupt keine Beratung anbieten.

    Ich denke das ist ein wichtiger Punkt; die Nachfrageseite wird in solchen Shows grundsätzlich nicht diskutiert, und die Leute, die den Karstadt-Mitarbeiten zu ihrer Demo applaudieren, sind halt größtenteils Leute, die in dem Laden nie was gekauft haben, weil sie ihren Stoff woanders billiger bekommen. Ich frag mich ja schon, warum das nie zur Sprache kommt, obwohl es doch offensichtlich ist…

    F.A.

  14. 15.06.2009 | 22:33

    Ja, wenn die alle etwas kaufen würden, statt sich als Mahnwache um das Haus zu versammeln;-)

    @Rayson: OK, ich wusste nicht, dass M. (bzw. seine Gattin?) die Anteile vorher schon besessen haben. Ich will lieber von dem ganzen Mist nichts mehr wissen.

    Ich oute bekenne mich jetzt einfach als guter Kunde der Karstadt-Feinkost-Abteilung in Dresden: sie hatten der Qualität angemessene Preise, viele gute Ideen und sehr leckere Spezialitäten. Ich bin an den Service im engeren Sinne immer sehr pragmatisch herangegangen, ich bin selbst kein schablonenkompatibler Mensch und erwarte das auch nicht von Fachverkäuferinnen. Wenn sie gemerkt haben, dass ich sehr gern koche, konnte man wirklich mit den meisten ganz gut auskommen.

    Ich kann sagen, dass Karstadt uns sehr oft ein gutes Sonntags-, Oster- oder Pfingstessen ermöglicht hat, wenn wir hart an die Feiertage heranarbeiten mussten und keinen Einkauf organisieren konnten. Da konnte ich in einer halben Stunde wirklich gut und komplett einkaufen.

    Aber die Multimedia-Abteilung konnte einem wirklich leidtun und online hatten sie (soweit ich das bei Kameras & Zubehör sehen konnte) die gleichen sehr eingeschränkten Angebote. Weiß jemand, warum sie da nicht mit jemandem kooperiert haben, der sich damit auskennt?

  15. VolkerD
    16.06.2009 | 8:04

    @Rayson
    >Vorstandschefs werden nicht aufgrund
    >ordnungspolitischer Vorstellungen angeheuert. Wer als
    >CEO nicht alle Möglichkeiten ausreizt, und dazu
    >gehört dann auch Staatsknete, wenn sie angeboten
    >wird, gehörte stattdessen gefeuert.

    –> Ich komme darauf zurück, wenn sich irgendwelche Leute mal wieder über die unverschämten Hartz IV-ler echauffieren, aber das ist ein anderes Thema … nein, ist es eigentlich nicht, denn wie geschrieben es ist mittlerweile gute Tradition sich vom Staat aushalten zu lassen.

    Nur – was “Manager” angeht – hat das den schlechten Beigeschmack, dass diese Gruppe von Angestellten bis vor gar nicht allzu alnger Zeit sich vehement gegen die Einmischung des Staates gewehrt hat und jetzt geradezu darum betteln: Wer bezahlt hat was zu sagen und ich möchte keine “Staatsunternehmen von hinten”.

  16. Boche
    16.06.2009 | 8:24

    @VolkerD

    Wenn du hier jemanden findest, der auf Hartz4-Empfänger schimpft, kannst du ja mal die Hand heben.
    Wenn du bei der Gelegenheit noch deine massenmedialen Plattitüden über das vermeintliche Verhalten von “Managern” in der Vergangenheit belegen könntest, würde vielleicht noch eine richtig runde Sache draus.
    Für pauschalisierenden Unsinn schalte ich dann doch lieber die Öffentlich-Rechtlichen ein oder lese den Spiegel.

  17. R.A.
    16.06.2009 | 10:16

    Das Vermieter-Engagement von Middelhoff hat natürlich einen merkwürdigen Beigeschmack.

    Ich versuche aber mal den advocatus diaboli: Da setzt jemand massiv eigenes Geld ein (und motiviert andere dazu), um einer angeschlagenen Firma Liquidität zu verschaffen. Und bekommt dafür Immobilien, deren Einnahmen von einem fast insolventen Mieter stammen – also eine hochriskante Investition.

    Könnte also sein, daß das ein hochanständiger Versuch war, den Konzern zu retten.

  18. VolkerD
    16.06.2009 | 10:27

    @Boche
    >Wenn du hier jemanden findest, der auf Hartz4-
    >Empfänger schimpft, kannst du ja mal die Hand heben.

    Getroffene Hunde bellen? Ich habe nichts von den Bissigen gesagt

    >Wenn du bei der Gelegenheit noch deine
    >massenmedialen Plattitüden über das vermeintliche
    >Verhalten von “Managern” in der Vergangenheit
    >belegen könntest, würde vielleicht noch eine
    >richtig runde Sache draus.

    Die Plattitüden der Manager muß ich nicht nachweisen, das steht in den diversen Zeitungen oder anderen Massenmedien.
    Ist aber eine beliebte Masche um Meinungsäußerungen abzuwürgen: Einfach mal Belege verlangen, die anschließend zwerpflücken und so vom Hundertsten ins Tausendste kommen; dafür bist du Spzeialist, fällt mir gerade ein.

    >Für pauschalisierenden Unsinn schalte ich dann doch
    >lieber die Öffentlich-Rechtlichen ein oder lese den
    >Spiegel.
    –> Ne, da lese ich lieber euren Blog, das ist amüsanter.

  19. Boche
    16.06.2009 | 12:11

    @VolkerD

    Getroffene Hunde bellen?

    Ich belle nicht sondern knurre, wenn hier penetrante, unterschwellige Unterstellungen hingeschmiert werden.

    Die Plattitüden der Manager muß ich nicht nachweisen, das steht in den diversen Zeitungen oder anderen Massenmedien.

    Genau. Die Öffentlich-Rechtlichen und die BILD und alle anderen ernst zu nehmenden Medien haben doch oft genug über die gierigen, neoliberalen Manager berichtet. QED.
    Tut mir leid. Es ist mir zu dumm, deine Vorurteile und dein Scheinwissen zu diskutieren.

    Einfach mal Belege verlangen, die anschließend zwerpflücken und so vom Hundertsten ins Tausendste kommen; dafür bist du Spzeialist, fällt mir gerade ein.

    Ach, diese lästigen Details…! Wenn die Anne Will und die Maischberger doch schon erschöpfend erklärt haben, wie Manager sind, kann der kleine Boche dem Durchblicker-Volker doch einfach mal glauben.

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