16. April 2009
Ökonomie zwischen Voodoo und Realismus
Die Welt kann so einfach sein, zumindest in den Aussagen vieler Spin Doctors dieser Tage.
Nehmen wir die Reaktionen auf die Wirtschafts- und Finanzkrise. Dass sie nicht eine Krise “der” freien Marktwirtschaft, sondern eine eines eher im Vergleich reichlich unfreien bestimmten Marktes ist, haben liberale Stimmen oft genug erläutert, wobei m.E. die Frage “Staat oder Privat” hier am Kern der Sache vorbeizielt, weil zwar die privaten Akteure auf den Märkten für ihr Handeln verantwortlich sind, aber der Staat gerade in diesem Markt, der mit seinem Monopolprodukt umgeht, dem Geld, für die Verfassung des Marktes mitverantwortlich ist und insbesondere in den USA wenig segensreich interveniert hat. Menschen reagieren auf Anreize, und die Marktverfassung hat bestimmte Anreize gesetzt.
Es gibt noch eine Taschenbuchausgabe dieser meist von links kommenden, an ihrem Triumpheswillen leicht zu erkennenden Kritik: Wenn sich z.B. ein Hans-Werner Sinn kritisch über die Finanzmärkte äußert, dann dauert es nie lange, bis in den Kommentarsektionen der dies publizierenden Online-Medien eine Kritik anhebt, die sich so zusammenfassen lässt: Sinn war immer für Deregulierung, und jetzt will er für mehr Regulierung sein? Er war doch der Apologet von immer mehr Markt überall, und er ist deswegen mitschuldig und unglaubwürdig. Es dürfte nicht allzu weit hergeholt sein, wenn man bei diesen Kritikern zweierlei voraussetzt: Sie haben nie ein Werk von Sinn gelesen (auch nicht jenes, in dem er sich vor Ausbruch der akuten Krise sehr kritisch mit den internationalen Finanzmärkten auseinandersetzte), und sie verwechseln ihre eigene Verzerrung der Position anderer mit deren wirklicher Meinung. Es mag vielleicht die Logik von Ideologen und Denkfaulen übersteigen, aber man kann für mehr Deregulierung auf dem einen und für mehr Regulierung auf dem anderen Markt sein. Das entsprechende Entweder-Oder gibt es nur an den ideologischen Rändern. Was per se ja nicht falsch sein muss: Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Privatisierung des Geldes à la Hayek solche Auswüchse verhindert hätte. Allerdings verbindet sich das mit meiner Abscheu, ganze Volkswirtschaften derart großflächigen Experimenten auszusetzen, ganz abgesehen von deren politischer Undurchsetzbarkeit. Dass ich recht habe, weiß ich, aber wenn ich politisch gestalten will, reicht das nicht
Aber die Ideologie macht keine Pause. Sie durchdringt auch die Debatten, wenn es um die Rezepte gegen die Krise geht. Grob gesagt stehen sich hier zwei Extreme gegenüber: Die einen wollen Riesen-Konjunkturpakete, egal wie hoch die Staatsverschuldung danach aussieht, weil sie eine Deflation fürchten, und sie wollen alle Banken verstaatlicht sehen. Die anderen verabscheuen Konjunkturpakete, weil sie private Investitionen verdrängen und Inflation auslösen, wollen den Markt sich selbst bereinigen lassen und schon gar keine Verstaatlichungen sehen: Wenn, dann sollen die Banken doch pleite gehen. Dazwischen gibt es alle möglichen Ausprägungen. So wird man die Politik der meisten Industriestaaten irgendwo in diesem Spannungsfeld wiederfinden, mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung lehnend.
Aber nichts Genaues weiß man nicht. Das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaften. Ob eine starke Fiskalpolitik tatsächlich wie von Keynes vorhergesagt einen Niedergang der Wirtschaft abfedern kann, ist alles andere als empirisch belegt. Die Erfahrungen, die Japan in seinen depressiven 90er Jahren gemacht hat, sind wenig mutmachend: Alles, was am Schluss dabei herauskam, war eine deutlich höhere Staatsverschuldung, die wiederum heute den Spielraum für weitere “Stimuli” deutlich reduziert. Und auch das legendäre Musterbeispiel, Roosevelts “New Deal” als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, hat mittlerweile mehr als nur Zacken in seiner Krone offenbart. Unter Historikern ist die Sache anscheinend abgehakt, aber die Hälfte aller Ökonomen in den USA glaubt, dass der “New Deal” die Krise damals nur verlängert und verschlimmert hat. Eine Debatte zu dem Thema findet sich hier. Eine andere vernichtende Kritik wird hier besprochen. An der Debatte Kling-DeLong wird auch deutlich, dass Kritik am “New Deal” (bzw. an Teilen davon) auch von eher keynesianischen Ökonomen geäußert wird, die ihr bevorzugtes Instrumenten-Set hier nur sehr unzureichend angewendet sehen.
Selbst wenn der “New Deal” eine eher zweifelhafte Referenz sein sollte, die Trumpfkarte der Wirtschaftsetatisten ist dann immer noch die Kriegswirtschaft. Die soll angeblich für den großen Aufschwung gesorgt haben. Ein Aufsatz von Robert Higgs räumt mit beiden Mythen auf un dkommt anhand der Analyse zahlreicher Daten zu dem Schluss:
Nicht durch die Kriegswirtschaft kam Amerika wieder auf die Beine, sondern erst danach – und nicht ein stärkeres Engagement des Staats hat den Neustart ermöglicht, sondern vielmehr sein Rückzug, weil die Eigentumsrechte sicherer wurden und die Privatwirtschaft wieder Luft zum Atmen bekam.
(Karen Horn in: FAS vom 15.06.2003, S. 30)
Was also ist das Fazit? Misstrauen Sie allen vorschnellen Urteilen. Gehen Sie davon aus, dass zwischen der Heftigkeit, mit der bestimmte Maßnahmen vertreten werden, und ihrer wirklichen wissenschaftlichen Fundierung im Zweifel ein umgekehrt proportionales Verhältnis besteht. In der aktuellen Situation tappen alle ein wenig im Dunkeln.
Es gibt allerdings ein Argument für das Eingreifen des Staates: Es wird als unabdingbar angesehen, dass die Regierungen “etwas tun”. Gerade in staatshörigen Nationen wie der unseren wäre das Gegenteil ein Grund für Verzweiflung: Wenn schon die Regierung nichts mehr tun kann, wer dann? So haben das Verschwenden von Steuergeldern, das Crowding Out privater Investitionen und die zu erwartende Inflation doch noch ein Gutes: Panik wird verhindert.
Dieses Argument ist allerdings kein ehernes. Eine Gesellschaft staatskritischer Individuen würde anders reagieren und wahrscheinlich letztlich damit besser fahren. Aber, siehe oben: Hier ist Rhodos, und es ist bevölkert von Staatsgläubigen.
Update: Diesen Beitrag auf “Wirtschaftliche Freiheit” habe ich eben erst gelesen, und ich lege wert darauf, dass ich zu Robert Higgs unabhängig davon etwas schreiben wollte
Verfasst von Rayson um 19:08 Uhr in der Kategorie Politik,Wirtschaftspolitik (Trackback)
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