Ökonomie zwischen Voodoo und Realismus

Die Welt kann so einfach sein, zumindest in den Aussagen vieler Spin Doctors dieser Tage.

Nehmen wir die Reaktionen auf die Wirtschafts- und Finanzkrise. Dass sie nicht eine Krise “der” freien Marktwirtschaft, sondern eine eines eher im Vergleich reichlich unfreien bestimmten Marktes ist, haben liberale Stimmen oft genug erläutert, wobei m.E. die Frage “Staat oder Privat” hier am Kern der Sache vorbeizielt, weil zwar die privaten Akteure auf den Märkten für ihr Handeln verantwortlich sind, aber der Staat gerade in diesem Markt, der mit seinem Monopolprodukt umgeht, dem Geld, für die Verfassung des Marktes mitverantwortlich ist und insbesondere in den USA wenig segensreich interveniert hat. Menschen reagieren auf Anreize, und die Marktverfassung hat bestimmte Anreize gesetzt.

Es gibt noch eine Taschenbuchausgabe dieser meist von links kommenden, an ihrem Triumpheswillen leicht zu erkennenden Kritik: Wenn sich z.B. ein Hans-Werner Sinn kritisch über die Finanzmärkte äußert, dann dauert es nie lange, bis in den Kommentarsektionen der dies publizierenden Online-Medien eine Kritik anhebt, die sich so zusammenfassen lässt: Sinn war immer für Deregulierung, und jetzt will er für mehr Regulierung sein? Er war doch der Apologet von immer mehr Markt überall, und er ist deswegen mitschuldig und unglaubwürdig. Es dürfte nicht allzu weit hergeholt sein, wenn man bei diesen Kritikern zweierlei voraussetzt: Sie haben nie ein Werk von Sinn gelesen (auch nicht jenes, in dem er sich vor Ausbruch der akuten Krise sehr kritisch mit den internationalen Finanzmärkten auseinandersetzte), und sie verwechseln ihre eigene Verzerrung der Position anderer mit deren wirklicher Meinung. Es mag vielleicht die Logik von Ideologen und Denkfaulen übersteigen, aber man kann für mehr Deregulierung auf dem einen und für mehr Regulierung auf dem anderen Markt sein. Das entsprechende Entweder-Oder gibt es nur an den ideologischen Rändern. Was per se ja nicht falsch sein muss: Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Privatisierung des Geldes à la Hayek solche Auswüchse verhindert hätte. Allerdings verbindet sich das mit meiner Abscheu, ganze Volkswirtschaften derart großflächigen Experimenten auszusetzen, ganz abgesehen von deren politischer Undurchsetzbarkeit. Dass ich recht habe, weiß ich, aber wenn ich politisch gestalten will, reicht das nicht ;-)

Aber die Ideologie macht keine Pause. Sie durchdringt auch die Debatten, wenn es um die Rezepte gegen die Krise geht. Grob gesagt stehen sich hier zwei Extreme gegenüber: Die einen wollen Riesen-Konjunkturpakete, egal wie hoch die Staatsverschuldung danach aussieht, weil sie eine Deflation fürchten, und sie wollen alle Banken verstaatlicht sehen. Die anderen verabscheuen Konjunkturpakete, weil sie private Investitionen verdrängen und Inflation auslösen, wollen den Markt sich selbst bereinigen lassen und schon gar keine Verstaatlichungen sehen: Wenn, dann sollen die Banken doch pleite gehen. Dazwischen gibt es alle möglichen Ausprägungen. So wird man die Politik der meisten Industriestaaten irgendwo in diesem Spannungsfeld wiederfinden, mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung lehnend.

Aber nichts Genaues weiß man nicht. Das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaften. Ob eine starke Fiskalpolitik tatsächlich wie von Keynes vorhergesagt einen Niedergang der Wirtschaft abfedern kann, ist alles andere als empirisch belegt. Die Erfahrungen, die Japan in seinen depressiven 90er Jahren gemacht hat, sind wenig mutmachend: Alles, was am Schluss dabei herauskam, war eine deutlich höhere Staatsverschuldung, die wiederum heute den Spielraum für weitere “Stimuli” deutlich reduziert. Und auch das legendäre Musterbeispiel, Roosevelts “New Deal” als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, hat mittlerweile mehr als nur Zacken in seiner Krone offenbart. Unter Historikern ist die Sache anscheinend abgehakt, aber die Hälfte aller Ökonomen in den USA glaubt, dass der “New Deal” die Krise damals nur verlängert und verschlimmert hat. Eine Debatte zu dem Thema findet sich hier. Eine andere vernichtende Kritik wird hier besprochen. An der Debatte Kling-DeLong wird auch deutlich, dass Kritik am “New Deal” (bzw. an Teilen davon) auch von eher keynesianischen Ökonomen geäußert wird, die ihr bevorzugtes Instrumenten-Set hier nur sehr unzureichend angewendet sehen.

Selbst wenn der “New Deal” eine eher zweifelhafte Referenz sein sollte, die Trumpfkarte der Wirtschaftsetatisten ist dann immer noch die Kriegswirtschaft. Die soll angeblich für den großen Aufschwung gesorgt haben. Ein Aufsatz von Robert Higgs räumt mit beiden Mythen auf un dkommt anhand der Analyse zahlreicher Daten zu dem Schluss:

Nicht durch die Kriegswirtschaft kam Amerika wieder auf die Beine, sondern erst danach – und nicht ein stärkeres Engagement des Staats hat den Neustart ermöglicht, sondern vielmehr sein Rückzug, weil die Eigentumsrechte sicherer wurden und die Privatwirtschaft wieder Luft zum Atmen bekam.

(Karen Horn in: FAS vom 15.06.2003, S. 30)

Was also ist das Fazit? Misstrauen Sie allen vorschnellen Urteilen. Gehen Sie davon aus, dass zwischen der Heftigkeit, mit der bestimmte Maßnahmen vertreten werden, und ihrer wirklichen wissenschaftlichen Fundierung im Zweifel ein umgekehrt proportionales Verhältnis besteht. In der aktuellen Situation tappen alle ein wenig im Dunkeln.

Es gibt allerdings ein Argument für das Eingreifen des Staates: Es wird als unabdingbar angesehen, dass die Regierungen “etwas tun”. Gerade in staatshörigen Nationen wie der unseren wäre das Gegenteil ein Grund für Verzweiflung: Wenn schon die Regierung nichts mehr tun kann, wer dann? So haben das Verschwenden von Steuergeldern, das Crowding Out privater Investitionen und die zu erwartende Inflation doch noch ein Gutes: Panik wird verhindert.

Dieses Argument ist allerdings kein ehernes. Eine Gesellschaft staatskritischer Individuen würde anders reagieren und wahrscheinlich letztlich damit besser fahren. Aber, siehe oben: Hier ist Rhodos, und es ist bevölkert von Staatsgläubigen.

Update: Diesen Beitrag auf “Wirtschaftliche Freiheit” habe ich eben erst gelesen, und ich lege wert darauf, dass ich zu Robert Higgs unabhängig davon etwas schreiben wollte ;-)

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38 Kommentare zu “Ökonomie zwischen Voodoo und Realismus”

  1. 17.04.2009 | 11:54

    Liest sich ein wenig wie eine Reformulierung des Leib-Seele-Problems …

  2. Parker8
    17.04.2009 | 20:34

    Gerade in staatshörigen Nationen wie der unseren [...]

    Nirgendwo macht man sich wegen der Verstaatlichung einer Katastrophenbank dermaßen ins Hemd wie in Deutschland, das sich hier als Musterland des Liberalismus zeigt.

  3. Felix
    17.04.2009 | 22:15

    Nirgendwo macht man sich wegen der Verstaatlichung einer Katastrophenbank dermaßen ins Hemd wie in Deutschland, das sich hier als Musterland des Liberalismus zeigt.

    Ich glaube, dass das eher dazu gut sein sollte das übertrieben günstige Angebot an die Alt-Aktionäre dieser Pleitebank zu rechtfertigen. Liberalismus würde bedeuten, dass die Aktionäre nichts herausbekommen. m.E. Klientelpolitk.

  4. 18.04.2009 | 14:13

    Liberalismus würde bedeuten, dass man die Bank pleite gehen lässt. Ansonsten Zustimmung zu Felix.

  5. Markus
    19.04.2009 | 0:52

    Und Verantwortungs- und Problembewußtsein würde bedeuten, die Banken zu verstaatlichen, wie etwa in Schweden in den 1990er Jahren geschehen.

    Ansonsten kann man ja nur froh sein, im “wirtschaftsliberalen D” zu leben und nicht in den “staatshörigen USA”. Die Amis haben schließlich schon Pleitebanken verstaatlicht und den ganzen Schlamassel mit Finanzcrash und Wirtschaftskrise überhaupt in die Welt gesetzt. ;-)

  6. Dirk
    19.04.2009 | 11:24

    Die Amis haben schließlich schon Pleitebanken verstaatlicht

    weil die größten Pleitebanken in D schon seit jeher Staatsbanken sind. Keine Ahnung wer da wem etwas voraus hat.

  7. Markus
    20.04.2009 | 12:17

    @ Dirk

    Fragt sich nur, warum sich dieses Gerücht so hartnäckig hält.

    Hier eine Antwort darauf:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=3510
    NachDenkSeiten – Die kritische Website » Die Landesbanken sind die schlimmsten

  8. 20.04.2009 | 12:52

    Das ist überhaupt keine Antwort. Zum ersten bezieht er sich nur auf die WestLB. Und zum anderen: »Es hat ein (unmoralisches) Angebot gegeben« war noch nie eine fundierte Begründung für einen Fehler und entschuldigt auch keinen Fehler. Der wortreiche Erklärungsversuch des »Nachdenkseiten«-Autors geht weit am Thema vorbei.

    Nirgends in Deutschland war eine Landesbank gezwungen, ausländischen oder einheimischen Banken zweifelhafte Anlagen abzukaufen. Die Landesbanken und ihre Tochterfirmen haben alle Regeln des vernünftigen Wirtschaftens mit Steuergeldern unterlaufen. Sie haben sich auf Risiken und Verträge eingelassen, die sie nicht verstehen wollten oder verstehen konnten. Die Politiker und Träger der Landesbanken haben großen Schaden verursacht, den der Steuerzahler nun zu tragen hat.

  9. Dirk
    20.04.2009 | 13:21

    Achso, man hat von der WestLB gefordert sich wie eine “normale Geschäftsbank aufzustellen” und sie dadurch regelgerecht ins internationale Investment und Spekulationsgeschäft “gedrängt”. Na das ist ja eine Lupenreine Kausalkette.

  10. 20.04.2009 | 14:12

    Für Markus und die »Nachdenkseiten« schon;-)

  11. Dirk
    20.04.2009 | 15:15

    Das hiesse im Umkehrschluss aber auch, dass die Österreicher recht haben: Die privaten Banken wurden durch die Niedrigzinspolitik der FED zu riskanten Spekulationen gezwungen.

  12. Parker8
    20.04.2009 | 23:39

    Sie haben sich auf Risiken und Verträge eingelassen, die sie nicht verstehen wollten oder verstehen konnten. Die Politiker und Träger der Landesbanken haben großen Schaden verursacht, den der Steuerzahler nun zu tragen hat.

    Naja, das Inkompetenz- und das Moral Hazard-Argument in Bezug auf die Landesbanken war letztes Jahr noch gut. Heuer nicht mehr.

  13. 21.04.2009 | 0:01

    Dieses Argument wird ja nicht dadurch entwertet, dass es »moral hazard« auch anderswo gegeben hat. Übrigens: noch kann keiner endgültig sagen, welche Nachfrage nach riskanten Wertpapieren allein durch staatliche Banken, durch Kommunen oder auch öffentlich-rechtliche Fernsehsender entstanden ist. Aber es scheint doch klar, dass auch dadurch die Blase gewachsen ist.

  14. Markus
    22.04.2009 | 0:03

    @ Dirk

    Woher mag das viele “Spielgeld” für die ausufernde Spekulation wohl noch gekommen sein?

    Wo wollen Spitzenverdiener mit ihren überschüssigen Geldern auch anders hin, als sie ins “Finanz-Casino” zu tragen? Die jahrelange Umverteilungspolitik nach oben hat`s möglich gemacht.

    Und wenn wir noch die Exportüberschußländer hinzunehmen, können wir erahnen, woher der “Geldsegen” kam.

  15. 22.04.2009 | 13:08

    Woher mag das viele “Spielgeld” für die ausufernde Spekulation wohl noch gekommen sein?

    Kredite, lieber Markus, Kredite. Wäre es nicht so, wären jetzt keine Banken in Schwierigkeiten. Statt in deine obskuren Websites solltest du lieber auf die Ausweitung der Geldmenge in den letzten Jahren schauen.

  16. Markus
    22.04.2009 | 23:25

    @ Rayson

    Warum überhaupt so viel Spekulation und nicht mehr Investition? Warum triumphiert die “Irrealwirtschaft” über die Realwirtschaft?

  17. 22.04.2009 | 23:47

    @Markus

    Moral hazard.

  18. 23.04.2009 | 1:18

    Billiges Geld. Wenn man in die Realwirtschaft investiert, wird man erstens als “Heuschrecke” bekämpft, und zweitens muß man unter Umständen Jahre warten, bis man einen schönen Gewinn hat.
    Kann man dagegen mit Hilfe billiger Großkredite durch Massenkäufe Marktkurse beeinflussen, läßt sich sehr schnell ein hoher Gewinn machen.
    Abgesehen davon gibt es meines Erachtens auch ein Bildungsproblem. Viele forsche Trendhopser mit gegelten Haaren und wenig Lebenserfahrung wollen und sollen viel Geld für ihre Arbeitgeber verdienen, haben aber gar keine Ahnung von der Realwirtschaft. Denen kann man Aktien für Firmen verkaufen, die gar keine verkäuflichen Produkte haben. Siehe Dot.com-Blase. Siehe Cargo-Lifter. Siehe Immobilienblase. Die wirklich großen privaten US-Baufinanzierer haben fein drauf geachtet, ihre Hypotheken ganz fix abzuverkaufen. Und als das schwieriger wurde, ahben sie schnell das Geld aus der Firma genommen und den Laden dicht gemacht.
    Die wußten, wovon sie leben. Von Leuten, die zu unerfahren, zu eingebildet und zu oberflächlich waren, mal nachzuschauen, auf welcher realwirtschaftlichen Grundlage der versprochene Gewinn denn wachsen sollte. Junge, unerfahrene Großkotze, “Topperformer”, selbsternannte Elite.
    Und natürlich auch deutsche Beamte.

  19. Markus
    23.04.2009 | 23:26

    @ Rayson

    Ohne Worte.

    @ califax

    Haben wir es vielleicht nicht nur mit einer Finanz- und Wirtschaftskrise zu tun, sondern auch mit einer Kulturkrise, wie Gesine Schwan meint?

    http://www.gesine-schwan.de/
    Gesine Schwan 2009 ~ Website von Gesine Schwan, Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin 2009

    Und diese These lautet:

    Die realwirtschaftliche Stagnation führt zu einer Spekulationsökonomie in einer neofeudalistischen Gesellschaft.

  20. 23.04.2009 | 23:47

    @Markus

    Hast du es nicht verstanden? Muss ich erläutern?

    Und diese These lautet

    Also die Schwan hat in ihrer Rede ja so manchen Unsinn verzapft, den aber bestimmt nicht.

  21. 24.04.2009 | 10:22

    Nuja, zunächst einmal hatten wir keine realwirtschaftliche Stagnation.
    Zweitens gibt es keine nicht-spekulative Ökonomie. Jeder Bauer ist ein Spekulant vor dem Herrn. Jeder Handwerker, der nicht erst auf Auftrag, sondern auf Regal produziert, ist ein Spekulant. Jeder Mensch, der das Haus verläßt, um auf Arbeit zu gehen, riskiert damit sein Leben und das anderer.
    Dieses “Spekulationsökonomie” ist ein wunderschönes Beispiel für Bullshit.
    Und der Neofeudalismus? Wie soll der definiert sein? Der Begriff taugt hervorragend als Bezeichnung für die realen Machtverhältnisse im Kommunismus (siehe Nordkorea für ein Beispiel, bei dem sogar dynastische Herrschaftsfolge probiert wird).
    Und sonst? Wo könnte man ihn anbringen? Feudalismus zeichnet sich ja dadurch aus, daß alle drei staatlichen Machtsäulen in einer ideologisch geheiligten Personalunion vereint sind, die Gesellschaft in Stände unterteilt wird, und das Staatsverständnis ein familiär-dynastisches ist.
    Die Existenz von Dynastien alleine reicht nicht aus, denn dann wäre jede beliebige Gesellschaftsordnung neofeudal, der Begriff somit Bullshit.

    Also ist das Satz mit drei Nominalphrasen: Die erste ist ein Irrealis, die Zweite ist Bullshit und die Dritte wohl Caesar ex machina? Nichts als heiße Luft ohne Sinn und Inhalt…

  22. Dirk
    24.04.2009 | 11:58

    Bei der Gelegenheit werf ich mal Henlein’s Razor ein: “Rede nicht von Verschwörung, wenn Dummheit ausreichend ist.” Ich denke Califax erster Kommentar trifft es ganz gut. Dazu kommt, dass Finanzanlagen langfristiger Natur sind und man erst im Nachhinein ein Feedback über den Wert der Investition erhält. In der Zwischenzeit gibt es nichts, das die GroKos auf dem Boden hält.

    Da man schon in der Faz Börsenesoterik betreibt und über “Elliott Wellen” und “Fibonacci Widerstände” philosophiert, kann man wohl leider nicht viel Verstand erwarten. (Sorry, dass ich den Artikel ein zweites mal verlinke, aber er macht mich fassungslos)

  23. 24.04.2009 | 12:18

    Wenn die “technische Analyse” eine sich selbst erfüllende Prophezeihung ist, sollte man sich an der Börse mit ihr wohl beschäftigen müssen.

  24. Dirk
    24.04.2009 | 13:21

    @Rayson

    Klar, darf ein Psychologie sich mit Defiziten beschäftigen. Das heisst aber nicht, dass es begrüßenswert wäre, selber irre zu sein.

  25. 24.04.2009 | 13:26

    Mit “beschäftigen” meine ich schon auch “praktizieren”. Wenn ich als Marktteilnehmer weiß, dass die anderen Marktteilnehmer ihre Aktionen nach dem Sonnenstand ausrichten, werde ich das tunlichst auch tun, wenn ich nicht unvorbereitet auf dem falschen Fuß erwischt werden will. Dazu muss ich nicht glauben, dass der Sonnenstand der beste Indikator dafür ist, wie man auf diesem Markt zu agieren hat, sondern nur wissen, dass alle so tun, als wäre er es.

  26. Dirk
    24.04.2009 | 14:11

    @Rayson

    Damit hast zwar recht; wer ein Schneeballsystem durchschaut kann durchaus mit ihm und in ihm profitieren. Das widerspricht aber nicht der Kritik am Schneeballsystem. Es ist so, als würde die FAZ aus einem fadenscheinigen Anlass Kettenbreide hochjubeln.

  27. Dirk
    24.04.2009 | 14:11

    Kettenbriefe, sollte es heissen. (Die Tastatur von meinem neuen Netbook ist gewöhnungsbedürftig klein)

  28. Markus
    24.04.2009 | 23:20

    @ Rayson

    Gut aufgepaßt! So etwas Kritisches würde Gesine Schwan nicht sagen. Bei ihr scheint es eher auf ein “Wir haben uns alle lieb” hinauszulaufen.

    @ califax

    Nein, in neofeudalistischen Verhältnissen leben wir noch nicht. Nur der “Geldadel” in der Finanzindustrie und sein “Gesinde” im Prekariat und Niedriglohnbereich sind schon da. Und das mit der “heiligen Familie” kriegen wir auch noch hin. Irgendwie muß man den Leuten ja die Abschaffung des Sozialstaats beibringen.

    Bleibt also die Frage noch zu klären, wie es zum “Triumph” der Finanzwirtschaft über die Realökonomie kommen konnte.

  29. 24.04.2009 | 23:56

    @Markus: Welcher Triumph denn?
    Und wer bitte schafft denn den Sozialstaat ab?
    Tatsächlich wird er doch immer weiter ausgeweitet. Immer neue Subventionen, immer neue staatliche Zusatzleistungen. Jetzt will man sogar die private Krankenversicherung zerschlagen und alle in das staatliche System bringen.
    Wo wird da der Sozialstaat abgeschafft?
    Etwa weil ein arbeitsloser Abteilungsleiter jetzt nur noch genauso viel Stütze bekommt, wie ein arbeitsloser Briefträger?
    Ist das etwa ungerecht? Insbesondere, da die langzeitarbeitslosen Sozialhilfeempfänger jetzt mehr kriegen als vorher?

    Aber vor allem, und dem sind Sie ausgewichen, weil Sie wohl diesen Bullshit so lieben: Wie sollen denn die Finanzdynastien an die Personalunion aller staatlichen Gewalten kommen? Die wird von links und rechts angestrebt, sicher. Ist das auch Ihr Traum? Glauben Sie, daß alle so träumen wie Sie?

  30. Markus
    26.04.2009 | 0:07

    @ califax

    Von der Sozialen Marktwirtschaft, wie wir sie bis vor einigen Jahren in der Bundesrepublik kannten, können die Menschen heute nur noch träumen. Oder war die Polarisierung der Gesellschaft in Arm und Reich, in Gewinn(l)er und Verlierer früher etwa so ausgeprägt wie heute? Die neoliberalen Arbeitsmarkt- und Sozialreformen zu verniedlichen, paßt allerdings in dieses Denkschema hinein.

    Wer will schon bestreiten, daß die Politik heutzutage von der Wirtschaft abhängig ist? Die staatlichen Hilfen im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise gelangen doch nicht etwa an die Bevölkerung, sondern werden zum Großteil in Richtung Finanzindustrie geschleust. Mit einer vermeintlichen Ausweitung des Sozialstaats hat das jedoch nichts zu tun.

  31. 26.04.2009 | 3:45

    1.) Meinen Sie die Schuldenwirtschaft von Kohl? Oder die von Schmidt? Wo kommen denn eigentlich unsere heutigen Schulden her?
    2.) Verniedlichung? Ein Hartz-IV-Empfänger hat heute einen höheren Lebensstandard als ein Facharbeiter in den 80ern. Klar, ein entlassener Spitzenverdiener kriegt als Stützeempfänger nur genausoviel wie der ungelernte Dauerarbeitslose. Das mögen die ganzen Abteilungsleiter natürlich nicht. Fair ist es trotzdem. Unfair an der Sache sind nur die Schikanen,die sich die Ämter mit ihrem Prüfungsauftrag gerne einfallen lassen. Das Bürgergeld könnte hier Abhilfe schaffen.
    3.) Politik war schon immer von Wirtschaft abhängig. Sie hängen da einem Wirtschaftsbegriff an, der idiotisch ist. Immer wenn Menschen miteinander reden, sich helfen oder irgendetwas verabreden, ist das Wirtschaft. Wirtschaft ist genauso Strümpfestopfen wie Fabriken leiten. Und natürlich brauchen die Leute was in den Bauch. Und am besten noch ein schönes Heim dazu und vielleicht noch Unterhaltung auswärts. Das ist Wirtschaft. Und natürlich muß das Geld, daß ei Politiker ausgibt, auch von irgendwem mit Arbeit gedeckt werden. Das ist Wirtschaft.
    Wenn Sie morgen mit Ihrer Frau verabreden, wer auf die Kinder aufpaßt: Das ist Wirtschaft.
    Soviel zu dem propagandistischen Bullshit, der Ihnen den Verstand zu vernebeln scheint.
    4.) Was ich zur Ausweitung des Sozialstaates geschrieben habe, hat so wenig, nämlich offensichtlich gar nichts, mit der Maßnahmen im Rahmen der Finanzkrise zu tun, daß ich Ihnen nur empfehlen kann, das nächste mal die Texte erst einmal zu lesen, auf die Sie antworten wollen.
    Dann blamieren Sie sich etwas weniger.

  32. 26.04.2009 | 13:37

    @Markus

    Ich wette, du verfügst über einen Phrasengenerator, der dir die Texte für deine Kommentare liefert.

  33. Markus
    26.04.2009 | 22:50

    @ califax

    “Unsere” heutigen Schulden stammen auch von der mißglückt gemanagten deutschen Einheit her, die wegen politisch gewollter Reichtumspflege über die zusätzlich belastete Sozialversicherung abgewickelt wurde, anstatt die Steuern für Spitzenverdiener zu erhöhen. Auch aktuell in der Wirtschaftskrise denkt “unsere” Regierung nicht daran, Reiche mehr zu belasten, wie etwa in GB und Irland.

    Nicht nur die Schikanen der Ämter sind skandalös, auch die massenhafte Entwertung von qualizifierten Berufsabschlüssen im Hartz IV-Keller ist unverantwortlich.

    Ach, wird denn nicht auch bei angeblich Liberalen zugegeben, daß der Wirtschaftslobbyismus heute großen Einfluß auf die Politik nimmt?

    Kurz: Sozial ist, was Arbeit schafft – denn Arbeit macht frei. Oder wie war das doch noch?

  34. 26.04.2009 | 23:07

    Sag mal, Markus: kennst Du bei Deinem Mantra »Erhöhen der Steuern für Spitzenverdiener« eigentlich irgendeine Grenze? Und wenn ja, könntest Du dann bitte mal ungefähr abschätzen, welchen Geldbetrag man damit im Jahr zusätzlich einnehmen würde — immer vorausgesetzt, dass die »Spitzenverdiener« gleichbleibende Leistung bringen und im Lande bleiben? Ich frag’ ja nur. Es könnte nämlich sein, dass Du mit dem eingenommenen Betrag gar nicht so viel anstellen kannst.

  35. 26.04.2009 | 23:11

    PS: Könnte es möglicherweise sein, dass »die massenhafte Entwertung von qualizifierten Berufsabschlüssen« gar nicht in den Hartz-IV-Amtsstuben, sondern auf dem Markt geschieht? Es gibt zweifellos qualifizierte Abschlüsse, mit denen man nichts verdient. Aber was hat das mit den Hartz-Gesetzen zu tun?

    Es gibt übrigens Menschen, die ohne einen tollen Abschluss gutes Geld verdienen — hat das Deiner Meinung nach auch etwas mit Hartz-IV zu tun?

  36. 26.04.2009 | 23:35

    @stefanolix

    Ich nehme nicht an, dass man mit Phrasengeneratoren sinnvoll diskutieren kann. Aber vielleicht willst du ja den Vorrat des Generators erschöpfen.

  37. 27.04.2009 | 2:20

    Markus: Der Schuldenberg ist nicht in den frühen 90ern sondern in den 70ern entstanden und seit dem stetig gewachsen, weil es seit dem nie gelungen ist, ernstzunehmende Sparmaßnahmen und Haushaltssanierungen durchzusetzen.
    Daß nach der Einheit ein ordentlicher Batzen draufkam, hat nichts mit “den Reichen” zu tun sondern mit “den Ossis”.
    Ich weiß, wie unsere Straßen und Schienen und Brücken aussahen. Ich weiß, wie unsere Städte aussahen. Ich weiß, wie die Kommunikationsinfrastruktur bei uns aussah. Ich weiß, wie das alles heute aussieht.
    Ich weiß, wo das Geld in den 90ern hinging.
    Um das zu sehen, muß man aber in den Osten fahren. Und man muß die Ruinenlandschaft vorher gesehen haben.
    Ein bißchen kann man es heute noch nachempfinden, wenn man beispielsweise mal bei Bad Elster in die Tschechei ‘rüberfährt. In Asch und auf der Landstraße nach Karlsbad sieht man zum Teil noch, wie es auch in der DDR aussah. Und dann weiß man auch, wo das Geld geblieben ist.

    Und zu den Berufsabschlüssen? Was soll denn diesr Unsinn? Können Sie das bitte näher ausführen und einen halbwegs sinnvollen Satz draus machen? Die Höhe des Arbeitslosengeldes hat nun wirklich nichts mit dem Wert einer bestandenen Klausur zu tun.
    Es sei denn eben, sie wollen ums Verrecken, daß ein fauler oder unfähiger Manager genausoviel staaliche Unterstützung bekommt wie ein 50jähriger Bergarbeiter, dessen Mine geschlossen wurde.

    Lassen Sie mich raten: Das ist in Wirklichkeit Ihr Motiv! Sie kriegen fürs Nichtstun nur genausoviel wie andere Nichtstuer! Und da klappt das mit dem Standesdünkel nicht mehr! Na? Hab ich recht? :)

  38. Markus
    28.04.2009 | 1:07

    @ stefanolix

    Nach all den Jahren der Umverteilung nach oben wäre es doch mal wieder an der Zeit, die entstandene wirtschaftliche und soziale Schieflage zu begradigen. Und wenn die “Leistungsträger” dann das Land in Scharen verlassen, können sie ja woanders um “wirtschaftliches Asyl” bitten. Wer will aber deutsche Top-Manager haben?

    Hartz IV – “Fördern und Fordern” – geht doch am eigentlichen Problem vorbei (abgesehen davon, daß nur gefordert, aber nicht gefördert wird):

    Wo adäquate Arbeitsplätze fehlen, sollte man die Betroffenen nicht auch noch mit Existenzvernichtung bedrohen.

    Da haben wohl der Markt und die Politik versagt.

    @ califax

    Daß der Osten Gelder aus dem Westen brauchte, ist doch in Ordnung. Auf das Wie der Finanzierung kommt es aber an.

    Trotzdem sind selbst heute die öffentlichen Schulden in D im internationalen Vergleich noch nicht übermäßig hoch. Was uns die gegenwärtige Krise da noch bringen wird, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich werden die zusätzlich gemachten Schulden später via Steuererhöhungen wieder einmal auf die Bevölkerung abgewälzt werden. Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit war einmal.

    Was die Siebziger anbetrifft, muß man die massive Propaganda der Neoliberalen beachten, die dieser Reformzeit ein schlechtes Images verpaßt haben. Gleichwohl hat man damals auch Fehler gemacht. Man hätte den Staatsanteil dauerhaft erhöhen sollen, um den Schuldenstand nicht unnötig anwachsen zu lassen.

    “Faule Manager” – Immerhin eine interessante Erkenntnis! Aber diejenigen, die ein Leben lang in die Sozialkassen eingezahlt haben, dann aufs Existenzminimum herunterzudrücken, ist ungerecht.

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