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Kurras? Brauch ich nich

Jahre, nachdem die zweite moderne Diktatur in Deutschland sich durch den mangelnden Rückhalt der sowjetischen Besatzer erledigt hatte, kommen immer weitere Details an Licht, wie sehr die Stasi auch in Westdeutschland aktiv war.

Es ist schon absurd. Mutmaßungen wie jene, dass die Kampagne gegen Lübke, das Scheitern des Misstrauensvotums 1972, die Friedensbewegung der 80er Jahre und das Wirken der RAF maßgeblich durch die Stasi beeinflusst wurden, hätte man vor 1989 zu unhaltbaren Spekulationen unverbesserlicher “kalter Krieger” und “dumpfer Antikommunisten” erklärt. Jetzt wissen wir, dass es sich dabei um durchaus realistische Einschätzungen handelt. Und wie zur Krönung des Ganzen stellt sich auch noch heraus, dass der Polizist, der Benno Ohnesorg erschoss, Mitglied der SED und Stasi-Mitarbeiter war.

Ich will jetzt gar nicht groß auf das Rauschen im Blätterwald eingehen, das insbesondere mit der letzten Entdeckung einsetzte und in dem es vor allem darum geht, Mythen zu verteidigen. Ich will hier nur das Ergebnis festhalten, dass sich aus meiner Beschäftigung mit diesen und anderen Informationen ergab. Zu Friedensbewegung, RAF und der 68er Bewegung hatte ich mir, seitdem ich mich an politisches Denken meinerseits erinnern kann, eine Meinung gebildet, die mich in Bezug zu den anderen politisch Engagierten meines Jahrgangs deutlich in die Minderheitenposition verwiesen (Lübke-Kampagne und Brandt-Misstrauensvotum wirkten damals schon nicht mehr nach). Um zu dieser Meinung zu gelangen, brauchte ich die Annahme nicht, dass die Stasi hinter allem steckte.

Also lassen mich all diese Wissenserweiterungen eher kalt und sorgen höchstens für Erstaunen. Hätte ich aber damals auf der anderen Seite der Barrikade gestanden, hätte ich heute, ganz subjektiv gesehen, ein Problem. Keins, das man nicht oberflächlich mit Eloquenz wegbügeln könnte, aber etwas tiefer gäbe es dann eben doch das etwas ungute Gefühl, zumindest teilweise einer Lüge aufgesessen zu sein, die man als Mensch, der ein kritisches Bewusstsein für sich in Anspruch nahm, vielleicht doch hätte als solche zumindest verdächtigen müssen, und darüber hinaus auch die etwas bange Sorge, auf welche Verarschungen ich sonst noch hereingefallen wäre.

Aber wie gesagt: Nicht mein Problem.

bisher 11 Kommentare » Kommentare
  1. Pantalaimon sagt am 01. 06. 2009 um 14:09 Uhr:

    Ich muss mir immer vorstellen, wie bei der Bild-Redaktion die Alarmglocken angingen als sie erkannt haben, dass die jahrelang einen Spitzel gedeckt haben. Muahahahaha. Hätte Springer-”Presse” Kurras durchleuchtet anstatt zum Helden zu verklären, wäre denen das sicherlich shcon damals aufgefallen.

    Aber was sagt die Tatsache darüber das Kurras ein Spitzel war aus.
    Über den Tathergang schon mal gar nichts. Ebenfalls geht aus den Stasiakten hervor, das Kurras keinen Auftrag hatte, von daher hat er wohl nicht als IM geschossen.
    Folgerichtig wurde Kurras fallengelassen, ein Spion in der Öffenlichkeit ist ein unbrauchbarer Spion.
    Das die Stasi in form der RAF schließlich doch davon profitierte steht mit dem Mord an Ohnesorg in keinem direktem Zusammenhang. Alle anderen Vermutungen sind derzeit reine Spekulation.

    Generell sehe ich die 68er Bewegung positiv, die Menschen nahmen ihre demokratischen Rechte wahr, und demonstrierten gegen den Filz und Ungleichheit. Das dies auch auswüchse hatte wie die RAF hate ist traurig, aber radikale finden sich immer.

  2. Die Stimme aus dem Off sagt am 01. 06. 2009 um 20:47 Uhr:

    Mich wundert weder, dass Kurras auf der Gehaltsliste stand noch dass Westdeutschland unterwandert war.

    Das einzige, das mich wundert ist, dass man wirklich meint dem Volk das tatsächlich erzählen zu können.

    Lachhaft.

  3. Die Stimme aus dem Off sagt am 01. 06. 2009 um 21:08 Uhr:

    Mir ist ein Fehler bei der Umstellung des Textes unterlaufen. Ich wundere mich darüber, dass niemand etwas gewusst haben will.

    Woran erinnert mich das nur?

  4. R.A. sagt am 02. 06. 2009 um 10:01 Uhr:

    @Pantalaimon:

    Ebenfalls geht aus den Stasiakten hervor, das Kurras keinen Auftrag hatte,

    Kann man so nicht sagen.
    Denn klar ist, daß die Akten nicht vollständig sind, daß Teile davon später entfernt wurden.
    Ob es einen solchen Schießauftrag gab, ob dieser dann gelöscht wurde, oder ob es sich um eine andere StaSi-Schweinerei handelt – ist alles offen.

  5. Zettel sagt am 02. 06. 2009 um 10:12 Uhr:

    Lieber R.A.,

    ich habe gerade ein längeres Interview mit Stefan Aust bei Phoenix gesehen. Auch er geht davon aus, daß solche Mordaufträge des MfS in der Regel gar nicht in den Akten dokumentiert, sondern mündlich erteilt wurden.

    Aus meiner Sicht ist der entscheidende Punkt, daß man Kurras eine Panikreaktion abnehmen konnte, wenn er ein normaler Kripo-Mann gewesen wäre, der nicht im Umgang mit Waffen geschult war. Einem Stasi-Agenten, noch dazu einem Waffennarren, kann man das schwerlich abnehmen.

    Aber Spekulieren hilft letztlich nicht weiter. Wenn Kurras nicht selbst plaudert, wird die Sache vermutlich unaufgeklärt bleiben.

    Übrigens hat Aust in dem Gespräch etwas gesagt, das ich nicht gewußt hatte: Während der Zeit des Runden Tischs versuchte man zwar MfS-Akten vor der Zerstörung zu bewahren, aber die HVA hatte ausdrücklich die Erlaubnis zur Vernichtung ihrer Akten. Sie wurden größtenteils laut Aust verbrannt oder – ich glaube, das war das Wort – “verkollert”, nämlich durch Auflösung in Wasser zerstört.

    Herzlich, Zettel

  6. R.A. sagt am 02. 06. 2009 um 14:13 Uhr:

    @Zettel:
    Danke für diese Information.

    Es gibt ja noch diverse Merkwürdigkeiten, z. B. die Geschichte mit dem fast namensgleichen StaSi-Verräter Bernd Ohnesorge.

    Ich glaube nicht, daß wir in dieser Angelegenheit schon alles gehört haben, da komnmt noch was.

  7. Pantalaimon sagt am 02. 06. 2009 um 14:48 Uhr:

    Kann man so nicht sagen.
    Denn klar ist, daß die Akten nicht vollständig sind, daß Teile davon später entfernt wurden.
    Ob es einen solchen Schießauftrag gab, ob dieser dann gelöscht wurde, oder ob es sich um eine andere StaSi-Schweinerei handelt – ist alles offen.

    Es passt aber auch dazu, das man Kurras abserviert hat, sein Parteibuch nicht mehr gestempelt hat usw. Kurras hat sich unbeliebt gemacht dass er im Rampenlicht stand, seine KOntakte waren somit ebenfalls in Gefahr aufzufliegen.
    Hätte Kurras einen Auftrag gehabt, so wäre wohl eine zumindest eine Belobigung oder ein Orden fällig gewesen, oder?

  8. R.A. sagt am 02. 06. 2009 um 15:53 Uhr:

    @Pantalaimon:

    Hätte Kurras einen Auftrag gehabt, so wäre wohl eine zumindest eine Belobigung oder ein Orden fällig gewesen, oder?

    Nicht unbedingt – da sind diverse Möglichkeiten denkbar.
    Erstens einmal wäre es bei solchen Geheimdienstoperationen überhaupt nichts besonderes, den ausführenden Agenten NICHT zu belohnen – wenn er doch keine weitere Nützlichkeit mehr hat.

    Zweitens könnte die StaSi das Ausmaß der von so einer Mordaktion entfachten Entwicklung unterschätzt haben, und dann hinterher versucht haben, sich zu distanzieren.

    Zwischen der allgemeinen Absicht zur Eskalation und einer konkret zuschreibbaren Tat liegen ja Welten – vielleicht war nicht geplant, daß Kurras mit rauchender Waffe erwischt wird.

  9. DDH sagt am 05. 06. 2009 um 21:55 Uhr:

    Kurras war, ist und bleibt ein Staazi mit der staatlichen Lizenz zum Töten. Ob er nun als “linker” Staazi für einen “Links-Staat” oder “rechter” Staazi für einen “Rechts-Staat” schoß, ist mir Jacke wie Hose. Für neubürgerliches Triumphgeheul kulturkonservativer Anti-68er-Revanchisten gibt seine abgründige Biographie jedenfalls nichts her.

    Und weil wir gerade bei verlogenen Diskursen sind: Die DDR, die ich als DDR-Kind schon “Scheißstaat” genannt hatte (und deswegen zum Direktor meiner Schule zitiert wurde!) einen Unrechtsstaat zu nennen, ist recht und billig – aber mit neubürgerlicher Attitüde ist es auch wohlfeil und dient offenkundig nur hochmütigen BRD-Systemlingen zur Selbstbeweihräucherung (“Wie haben wir es doch herrlich weitgebracht!”), die kaum weniger schwer zu ertragen ist, als die vor 20 Jahren am 7. Oktober abgehaltenen Paraden. Aus anarcho-libertärer Perspektive bleibt festzuhalten: Die DDR war, wie jeder Staat auf Erden, ein Unrechtsstaat, der gegenüber der BRD indes den Vorzug besitzt, nicht mehr zu existieren.

  10. tigger sagt am 07. 06. 2009 um 13:44 Uhr:

    Die DDR war, wie jeder Staat auf Erden, ein Unrechtsstaat

    Solange man die Distanz nur gross genug wahrt, unterscheidet sich überhaupt nichts mehr voneinander.

  11. Nordberg sagt am 20. 06. 2009 um 17:07 Uhr:

    Hahahaha! Die linke Systempresse versucht sich von Kurras reinzuwaschen und tut jetzt so, als wäre der kein überzeugter Kommunist gewesen und habe vielleicht gar nicht im Auftrag der Stasi gehandelt: http://www.sueddeutsche.de/politik/276/472798/text/

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