Was 20 Jahre so alles verändern

Es häufen sich in der letzten Zeit Aussagen, die man vor, sagen wir mal, nur 15 Jahren noch nicht hätte hören können, weil sie entweder verlacht oder einfach nicht zur Kenntnis genommen geworden wären.

Da fällt dem SPD-SowasvonWessiaberauch-Müntefering rechtzeitig vor der Bundestagswahl 2009, bei der die SPD gute Aussichten hat, in den Neuen Bundesländern zur Dritten Kraft äh, zu werden, ein, dass man damals, also so zwischen 1989 und 1990 wahrscheinlich, entre la poire et le fromage sozusagen, mal eben schnell eine neue Verfassung hätte beschließen sollen, damit sich die armen Ostdeutschen, die da wohl irgendwie widerstrebend die bundesdeutsche akzeptieren mussten, nicht so ausgeschlossen vorkommen mussten.

Der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, vermisst als Krönung seines widerständlerischen Strebens die Neubenamsung des wiedervereinigten Deutschlands. Grund (zitiert nach Welt Online):

Der Begriff BRD stehe für die Zeit von 1949 bis 1989, „also nur für einen Teil Deutschlands“

Außerdem gefällt ihm der 3. Oktober als Nationalfeiertag nicht, denn

Dieser Tag sei ein “sinnloses und blutleeres Datum”. Es wäre aus seiner Sicht besser gewesen, die Einheit sechs Tage später zu feiern. Am 9. Oktober 1989 seien 70.000 Menschen nach den Friedensgebeten in Leipzig unterwegs gewesen. Danach sei die DDR “nicht mehr dieselbe” gewesen.

(Lassen wir den Widerspruch, dass er den Ostdeutschen zwar keinen westdeutschen Namen, den Westdeutschen aber einen ostdeutsch begründeten Nationalfeiertag zumuten möchte, jetzt mal beiseite…)

Und jetzt entdeckt Zettel, der dankenswerterweise für mich die “Süddeutsche” liest, dass der unvermeidliche Herbert Prantl, kein Wessi, kein Ossi, sondern ein Bajuware, erst mit der Vereinigung der Nationalhymnen die deutsche Einheit vollzogen sieht.

Nun lasset Ihr armen 30jährigen, die ihr so recht keine Erinnerung an die Zusammenhänge damals haben könnt, Euch von Onkel Rayson, der hier gnadenlos von seinem Fluch der frühen Geburt Gebrauch macht, sagen, wie es zugetragen hat damals, in den Jahren der Wende. Natürlich ist es eine Wessi-Perspektive, aber gerade in diesem Blog, in dem es schon unter den Autoren an qualifizierten Gegenmeinungen aus damals ostdeutscher Sicht nicht mangeln wird, kann man die ja mal unbeschwert äußern:

Der offizielle Wende-Mythos lautet, dass die DDR wegen der “friedlichen Revolution”, vulgo: den Montags- und Folgedemos, zusammengebrochen sei. Das ist aber höchstens nur die halbe Wahrheit. Diese Demos hatten zwei wesentliche Voraussetzungen, ohne die sie ebensowenig stattgefunden hätten wie sie, falls es sie doch gegeben hätte, gescheitert wären. Die eine war die Politik Gorbatschows, die alle Diktatoren Osteuropas den bisher so dringend benötigten (Deutschland 1953, Ungarn 1956, CSSR 1968) russischen Beistand versagte. Das andere war, dass es Ungarn, dessen Bewohner aus diversen Gründen nie in Massen geflohen wären, nicht mehr eingesehen hat, nur für die ungeliebten arroganten Ostdeutschen (yep, so haben die das gesehen…) die eigenen Grenzen nach Westen dichtmachen zu müssen. Beides löste einen Dominoeffekt aus, bei dem die berühmte Nachtszene mit Genscher in der Prager Botschaft eher am Ende als am Anfang stand. Vor aller Welt wurde eins sichtbar: Der einzige Grund, wegen dem die DDR noch existierte, war die Mauer. Das wiederum brachte die DDR-Einwohner auf die Palme, für die aus verschiedenen Gründen die jetzt doch mögliche “Republikflucht” nicht in Frage kam, und es verlieh ihrem Protest erst die gewaltige Legitimation, die ihn unwiderstehlich machte. Was natürlich nichts am Mut der damals Demonstrierenden ändert: Niemand konnte vorausahnen, dass es tatsächlich so friedlich enden würde. Tatsächlich scheint nach allem, was man heute weiß, der friedliche Ausgang auf des Messers Schneide gestanden zu haben. Die Proteste der DDR-Opposition haben den Untergang der Diktatur ganz sicher beschleunigt, keine Frage. Aber sie haben auch etwas beschleunigt, was nicht von allen, schon gar nicht von den Vordenkern der Oppositionsbewegungen, beabsichtigt gewesen war, nämlich den Untergang der DDR selbst.

An diesem Phantomschmerz leiden heute anscheinend auch im Osten noch so manche. Wenn man so will, haben die Unorganisierten und Unpolitischen die Sache entschieden. Die, die für Geld, Jobs und Freiheit sofort in den Westen gegangen wären, getreu dem Motto “Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr!”. Es hatte ja seinen Grund, dass die DDR sich die Mauer leistete. Mit ihrem Wegfall wurde der allen, die ein weiteres, diesmal natürlich besseres sozialistisches Experiment wagen wollten, schmerzlich bewusst: Den Experimentierern fehlte für ihre Ideale einfach das dazu passende Volk.

Das Ende der DDR war kein Sieg der Demokratie, es war ein Sieg der Freiheit, vor allem der ökonomischen Freiheit (wozu ich frech auch mal die Reisefreiheit rechne). Trotz allem “Deutschland, einig Vaterland!”: Es war kein Nationalrausch (den entsprechend konditionierte Menschen wie z.B. Günter Grass natürlich sofort bannen wollten), sondern ein Freiheitsrausch, der 1990 die Kohlsche Allianz zum Sieg bei den Volkskammerwahlen führte.

Die Mehrheit der Bürger der DDR entschied damals, sich ganz und gar dem “Modell Deutschland” anzuschließen, das in der Bundesrepublik seit Kriegsende entwickelt wurde. Man wollte nichts anderes, als dass der Wohlstand des Westens sich komplett auch auf den Osten erstreckte, und man dachte wohl auch, mit dem Beitritt sei das quasi automatisch der Fall. Nun, es kam anders, allerdings relativ. Verglichen mit den Polen und den Ungarn, denen die DDR-Opposition so viel zu verdanken hatte, lebte man in Ostdeutschland seit dem Beitritt in Saus und Braus. Verglichen mit den neuen Landsleuten im Westen war man das Armenhaus. Klar, welcher Vergleich der dominierende wurde.

Wer jetzt aber in die damalige Zeit hineinphantasiert, die große Mehrheit der Ostdeutschen hätte sich damals große Gedanken darum gemacht, wie sie ihre DDR-Vergangenheit in eine neue Verfassung, einen neuen Namen oder eine neue Hymne mit einbringen hätten können, der war entweder damals nicht dabei, hat nicht genau hingesehen oder will uns heute verarschen.

Meine Behauptung: Die repräsentativen Stimmen der Ostdeutschen sind jene, die man heute nicht als solche hört. Weil sie sich a) nicht vor allem als Ostdeutsche begreifen, b) keine Zeit zum Jammern haben, weil sie ihre Energie sinnvoller einsetzen und c) mehr an die Zukunft denken als an die Vergangenheit.

Ähnliche Beiträge


15 Kommentare zu “Was 20 Jahre so alles verändern”

  1. 21.04.2009 | 21:07

    Schöner Beitrag! Mal sehen, ob ich was zu widersprechen finde. ;-)

  2. 21.04.2009 | 21:35

    Rayson bloggt jetzt schon so lange mit uns zusammen, dass er gar keine reine West-Perspektive mehr hat;-)

  3. 22.04.2009 | 3:35

    “Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr” stand damals auf den Demoplakaten. Die waren so gut wie Goethe, die konnten reimen.

  4. jpj
    22.04.2009 | 8:15

    Sehr schöner Beitrag, der es auf den Punkt bringt. Danke dafür!

  5. FG
    22.04.2009 | 8:55

    kleine Berichtigung zu dem ansonsten guten Beitrag: nach dem Ungarnaufstand 1956 sind mehrere Hunderttausend Ungarn nach Österreich und Deutschland geflohen, was dann auch zu einer deutlichen verschärfung der Grenzanlagen geführt hat. Richtig ist, dass sie dann 89 keine Lust mehr hatten, für andere Regime den Grenzkasper zu machen.

  6. 22.04.2009 | 9:32

    Ich, Wessi, und obwohl noch nicht ganz Mitte 30, sehe das wie Du. Was damals passierte ist Ausdruck wirtschaftlichen Begehrens. Das passt natürlich den Intellektuellen von heute so gar nicht – erstens machen die Menschen etwas, wozu die DDR-Intellektuellen sie nicht angehalten haben. Zweitens darf die sozialistische Ideologie nicht beschädigt werden. Die Verklärung und Uminterpretation des Geschehenen erfolgt daher anhand der bekannten Leitlinien: es war nicht alles schlecht (was ja stimmt, nur auf andere Weise) und es ist nicht der Sozialismus (und seine Mangelversorgung), der für die Wende verantwortlich ist. Mit diesen Leitlinien geht die Geschichte eines Anschlusses der DDR nicht gut zusammen. Bei einem Zusammenschluss mit Neubenamsung und neuem Feiertag kommt viel besser zum Ausdruck, dass die DDR gleichwertig zur BRD war und die Wessis viel vom Sozialismus zu lernen hatte.

  7. 22.04.2009 | 9:33

    Jetzt habe ich doch noch etwas gefunden, das mich zum Widerspruch reizt:

    Das Ende der DDR war kein Sieg der Demokratie, es war ein Sieg der Freiheit, vor allem der ökonomischen Freiheit (wozu ich frech auch mal die Reisefreiheit rechne).

    So pauschal, glaube ich, stimmt das nicht. Nicht die wirtschaftliche Freiheit dürfte für die meisten das angestrebte Ziel sein, sondern der wirtschaftliche Wohlstand.
    Wohl wenige wollten gezielt Wettbewerb und die Möglichkeit des wirtschaftlichen Scheiterns als freiheitsimmanente Konsequenz.
    Nein, die meisten wollten Wettbewerb unter den Anbietern der Waren, die man bezog – aber nicht im eigenen beruflichen Kontext.

    Ich vermute, Freiheit ist selten das Ziel der Meisten. Und wenn, dann nur bezogen auf besonders schmerzhafte Fesseln (wie die der nicht gewährten Reisefreiheit). In der Regel sind die Ziele prosaischer.
    Idealisten, wie die 89er Bürgerrechtler, dienen wohl immer nur vorübergehend dazu, das Streben der Meisten in ein hübsches Gewand zu kleiden. Wenn es dann so hübsch daherkommt, motiviert es eine Zeit lang auch mitzutun und auch mal Mut zu zeigen.

  8. R.A.
    22.04.2009 | 12:05

    Wie formulierte der Onkel meiner Frau aus Eberswalde das so schön: “Jetzt sind wir endlich auch Westen”.
    Und traf damit sehr genau den Gemütszustand der ganzen Familie.

    Und Rayson hat das sehr schön auf den Punkt gebracht: Wo “Ossis” heute unzufrieden sind, dann meist nur, weil sie eben nicht so komplett “Westen geworden” sind wie erhofft.

    Wobei Boche ja durchaus richtig darauf hingewiesen hat, daß nicht jeder wirklich wußte, was “Westen werden” insgesamt bedeutet.

    Herbst 1989 bei einer Betriebsbesichtigung in der Nähe von Leipzig hat eine Gruppe von Arbeitern die Parteitypen, die unsere Besuchergruppe führen sollte, beiseite geschoben und uns selber geführt – mit allen Schwachstellen des Betriebs.
    Und da hat auch einer gesagt: “Hoffentlich übernimmt jetzt ein echter Kapitalist den Laden und schmeißt die ganzen faulen Säcke raus”.

    Diese Blickschärfe dürften nicht viele gehabt haben.

  9. 22.04.2009 | 13:05

    @Boche

    Klar, man hatte sich die Freiheit etwas einseitiger gewünscht…

  10. Lemmy Caution
    22.04.2009 | 16:37

    Ich sehe das weder als einen Sieg der Freiheit noch der Demokratie, da heute fast 30% der ostdeutschen eine Partei wählen, die mit Freiheit nichts anfangen kann.
    Ein großes Problem war, dass sich auch auf Westseite die Vorstellung eines unproblematischen Automatismus bezüglich des Vereinigungsprozesses durchsetze. Ich rechne mit einer Verschärfung des innerdeutschen Ost-West Konflikts im Kontext der Wirtschaftskrise.

  11. 22.04.2009 | 17:22

    @Rayson

    Wenn man den Begriff “Freiheit” soweit dehnen möchte…

    @Lemmy Caution

    Ich sehe das weder als einen Sieg der Freiheit noch der Demokratie, da heute fast 30% der ostdeutschen eine Partei wählen, die mit Freiheit nichts anfangen kann.

    Immerhin wird gern die Freiheit genutzt, auch solche Freiheitsfeinde zu wählen.

  12. 22.04.2009 | 20:57

    @Boche

    Ich glaube nicht, dass ich da dehne.

    Was von den Ostdeutschen verständlicherweise am meisten gewünscht wurde, war Konsumfreiheit. Meinungs- und Redefreiheit ist damals wie heute subjektiv nur für die Minderheiten wichtig, die davon extensiv Gebrauch machen (so wie unsereins). Leider stellte sich heraus, dass die Konsumfreiheit einher ging mit allen anderen ökonomischen Freiheiten, also auch der, für die Waren echtes Geld zu verlangen und der, Arbeitssuchende nicht ohne weiteres dort einzustellen, wo diese es wollten.

    An den von Lemmy Caution genannten Fans der alten Regimepartei kann man ziemlich genau festmachen, wieviele Ostdeutsche das auch heute noch nicht akzeptieren wollen. Wobei der Prozentsatz etwas schief ist, weil die besonders Leistungsbereiten und -fähigen darunter heute oft Wessis sind (vielleicht nicht im Herzen, aber realiter ;-) ) oder sich gar bereits im benachbarten Ausland tummeln.

  13. 23.04.2009 | 14:38

    Gut, man bekam noch ein schönes Stückchen Deutschland geschenkt, aber besetzt blieb man trotzdem.

    Und dafür verloren sie auch noch ca. 35% ihres Staatsgebietes an Russland.

  14. krischan
    23.04.2009 | 14:45

    Volle Zustimmung, auch wenn ich als Ossi > 30 Jahre das zugeben muss.
    Ein wesentlicher Punkt scheint mir aber in der Diskussion etwas unterzugehen: Die beiden von Rayson genannten Voraussetzungen (Perestroika, Glasnost und die SU-Nichteinmischung einerseits sowie der Freiheitsdrang der Ungarn andererseits). Immerhin darf man nicht vergessen, dass viel früher in anderen sozialistischen Ostblockstaaten das Tauwetter einsetzte, die DDR war da noch mit am linientreuesten! In Polen gabs im Frühjahr 89 schon runde Tische, alternative Gewerkschaften (Solidarnosz), Ansätze zu einem echten Mehrparteiensystem; in Ungarn war der Gulaschkommunismus immer schon bisschen anders.
    Ich behaupte mal, dass zwei, drei Jahre eher diese Demonstrationen massiv niedergeknüppelt worden wären, siehe 1953. Die allgemeine politische Stimmung machte es 89 leichter, auf einen bereits Full Speed fahrenden Zug aufzuspringen. So relativiert sich die unblutige Revolution doch etwas. Ich denke, dass Polen, Ungarn, Tschechen weitaus mehr gewagt haben – als im Sommer / Herbst 89 in Deutschland das muntere Revolutionieren losging, hat man ja schon gewusst, dass “der Russe” sich nicht einmischt. Da bracht das Kartenhaus DDR zusammen.

  15. 23.04.2009 | 14:45

    @krischan

    Stimmt: Vor allem die Rolle der Polen kann nicht genug betont werden. Für die stellte sich aber auch die Situation etwas anders dar. Da hatte der Widerstand auch eine erhebliche nationale Komponente, schließlich musste es den Polen so vorkommen, dass von den beiden Vertragspartnern des Hitler-Stalin-Pakts nur einer übrig geblieben war, dafür aber mit dem Willen, auch den Part des anderen zu übernehmen. Gut, man bekam noch ein schönes Stückchen Deutschland geschenkt, aber besetzt blieb man trotzdem.

    Und wer Polen sagt, kann natürlich am polnischen Papst nicht vorbei. Für mich markiert die Wahl Karel Wojtylas den Anfang vom Ende des Kommunismus in Osteuropa. “Wieviele Divisionen hat der Papst?” soll Stalin mal gefragt haben. Die Frage blieb unbeantwortet, aber es waren letztlich zu viele für den Kommunismus.

Bad Behavior has blocked 1090 access attempts in the last 7 days.