Daimler, VW und grottenschlechter Journalismus

In einem Artikel auf “Spiegel Online” versucht Michael Kröger, den Versagern des Daimler-Managements das leuchtende Beispiel Volkswagen gegenüberzustellen.

Insgesamt hat der Konzern damit im Auftaktquartal mit 332.300 Pkw und Nutzfahrzeugen 34 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft. Gleichzeitig schrumpfte der Umsatz konzernweit um 22 Prozent auf 18,7 Milliarden Euro.

Eine Frage allerdings beantwortet der Daimler-Boss bei seinen Auftritten nie: Wie konnte es dazu kommen, dass Daimler so tief in die Krise rutscht, während zum Beispiel der Konkurrent Volkswagen von Rekord zu Rekord eilt?

Von Rekord zu Rekord? Selbstverständlich hat auch Volkswagen im 1. Quartal des Jahres, um das es bei der Meldung von Daimler geht, einen Umsatzrückgang zu verzeichnen (-11%), und ein positives Ergebnis konnte nur durch den Verkauf des brasilianischen Nutzfahrzeuggeschäftes erzielt werden. Die Behauptung, VW eile “von Rekord zu Rekord” ist damit schlicht: Unfug. Oder, je nach Geschmackslage: eine Lüge.

Nun ist ein Rückgang von 22% doppelt so groß wie einer von 11%, das ist wohl wahr. Das Argument von Daimler ist, dass seine Produktpalette, nämlich Fahrzeuge der Premiumklasse, von der Krise stärker betroffen ist, zumal die Abwrackprämie gerade im unteren Fahrzeugsegment einen Boom ausgelöst hat. Wie geht Herr Kröger damit um? So:

Stichwort Premiummarke: Längst hat die Volkswagen-Tochter Audi zum einstigen Branchen-Vorbild Daimler aufgeschlossen. Autos der Ingolstädter halten in jeder Wagenklasse den Vergleichsmodellen aus Stuttgart stand, in Sachen Verarbeitung – einst eine Mercedes-Domäne – übertreffen sie diese sogar. Volkswagen selbst braucht sich auch nicht zu verstecken. Selbst die viel geschmähte und erfolglose Oberklasselimousine Phaeton begegnet der S-Klasse technisch auf Augenhöhe. Einzig in Sachen Prestige hat die S-Klasse dem Phaeton noch einiges voraus.

Es muss bitter für einen Journalisten sein, wenn sich Märkte nicht an seine objektiven Erkenntnisse halten. Die Werturteile mögen stimmen oder nicht, aber ein Unternehmen, in dem der Chef Audi (oder gar Phaeton) fährt und die unteren Chargen Mercedes oder BMW, muss wohl erst noch erfunden werden. Ja selbstverständlich ist es das Prestige, das die Marke Mercedes werthaltig macht. Und damit teuer.

Kröger weiter:

Der Hinweis auf die Abwrackprämie ist auch nicht mehr als eine Ausrede. “Wenn ein Kunde eine A-Klasse kaufen will, dann nutzt er die Abwrackprämie eben dafür”, erklärt Jürgen Pieper, Auto-Analyst beim Bankhaus Metzler. Trotzdem habe Daimler nur 3000 bis 4000 prämiengeförderte Autos verkaufen können. Nach Piepers Überzeugung hat der VW-Konzern Daimler längst die Führungsrolle abgenommen. VW gelte inzwischen ebenso wie Audi als Premium-Anbieter. Die Preise, die die Wolfsburger für ihre Produkte verlangen könnten, seien ein Beleg dafür.

Ich weiß nicht, ob ich dem Bankhaus Metzler einen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Aber Geld würde ich dort sicher nicht anlegen, wenn die Analysten dort sich als ähnliche Flachdenker entpuppen wie Kollege Pieper. Denn welche Klientel fährt Autos, die über 10 Jahre alt sind? Potenzielle Mercedes-Kunden? Die A-Klasse mag technisch in der Golf-Klasse anzusiedeln sein, preislich ist sie aber eine Stufe drüber, während die Abwrackprämien-Erfolge in den Klassen darunter erzielt werden, also bei Fox, Polo, Fiesta, Ka, Corsa und den zahlreichen ausländischen Angeboten.

Und VW Premium-Anbieter? Ich stelle es mir bildhaft vor: “Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung! Sie haben jetzt das Anrecht auf einen VW Passat!” Wenn das mal kein Anreiz ist… Also ehrlich, da reden Blinde von der Farbe.

Dank größerer Stückzahlen und der ausgefeilten Gleichteilestrategie im Konzern können die Wolfsburger Skaleneffekte erzielen, die das Geschäft für sie weit profitabler machen als für Daimler. So hat etwa Audi trotz des Absatzrückgangs noch einen Gewinn verbucht – während Daimler tief in die Verlustzone geraten ist.

Es ist, da Audi noch keinen Quartalsbericht vorgelegt hat, ziemlich mutig, jetzt schon über Unterschiede zu spekulieren. Zumal, wenn man auch kein Wort über regionale Unterschiede verliert (Audi verkauft 70% seiner Fahrzeuge in Europa, Daimler nur 60%) Ich werde die übrigen Fakten nachholen. Aber das hat Herr Kröger tatsächlich mal gut recherchiert: Mercedes ist kein Massenanbieter. Aber er scheint das auch für einen Fehler zu halten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass in der Hochzeit des Merger-Wahns BMW immer wieder erzählt wurde, sie seien viel zu klein und sollten sich von VW kaufen lassen. Nun, die Jahre danach hätten solche Stimmen eigentlich für immer zum Schweigen bringen müssen, aber offensichtlich gibt es unter Betriebswirten und anderen Gelichtern noch genug Größenfanatiker, um das Loblied des Oligopols weiterzusingen. Vielleicht, damit sich man hinterher über Marktversagen beschweren kann…

Sehen wir einfach mal den Tatsachen ins Gesicht: Daimler ist von der Krise aufgrund seiner Produktpalette stärker betroffen als die Anbieter von Massenmodellen. Anlässe für Vergleiche zu VW sind an den Haaren herbeigezogen oder schieres Wunschdenken der Piech-Fraktion.

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14 Kommentare zu “Daimler, VW und grottenschlechter Journalismus”

  1. hubersn
    29.04.2009 | 3:26

    Nicht zu vergessen auch, dass VW und Audi es relativ günstig getroffen haben, was das Zusammentreffen von Krise und Modellwechseln angeht. Bei Mercedes-Benz lief das fast maximal schlecht.

    Tatsache ist aber auch, dass Mercedes-Benz tatsächlich relativ margenschwach ist, zumal für einen Premiumanbieter. BMW und vor allem Porsche sind da deutlich besser aufgestellt.

  2. tigger
    29.04.2009 | 11:30

    Naja, die Daimler PKWs sind halt so typische Fuhrpark-Karossen, mit denen man (möglichst in gediegenem schwarz), das mittlere Management auf die Reise schickt. Und da die Unternehmen bereits sparen, während die privaten Haushalte noch konsumfreudig sind, “spürt” Daimler die Flaute zuerst.

  3. R.A.
    29.04.2009 | 11:47

    Es ist schon “mutig” ein Unternehmen zu loben, daß seine Gewinne nur noch mit den Auslandstöchtern erwirtschaften kann.

    Ich sehe Daimler zwar auch kritisch – aber nicht aus den im Artikel genannten und von Rayson korrekt widerlegten Gründen.

    Aber Daimler hat sich strategisch über Jahre verzettelt, die legendäre Qualität schwer vernachlässigt (das wird ihnen gerade in den Tests und Pannenstatistiken der nächsten Jahren noch böse auf die Füße fallen).

    Und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt einfach nicht mehr.

    “Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung! Sie haben jetzt das Anrecht auf einen VW Passat!”

    Genau so war das bei mir.
    Bzw. ich hätte auch eine E-Klasse haben können.
    Aber der Passat war in jedem Punkt gleichwertig, der Mercedes aber um über 10.000 Euro teurer (was sich ja dann steuerlich jeden Monat bemerkbar macht).

    Prestige ist nett, aber nur fürs Prestige kann man doch nicht so einen horrenden Aufpreis verlangen.

  4. 29.04.2009 | 13:35

    @ein Unternehmen, in dem der Chef Audi (oder gar Phaeton) fährt und die unteren Chargen Mercedes oder BMW —- Nöööö, gibt es. In Niedersachsen gehört es oft zum guten Ton, Phaeton oder Touareg oder A8 bzw. A5 Coupé zu fahren. Man beweist damit Lokalpatriotismus. Das Gleiche gilt für Audi und Ingolstadt. Und die “unteren Chargen” fahren natürlich keine S-Klasse, sondern C-Klasse oder BMW-3er-Serie bzw. Z4. In der IT-Branche und im Werbeagenturbereich sind bei uns in Niedersachsen die Chefwagen meist Porsche, TT oder A5 (in meiner früheren Firma gab es die sogar als Dienstwagen, während der CEO privat Ferrari fuhr), und Mercedes gilt als Inbegriff von Spießigkeit. Für solche Leute ist der gefühlte Unterschied zwischen einer S-Klasse und einem Opel Omega mit Wackeldackel und gehäkelter Klorolle auf der Ablage=null.

  5. Lemmy Caution
    29.04.2009 | 14:42

    Je älter ich werde, desto mehr fällt mir auf, dass Journalisten deutlich zu Überzeichnungen neigen.
    Ein paar Körnchen Wahrheit enthält der Artikel aber schon.

    Die Marke Audi hat nämlich stark an Wertschätzung gewonnen.
    Noch in den 80ern wurden die Audis meines Vaters von seinen Kollegen als “Deutsche Kraftwagen” verlacht. Diese Einschätzung ist so heute wohl nicht mehr möglich.
    Das sagen übrigens auch mir bekannte Mitarbeiter in der Daimler Vertriebsorganisation.
    Es gibt etwa Umfragen, die zeigen dass Audis als spritsparenste teure Autos wahrgenommen werden. In Wahrheit erzielen aber zumindest BMWs bessere Werte.
    Ein Besitzer eines chilenischen Mercedes-Autohauses hat mir erzählt, dass dort Audi, Mercedes und BMW als gleichwertige qualitativ hochwertige Autos wahrgenommen werden.

  6. forentourist
    29.04.2009 | 15:49

    Nicht zu vergessen auch, dass VW und Audi es relativ günstig getroffen haben, was das Zusammentreffen von Krise und Modellwechseln angeht. Bei Mercedes-Benz lief das fast maximal schlecht.

    ich kann die einschätzung ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. vw hat zwar jetzt gerade einen neuen golf präsentiert, der polo (der gerade stark vom abwrackwahn profitiert) hat aber schon einige jahre auf dem buckel und der nachfolger kommt erst im sommer auf den markt. passat ist ungefähr in der mitte seines modelzyklus’, der touran im “herbst”.
    audi:
    a3 alt
    a4 neu
    a6 mittelalt
    a8 alt

    dagegen ist bei mercedes die neue c-klasse erst zu beginn der krise auf den markt gekommen, die e-klasse erscheint gerade und die s-klasse ist auch noch ganz frisch, verglichen mit phaeton/a8.

    Tatsache ist aber auch, dass Mercedes-Benz tatsächlich relativ margenschwach ist, zumal für einen Premiumanbieter. BMW und vor allem Porsche sind da deutlich besser aufgestellt.

    an dumpingpreisen dürfte das eher nicht liegen, die sind bei daimler im vergleich höher als bei bmw und audi. also bleibt als erklärung nur eine zu teure fertigung. denn in der entwicklung hat mercedes in den letzten jahren wirklich nichts gerissen, womit man die schwache marge rechtfertigen könnte. in der motorenentwicklung hinkt man hinterher (benzindirekteinspritzer) und etwas mit bmws efficient dynamics oder vws tsi-motoren vergleichbares hat man auch nicht vorzuweisen. stattdessen gabs ärger mit den bremsen der letzten e-klasse.

    fazit: daimler wurde lediglich schlechter geführt (oder hat sich bei chrysler verzettelt) als bmw und vw/audi.

    und zu porsche: ich bin gespannt, wie das OPERATIVE ergebnis für das laufende geschäftsjahr ausfällt. deren geschäftsmodell halte ich für besonders krisenanfällig, da stark abhängig vom us-markt und neureichen in schwellenländern. ein porsche ist halt ein lustkauf für fanboys, die es sich leisten können und wollen – und bereit sind, dafür einen aufpreis zu zahlen.

  7. Herbert
    29.04.2009 | 16:22

    “… aber ein Unternehmen, in dem der Chef Audi (oder gar Phaeton) fährt und die unteren Chargen Mercedes oder BMW, muss wohl erst noch erfunden werden.”
    Ich bin erstaunt, wie gut sich Rayson in solchen Hierarchien und ihren überkommenen Gepflogenheiten auskennt und wie gut er sie uns nahebringen kann. Ich Narr dachte immer, dass sich in einer Marktwirtschaft jeder einfach das Auto kauft, das er haben will und sich leisten kann. Ausserdem: bei uns in der Firma fahren die unteren Chargen tatsächlich BMW, den sogenannten Berater-Golf:-)

  8. Herbert
    29.04.2009 | 16:49

    @ forentourist
    Es wäre sehr verwunderlich, wenn ein Unternehmen wie Daimler, das mit Mitsubishi und Chrysler in zwei fruchtlosen Abenteuern seine Ressourcen verschremppt hat, heute im operativen Geschäft keine gravierenden Nachteile hätte. Immerhin hat Audi im VW-Konzern unspektakuläre Jahre erlebt und BMW sein kleineres Rover-Abenteuer schon länger hinter sich. Daimler ist in ganz schwerem Fahrwasser.

  9. 29.04.2009 | 18:58

    @”also bleibt als erklärung nur eine zu teure fertigung” —- Die hängt damit zusammen, dass Mercedes mal einer der großen Rüstungslieferanten der Nation war und auf das Modell “Garantierte Abnahme – garantierter vorzeitiger Alterungszyklus – Garantierte Hochpreise” seitens der Bundeswehr abgestellt war, das im Kalten Krieg herrschte. Da waren alle anderen deutschen Autohersteller (MAN und Iveco-Magirus rechne ich hier natürlich nicht mit;-) )

    weitaus konsumenten- und marktorientierter. Daimler-Benz ist heute zwar längst runter von diesem alten Modell, bei dem die Gewinne aus dem militärischen Bereich Produktions- und Entwicklungskosten subventioniert haben, schleppt da aber bis heute z.T. ineffiziente Strukturen als “Erblast” mit.

  10. F.Alfonzo
    29.04.2009 | 21:44

    Bin nun weder Manager noch Auto(-markt)-Experte, allerdings ist mir in den letzten, sagen wir 10 Jahren immer eine Sache aufgefallen, vielleicht ist das ein Grund:

    Für die Mercedes-Karren gibt es eine unglaublich große Produktpalette, wesentlich mehr Modelle, als bspw. die direkte Konkurrenz BMW (meinetwegen auch VW oder Audi) anbietet.

    Vielleicht ist das ein Grund. Ein neues/alternatives Modell auf den Markt zu bringen kostet erst mal unheimlich viel Geld, das erst mal durch die Produktion/den Verkauf großer Stückzahlen wieder reingeholt werden muss. Kleinere Skalenerträge, sozusagen. Nur mal so als Tunnelblick-Ökonomen-Analyse.

    Vielleicht war das mit der Produktpalette auch nur ein subjektiver Eindruck. Kennt sich da jemand besser aus (hier gibt’s doch sicher Auto-Fanatiker)?

  11. 30.04.2009 | 1:11

    @Herbert

    Clown gefrühstückt? Klar kann sich jeder das Auto kaufen, das er will, nur eben nicht kostenlos von der Firma überlassen bekommen. Der Gedanke, fremdes Eigentum wie eigenes zu behandeln, mag ja in einem Sozi-Hirn fest verankert sein, in privaten Unternehmen hat er sich aber noch nicht richtig durchgesetzt.

  12. Andreas
    30.04.2009 | 13:11

    Ein weiterer Aspekt wären vielleicht auch die extrem atypisch hohen Tarifabschlüsse bei Daimler (und auch Porsche). Da wurde auch von Arbeitnehmerseite so in Saus und Braus gelebt, dass man jetzt nicht einmal murrt, wenn der Lohn gekürzt wird.

  13. Herbert
    4.05.2009 | 13:19

    @ Rayson
    “nur eben nicht kostenlos von der Firma überlassen bekommen.”
    Kostenlos ist schön gesagt, wenn man von einem Gehaltsbestandteil spricht. Dass es sich da um Kosten handelt, wird kaum zu bestreiten sein.
    @ Andreas
    “…dass man jetzt nicht einmal murrt, wenn der Lohn gekürzt wird.”
    Das ist einfach nur vernünftig von den Daimler-Arbeitnehmern, ihren Betriebsräten und der IG Metall.

  14. 4.05.2009 | 16:00

    @Herbert

    Du unterliegst einem Irrtum: Für Klugscheißerei werden hier keine Punkte verteilt. Kosten für die Firma, klar. Und wenn schon klugscheißen, dann bitte richtig: Gehaltsbestandteil ist nicht der Dienstwagen, sondern dessen unentgeltliche private Nutzung.

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