21. April 2009
Was 20 Jahre so alles verändern
Es häufen sich in der letzten Zeit Aussagen, die man vor, sagen wir mal, nur 15 Jahren noch nicht hätte hören können, weil sie entweder verlacht oder einfach nicht zur Kenntnis genommen geworden wären.
Da fällt dem SPD-SowasvonWessiaberauch-Müntefering rechtzeitig vor der Bundestagswahl 2009, bei der die SPD gute Aussichten hat, in den Neuen Bundesländern zur Dritten Kraft äh, zu werden, ein, dass man damals, also so zwischen 1989 und 1990 wahrscheinlich, entre la poire et le fromage sozusagen, mal eben schnell eine neue Verfassung hätte beschließen sollen, damit sich die armen Ostdeutschen, die da wohl irgendwie widerstrebend die bundesdeutsche akzeptieren mussten, nicht so ausgeschlossen vorkommen mussten.
Der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, vermisst als Krönung seines widerständlerischen Strebens die Neubenamsung des wiedervereinigten Deutschlands. Grund (zitiert nach Welt Online):
Der Begriff BRD stehe für die Zeit von 1949 bis 1989, „also nur für einen Teil Deutschlands“
Außerdem gefällt ihm der 3. Oktober als Nationalfeiertag nicht, denn
Dieser Tag sei ein “sinnloses und blutleeres Datum”. Es wäre aus seiner Sicht besser gewesen, die Einheit sechs Tage später zu feiern. Am 9. Oktober 1989 seien 70.000 Menschen nach den Friedensgebeten in Leipzig unterwegs gewesen. Danach sei die DDR “nicht mehr dieselbe” gewesen.
(Lassen wir den Widerspruch, dass er den Ostdeutschen zwar keinen westdeutschen Namen, den Westdeutschen aber einen ostdeutsch begründeten Nationalfeiertag zumuten möchte, jetzt mal beiseite…)
Und jetzt entdeckt Zettel, der dankenswerterweise für mich die “Süddeutsche” liest, dass der unvermeidliche Herbert Prantl, kein Wessi, kein Ossi, sondern ein Bajuware, erst mit der Vereinigung der Nationalhymnen die deutsche Einheit vollzogen sieht.
Nun lasset Ihr armen 30jährigen, die ihr so recht keine Erinnerung an die Zusammenhänge damals haben könnt, Euch von Onkel Rayson, der hier gnadenlos von seinem Fluch der frühen Geburt Gebrauch macht, sagen, wie es zugetragen hat damals, in den Jahren der Wende. Natürlich ist es eine Wessi-Perspektive, aber gerade in diesem Blog, in dem es schon unter den Autoren an qualifizierten Gegenmeinungen aus damals ostdeutscher Sicht nicht mangeln wird, kann man die ja mal unbeschwert äußern:
Der offizielle Wende-Mythos lautet, dass die DDR wegen der “friedlichen Revolution”, vulgo: den Montags- und Folgedemos, zusammengebrochen sei. Das ist aber höchstens nur die halbe Wahrheit. Diese Demos hatten zwei wesentliche Voraussetzungen, ohne die sie ebensowenig stattgefunden hätten wie sie, falls es sie doch gegeben hätte, gescheitert wären. Die eine war die Politik Gorbatschows, die alle Diktatoren Osteuropas den bisher so dringend benötigten (Deutschland 1953, Ungarn 1956, CSSR 1968) russischen Beistand versagte. Das andere war, dass es Ungarn, dessen Bewohner aus diversen Gründen nie in Massen geflohen wären, nicht mehr eingesehen hat, nur für die ungeliebten arroganten Ostdeutschen (yep, so haben die das gesehen…) die eigenen Grenzen nach Westen dichtmachen zu müssen. Beides löste einen Dominoeffekt aus, bei dem die berühmte Nachtszene mit Genscher in der Prager Botschaft eher am Ende als am Anfang stand. Vor aller Welt wurde eins sichtbar: Der einzige Grund, wegen dem die DDR noch existierte, war die Mauer. Das wiederum brachte die DDR-Einwohner auf die Palme, für die aus verschiedenen Gründen die jetzt doch mögliche “Republikflucht” nicht in Frage kam, und es verlieh ihrem Protest erst die gewaltige Legitimation, die ihn unwiderstehlich machte. Was natürlich nichts am Mut der damals Demonstrierenden ändert: Niemand konnte vorausahnen, dass es tatsächlich so friedlich enden würde. Tatsächlich scheint nach allem, was man heute weiß, der friedliche Ausgang auf des Messers Schneide gestanden zu haben. Die Proteste der DDR-Opposition haben den Untergang der Diktatur ganz sicher beschleunigt, keine Frage. Aber sie haben auch etwas beschleunigt, was nicht von allen, schon gar nicht von den Vordenkern der Oppositionsbewegungen, beabsichtigt gewesen war, nämlich den Untergang der DDR selbst.
An diesem Phantomschmerz leiden heute anscheinend auch im Osten noch so manche. Wenn man so will, haben die Unorganisierten und Unpolitischen die Sache entschieden. Die, die für Geld, Jobs und Freiheit sofort in den Westen gegangen wären, getreu dem Motto “Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr!”. Es hatte ja seinen Grund, dass die DDR sich die Mauer leistete. Mit ihrem Wegfall wurde der allen, die ein weiteres, diesmal natürlich besseres sozialistisches Experiment wagen wollten, schmerzlich bewusst: Den Experimentierern fehlte für ihre Ideale einfach das dazu passende Volk.
Das Ende der DDR war kein Sieg der Demokratie, es war ein Sieg der Freiheit, vor allem der ökonomischen Freiheit (wozu ich frech auch mal die Reisefreiheit rechne). Trotz allem “Deutschland, einig Vaterland!”: Es war kein Nationalrausch (den entsprechend konditionierte Menschen wie z.B. Günter Grass natürlich sofort bannen wollten), sondern ein Freiheitsrausch, der 1990 die Kohlsche Allianz zum Sieg bei den Volkskammerwahlen führte.
Die Mehrheit der Bürger der DDR entschied damals, sich ganz und gar dem “Modell Deutschland” anzuschließen, das in der Bundesrepublik seit Kriegsende entwickelt wurde. Man wollte nichts anderes, als dass der Wohlstand des Westens sich komplett auch auf den Osten erstreckte, und man dachte wohl auch, mit dem Beitritt sei das quasi automatisch der Fall. Nun, es kam anders, allerdings relativ. Verglichen mit den Polen und den Ungarn, denen die DDR-Opposition so viel zu verdanken hatte, lebte man in Ostdeutschland seit dem Beitritt in Saus und Braus. Verglichen mit den neuen Landsleuten im Westen war man das Armenhaus. Klar, welcher Vergleich der dominierende wurde.
Wer jetzt aber in die damalige Zeit hineinphantasiert, die große Mehrheit der Ostdeutschen hätte sich damals große Gedanken darum gemacht, wie sie ihre DDR-Vergangenheit in eine neue Verfassung, einen neuen Namen oder eine neue Hymne mit einbringen hätten können, der war entweder damals nicht dabei, hat nicht genau hingesehen oder will uns heute verarschen.
Meine Behauptung: Die repräsentativen Stimmen der Ostdeutschen sind jene, die man heute nicht als solche hört. Weil sie sich a) nicht vor allem als Ostdeutsche begreifen, b) keine Zeit zum Jammern haben, weil sie ihre Energie sinnvoller einsetzen und c) mehr an die Zukunft denken als an die Vergangenheit.
Verfasst von Rayson um 19:45 Uhr in der Kategorie Innenpolitik,Politik (Trackback)
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