Die Zensursula und die Echtzeitüberwachung des Internet

Warnung: Dieser Beitrag enthält Links auf die Seiten von Fachinformationsdiensten und Fachleuten, die sich sachlich mit dem Prozess der Überwachung des Internets auseinandersetzen. Das Anklicken dieser Links kann Ihre Ruhe und Gelassenheit beeinträchtigen. Und wenn sich die Überwacher durchsetzen, kann bald schon Ihr häuslicher Friede gefährdet sein.

Ich gebe zu: ich laufe hinter der Entwicklung her. Ein einziges Mal wollte ich in diesem Blog auch den Kalauer »Zensursula« verwenden. Aber eigentlich sind die Forderungen und die ungeschickten Äußerungen der Ministerin von der Leyen schon Geschichte. Wir haben befürchtet, dass es schlimmer kommen würde — und es kam schlimmer.

Die Telekom gab am Wochenende bekannt, dass die Entwicklung eines vollautomatischen Verfahrens zum Sperren von Zugriffen auf Seiten aus der BKA-Liste ein halbes Jahr dauern soll. Eine einfache DNS-Sperre kann damit wohl kaum gemeint sein. Gleichzeitig fordern Politiker, dass die Zugriffe auf Seiten aus der Zensurliste »in Echtzeit« protokolliert werden sollen. Es scheint klar, dass die Zugreifenden dann sofort als Straftatverdächtige zu behandeln sind — gleichgültig, ob sie das Ziel des Links überhaupt kannten und ob sie über das Verbot der Seite informiert waren.

Ich war früher manchmal ein eher zufälliger Besucher der Seite wikileaks. Die Betreiber werden ja inzwischen wegen der Veröffentlichung einer ausländischen Sperrliste verfolgt (angeblich setzen sie »Links zur Kinderpornografie« und machen diese damit den Benutzern zugänglich). Nun mag man streiten, ob wikileaks geschickt gehandelt hat, als sie die ganze Zensurliste ins Netz gestellt haben. Aus Sicht des Staates könnte die Seite jedenfalls schon wegen der Links auf die BKA-Liste gelangen.

Bevor die Information über das Vorgehen gegen den Inhaber der Domain wikileaks.de in der Zeitung stand, haben tausende Nutzer diese Seite angeklickt, um beispielsweise bisher geheimgehaltene Informationen über Behördendokumente oder Dokumente aus Staatsunternehmen zu lesen. Dagegen war bisher nichts einzuwenden.

Man kann mit einer DNS-Sperre nicht eine einzelne HTML-Seite auf einer Domain sperren. Jeder Zugriff auf eine der vielen anderen Seite bei wikileaks hätte also zum STOP-Schild geführt und wäre — nach den Plänen der Überwachungsbefürworter — als Zugriff auf Kinderpornoprafie gewertet worden. Der Staat hätte also gewusst, wer sich für bestimmte Informationen interessiert und er hätte bei jedem dieser Nutzer eine Durchsuchung wegen des »Zugriffs auf Kinderpornografie« durchführen können.

Dieser Fall war ja noch ziemlich anschaulich. Es gibt aber eine Menge weitere Manipulationsmöglichkeiten, die es Kennern der BKA-Liste oder der Kinderpornografie-Szene ermöglichen, Zugriffe zu provozieren. Es liegt in der Natur der geplanten Überwachungsmaßnahmen, dass die Sperrliste geheim bleiben muss. Es liegt in der Natur der meisten Juristen, dass sie sich nicht für Technik interessieren. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass die Durchsuchungen in den meisten Fällen genehmigt werden, weil die Adresse auf einer Liste mit Kinderpornografie stand.


Weiterführender Hinweis: Der Netzaktivist Lutz Donnerhacke hat schon vor einigen Tagen die wichtigsten Argumente der Zensur-Befürworter auseinandergenommen und eindrucksvoll widerlegt. Damals waren die Pläne zur Überwachung der Zensur-Infrastruktur allerdings noch nicht bekannt.


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8 Kommentare zu “Die Zensursula und die Echtzeitüberwachung des Internet”

  1. 27.04.2009 | 9:38

    Artikelsammlung zum Thema Internet Zenzur…

    Ich habe eine Handvoll Artikel, die sich auf sehr lesenswerte Art mit dem Thema Internet Filter respektive Zensur befassen zusammengetragen.

    “Die Dreckschleuder” – Auf dem Kinderporno-Ticket zur Internetzensur
    scusiblog – aus den Kommenta…

  2. R.A.
    27.04.2009 | 9:53

    Mir fällt bei diesem Thema nichts mehr ein.

    Die technische Inkompetenz der Politiker, die Unverfrorenheit der Regierungslügen, das allgemeine Stillschweigen angesichts dieser Zensureinführung – es ist entsetzlich.

  3. 27.04.2009 | 10:25

    Das Hauptproblem, dass ich hier sehe ist, dass das BKA Ermittler, Ankläger und Richter in einem ist und sich jedweder Kontrolle entzieht. Jeder der sich wehrt, sieht sich automatisch dem Vorwurf der Pädophilie ausgesetzt.

    Dass das BKA diese Befugnisse gern mitnimmt ist klar. Aber das grenzenlose Vertauen unserer Politiker in einen Geheimdienst ist mir völlig schleierhaft. Mit Inkompetenz allein (die zweifellos vorhanden ist), lässt sich das nicht erklären.

    Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien. Aber irgendwas Größeres ist da im Busch.

  4. 27.04.2009 | 10:35

    @Bö: Richter ist das BKA ja noch nicht. Aber viele Richter werden sich auf die Aussagen des BKA verlassen. Außerdem setzt das BKA die Domainnamen weitgehend unkontrolliert auf die Zensurliste. Und was mit Leuten passiert, die Transparenz schaffen wollen, sieht man ja am Verantwortlichen (Domain-Inhaber) von »wikileaks.de«.

    @R.A.: Die Forderungen der letzten Tage sind ja noch nicht lange in der Welt. Hoffen wir, dass die Fachjournalisten die Sache in ihrer ganzen Tragweite verstehen und darüber schreiben. Die ZEIT, die SZ und den SPIEGEL können die Zensurbefürworter ja noch nicht verbieten.

  5. 27.04.2009 | 12:10

    http://www.zeit.de/2009/18/BKA-Gesetz

    Als Ergänzung ja ganz passend … ist ja ein Thema, wo tatsächlich über die “Lagergrenzen” hinweg völlige Einigkeit herrscht angesichts der Notwendigkeit heftigster Kritik.

  6. R.A.
    27.04.2009 | 14:22

    Auf die ZEIT ist auch hier kein Verlaß.
    Einen Artikel weiter freut man sich über die Zensur, weil man damit auch die bösen Kopierer fangen kann:

  7. 27.04.2009 | 14:49

    Ooops – hatte nur das von dem Naumann gelesen, und das fand ich gut.

  8. Pantalaimon
    27.04.2009 | 16:04

    und ich freue mich , das ich nicht nur als Killerspieler mich mit Pädos vergleichen alssen muss, sondern auch als jemand der einen öffentlichen ausländischen DNS-Server verwendet.

    Guckt ihr hier: http://www.netzeitung.de/internet/internet/1339719.html

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